Lutz Hundelshausen – ein Christdemokrat der ersten Stunde

Es war eine besondere Verabredung für mich. Ich wollte mich mit einem CDU-Mitglied der ersten Stunde treffen. Er ist seit 1946 Mitglied der Partei und wohnt in meiner Heimatstadt Gelnhausen.
1926 ist Lutz Hundelshausen in Oberschlesien geboren worden. Mitten in der Zeit der Weimarer Republik und nicht in den schlechtesten Jahren der ersten deutschen Demokratie. Das Schicksal von Flucht und Vertreibung bleibt ihm und seiner Familie erspart – wer weiß, ob er es überlebt hätte –, denn bereits vor dem Krieg findet der Vater eine Stelle in Gelnhausen, und die Familie zieht von Oberschlesien in das beschauliche hessische Städtchen um. Auch hier geben in den dreißiger Jahren die Nazis den Ton an. Der Vater schafft für die Familie mit Fleiß ein Eigenheim. Der junge Lutz Hundelshausen muss bei Kriegsende noch als Luftwaffenhelfer in Kassel dienen, gerät im Harz in Kriegsgefangenschaft, aber darf schon im Sommer 1945 zurück nach Gelnhausen. Im benachbarten Büdingen macht er Abitur. Er wird Lehrer, u.a. für katholische Religion an der Gelnhäuser Kreisrealschule. Noch heute lebt er in der Barbarossastadt, nimmt Anteil am Zeitgeschehen, der Entwicklung seiner Kinder und Enkel und pflegt seine Ehefrau.
Er ist trotz dieses für seine Generation nahezu typischen Lebenslaufs ein besonderer Mensch. Ein Demokrat der ersten Stunde. Einer der ersten Christdemokraten – und das bereits drei Jahre bevor die Bundesrepublik überhaupt gegründet wird. Denn an vielen Orten in den vier Besatzungszonen gründen sich schon kurz nach Kriegsende Parteien, die sich dem C verpflichtet fühlen. Viele wählen als Namen bereits die Abkürzung CDU. Einer von diesen tritt Lutz Hundelshausen schon 1946 bei. Christlichen Werten fühlen sie sich verpflichtet, Demokraten sind sie, und in einer Union wollen sie Grenzen von Klassen, Schichten und Konfessionen überwinden. Alle vereinen Protestanten und Katholiken. Das ist die Lehre aus dem Nationalsozialismus: Man will das Gemeinsame betonen und nicht auf das Trennende schauen. Erst 1950 wird aus all diesen Gründungen in Goslar eine gemeinsame bundesweit agierende CDU. In der östlichen Besatzungszone ist unter der Knute der Kommunisten die CDU dort längst unterwandert, viele Christdemokraten aus der SBZ geflohen, inhaftiert oder sogar ermordet.
Lutz Hundelshausen ist gerade 20 Jahre alt. Er ist nicht völlig desillusioniert von der Politik – wie die meisten seiner Generation. Vielleicht hat ihm dabei auch sein christlicher Glaube geholfen. Er ist schnell dabei, als ihn die älteren Männer in Gelnhausen – auch in der Kirchengemeinde – fragen, ob er mithelfen will, eine neue Partei mit aufzubauen, die auf christlichen Werten gründet. Er engagiert sich ebenfalls in der Jungen Union. Er sagt ja. Er ist voller Tatendrang und vor allem voller Zuversicht.
So begleitet er den ersten Landrat im Landkreis Gelnhausen nach dem Krieg, Heinrich Kreß, und beteiligt sich an den ersten Wahlkämpfen, die noch ohne Social Media, moderne Werbemittel und die neumodischen Plakate aus Plastik auskommen. Mit einem Bus geht es übers Land. Überall werden die Plakate aufgehängt.
Er erlebt, dass es durchaus gefährlich werden konnte, Plakate der CDU in den roten Arbeiterdörfern der Gegend aufzuhängen und und dabei auf Mitglieder der SPD oder der KPD zu treffen. „Man musste schnell genug weglaufen können“, beschreibt er das damals Erlebte heute.
Als 1946 auf Schloss Vollrads die Junge Union in Hessen gegründet wird, ist er dabei. Er erinnert sich an die Erbensuppe und die Unterbringung in Privatwohnungen von „CDU-Leuten“.
Bis heute verfolgt er das politische Geschehen engagiert, liest die Tageszeitungen und informiert sich. Sorgen bereitet ihm der Glaubensrückgang in der Gesellschaft und die damit einhergehenden Folgen – materialistische Denkweise, fehlende Bereitschaft, sich ehrenamtlich in der Gesellschaft einzubringen. Er ist nicht nur katholisch, sondern auch Mitglied der Malteser und beim DRK. Die Werte, für die seine Kirche, die Vereine, in denen er Mitglied ist, und die CDU stehen, sind ihm wichtig. Er fasst seine Sicht kurz in einem Satz zusammen: „Wer nichts glaubt, glaubt alles.“
Angela Merkel als Bundeskanzlerin unterstützt er. Das ist „schon meine Frau“ an der Spitze des Landes, beschreibt er seinen Blick auf die Arbeit Merkels. Die Aussage des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Albig, gegen Merkel solle die SPD auf einen eigenen Kanzlerkandidaten verzichten, kommentiert er kurz und knapp: „Albig sieht das Wesentliche.“ So spricht ein überzeugter Christdemokrat. Und aus seinem Mund klingt der Satz nicht frech, sondern nüchtern, erfahren.
Lutz Hundelshausen hat die Geschichte unserer Republik bewusst erlebt. Und inzwischen – nicht nur durch die Deutsche Einheit – hat sich unser Land immer wieder verändert. Auch die CDU als Volkspartei hat diese Veränderungen nicht nur gestaltet, sondern selbst nachvollzogen. Das ist sicher auch ein Grund für ihren Erfolg. Nicht selbstverständlich ist es aber, dass Menschen wie Lutz Hundelshausen diese Veränderungen „mitgehen“, dass sie ihrer Partei dabei trotz allen Wandels treu bleiben.
Als ich mich von ihm verabschiede, kann ich nicht anders, als mich beeindruckt zu zeigen. Was für ein Leben, was für ein Christdemokrat. Auf Männer wie ihn sind wir als CDU stolz. Sie sind Motivation und Verpflichtung zugleich.

Lutz Hundelshausen

Spannende Diskussion zum Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik

2016-01-19 Asyl1Das Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik bewegt die Menschen – auch im Main-Kinzig-Kreis. Gemeinsam mit meiner Bundestagskollegin Dr. Katja Leikert hatte ich die heimischen CDU-Mitglieder zu einer Informationsveranstaltung nach Gründau eingeladen; rund 140 Zuhörer kamen, um mit uns ins Gespräch zu kommen. Es wurde diskutiert – durchaus kontrovers – und mit Mythen aufgeräumt, Behauptungen und gefühlte Wahrheiten mit Zahlen und Fakten abgeglichen. Dennoch: Die Skepsis war einigen Besuchern auch am Ende der Veranstaltung noch anzumerken und nicht alle Fragen konnten abschließend zur Zufriedenheit aller Beteiligten geklärt werden. Ich bin dennoch froh und dankbar für die konstruktive Debatte. Gerade darin liegt die integrative Kraft einer Volkspartei wie der CDU.

Auf dem Podium erhielten wir kompetente Unterstützung durch Constantin von Brandenstein-Zeppelin, ehrenamtlicher Präsident des Malteser Hilfsdienstes, und Dietmar Hussing, der im Auftrag der Stadt Bruchköbel als Flüchtlingskoordinator fungiert. Beide berichteten eindrucksvoll aus ihrer täglichen Arbeit im Umgang mit Flüchtlingen. Welche Eigenschaften für die Helfer – ehrenamtliche wie hauptamtliche – dabei unerlässlich seien, brachte Dietmar Hussing auf den Punkt: „Geduld, Gelassenheit, Humor – und eine Prise Weisheit.“ Wer immer nur nach starren Mustern arbeiten wollte, der sei in der Flüchtlingsbetreuung falsch. Insbesondere das Thema Wohnraumbeschaffung sei eine große Herausforderung und die eigentliche Mammutaufgabe, die Integration der Menschen, die länger oder gar dauerhaft in Deutschland bleiben wollen und dürfen, stehe erst noch bevor. Die Fehler der Vergangenheit, die heute zu Problemen – insbesondere in den Großstädten – geführt hätten, dürften nicht wiederholt werden, darin waren sich alle Beteiligten einig.

Und: Nicht alle, die zu uns kommen, werden bleiben können. Das ist im Übrigen auch gar nicht der Wunsch der meisten. Unter den syrischen Flüchtlingen beispielsweise sagen uns 70 Prozent, dass sie nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren und beim Wiederaufbau ihres Landes mithelfen wollen.

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Constantin von Brandenstein-Zeppelin machte deutlich, mit wieviel Herzblut die Helfer zu Werke gehen. „Für uns ist diese Arbeit mit Menschen, die unsere Hilfe benötigen, eine große Freude.“ Wie alle Podiumsgäste warnte er davor, „die Flüchtlinge“ mit „den Kriminellen“, beispielsweise aus der Silvesternacht in Köln, gleichzusetzen. „Wenn wir uns nicht öffnen und die Menschen nicht mit offenen Armen empfangen, werden wir genau die Parallelgesellschaften erhalten, die wir nicht wollen.“ Wichtig sei das Aufstellen klarer Regeln. „In den von den Maltesern betreuten Flüchtlingseinrichtungen gilt: freie Religionsausübung, kein Druck gegen Frauen und keine Gewalt.“ Werde gegen diese „Hausordnung“ verstoßen, folge zunächst eine Verwarnung, im Wiederholungsfall ein temporäres oder im schlimmsten Fall gar ein dauerhaftes Hausverbot. Damit habe man bislang gute Erfahrungen gemacht. Wer sich nicht an Recht und Gesetz halte, habe sein Gastrecht verwirkt.

Sowohl Dietmar Hussing als auch Constantin von Brandenstein-Zeppelin wiesen auf die Potenziale hin, die es in den Reihen der Flüchtlinge zu heben gelte – wenngleich den Statistiken über den vergleichsweise hohen Bildungsgrad syrischer Flüchtlinge nicht jeder im Saal Glauben schenken wollte. Doch selbst wenn hier die Meinungen auseinandergehen, ist genau das der Knackpunkt: Wenn wir aus Humanität handeln – und genau das ist Sinn der deutschen Asylgesetzgebung – dann beurteilen wir Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Vertreibung zu uns kommen, nicht nach Aussehen, Herkunft oder Schulabschluss. Und es ist auch völlig egal, ob diese Menschen Moslems, Christen oder Atheisten sind.

Mir persönlich war es darüber hinaus wichtig deutlich zu machen, dass entgegen anderslautender Behauptungen in unserem Land bislang nichts zusammengebrochen ist. Im Gegenteil: Die Registrierung und Verteilung der Flüchtlinge läuft mittlerweile deutlich besser, als noch im vergangenen Herbst – auch, weil das Bundesamt für Migration und das Innenministerium stärker miteinander kooperieren. Niemand reist mehr ohne Registrierung ein; auch doppelte Registrierungen sind aufgrund des Abgleichs biometrischer Daten ausgeschlossen. Auch haben wir eine Reihe von Strafgesetzverschärfungen auf den Weg gebracht, wenngleich ich persönlich hier auch die Justiz in die Pflicht nehmen möchte, bereits bestehende Gesetze und Strafrahmen konsequenter als bislang anzuwenden und auszuschöpfen. Seit Herbst ist die Zahl der neuankommenden Flüchtlinge in unserem Land permanent zurückgegangen – nicht nur wie oft geschrieben wegen des schlechteren Wetters, sondern auch aufgrund erster Erfolge unser Asylpolitik, die Katja Leikert noch einmal erläuterte. Insbesondere hob sie dabei die Notwendigkeit der europäischen Zusammenarbeit hervor. Hier hakt es derzeit noch, wie es weiter geht, wird sich spätestens im März – davor tagt der Europäische Rat zweimal – entscheiden. Bis dahin werden wir beständig an einer Lösung weiterarbeiten.

Fest steht: Europa wird sich nicht abschotten können. Und auf die Frage „Wann ist das endlich wieder vorbei?“ kann es demnach nur eine Antwort geben: „Das“ geht nie wieder vorbei. Dann das ist die Welt, in der wir im 21. Jahrhundert leben – ob es uns gefällt oder nicht.

(Fotos: Christoph Engel)

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Mein persönlicher Rückblick aufs Jahr 2015

Mein persönlicher Jahresrückblick ist keine politische Analyse des Jahres 2015. Vielmehr will ich ein paar Dinge beschreiben, die mir in Erinnerung geblieben sind, die mir wichtig erscheinen oder über die ich mich gefreut habe.

Veröffentlichung mit Urhebernennung "Foto: Tobias Koch". Fotograf: Tobias Koch www.tobiaskoch.net  Kontaktadresse für Rückfragen: contact@tobiaskoch.net www.facebook.com/tokography

Dabei war es ein Jahr mit vielen Herausforderungen. Nicht alle sind bewältigt. Manche werden uns durchaus noch eine ganze Zeit beschäftigen. Vor allem die Zukunft Europas scheint offen. Das Friedenswerk und die politische Ordnung der letzten Jahrzehnte ist vielleicht nicht so stabil und selbstverständlich wie manche denken. Und aktuell ist sie herausgefordert durch die Staatsschuldenkrise und die große Zahl an Flüchtlingen, die nach Europa streben. Dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Die Antwort, die die CDU auf dem Parteitag in Karlsruhe mit ihrem Beschluss und der Rede von Angela Merkel gegeben haben, seien hier genannt. Und sicherlich war dieser Parteitag auch einer der wesentlichen Höhepunkte meines Jahres. Selten ist im Vorfeld so viel spekuliert worden, und selten war die Berichterstattung aufgrund der großen Geschlossenheit und der guten Ergebnisse nachher so positiv.

Veršffentlichung mit Urhebernennung "Foto: Tobias Koch". Fotograf: Tobias Koch www.tobiaskoch.net  Kontaktadresse fŸr RŸckfragen: contact@tobiaskoch.net www.facebook.com/tokography

Auch die weltweiten Terroranschläge haben uns alle beschäftigt. Mich nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Man denkt viel darüber nach, warum Menschen glauben, anderen die Art und Weise wie sie zu leben haben, vorschreiben wollen. Und es ist doch immer wieder erstaunlich, welche Kraft in der Freiheit steckt, was Menschen bereit sind zu tun, um sie zu erlangen. Aber vielleicht muss man auch mehr darüber nachdenken, was zu tun ist, um sie zu erhalten. Dazu gehört auch die Frage, wie man es schafft, den Zusammenhalt einer Gesellschaft zu stärken. Das Thema hat die CDU in einer Zukunftskommission intensiv beschäftigt. Armin Laschet hat sie geleitet, und dabei gemeinsam mit mir dafür gestritten, dass die CDU sich für ein modernes Einwanderungsgesetz ausspricht, in dem bestehende Regelungen zusammengefasst werden und neue hinzukommen. Ich war im April selbst in Kanada, um mir anzuschauen, wie dort eine gesteuerte Einwanderung, die sich an den Bedürfnissen des Landes orientiert und bei der Integration groß geschrieben wird, funktioniert. Hier findet man meinen Reisebericht. Auf dem Parteitag in Karlsruhe haben wir nun dazu einen entsprechenden Beschluss gefasst, dem eine fast einjährige Debatte vorausging, die in zu Beginn des Jahres in einem Interview in der WELT angestoßen hatte. Dass die CDU Deutschland als Einwanderungsland beschreibt und daraus programmatisch die Konsequenzen zieht freut mich sehr.

Als Generalsekretär habe ich in diesem Jahr weit über 100 CDU-Kreisverbände und -Stadtverbände besucht. Hier gibt es eine Auswahl meiner Termine in 2015. Mir sind diese Gespräche an der Basis sehr wichtig. Und darum beschäftige ich mich seit Amtsantritt mit der Frage, wie sich die CDU verändern muss, damit sie bleibt was sie ist: die erfolgreiche Volkspartei der Mitte. Mit der Parteireform „Meine CDU 2017“ hat der Parteitag in Karlsruhe nun einen Beschluss verabschiedet, der uns helfen soll, dieses Ziel zu erreichen. Und daraus ergibt sich automatisch einer meiner Arbeitsschwerpunkte im kommenden Jahr. Denn das, was wir in Karlsruhe beschlossen haben, muss nun mit Leben gefüllt werden.

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Im Juni hat die CDU außerdem ihren 70. Geburtstag gefeiert. Für mich waren vor allem die Begegnungen mit unseren Gründungsmitgliedern etwas ganz besonderes. Bis heute gefällt mit der Film, den wir mit Mitgliedern aus allen Generationen gemacht haben, besonders gut. Mich berühren diese Beispiele und vor allem dieser Ausblick auf morgen am Ende des Films. Wir haben wirklich tolle Mitglieder! Dazu gepasst hat auch der Tag der offenen Tür im Berliner Konrad-Adenauer-Haus, zu dem wir erstmals eingeladen hatten. https://www.cdu.de/artikel/tag-der-offenen-tuer-im-konrad-adenauer-haus

Peter Tauber und Kurt Biedenkopf am 17.06.15 in Berlin im Konrad-Adenauer-Haus. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Ebenfalls zum ersten Mal hat die CDU auf meine Initiative hin zu einem offenen Mitgliederkongress eingeladen. Über 1.500 Mitglieder sind dieser Einladung gefolgt. Das Thema Digitalisierung wird uns auch in den nächsten Jahren intensiv fordern, auch wenn manch andere aktuelle Herausforderung den Blick dafür verstellt. Wollen wir aber eine offene Gesellschaft und die starke Volkswirtschaft im Herzen Europas bleiben, dann müssen wir uns um alle damit zusammenhängenden Fragen von Big Data bis hin zum autonomen Fahren kümmern.

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Den Sommer habe ich für eine Woche im Praktikum genutzt. Eine Woche lang habe ich jeden Tag in einem anderen Beruf hospitiert und mitgearbeitet: Ich war in einem landwirtschaftlichen Betrieb, im Stahlwerk, bei der Bundespolizei, bei Playmobil und bei einem Bäcker im Einsatz. Bilder und einen Bericht findet Ihr hier. Außerdem habe ich zwei Tage im Rahmen der Aktion „Helfende Hände“ der Bundeswehr in einer Flüchtlingsunterkunft geholfen. Meine Erfahrungen kann man ebenfalls hier, hier und hier nachlesen.

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Ab und an muss man als Generalsekretär auch mal den Holzhammer rausholen. Nicht immer lohnt es sich, auf jede Attacke des politischen Gegners hart zu antworten, aber bei Ralf Stegner ist das manchmal nötig. Bei seiner Kritik an der soliden Haushaltspolitik von Wolfgang Schäuble, auf die wir als CDU zu recht stolz sein können, war dann die rote Linie überschritten und ich habe ihn in einer Pressekonferenz als „Rote Null“ bezeichnet. Das hat die Presse dankbar aufgegriffen.

Neben mehreren Auftritten in Talkshows habe ich viele Interviews gegeben. Ich kann nicht verhehlen, dass auch der „Gastauftritt“ in der heute show für mich etwas Besonderes war. Wer sich das noch einmal anschauen will, der findet das Interview mit Oliver Welke hier.

Besuch einer Klasse der Haupt- und Realschule Birstein bei Peter Tauber am 29.06.15 im Reichstag in Berlin. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Durch meine Arbeit als Abgeordneter und Generalsekretär habe ich viel erlebt und viele Menschen getroffen. Manches berührt einen auch fernab der offiziellen Politik – positiv wie negativ. Es ist nicht immer leicht, dass „wegzustecken“. Auch dieses Jahr bin ich viel gelaufen. Mein Sport hilft mir bei meinem Beruf. Ich kann abschalten, nachdenken und bleibe fit und gesund. Dabei lerne ich viele Menschen kennen. Immer wieder hatte ich dieses Jahr Begegnungen, die mich bis heute beschäftigen und nicht loslassen. Wie zum Beispiel das Gespräch mit Mike Kleiß oder auch der Halbmarathon in Halle, den ich in persönlicher Bestzeit gelaufen bin, um meinen Freund Rainer Haseloff, den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, zu unterstützen, damit er seine erfolgreiche Arbeit als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt fortsetzen kann. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Marathon erfolgreich absolviert und war nach Weiltal im April gleich auch noch im Herbst in Frankfurt am Main am Start. Das Interesse an meinem Laufen war in der Tat groß. Gut gefallen hat mir das Interview mit Achim Achilles für Spiegel Online, das man hier findet. Jan Böhmermann hat mein Laufen zu einem Lied inspiriert, und mir gefällt es. Welcher Politiker kann schon von sich behaupten, ein Lied von Böhmermann „geschenkt“ bekommen zu haben?

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Und das Laufen hilft übrigens auch gegen die sogenannten „Trolle“, die einem vor allem im Netz zu zahlreich begegnen. Viel Spaß hatte ich daher auch bei Hyperbole TV und dem Format „Disslike“, wo ich mal die Trolle kommentieren durfte. Zum Abschluss meines persönlichen Jahresrückblicks für Euch also noch was zum Schmunzeln. Es war ein tolles Jahr. Ich freue mich auf das was kommt und sage Danke für viele gute Momente, für viel Unterstützung und viele tolle Begegnungen mit wunderbaren Menschen.

 

 

Die Fotos stammen bis auf die Bilder zur Woche im Praktikum und das Bild vom Lauf in Halle (Saale) von Tobias Koch. Veröffentlichung nur mit Urhebernennung „Foto: Tobias Koch“. www.tobiaskoch.net
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Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach II

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Was sind die zehn wichtigsten deutschen Sätze?

Die Getränkeausgabestelle ist ein Ort, um ins Gespräch zu kommen. Wenn man durch die Halle geht, dann wird man nur angesprochen, wenn die Flüchtlinge ein konkretes Anliegen haben. Gut 120 sind übrigens in der kleinen Turnhalle untergebracht, doch noch einmal gut 30 sollen zusätzlich aufgenommen werden. Wenn sie vorne bei uns stehen, um sich einen Tee zu holen, dann versuchen manche so etwas wie eine Unterhaltung, in der Regel auf Englisch. Ein paar können bereits auf Deutsch zählen und beginnen vor unseren Augen die Bananen zu zählen. Als einer die Brötchen zählt und diese dabei in die Hand nimmt, müssen wir ihm erklären, dass das nicht geht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er das mit der Hygienevorschrift verstanden hat. Schließlich steht ein junger Mann mit einem weißen Zettel vor uns. Er fragt uns, ob wir ihm die zehn wichtigsten deutschen Sätze beibringen können. Da müssen wir selbst überlegen. „Bitte ein Bier!“ ist wichtig, aber ob er davon jemals Gebrauch machen wird, wissen wir nicht. Wir schreiben ihm dann noch die Wochentage und die Monate auf. Zählen kann er ja bereits. Das hat er uns demonstriert. Er freut sich und strahlt übers ganze Gesicht.

Am Abend verteile ich in Kaiserlei wieder „Erstausstattungen“ und lege sie den Flüchtlingen auf die Feldbetten. Als ich einer jungen Afghanin mit vielen Narben im Gesicht den Plastiksack hinlege sagt sie zu mir: „Danke. Das habe ich schon.“ Gedankenverloren antworte ich: „Ah. Okay. Dann nehme ich es mit.“ Erst zwei Feldbetten weiter macht es bei mir klick. Ich gehe zurück und frage sie: „Sie können deutsch?“ Und in der Tat, sie spricht nicht nur passabel, sondern recht gut deutsch, wenngleich ich ihre leise Stimme nur schwer verstehe. Sie habe schon in Afghanistan deutsch gelernt, sagt sie. Und sie wolle jetzt weiterlernen. Sie strahlt mich an. Von Deutschland hat sie wahrscheinlich noch nicht viel gesehen und kennt es nur aus dem Sprachkurs und vielleicht aus Büchern oder dem Internet. Ich frage sie noch, ob Deutschland so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie nickt heftig. „Ja“, antwortet sie. Es sei so gut hier. Ich schaue mich um. Gut? Naja. Aber ihr Lächeln will ich erwidern. Da ist so viel Hoffnung in den Augen. Ein „Na, dann herzlich willkommen!“ fällt mir noch ein. Mehr leider nicht. Später ärgere ich mich, dass ich keine Zeit hatte, länger mit ihr zu sprechen.

Wichtig sind die Sprachmittler, die überall mit Hilfe des Roten Kreuzes im Einsatz sind. Fast alle sind Deutsche mit Einwanderungsgeschichte. Manche sind selbst als Flüchtlinge erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen. Ich treffe in der Edith-Stein-Schule einen jungen Palästinenser aus Syrien und eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht aber perfekt deutsch. Seine Geschwister würden inzwischen zu Hause nur deutsch reden, was seine Mutter ärgere, erzählt er mir. Vor allem die deutschen Schimpfwörter, die seine Mutter nicht versteht, hätten es seinen kleinen Geschwistern angetan. Auch eine Form der Integration, erst mal die Schimpfwörter zu lernen, denke ich mir. Aber wenn sie alle so gut deutsch sprechen wie er: Respekt. Die junge Frau arbeitet bei einer Bank in Frankfurt und hat vier Wochen Urlaub. Die verbringt sie jetzt komplett in der Edith-Stein-Schule.

Flüchtlinge 13

In Kaiserlei treffe ich ebenfalls eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie schlichtet gerade einen Streit mit einer syrischen Familie und regt sich auf. Wir stehen dabei und verstehen naturgemäß kein Wort. „Alte syrische Frauen sind die schlimmsten“, zetert sie. „Die wollen alle wie die Königinnen behandelt werden.“ Offensichtlich will die Familie nur ungern neue Feldbetten in ihren „Bereich“ gestellt bekommen. Von Privatsphäre kann man hier sowieso nicht sprechen, aber wenigstens die Absperrgitter signalisieren eine Art Grenze. In einem anderen Bereich hatte sich eine Gruppe junger Männer eingerichtet. Wir müssen, um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und die Rettungswege freizuhalten, die Betten teilweise verstellen. Um keinen Streit zu provozieren soll erst eine Sprachmittlerin kommen, die den jungen Männern die Situation erklärt.

Doch diesmal warten wir vergebens. Entweder hat sie keiner geholt, oder sie hat keine Zeit. Irgendwann schieben wir bestimmt, aber freundlich die Betten an den richtigen Platz. Meist sind die „Inhaber“ gerade nicht da. Die anderen schauen zu. Sie beobachten uns neugierig. Streit oder Widerstand gibt es keinen. Die Verständigung scheint auch ohne Sprache zu funktionieren. Und nicht nur da. Ab und an hat man eine Minute um sich die Menschen anzuschauen. Wenige Alte, viele junge Männer, so wie man es aus dem Fernsehen kennt, aber auch unheimlich viele Familien und immer wieder Kinder. Das ist auch nicht verwunderlich. Ist uns bewusst, dass diese Länder eben auch eine andere Bevölkerungspyramide haben als wir und es deutlich mehr junge Menschen als alte gibt.

Zum Personal gehören auch Sicherheitskräfte. Fast keiner von ihnen ist ein gebürtiger Deutscher. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, sie sprechen nicht alle gut deutsch. Mag sein, dass für sie der Dienst dort lediglich ein weiterer Job ist und sie sich für die Flüchtlinge nicht interessieren, aber natürlich senden sie ein Signal aus: Wenn Du fleißig bist und arbeiten willst, dann kannst du das in Deutschland schaffen. Auch das ist eine Botschaft an die Flüchtlinge, die nonverbal funktioniert. Einer von den Einsatzkräften hat mich darauf aufmerksam gemacht; die Flüchtlinge alles um sich herum ganz ge-nau und kommen auch mit den Sicherheitskräften ins Gespräch. Sie merken, dass diese keine gebürtigen Deutschen sind.

Wenn sich die Blicke treffen, dann wird auch ein Lächeln verstanden. Es wurde mir gegenüber immer erwidert. Einmal stand ich an einem Absperrgitter. Mein Blick fiel auf einen Mann. Er stand dort einfach nur. Als er meinen Blick bemerkte, schaute er mich an. Ich lächelte ihm zu. Er legte die Hand aufs Herz, nickte mit dem Kopf und schenkte mir ein scheues Lächeln, während seine Augen voller Dankbarkeit waren. Allein für diese Geste hat sich der Einsatz die zwei Tage gelohnt.

Kaiserlei: schlimme Erwartungen, viele Erfahrungen.

Bevor wir nach Kaiserlei verlegen, bin ich „vorgewarnt“. Ein Feuerwehrmann hat zu mir mit Blick auf die Edith-Stein-Schule gesagt: „Hier ist das ja noch halbwegs in Ordnung. Aber da unten wirst du das Böse sehen, die hinterhältigen Blicke, eine feindliche Stimmung.“ Kameraden hatten berichtet, dass die Luft im Gebäude und der Gestank – freundlich formuliert – unangenehm seien. In der Tat: Als ich am zweiten Tag morgens durch die Hallen gehe, ist die Luft zum Schneiden. Es riecht nach Schweiß und Körperausdünstungen. Es sind mitten in der Nacht über 350 Flüchtlinge angekommen, davon überproportional viele Frauen und Kinder. Sie schlafen teilweise noch. Duschen oder sich waschen konnten auch nur die wenigsten. Angesichts der Tatsache, dass mehrere hundert Menschen hier schlafen, hatte ich mir das aber noch schlimmer vorgestellt.

Eine Eskalation, Streitereien oder gar Gewalt habe ich an den zwei Tagen nicht beobachten. Dies lag sicher auch daran, dass die Einsatzkräfte und auch das Sicherheitspersonal in hohem Maße engagiert waren, um mögliche Konfliktsituation zu entschärfen. „Gib den Flüchtlingen was sie brauchen, dann hast Du Ruhe“, hat ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz zu mir gesagt. Am meisten geärgert hat uns wohl, dass die mühsam nach deutscher Norm und im Abstand von 30 Zentimetern aufgestellten Feldbetten und Liegen nach kurzer Zeit nicht mehr so akkurat standen, wie von uns ausgerichtet.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages waren Kameraden und ich zur Unterstützung des Aufbaus nach Kaiserlei verlegt worden. Ziel war es, bis zum Ende der Tagschicht zusätzliche Aufnahmekapazitäten zu schaffen, denn für den Abend bzw. die Nacht war die Ankunft von circa 400 Flüchtlingen angekündigt.

In einem ersten Schritt musste dazu eine Gruppe aus der großen Halle in den ersten Stock verlegt werden. Die Flüchtlinge dürfen ihre Betten nicht selbst tragen – und ihre Habe eigentlich auch nicht. Um die Betten nicht nochmals reinigen zu müssen, sollte eigentlich immer ein Soldat und ein Sprachmittler mit dem „Besitzer“ des Bettes und dem Bett nach oben gehen. Zwar war die Sprachmittlerin da, aber das Vorhaben scheiterte. Zu viel deutsche Gründlichkeit. Wir haben dann die Betten einfach nach oben getragen und die Mitglieder der Gruppe, offensichtlich eine oder mehrere Familien, haben die Betten untereinander verteilt. Danach waren noch einige Habseligkeiten unten. Diese Menschen haben nichts, verständlich, dass sie ihre wenigen Besitztümer horten. In Pappkartons oder Umzugskisten liegen dann angebrochene Nahrungsmittel neben schmutziger Wäsche und gebrauchten Taschentüchern. Wir würden eine solche Kiste komplett in den Müll werfen. Ich habe zwei Kisten einer alten Frau nach oben getragen. Mein Einwand, diese müssten sortiert und der Inhalt teilweise weggeschmissen werden, wurde zurückgewiesen. Die Frau wollte ihre Kisten, und mir half schließlich ein Mann aus der Gruppe beim Tragen. Bei der Arbeit haben wir alle Mundschutz getragen, und direkt danach habe ich mir die Hände und die Handschuhe desinfiziert. Das Desinfektionsmittel haben wir alle ständig benutzt – im Prinzip nach jedem Arbeitsvorgang be-nutzt.

Wie ist die Unterbringung organisiert? Kaiserlei ist eine große Gewerbeimmobilie mit weiten Hallen im Erdgeschoss. Rettungswege und Gänge bleiben frei. Ansonsten hat man die verschiedenen großen Räume behelfsmäßig mit Absperrgittern in Quadrate oder Rechtecke eingeteilt. An einigen Stellen stehen statt der hüfthohen Absperrgitter auch Bauzaunelemente, die mit einer schwarzen Plane als Sichtschutz bespannt sind. Die gibt es aber nicht überall. In den einzelnen Planquadraten stehen zwischen 30 und 60 Feld-betten oder Liegen. Privatsphäre gibt es nicht.

Als wir die neuen Bettenkapazitäten aufbauen sollen, stellen wir fest: Es gibt auch keine Feldbetten mehr. Wer die Feldbetten der Bundeswehr kennt, der weiß, dass sie schlicht und einfach sind, man aber durchaus gut darauf schlafen kann. Nun haben wir Liegestühle geliefert bekommen, die zwar ein höhenverstellbares Kopf- und Fußteil haben, aber so instabil sind, dass wir schon beim Aufbauen fluchen. Wie soll ein Mensch darauf schlafen? In der Tat werden wir nach der ersten Nacht gleich eine große Zahl wieder aussortieren, weil sie defekt sind. Es hilft aber nichts. Wir bauen also die hellblauen Liegestühle auf und rücken die Absperrgitter zurecht. Wir kommen gut voran. Bis zum Abend werden die gut 400 Liegestühle aufgebaut sein.

Flüchtlinge 06

Ab und an ist unter den hellblauen Liegestühlen auch welche in gelber oder in roter Farbe. Ich habe in meiner Kiste gerade wieder so einen „Glücksgriff“ und ziehe eine rote Liege aus dem Karton. Ich versuche gerade verzweifelt sie aufzubauen, als ein kleines braunhaariges Mädchen mir an der Uniformhose zieht. Sie schaut mich aus großen Augen an, zeigt auf die rote Liege und dann auf den nächstgelegenen Bereich, in dem sie mit ihrer Familie wohl untergebracht ist. Ganz offensichtlich möchte sie gerne eine solche rote Liege haben. Ich bin hin- und hergerissen. Es hieß ganz klar: Keine Extrawünsche erfüllen, gleiche Regeln für alle. Wenn wir mehr Material ausgeben als nötig, dann kommen alle und wollen mehr oder haben ebenfalls Wünsche, die sie vorbringen. Ich schüttele also den Kopf und erkläre ihr auf Deutsch, dass sie die Liege nicht haben kann. Dabei komme ich mir blöd vor, weil ich mich vor dem Kind rechtfertige. Aber wahrscheinlich habe ich einfach das Gefühl, dass an dieser Stelle die Regel albern ist. Soll sie doch eine rote Liege bekommen. Am Ende bin ich dann wahrscheinlich aber doch zu deutsch und zu sehr Soldat: Die rote Liege bleibt an ihrem Platz. Wenig später, als wir den Bereich, in dem das Mädchen „wohnt“, mit zusätzlichen Liegen auffüllen, kommt das Kind zu seinem Recht. Ich ziehe wieder eine rote Liege aus dem Karton. Diese ist genauso instabil und untauglich wie die anderen, aber sie strahlt übers ganze Gesicht, als ich sie ihr hinstelle.

Nachdem wir fertig sind, beschaue ich mir die Kleiderkammer in Kaiserlei, in der auch Kameraden aus unserer Kompanie Dienst tun. Dort treffe ich einen Mann vom DRK aus Offenbach. Er war schon in Frankfurt im Einsatz und erzählt uns von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Man merkt, dass er seine Aufgabe mit unheimlich viel Leidenschaft ausübt. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er berichtet. Eine Geschichte folgt auf die nächste. So erzählt er von dem Streit mit dem Caterer. Vier Tage in Folge hätte es Käsenudeln gegeben. Angeblich wäre die Küche nicht in der Lage gewesen, für eine so große Zahl an Menschen verschiedene Speisefolgen bereitzustellen, so die Ausrede. Wahrscheinlich hat der Caterer mit den Käsenudeln aber nicht nur am wenigsten Arbeit, sondern auch noch am meisten verdient. Entsprechend war die Stimmung in der Einrichtung unter den Flüchtlingen am vierten Tag. Er habe sich, so der Mann vom Roten Kreuz, so deutlich beschwert, dass am Ende das Rathaus in Offenbach bei ihm angerufen habe. Es läge eine Beschwerde über ihn vor. Nach Schilderung des Sachverhalts hätte es dann besseres und vor allem abwechslungsreiches Essen gegeben.

Mich hatten bereits bei meinem ersten Rundgang durch Kaiserlei die vielen, von Kindern gemalten Bilder beeindruckt. Der DRK-Mann erzählt uns, dass sie eigentlich vorhatten, das Jugendrotkreuz mit den Kindern in den Einrichtungen malen zu lassen. Sie haben dann davon Abstand genommen, nachdem anhand der Bilder deutlich geworden ist, wie schwer traumatisiert offenbar viele Kinder sind. Waffen, untergehende Schiffe, abgetrennte Körperteile sind auf vielen Bildern zu sehen – und eben nicht nur fröhlich flatternde Deutschlandfahnen. Man bekomme eine Ahnung davon, so meinte er, was diese Kinder erlebt haben. Dies sei wiederum auch für die deutschen Kinder nicht ohne Risiko, und darum müsse man dringend überlegen, wie man den Flüchtlingskindern helfen könne.

Wie alle anderen auch ist er mit seiner Mannschaft bis zur Belastungsgrenze beansprucht. Wie jeder, der regelmäßig hilft, erzählt er Geschichten von 36-Stunden-Schichten und komplett verschlafenen freien Tagen. Trotzdem strahlt er einen Willen und eine Klarheit aus, so dass ich ihm noch lange hätte zuhören können. Dann kommen aber die nächsten Flüchtlinge in die Kleiderkammer.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach III

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

So viel Hilfsbereitschaft.

Besonders beeindruckt hat mich nicht nur die Professionalität, die Improvisationsfähigkeit und die Einsatzbereitschaft, sondern auch die Hilfsbereitschaft, die man überall erleben konnte.

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung in Offenbach ist so groß, dass die Hilfsorganisationen die Spenden nicht mehr annehmen können, weil keine Lagermöglichkeiten vorhanden sind. Die Stadt Offenbach, die für diesen Zweck eine Kraft abgestellt hat, registriert daher die Spender namentlich inklusive der bereitgestellten Spenden und telefoniert dann im Bedarfsfall. Als ich vor der Turnhalle der Edith-Stein-Schule warte, kommt ein Ehepaar und will mehrere Kisten Kleidung abgeben. Ich verweise sie auf den angeschlagenen Aushang der Stadt Offenbach. Sie wollen sich an die Stadt wenden. Kein böses Wort, keine Enttäuschung. Und die getroffene Regelung macht Sinn. Sicherlich waren in den Säcken auch Dinge, die für die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule gut geeignet gewesen wären, aber angesichts des großen Bedarfs müssen alle Ressourcen sinnvoll eingesetzt.

Am zweiten Tag reduziert sich die Kleiderauswahl in der Kleiderkammer in Kaiserlei. Die neu angekommenen Flüchtlinge brauchen Schuhe und hier und da auch Handtücher oder einen Pullover. Wir holen in Dietzenbach und in Offenbach im Kleiderladen des DRK bereitgestellte Kleidung ab. In Dietzenbach schließt uns eine ältere Frau den Laden auf, in Offenbach steht ein Paar, beide schwerstens tätowiert, im Laden und erwartet uns. Sonst haben sie wahrscheinlich mit der Bundeswehr nicht viel am Hut. Aber wir verstehen uns ohne Probleme. Alles geht reibungslos vonstatten, und wir sind nach zwei Stunden zurück in Kaiserlei.

Ein echtes Problem scheint mir die Gesundheitskontrolle. Am zweiten Tag nehmen wir noch einmal über 20 Flüchtlinge, die mit dem Bus gebracht werden in der Turnhalle der Edith-Stein-Schule auf. Es stellt sich schnell heraus, dass einige krank sind. Es ist nicht möglich, zu klären, was genau sie haben. Aufgrund dessen müsste eigentlich der ganze Bus in Quarantäne. Ich kann nicht verfolgen, was mit ihnen geschieht, denn ich muss zurück nach Kaiserlei. Dort deponieren wir die geholte Kleidung im Zentrallager.

Zwischendurch gehe ich vor die Tür. Frische Luft schnappen. Direkt vor der Tür stehen auch die Raucher. Neben dem Aschenbecher liegen die weggeschmissenen Armbänder, mit deren Hilfe die Flüchtlinge gezählt werden. Registrierung kann man das – wie gesagt – nicht nennen. Die Flüchtlinge schmeißen sie weg, wenn sie weiterziehen. Ich denke an die Sprachmittlerin, die mir erklärt hat, dass viele Flüchtlinge fragen, wo sie registriert werden würden. Andere wollen aber weiter – nach Nordeuropa oder in andere Einrichtungen, vielleicht auch zu Familienmitgliedern. Unterbringung, Versorgung und Registrierung miteinander zu koppeln, scheint mir die Hauptaufgabe zu sein.

Wir schaffen das.

Ich habe Helferinnen und Helfer, Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze erlebt. Und natürlich hat auch mal einer gemeckert. Aber am Ende haben alle mehr als ihre Pflicht getan. Alle wissen, dass das eine außergewöhnliche Herausforderung ist. Und manch einer will auch dabei sein, wenn etwas wirklich Historisches passiert, so mein Eindruck, und seinen Teil zum Gelingen beitragen. Viele wachsen über sich hinaus. Viele fragen, wie lange das noch gut geht. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass trotz des Drucks und der Belastung manche diese Situation fast als befreiend empfunden haben. Ein Soldat sagte zu mir: „In einer Bundeswehr, die so überreguliert ist, dass schon das bloße Dasit-zen ein Dienstvergehen darstellen kann, habe ich endlich einmal wieder das Gefühl, et-was Sinnvolles zu tun. Das hatte ich lange nicht mehr.“

Gelobt wird allgemein der neue Ansatz, die Koordinierung der Flüchtlingspolitik aus dem Kanzleramt sicherzustellen. Parallel wird eine entsprechende fehlende Struktur auf Länderebene bemängelt. Dort würden zu oft Institutionen nur in eigenen Aufgabenbereichen denken. In den Flüchtlingsunterkünften habe ich das so nicht erlebt, aber es ist sicher demotivierend, wenn man auf der nächsthöheren Ebene solche Erfahrungen macht. „Wir spielen Normalität, obwohl es nicht die Normalität gibt“, sagt einer. Offen-sichtlich funktioniert auch der Austausch über die Landesgrenzen hinweg auf der Arbeitsebene. Man kennt sich in den Hilfsorganisationen und in der Bundeswehr und tauscht sich privat untereinander aus. In Hessen funktioniere es noch verhältnismäßig gut, obwohl auch hier ein entsprechender zentraler Lenkungsstab dringend geboten wäre, so sagen manche. „Wir brauchen auch in Hessen einen Altmaier“, heißt es. Mit Blick auf die Länder sprechen manche von „systemischem Versagen“. Die Bundeswehr übernehme teilweise Aufgaben, für die das Land zuständig sei, weil die Innenminister überfordert sind. Die Truppe zählt und meldet die Zahl der Flüchtlinge an die Behörden. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, aber so wird gesprochen.

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Angeregt wird auch eine strukturierte Befragung in den Einrichtungen, um eine Lagebild zur Stimmung und Motivation unter den Flüchtlingen zu gewinnen. Die Instrumente dafür seien vorhanden – durch Sprachmittler, ehrenamtliche Helfer und Soldaten mit einer Einwanderungsgeschichte. Das Beispiel des Stabsunteroffiziers Abudi Akil ging durch die Presse. Der Einsatz solcher Kräfte ist nicht nur vor Ort sinnvoll. Bislang allerdings werden die dadurch gewonnenen Informationen in keiner Weise genutzt, um sie zusammenzubinden und damit zu arbeiten.

In den Pausen sitzen wir beisammen und reden. Auch mit den Kräften des Arbeiter-Samariter-Bundes, die ebenfalls in Kaiserlei eingesetzt sind. Einer sagt irgendwann, dass man hier doch merke, wie degeneriert und selbstbezogen unser Land sei. Das ist zumindest mit Blick auf die Einsatzkräfte vor Ort ein ungerechtes Urteil. Denn die helfen ja und packen mit an. Aber ich verstehe, was er meint. Was wir gerade erleben ist nicht nur eine Herausforderung für unser Land von außen. Es ist auch eine Herausforderung an uns selbst. Sind wir bereit, die Veränderungen in der Welt anzunehmen? Schaffen wir es, Probleme anzugehen und nicht nur zu beschreiben? Entwickeln wir den notwendigen Gemeinsinn und sind bereit zurückzustehen für andere und für unser Land? Nur wenn wir diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann ist der Satz von Angela Merkel richtig: „Wir schaffen das.“ Genügend Ressourcen haben wir. Die Frage ist, ob wir wollen.

Ein anderer seufzt: „Wann verstehen wir endlich, dass wir die Probleme der Welt nicht mit der hessischen Gemeindeordnung lösen können.“

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Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach I

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Einschleusung und Dienstbeginn.

Ich schlage am Freitag früh beim Gefechtsstand der RSU-Kompanie Südhessen auf, der in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Rumpenheim untergebracht ist. Die über 40 Kameraden sind bereits im Einsatz. Die Kompanie stellt zwei Züge und wechselt sich in zwei Schichten mit der „Nord“ ab, wie wir die RSU-Kompanie Nordhessen kurz nennen. Derzeit sind in zwei Schulturnhallen und in einer großen Gewerbeimmobilie Flüchtlinge untergebracht. Der Auftrag für den Tag lautet: Räumung der Schulturnhalle der Anne-Frank-Schule, die ab Montag wieder dem Schulbetrieb zur Verfügung stehen soll, Verlegung der Flüchtlinge nach Kaiserlei und dort Aufbau weiterer Kapazitäten.

Die Kameraden berichten, in der Schulturnhalle sei „ein ganzes afghanisches Dorf“ mit 80 Personen untergebracht. Diese sollten zusammen bleiben. Es seien Familien und viele Kinder. Die Männer, die in der Nacht bereits Dienst getan haben, bekommen zwei Stunden Ruhe, um dann um 12.30 Uhr in die Schule aufzubrechen, um die Räumung durchzuführen. Bis dahin würden Busse die Flüchtlinge nach Kaiserlei bringen. Ein Trupp, dem ich zugeteilt bin, verlegt direkt in die Schulen, die sich in unmittelbarer Nä-he zueinander befinden. Dort sind auch Kräfte des THW, der Feuerwehr und des DRK vor Ort. Hinzu kommen Reinigungspersonal und ehrenamtliche Sprachmittler, die vom DRK koordiniert werden.

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Wir erhalten eine Einweisung. Aus Sicherheitsgründen wird befohlen, die Namensschilder abzunehmen. Außerdem erhält jeder zusätzliche Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig Hände und Handschuhe zu desinfizieren. Ich habe keine entsprechende Impfung bzw. auch keinen ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweis) für den Küchendienst und kann daher nicht bei der Essensausgabe eingesetzt werden. Der Spieß bereitet uns auf ein unklares Lagebild vor Ort vor. Man wisse nicht, woher die Flüchtlinge kommen und wann sie eintreffen. Bis zum Abend müsse aber in Kaiserlei die geforderte Aufnahmekapazität bereitstehen.

Aufsitzen. Wir verlegen an die Schulen. Die Turnhalle der Anne-Frank-Schule wird bereits geräumt. Einige verbliebene Flüchtlinge stehen mit ihren wenigen Habseligkeiten, die sie mal in einem Koffer, mal nur in einem blauen Müllsack bei sich tragen, an der Bushaltestelle und warten. Auch Schülerinnen und Schüler warten auf den Schulbus. Fast alle haben eine Einwanderungsgeschichte, manche Mädchen tragen Kopftuch. Was wissen die einheimischen Schülerinnen und Schüler über die Namensgeberin der Schule, die ja selbst ein Flüchtling war? Nur an der Kleidung und weil sie getrennt voneinander stehen und die Schülerinnen und Schüler die Flüchtlinge neugierig beäugen kann man einen Unterschied erkennen.

In der Turnhalle hängen noch von den Kindern gezeichnete Bilder an der Wand. Viele Kinder haben Deutschlandfahnen gemalt. Ich glaube kaum, dass deutsche Kinder so oft unsere Farben malen. Was denken sich diese Kinder dabei? Was verbinden sie mit Deutschland? Was haben ihre Eltern ihnen erzählt?

Wir beseitigen die Unordnung, die sich allerdings in Grenzen hält. Es sind Reste der dort ausgegebenen Hygiene-Mittel, Kleidung und Getränke so wie Lebensmittel im Kühl-wagen. Alles wird in die Schulturnhalle der Edith-Stein-Schule schräg gegenüber gebracht. Das ist der erste Auftrag. Dann kommen die Kameraden hinzu, die nur zwei Stunden Ruhe hatten. Sie tragen die Feldbetten hinaus, desinfizieren sie, reißen die Plastikplanen mit denen der Hallenboden abgeklebt war, hinaus, damit die Putzkolonne ans Werk kann. Jemand von der Berufsfeuerwehr Offenbach hat die Leitung übernommen. Die Kameraden sollen danach eigentlich noch nach Kaiserlei, um dort beim Aufbau zu unterstützen. Doch die Leitung entscheidet anders und schickt sie zurück in die Unterkunft, damit sie ausschlafen. Ein Teil unseres Zuges übernimmt. Ich werde später gemeinsam mit drei Kameraden zur Unterstützung nach Kaiserlei abrücken. Während die Männer die Halle wieder so herrichten, dass sie ihrem ursprünglichen Zweck dienen kann, bringe ich gemeinsam mit einigen Kameraden das Material und die Lebensmittel in die benachbarte Halle.

„Milch und Zucker. Dann haben wir Frieden.“

In der Turnhalle der Edith-Stein-Schule ist gerade die Ausgabe des Frühstücks beendet. Von 8 bis 10 Uhr können die Flüchtlinge frühstücken. Ich begrüße die Kameraden. Bis jetzt klappt alles ganz gut. Ich laufe „normal“ mit und es gibt keinen „Politikerstatus“. So habe ich das gewollt, und das geht in der Bundeswehr besser als anderenorts. Die Uni-form und der Dienstgrad sortieren mich ein. Außerdem merkt man schnell, dass jede Hand vor Ort gebraucht wird. Es ist keine Zeit vorhanden, um Bilder zu stellen, wie das so oft geschieht, wenn man als Politiker vor Ort die Lage „inspiziert“. Ein Offizier schimpft deswegen auch. Er habe gehört, was man alles unternommen habe, bevor Gabriel die HEAE Gießen besuchte. Ein realistisches Bild habe Gabriel auf jeden Fall nicht vermittelt bekommen. Es stellt sich die Frage, ob man das dem SPD-Vorsitzenden vor-werfen kann. Auf jeden Fall hat mir der Offizierskamerad recht deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir erwartet: Einreihen, anpacken. Darum bin ich hier.

Vor Ort merkt man: Die Abläufe sind eingespielt. Die Ablösungen weisen sich gegenseitig ein. Es gibt auch keine „Reibereien“ zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und der Bundeswehr. Im Einsatz funktioniert die Zusammenarbeit. Ich stelle fest, dass unter den Kameraden auch zwei CDU-Mitglieder aus Hessen sind. Beide dienen in der RSU-Kompanie und machen nun hier Dienst anstelle der geplanten militärischen Übung. Einen weiteren Kameraden kenne ich von der Universität. Er hat bei mir studiert. Wir freuen uns über das unerwartete Wiedersehen. Auch mit den anderen Kameraden ist es unkompliziert. Manche waren schon im Auslandseinsatz, andere sind schon lange als Reservisten engagiert und der Bundeswehr verbunden. Sie helfen also nicht nur angesichts der Not der Flüchtlinge. Sie helfen, weil die Bundeswehr sie braucht.

Die Flüchtlinge haben alle ein buntes Armband mit einer Nummer bekommen. Anhand des Armbandes wird festgestellt, wer verpflegt wurde. Das ist offensichtlich die einzige Liste, die wir führen. Eine Registrierung der Flüchtlinge erfolgt hier nicht. Ich habe zwar in den zwei Tagen in Kaiserlei auch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums gesehen, aber ob und wann die Flüchtlinge ordnungsgemäß erfasst wurden kann, ich nicht sagen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Registrierung stattfindet. Aber offensichtlich ist geplant, Kaiserlei zu einer Außenstelle der HEAE Gießen zu machen und dort dann auch Mitarbeiter des BAMF zur Registrierung der Flüchtlinge einzusetzen. So hört man es zumindest. Die Einsatzkräfte haben aber auch so schon alle Hände voll zu tun, um nur den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten wollen: Es geht um die Unterbringung, die Versorgung mit dem Notwendigsten.

Auch wir konzentrieren uns auch auf unseren Auftrag. So erhalten die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule aus einer improvisierten Kleiderkammer bei Bedarf ein neues Paar Socken, ein Handtuch oder andere Kleidungsstücke. Wir betreuen diese Kammer, die in einem Nebenraum der Turnhalle untergebracht ist. Öffnet man dort die Tür, dann kann man sicher sein, dass sich sofort in eine Traube von Menschen bildet. Jeder fragt nach etwas anderem. Bei den Socken sind vor allem weiße Socken gefragt. Das scheint eine Geschmacksfrage zu sein. Die Flüchtlinge besitzen wirklich nur die Dinge, die sie am Leibe tragen. Manche haben einen Rucksack. Feste Schuhe haben nur die wenigsten. Viele sind mit Flipflops unterwegs. Wie sie den Weg zurückgelegt haben ist schwer vorstellbar. Bei Ankunft erhalten sie neben einem medizinischen Check, den das Rote Kreuz durchführt, auch eine „Erstausstattung“. Das ist ein Plastiksack, in dem einige wenige Dinge enthalten sind: u.a. eine Rolle Klopapier, ein Handtuch, eine dünne Decke, Hygieneartikel. Es ist nicht viel.

Tagsüber sitzen die Familien und die Gruppen beieinander. Die Kinder fragen immer wieder nach Bällen. Manche haben Stofftiere. Draußen vor der Halle spielen einige Fuß-ball. Ständig belagert sind die Steckdosen, an denen alle ihre Smartphone aufladen. Und ständig wird telefoniert. Eine Sprachmittlerin hat mir erzählt, dass die Flüchtlinge nicht nur Kontakt mit Verwandten halten, sondern es auch darum geht, herauszufinden, wo welche Unterkünfte vorhanden sind, in welchem Zustand diese sind, wie das Essen ist und – ganz wichtig – wo man registriert werden kann. Denn offensichtlich wollen viele sich ordnungsgemäß registrieren lassen. Sie haben verstanden, dass das die Grundlage für ihren Aufenthalt und geordnete Verhältnisse in Deutschland ist. Andere, die weiter wollen, verzichten genau aus diesem Grund auf eine Registrierung, bzw. versuchen, dieser aus dem Weg zu gehen.

Zwischen den festen Essenszeiten gibt es Kaffee und Tee sowie Wasser und Milch für die Flüchtlinge. Wir füllen regelmäßig auf. Würfelzucker ist besonders gefragt. Wir können gar nicht so viel Zucker nachlegen wie genommen wird. „Solange genug Milch und Zucker da sind, haben wir hier Frieden“, lacht ein Kamerad. Und in der Tat. Die Kinder kommen und werfen sich drei Stück Zucker in ihre Milch. Manche Männer nehmen auch einfach einige Zuckerwürfel und schieben sich diese grinsend in den Mund. Und wieder legen wir eine Packung nach, denn die vorherige ist nach nicht mal einer Viertelstunde leer.

 

28. Bundesparteitag der CDU in Karlsruhe: Ein Blick hinter die Kulissen

Der 28. Parteitag der CDU Deutschlands ist Geschichte. Zwei Tage lang haben die Delegierten engagiert und konstruktiv miteinander diskutiert und gute Beschlüsse für die Partei und unser Land gefasst. Über die Ergebnisse wurde in zahlreichen Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln, auf Facebook, Twitter sowie in politischen Blogs diskutiert. Doch kein Reporter berichtet leider darüber, wie viel Arbeit tatsächlich hinter einem solchen Großereignis steckt. Die ehrenamtlichen Helfer und vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konrad-Adenauer-Hauses haben großartiges geleistet. Deswegen will ich in an dieser Stelle einige Einblicke hinter die Kulissen des Parteitags geben, der ohne eine riesige Kraftanstrengung aller Beteiligten – angefangen von den Messebauern, über die Servicekräfte und die Aussteller, die vielen ehrenamtlichen Helfer aus den Reihen der Mitglieder bis hin zur CDU-Bundesgeschäftsstelle – nicht möglich gewesen wäre. Ihnen allen ein großes Dankeschön für diese tolle Leistung!

Unumstrittener Höhepunkt des Parteitags war sicherlich die Rede von Angela Merkel und die fast einstimmige Verabschiedung der „Karlsruher Erklärung“, mit der sich die 1001 Delegierten eindrucksvoll hinter den Kurs der Parteivorsitzenden in der Asyl- und Flüchtlingspolitik stellten. Die Bundeskanzlerin hatte zuvor in einer rund eineinhalbstündigen Rede die Zuhörer mitgerissen. Gut neun Minuten stehende Ovationen – zum Glück gibt es ja Journalisten, die bei solchen Gelegenheiten die Stoppuhr mitlaufen lassen – waren der verdiente Lohn. Die wichtigsten Passagen aus der Rede von Angela Merkel finden Sie hier.

28. Parteitag der CDU Deutschlands am 14.12.15 in Karlsruhe. Rede Merkel. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Auch abseits der Flüchtlingsfrage wurden wegweisende Entscheidungen getroffen. So wurde u.a. die Parteireform „Meine CDU 2017“ auf den Weg gebracht, die eine Kommission unter meiner Leitung als Generalsekretär in den vergangenen Monaten erarbeitet hat. Die Neuerungen sollen die CDU attraktiver für Frauen, junge Menschen und Menschen mit Einwanderungsgeschichte machen und insbesondere Neumitglieder bei ihrem Einstieg in die aktive politische Arbeit stärker unterstützen. Bei diesem Punkt gab es eine richtig gute Debatte, bei der am Ende der Parteitag zwei strittige Fragen entschied – wenn auch nicht ganz so, wie wir vorgeschlagen hatten – aber so soll es sein.

28. Parteitag der CDU Deutschlands am 15.12.15 in Karlsruhe. Tag 2. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Ein zweiter Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist der Beschluss, ein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen zu wollen. Hier haben die Delegierten mit der Entscheidung, alle Regelungen, die in diesem Bereich bereits existieren, in einem Gesetz zusammenzufassen, das Fundament für eine erfolgreiche Umsetzung gelegt. Nach einer langen Debatte, die ich zum Beginn des Jahres angestoßen hatte, bekennt sich die CDU zu Deutschland als einem Einwanderungsland und will nicht nur Rahmenbedingungen für Integration weiter gestalten, sondern die Regeln überprüfen und weiterentwickeln, die darüber entscheiden, wer zu uns kommen darf. Das ist gut. Insgesamt haben die drei Zukunftskommissionen „Zusammenhalt stärken“, „Nachhaltig leben“ und „Arbeit der Zukunft“ unter der Leitung von Armin Laschet, Julia Klöckner und Thomas Strobl wirklich ganze Arbeit geleistet. Diese Beschlüsse werden uns auf dem Weg zu einem überzeugenden Bundestagswahlprogramm helfen.

Soweit die offizielle Zusammenfassung. Für mich persönlich begann der Parteitag in Karlsruhe allerdings nicht erst am Montag, sondern schon zwei Tage zuvor. Nach monatelanger Vorbereitungszeit inhaltlicher und organisatorischer Art durch das Konrad-Adenauer-Haus standen am Samstag bereits ein Rundgang durch die Messehalle mit Bundesgeschäftsführer Dr. Klaus Schüler sowie am Abend mehrere Telefonschaltkonferenzen auf dem Programm. Fast bis zuletzt wurde um Formulierungen im Leitantrag gerungen – und das hat sich gelohnt, wie nicht zuletzt das positive Votum der Delegierten zeigt. Ebenfalls fast bis zur letzten Minute – und zwar im buchstäblichen Sinne – wurden in der Halle Stühle gestellt, das Licht und das Bühnenbild überprüft und an vielen weiteren kleinen Details gefeilt. Alles nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was da in den nächsten Tagen noch kommen sollte und dennoch bereits zu diesem Zeitpunkt sehr beeindruckend.

Der Sonntag war randvoll gepackt mit Terminen. Weitere Telefonate, weitere Rücksprachen zum Leitantrag, Dreharbeiten für CDU.tv und ein Rundgang mit der Parteivorsitzenden und Pressevertretern. Zwischendurch hatte ich kurz die Gelegenheit, bei unseren Mitarbeitern und zahlreichen Helfern vorbei zuschauen, die einen solchen Parteitag mit ihrer Hände Arbeit erst möglich machen. Im Organisationsbüro ging es zu diesem Zeitpunkt zu wie in einem perfekt organisierten Bienenschwarm. Von der Schlüsselausgabe für die Büros über die Koordination aller logistischen Abläufe bis zur Ausgabe von Verpflegungsbändchen an die Mitarbeiter und Handwerker, die den Parteitag buchstäblich aufbauen, laufen hier viele Fäden zusammen. Bereits seit einer Woche waren die Kollegen vor Ort, um alles, was in den vergangenen Monaten akribisch von Berlin aus geplant wurde, in Karlsruhe in die Tat umzusetzen.
Am Sonntagnachmittag standen dann die Sitzungen von Präsidium und Bundesvorstand mit dem Beschluss des neuen Leitantrags nach einer langen Diskussion sowie der traditionelle Presseempfang am Vorabend des eigentlichen Parteitags auf dem Programm – Langeweile kam dabei garantiert nicht auf. Gerade der Presseempfang war wie immer sehr spannend. Man trifft viele Journalisten und bekommt nochmal ein sehr deutliches Gespür dafür, mit welcher Erwartung alle in den morgigen Tag starten.28. Parteitag der CDU Deutschlands am 13.12.15 in Karlsruhe. Bundesvorstand. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)Eine willkommene Gelegenheit, ein wenig inne zu halten und zur Ruhe zu kommen, bot der ökumenische Gottesdienst in der Karlsruher Stadtkirche am Montagmorgen. Von dort aus ging es direkt in die Messehalle. Dort trafen am Morgen dann auch alle Delegierten ein. Über 1000 Männer und Frauen erhielten ihre Tagungsunterlagen und Stimmkarte. Der Parteitag kann beginnen!28. Parteitag der CDU Deutschlands am 14.12.15 in Karlsruhe. Ankunft Gäste. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Das Medieninteresse am Parteitag war wie gewohnt riesig. Mehrere hundert Journalisten hatten ihre temporären Arbeitsplätze im Pressezentrum bezogen und berichteten von dort aus quasi in Echtzeit über Anträge, Diskussionen und Beschlüsse. Auch das Social-Media-Team der CDU sowie das auf dem Parteitag reaktivierte „Team Deutschland“ – maßgeblich unterstützt von der Jungen Union – bespielten unermüdlich die einschlägigen Kanäle wie Facebook und Twitter mit Fotos und Videobeiträgen. Ein Livestream im Internet sorgte dafür, dass auch die Daheimgebliebenen zumindest virtuell dabei sein konnten.

Nach der offiziellen Eröffnung des Parteitags durch Angela Merkel folgten Grußworte sowie natürlich der mit Spannung erwartete Bericht der Parteivorsitzenden, sowie im Anschluss eine rund fünfstündige Aussprache, für mich unterbrochen durch die Sitzung der Antragskommission. Auch hier müssen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ran. Die eingegangenen Anträge müssen erfasst und mit den bereits vorliegenden abgeglichen werden. Schließlich soll der Parteitag keine Beschlüsse fassen, die sich widersprechen. Voten für die Anträge müssen erarbeitet werden. Parallel sind andere damit beschäftigt, die Wortmeldungen entgegenzunehmen, das Tagungspräsidium zu unterstützen oder auch Presseanfragen zu beantworten.Am frühen Abend schließlich – dem Zeitplan hinkte die Tagesordnung aufgrund der lebhaften Debatte am Nachmittag zugegebenermaßen ein wenig hinterher – brachte ich schließlich den Antrag „Meine CDU 2017“ ein, der anschließend mit nur wenigen Änderungen verabschiedet wurde. Ein ganz besonderes Gefühl, wenn man weiß, wie wieviel Arbeit und Engagement alle Beteiligten in die Erarbeitung dieses Konzepts gesteckt haben. Ich habe in den vergangenen Monaten bei zahllosen Kreisverbänden persönlich landauf, landab für die geplanten Reformen geworben. Jetzt müssen den Worten Taten folgen – und darauf freue ich mich bereits sehr. Wer meine Rede gerne ansehen möchte, kann dies unter diesem Link tun.

28. Parteitag der CDU Deutschlands am 14.12.15 in Karlsruhe. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Wer viel arbeitet, darf auch ein wenig feiern und so ging der erste Plenartag traditionell mit dem „Baden-Württemberg-Abend“ zu Ende und bot die Gelegenheit, mit vielen alten Bekannten, aber auch mit neuen Gesichtern in gemütlicher Runde ins Gespräch zu kommen.

28. Parteitag der CDU Deutschlands am 15.12.15 in Karlsruhe. Tag 2. Rede Seehofer. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)


Endspurt dann am Dienstag: Neben weiteren Antragsberatungen galt es am Rande der Veranstaltung zahlreiche Interviewanfragen zu beantworten, u.a. im Gespräch mit n-tv, N24, Phoenix, ARD und ZDF. Auch ein Team der „heute-show“ machte den Parteitag unsicher. Ein Besuch des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer gehört ebenso zum festen Programm, wie die Rede unseres Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder und auch ein Grußwort von Herbert Reul, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, durfte natürlich nicht fehlen.

28. Parteitag der CDU Deutschlands am 14.12.15 in Karlsruhe. Rede Merkel. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Mit dem Schlusswort der Parteivorsitzenden und dem Singen der Nationalhymne endete der Parteitag schließlich. Für mich ging es von Karlsruhe direkt weiter nach Berlin, wo am Abend eine Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion angesetzt war – Sitzungswoche ist nun mal Sitzungswoche, da gibt es keine Extrawürste. Die verbliebenen Kollegen vor Ort sorgten derweil dafür, dass schon zwei Tage nach dem Parteitag die Karlsruher Messehalle wieder zurück in ihren Originalzustand versetzt war – bis zum nächsten Großereignis.

Müde, aber zufrieden – so lautet mein Fazit nach dem Bundesparteitag 2015. Zeit zum Durchatmen bleibt mir wohl erst rund um Weihnachten und zwischen den Jahren. Und dann – da bin ich mir ganz sicher – kommt sie langsam: die Vorfreude auf den 29. Bundesparteitag der CDU im nächsten Jahr.

Fotos: Tobias Koch

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Buchbesprechung: Die Kanzlermaschine

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Mit wachem Auge beobachtet er die CDU und ihre führenden Köpfe: Volker Resing, Journalist und Historiker hat jüngst ein Buch über Julia Klöckner veröffentlicht und auch Angela Merkel aus einer etwas anderen Perspektive porträtiert: als Protestantin.

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, mit ihm mehrfach über die CDU und ihre Rolle als prägende politische Kraft der Bundesrepublik zu diskutieren. Grundlage dafür war sein Buch „Die Kanzlermaschine. Wie die CDU funktioniert.“

Denkt man beim Titel zunächst daran, dass sich hier ein Journalist wieder an dem Klischee des Kanzlerwahlvereins abgearbeitet hat, so muss zumindest ich nach der Lektüre sagen, dass es mir auch neue Sichtweisen auf meine eigene Partei vermittelt hat. In der Tat stimmt es nämlich: Im Gegensatz zur SPD, die an ihren Kanzlern immer gelitten, bisweilen deren Sturz selbst betrieben hat, stellt die CDU gerne den Kanzler oder die Kanzlerin. Und darum geht es ja auch in der Demokratie: das Streben nach Verantwortung.

Ansonsten hält Resing den Lesern, die wohl eher der Union positiv gegenüberstehen oder sich ihr verbunden fühlen, nicht nur den Spiegel vor. Er weist auch auf Besonderheiten oder Merkpunkte in der Geschichte der CDU hin, die nicht jedem bewusst sind – und auch ich habe oft gestaunt.
Heute ist zum Beispiel vielen Mitgliedern und Anhängern der CDU nicht bewusst, dass nicht Angela Merkel diejenige ist, die der CDU den größten Modernisierungsschub ihrer Geschichte verpasst hat, sondern der junge Helmut Kohl mit seinem Generalsekretär Heiner Geißler. Das verwundert nicht. Da heute vor allem der Kanzler der Einheit, der nach langen 16 Jahren 1998 aus dem Amt schied, in Erinnerung geblieben ist, gilt Kohl eher als Bewahrer denn als Reformer mit Blick auf die Partei.

An einer Stelle attestiert Resing der amtierenden CDU-Vorsitzenden jedoch einen Modernisierungsimpuls, den er als „Mutter aller Modernisierungen“ beschreibt: die „Ausländerfrage“. In der Tat ist das für die Partei wohl die größte Herausforderung.

Damit meine ich nicht nur die symbolisch aufgeladene Frage der doppelten Staatsbürgerschaft. Heute erzählen mir CDU-Mitglieder, die Muslime sind oder eine Einwanderungsgeschichte haben, die man ihnen aufgrund ihrer ethnischen Abstammung ansieht, dass sie nicht nur in der Partei, sondern oft auch in der Gesellschaft nicht automatisch als Landsleute akzeptiert werden. Die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ signalisiert eben nicht Interesse, sondern kann auch in dem Sinne verstanden werden: „Du gehörst nicht richtig dazu!“ Ich finde, die CDU sollte sich an die Seite derjenigen stellen, die gerne in unserem Land leben, die fleißig sind und sich etwas aufbauen wollen und die Deutschland zu ihrer Heimat machen wollen. Die Frage, ob jemand ein „guter Bürger“ unseres Landes ist, würde dann endgültig nicht mehr von der Abstammung abhängen, sondern von der Frage, was er für dieses Land tut, welchen Beitrag er bereit ist zu leisten für eine gute Zukunft.

Unabhängig von der Anpassung und Modernisierung der Partei kennzeichnet die CDU als Partei, dass sie „nicht als Kampfgemeinschaft Gleicher, sondern als Verbindung Unterschiedlicher zum gemeinsamen Handeln entstanden“ ist. In der Tat ist das „U“, wie das „C“, ein Alleinstellungsmerkmal der CDU.

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Dem ausgeprägten Wunsch nach einer wertorientierten Politik durch die Mitglieder und treuen Anhänger steht der Ruf nach pragmatischen Antworten auf tagespolitische Herausforderungen gegenüber. Die CDU begegnet diesem Wunsch mit Regionalkonferenzen für die Mitglieder und einer vielerorts sehr guten „Verzahnung mit dem vorpolitischen Raum“, wie Resing schreibt. Doch er weist zu Recht darauf hin, dass diese Stärke nicht gottgegeben ist, sondern die Partei angesichts sinkender Mitgliederzahlen hier vor einer grundsätzlichen Veränderung steht. Der Finger in der Wunde tut weh, aber der Hinweis stimmt.

Auch eine zweite analytische Kritik Resings trifft den Kern der Sache. Die CDU zählt immer noch weit über 400.000 Mitglieder, aber sie repräsentiert in ihrer Struktur längst nicht mehr einen Querschnitt der Bevölkerung. Sie zählt zu wenig Frauen, zu wenig junge Menschen und zu wenig Bürger mit einer Einwanderungsgeschichte in ihren Reihen. Dies ist nicht nur ein Problem mit Blick auf die Repräsentativität.

Ganz praktisch: Die Kandidaten, die die Zustimmung der Mitglieder finden, treffen vor diesem Hintergrund eben nicht mehr automatisch den Nerv bei Wählerinnen und Wähler. Resing formuliert es provokativ so: „Die Mitglieder der CDU sind nicht mehr Spiegelbild der Anhänger- und Wählerschaft. Anhänger und Wähler sind aber letztlich wichtiger als Mitglieder. Oder?“

Dieser Idee mag ich mich nicht anschließen. Es braucht Mitglieder, die in einer Volkspartei eben nicht nur Ämter und Funktionen anstreben, sondern die Politik der CDU mittragen und in der Diskussion in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis verteidigen. Diese Mitglieder kann man nicht bezahlen. Sie sind Gold wert für eine Partei und wir haben viele Männer und Frauen, die eben aus Überzeugung und mit Herzblut Christdemokraten sind. Übrigens: Aus ihren Reihen wird auch der nächste Kanzler oder die nächste Kanzlerin der CDU nach Angela Merkel kommen. Wann das ist, das bleibt abzuwarten. Kanzlermaschine aber will die CDU bleiben.

Auch weil Christdemokraten für sich in Anspruch nehmen, dass wir fürs Land arbeiten und die Ergebnisse und Entscheidungen die Bundesrepublik zu dem gemacht haben, was sie heute ist: das beste Deutschland, das es je gab.

(Fotos: Judith Hoppermann)

Danke für Euren Dienst! – Meine Gedanken zu 60 Jahre Bundeswehr

Ich erinnere mich noch an den Tag als ich erstmals durch das Kasernentor in Schwarzenborn trat. Dort habe ich meine Grundausbildung im PzGrenBtl 152 absolviert. Vor dem Kasernentor hielt ich an. Den Einberufungsbescheid hatte ich dabei. Was nun? Zum Glück war da ein anderer junger Mann, mit dem ich später die Stube teilen und den ich künftig mit „Kamerad“ ansprechen würde, und so trauten wir uns gemeinsam zur Wache.

Damit begangen die vielleicht 12 intensivsten Wochen meines Lebens. Es war fordernd – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Nie wieder habe ich mich so sehr danach gesehnt, zu schlafen, weil ich chronisch übermüdet war. Ich habe 12 Kilo in der Grundausbildung bei den Panzergrenadieren abgenommen. Am Sonntag hatte ich Bauchschmerzen wenn ich wieder zum Dienst musste und war am Freitag zu Hause so müde, dass meine damalige Freundin permanent genervt war. Von wegen erholsames Wochenende. Mein Geburtstag im Biwak war so ziemlich der schlimmste, an den ich mich erinnere. Es regnete, ich war wieder übermüdet aufgrund der nächtlichen Streife und Wache im Alarmposten. Da half auch der Apfel nicht, den der Spieß mir als „Geschenk“ zugedacht hatte.

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Trotzdem oder vielleicht deswegen habe ich wie die anderen Kameraden meines Zuges mit Stolz die grünen Litzen meiner Waffenfarben und das grüne Barett am Ende der Grundausbildung nach der erfolgten Rekrutenbesichtigung in Empfang genommen und getragen. Als ich die restliche Dienstzeit in einer Kompanie der Fernmeldetruppe diente, schrieb ich lieber eine Verlustmeldung für das grüne Barett, das ich heute noch zu Hause habe, als es gegen ein rotes zu tauschen, wie es mir und anderen Kameraden, die nach Mainz versetzt worden waren, befohlen worden war. Keiner gab das so mühsam erdiente grüne Barett freiwillig preis. Der als Spott gemeinte Satz „Er ist kein Mensch, er ist kein Tier. Er ist ein Panzergrenadier.“ ärgerte uns nicht, wir sagten ihn selbst mit einem breiten Grinsen, das eine Menge Stolz beinhaltete.

Nicht jeden Tag bei der Bundeswehr empfand man als Wehrpflichtiger als sinnstiftend. Natürlich gab es auch Langeweile und Monotonie. Und das Zerlegen und Zusammensetzen eines Maschinengewehr oder das Überwinden der Hindernisbahn gehören zum Glück nicht zu den Dingen, die mir in meinem zivilen Alltag nach Ende der Dienstzeit geholfen haben. Aber ich habe viel erlebt und viel über mich selbst und andere gelernt in diesen Monaten als Soldat. Darum denke ich wie viele andere auch mit Dankbarkeit an meine Dienstzeit zurück.

Was hat mir die Bundeswehr gegeben? Erstens habe ich Herausforderungen gemeistert, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Ich habe gelernt, dass ich mehr kann als ich denke, wenn ich mich überwinde und einen Schritt weitergehe. Zweitens habe ich die Erfahrung gemacht, unangenehme Dinge auch einmal auszuhalten. Der Weg des geringsten Widerstandes führt eben nicht immer zum Ziel. Drittens habe ich gelernt, Rücksicht zu nehmen auf andere – das geht gar nicht anders, wenn man sich mit sechs Mann eine kleine Stube teilen muss und Privatsphäre auf einmal ein Fremdwort ist. Viertens habe ich mir das Jammern abgewöhnt. Es nützt meistens nichts, zu jammern, und die Kraft, die das kostet, kann man besser aufwenden um den Grund für das Jammern zu überwinden. Zugegeben: Der letzte Punkt ist manchmal eher ein Vorsatz. Es klappt bei mir nicht immer.

Noch etwas habe ich erlebt. Es gibt sie wirklich: die Kameradschaft, bei der ein Kamerad einem die Hand reicht, ohne zu fragen, was er davon hat oder dafür bekommt, wenn er dir hilft. Vielleicht auch nur, weil er sich ebenfalls darauf verlässt, dass Du ihm beistehst, wenn er dich braucht. Dieser in der Bundeswehr gelebte Geist tut gut, und es würde nicht schaden, wenn er weiter verbreitet wäre – auch außerhalb der Truppe. Die Bundeswehr ist in dieser Hinsicht eben doch eine „Schule der Nation“.

Die Bundeswehr blickt inzwischen auf eine eigene bewegte Geschichte zurück und reiht sich ein in die guten militärischen Traditionen von den Freiheitskriegen bis zu den Männern des 20. Juli 1944. Sie hat eine eigene Tradition ausgebildet, auf die sie stolz sein kann.

Millionen Deutsche, Männer und Frauen, haben seit der Gründung der Bundeswehr 1955 in unserer Armee gedient. Davon haben über 3100 ihr Leben im Dienst für das Vaterland gelassen. 106 sind im Kampf gefallen oder im Einsatz ums Leben gekommen. Die Bundeswehr hat Ihnen mit dem Ehrenmal am Bendlerblock ein Denkmal gesetzt. Wir sollten ihnen dankbar sein und sie nicht vergessen.

Ich salutiere vor den toten Kameraden und den Männern und Frauen, die heute die deutsche Uniform tragen und sage: „Danke für Euren Dienst.“

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Wem gehören die deutschen Farben?

Zwei Tage lang habe ich vor kurzem als Reservist der Bundeswehr in einer Flüchtlingsunterkunft in Offenbach geholfen. An den Wänden der Halle hingen Bilder, die Flüchtlingskinder gemalt hatten. Neben vielen schrecklichen Dingen malten die Kinder vor allem eins: schwarz-rot-goldene Fahnen. Wie kommt das? Was verbinden sie mit diesen Farben? Ihre Geschichte und Bedeutung werden sie wohl kaum kennen.

Auf dem Ärmel meines Feldanzugs war ebenfalls die Deutschlandfahne aufgenäht – so wie auf allen Uniformen deutscher Soldaten. Ich trage diese Farben mit Stolz.

Flüchtlinge 17

Der Legende nach waren es die Lützowschen Jäger, die ihre Jacken schwarz färbten, goldene Knöpfe und rote Aufschläge trugen, um so in den Freiheitskriegen gegen Napoleon einheitlich aufzutreten. Als Freiwillige in einer nicht regulären militärischen Einheit erreichten sie – nicht nur weil bekannte Männer wie Friedrich Ludwig Jahn und Joseph Eichendorff in ihren Reihen dienten – eine legendäre Berühmtheit. Die Jäger wurden zum Sinnbild des Strebens nach Freiheit und mehr noch der Bereitschaft für diese Freiheit alles einzusetzen – auch das eigene Leben.

Später griffen die Studenten die Farben auf. Es ging nicht mehr gegen Napoleon, sondern gegen die deutsche Kleinstaaterei und die Fürstenherrschaft für nationale Einheit, Freiheit und politische Mitbestimmung. Auf dem Hambacher Fest, das nicht nur ein deutsches, sondern ein europäisches Freiheitsfest war, wehten die Farben über dem Schloss. Im Vormärz und in der Revolution von 1848 wurde die schwarz-rot-goldene Fahne endgültig zur deutschen Trikolore der Freiheit und der Hoffnung. Längst ging es auch um soziale Fragen, denn Millionen Deutsche mussten ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not verlassen. Allein in die USA wanderten über fünf Millionen aus. Meist schickten die Familien die Söhne, wenn sie es sich nicht leisten konnten, gemeinsam auszuwandern.

Es herrschte tiefe Verzweiflung in deutschen Landen. Hoffman von Fallersleben dichtete: „Alles lässt sich schwarz nur sehen, Rot und Gold, wo bleibt ihr?“ Jacob Grimm formulierte als Abgeordneter der Paulskirche 1848: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie die auf ihm verweilen macht er frei.“ Doch diese Verheißung, auf deren Erfüllung die Deutschen als Nation bis 1990 warten mussten, musste erst noch hart erkämpft werden.

Bismarck und die Preußen konnten den Farben bei der Reichsgründung, die ein Werk der Fürsten und nicht des Volkes war, nichts abgewinnen. Und auch in der ersten deutschen Republik 1919 hatten die deutschen Farben einen schweren Stand. Die Nationalsozialisten verspotteten sie als „Schwarz-Rot-Senf“.

Nach Gründung der Bundesrepublik taten sich die Deutschen lange schwer mit „ihren“ Farben. Dabei gab es keinerlei Grund zur Zurückhaltung. Die Farben sind historisch nie missbraucht worden. Die Nazis spürten, dass sie mit den Werten, für die diese drei Farben in der deutschen Geschichte standen, nichts anfangen konnten. Doch Hitler hatte den Deutschen die Freude an und den Stolz auf die eigene Nation gründlich verleidet. Da half auch vorerst die Rückbesinnung auf die Farben von Einigkeit und Recht und Freiheit nichts. Inzwischen ist das anders, und zum Glück nicht mehr nur bei Fußballspielen. Wenn die Nationalhymne gesungen wird stehen die Menschen auf, man muss keine Textblätter mehr auslegen. Jeder kennt den Glanz des Glückes, in dem unser Vaterland blüht, weil wir sehr wohl wissen, dass die Deutschen nie freier und glücklicher lebten als heute. Wir sind uns dessen im Alltag vielleicht nicht bewußt. Und wir sollten uns fragen: Treten wir, wenn es ernst wird, für die Werte, für die unsere Farben stehen, ein?

Deutsche Schulkinder malen bunte Blumen oder Tiere, vielleicht auch Kinder in allen Hautfarben. So erleben sie selbst den Alltag in ihren Schulen vielerorts. Trotz dieser Vielfalt verbindet die Kinder, dass sie meist alle in Deutschland geboren worden sind. Dass sie Deutschlandfahnen malen ist indes seltener zu beobachten. Vielleicht wäre es auch an der Zeit, in deutschen Schulen und Kindergärten wenigstens rund um den 3. Oktober wieder zu erzählen, welche Hoffnungen unser Volk in der Vergangenheit mit diesen Farben verbunden hat und was sie bedeuten.

Bei PEGIDA schwenken unter dem Rufen dummer Parolen viele Menschen die deutschen Fahnen. Sie wissen nichts über deren Bedeutung. Schwarz, Rot, Gold sind nicht nur die Farben der Freiheit für das deutsche Volk. Sie stehen für die Freiheit aller Völker und Menschen, und die Deutschen, die sich diesen Farben verschworen hatten, unterstützten den Freiheitskampf der Polen genauso wie die nationale Einigung anderer europäischer Länder. Angesichts der vielen dumpfen Ressentiments, die bei den Demonstrationen in Dresden und anderenorts geschürt werden, würden sich diejenigen, die für und unter dieser Fahne gekämpft und ihr Leben hingegeben haben, wahrscheinlich schämen.

Wenn derzeit in Deutschland Flüchtlingskinder malen, dann greifen sie oft zu den Stiften, die ihnen erlauben, eine Deutschlandfahne zu malen. Oft sind auch ihre Autos oder Häuser Schwarz-Rot-Gold. Sie kennen unsere Fahne, aber sie wissen nichts über die Bedeutung unserer deutschen Farben. Aber sie geben ihnen unbewusst ihre historische Bedeutung zurück. Für die Flüchtlingskinder sind die Farben Schwarz-Rot-Gold die Farben der Freiheit, des Friedens und der Hoffnung. Das sollte uns stolz machen. Und wir sollten ihnen diese Farben schenken. Sie haben viel mehr einen Anspruch darauf und das Versprechen der Farben auf eine gute Zukunft, auf die Hoffnung, mit Fleiß etwas zu erreichen und sicher und behütet aufzuwachsen, als diejenigen, die unter unserer Fahne derzeit Hass und Angst im Land verbreiten. Nehmen wir denen unsere deutsche Fahne weg. Sie ist zu schön dafür.