Wenn das kleine Ammerland im großen Berlin auf Sendung ist

Der Morgen danach, ich fühle mich ausgelaugt. Wie nach einer guten Party; gestern Abend noch total geflasht von dem tollen Erlebnis – heute haben die Aufregung und Anspannung nachgelassen und ich muss erst einmal Luft holen.

Jedesmal ärgere ich mich kurz vor einer neuen Veranstaltungsform über mich selber – warum habe ich nur wieder gemeint, eine vermeintlich gute Idee auch gleich in die Tat umsetzen zu müssen? Ich könnte heute Abend so schön auf dem Sofa liegen und einfach mal nichts tun.

Statt dessen: ich habe vor 9 Tagen über meine Kontakte in den sozialen Netzwerken direkt Menschen angeschrieben, von denen ich mir vorstellen kann, dass sie an folgender Einladung interessiert sind: Hallo „Hugo“! Wichtig! Save the Date! Wir bieten nächste Woche Mittwoch eine bundesweite Skype-Konferenz mit der Bildungs- und Forschungsministerin Johanna Wanka an. Am 24.8.16 von 19 – 20 Uhr im Kaminzimmer der Kreisgeschäftsstelle. Wärest du dabei?

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Gut, ein bisschen geschummelt habe ich bei der Einladung. Es war kein Skype, sondern ein anderes Format. Ein „Digitales Fachgespräch mit Johanna Wanka“, an dem bundesweit 500 Teilnehmer zugeschaltet werden können und das später auf CDU TV Verbreitung findet. Ich dachte mir, unter „Skype“ kann sich jeder was vorstellen, es passt in die Zeit und könnte die Leute anprechen. So war es dann wohl auch: innerhalb von zwei Stunden hatte ich 30 Zusagen, mehr, als das Kaminzimmer fassen kann.

Entstanden ist die Idee im Gespräch mit meiner Kollegin Ute. Die Tatsache, dass die „Digitalen Fachgespräche“ auf unsere Nachfragen bei Mitgliedern im Ammerland noch gar nicht wahrgenommen werden und die Hürde, dass sich nur CDU-Mitglieder beteiligen können, nicht aber interessierte, die wir ja gern zu Neumitgliedern überzeugen möchten, brachte uns darauf, ein gemeinsames, gemütliches „Public Viewing“ anzubieten.

Gestern dann die Vorbereitungen: es sollte ein gemütlicher Abend werden – die Gäste sollen sich wohl fühlen, ein bisschen wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Was eignet sich da besser, als Käsewürfel, Weintrauben und Gummibonbons? Beim Einkaufen habe ich streng selektiert! Was knackt und knuspert zu laut, dass es die Übertragung oder deinen Sitznachbarn stören könnte? Gouda, Kernlose und Joghurt Gums haben den Test bestanden.

Dann 25 Stühle und 2 Stehtische in unser kleines Sitzungszimmer gequetscht, die Dachfenster bei 31 Grad weit aufgerissen und anschließend das bange Warten, wie vor jeder Veranstaltung: Steht die Technik? 20 Minuten vor der Sendung läuft mal wieder gar nix – vermutlich liegt es an meinem veralteten Laptop (kleine Kreisverbände können leider nicht regelmäßig in moderne Technik investieren, immerhin hat das Geld in diesem Jahr für eine Raumkamera und ein Raummikro gereicht). Meine Freundin schickt mich daraufhin aus dem Sitzungsraum raus, voller Vertrauen in unseren Technik-Experten Nils. Gut, Nils macht das beruflich… trotzdem schwindet mein Vertrauen – ungerechtfertigterweise – von Minute zu Minute in seine Fähigkeiten. Ich gehe in mein Büro in der Geschäftsstelle, schnappe mir im Vorbeigehen einen wackeligen Stuhl vom Flur und krame nach dem Imbus in meinem kleinen Werkzeugkasten. Dann baue ich in10 Minuten den Stuhl auseinander und wieder zusammen, permanent lauschend, ob ich von oben eine Erfolgsmeldung bekomme. Der Stuhl wackelt nicht mehr, meine Freundin ruft von der Treppe „Verbindung steht“, das Adrenalin steigt.

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Und schon kommen trotz der lang ersehnten Hitze 20 CDU Mitglieder und Noch-Nicht-Mitglieder, machen es sich im Kaminzimmer so gut es geht gemütlich und unter der Moderation unseres Bundestagsabgeordneten Albani werden Fragen an die Ministerin gesammelt. Noch schnell eine
„Auf den Tisch-Klopf-Abstimmung“ für die beliebtesten Fragen und schon sehen wir Frau Wanka auf der Leinwand unseres Sitzungszimmers lächeln. Ton und Bild laufen etwas ruckelig, ein wenig nostalgische Stimmung kommt auf – wie beim Super-8-Filmabend mit der Familie vor vierzig Jahren. Aber wir bekommen alles gut mit und sind als zweite auf Sendung.
Wieder kurzes Entsetzen, das Zuschalten der Raumkamera funktioniert nicht – das Video-Format akzeptiert nur unsere kleine Laptop-Kamera! Nils dreht schnell den Laptop Richtung Moderator und Stephan Albani darf sogar zwei Fragen an die Ministerin aus unserer Runde stellen (vermutlich weil er ihr mit dem Hinweis geschmeichelt hat, dass er sich nächste Woche auf ihren Besuch bei uns in Niedersachsen als Kohlkönigin freut?).

Was hält die Ministerin davon, dass die TU Ilmenau zum Wintersemester wieder einen Diplom-Studiengang einführen will? Ist das eine Abkehr von Bachelor und Master? Ein entschiedenes „Nein“ erklingt aus unserem kleinen runden Lautsprecher auf dem Tisch. Wenn auf das Zeugnis unter Bachelor oder Master ein Zusatz mit Diplom kommt, das im Ausland immer noch hoch angesehen ist, dann ist das in Ordnung. Viel wichtiger ist, dass die Qualität der Studiengänge überzeugt. Eine Rolle rückwärts wird es bei dem Thema nicht geben.

Albani legt mit der zweiten Frage nach: Wie kann unser viel beachtetes duales Ausbildungssystem gestärkt werden? Antwort von Frau Wanka: Eine neue Werbekampagne über Kino- und Netzspots für Ausbildungsberufe wird gerade gedreht. Wichtiger findet sie aber erfolgreiche Modellversuche, die sich um die realistische Berufsorientierung mit den Schülern kümmern. Diese Modellversuche zu einem dauerhaften Teil der Berufsvorbereitung umzuwandeln hält sie für den richtigen Schritt.

Ein beiderseitiges Danken folgt, der Berliner Moderator wünscht den Ammerländern viel Erfolg bei der anstehenden Kommualwahl (man spürt, dass er ein gebürtiger Niedersachse ist) und schon erscheint der nächste Teilnehmer aus Paderborn auf dem Bildschirm.

Die Video-Konferenz wird weiter gespannt verfolgt. Kleine Aufheiterungen bei ernsten Themen: Eine gemustertete Tapete aus Omas Zeiten im Hintergrund einer jungen Studentin, ein nervöses, niedliches Kichern einer anderen Teilnehmerin nach jedem Satz… man guckt den Leuten ins Wohnzimmer und manch einer traut sich offensichtlich hier Fragen zu stellen, der bei einer großen Veranstaltung mit einer Bundesministerin nicht vor einem großen Publikum aufstehen würde.

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Punkt 20 Uhr verabschieden sich Moderator und Ministerin aus Berlin und die Ammerländer Runde schweigt. Vorerst. Ein paar Sekunden… so viele Fragen in einer Stunde aus unterschiedlichsten Bereichen der Bildung und Forschung… das muss kurz sacken. Dann beginnt eine angeregte Diskussion, die restlichen gesammelten Fragen werden vom Bundestagsabgeordneten Albani beantwortet. Ich lasse mir ein kurzes Feedback geben:
− Wer von euch hat vorher schon einmal an einem „Digitalen Fachgespräch“ der CDU teilgenommen? Außer mir niemand!
− Möchtet ihr eine Wiederholung? Wen soll ich wieder einladen, wenn ein interessantes Thema ansteht? Jeder zeigt schulmäßig diszipliniert mit dem Finger auf!

Alles klar – der Abend war ein voller Erfolg!

Gut gelaunt helfen alle mit die leeren Teller und Gläser in die Küche zu tragen, wo noch etwas weiter diskutiert und geklönt wird, um 21 Uhr liege ich dann auf meinem Sofa und bin froh, dass ich die drei Stunden vorher nicht auch schon dort gelegen habe…

 

Vielen Dank an Ilka Studnik von der CDU Ammerland für den Gastbeitrag!

Eine Woche bei der Truppe

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Ich bin Oberleutnant der Reserve. Nach meinem Grundwehrdienst habe ich während des Studiums in den Semesterferien regelmäßig Wehrübungen abgeleistet. Inzwischen dürften das fast 400 Tage sein. Während des Berufs und nun als Abgeordneter war und ist es mir wichtig, den Kontakt zu den Kameraden in der Truppe zu halten. im Rahmen des Grundwehrdienstes und auf den Lehrgängen und Übungen habe ich bei der Bundeswehr viel gelernt, nicht allein das soldatische Handwerk, sondern auch viel über mich selbst und andere. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte und die mich heute ausmachen. Kameradschaftlich mit anderen unserem Land zu dienen, ist etwas Besonderes. Auch deshalb bin ich stolz und dankbar, als deutscher Offizier in unseren Streitkräften einen Beitrag zu leisten.
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Natürlich hat sich die Bundeswehr in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Auch diese Veränderungen mitzuerleben ist mir wichtig. Das geht nur durch regelmäßiges Üben in der Truppe. Als Historiker und Offizier interessiert mich nicht nur die Geschichte und Tradition, sondern eben auch der Wandel im Auftrag, in Ausrüstung und Selbstverständnis der Soldatinnen und Soldaten. Um das zu dokumentieren, ist das Militärhistorische Museum der Bundeswehr eine wichtige Institution. Es bewahrt nicht nur die historische Erinnerung an die Wehrpflichtarmee oder die Auslandseinsätze, sondern setzt sich auch mit der Rolle des Militärs in der heutigen Gesellschaft auseinander. Es ist außerdem wichtig, dass es einen Ort gibt, wo sich Bürgerinnen und Bürger mit der Geschichte nicht nur der Bundeswehr, sondern des Militärs in Deutschland beschäftigen können. In seiner Konzeption ist das Museum dabei einzigartig. Die Ausstellung und die wissenschaftliche Arbeit genügen dabei höchsten Ansprüchen und sind auch museumsdidaktisch auf dem neuesten Stand.

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Im Rahmen meiner zweiten Wehrübung vor Ort, die leider nur eine Woche dauerte, habe ich wie bereits bei der erstenÜbung für eine im kommenden Jahr geplante Ausstellung recherchiert und zugearbeitet. Dabei konnte ich auf meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit als Historiker, unter anderem auch auf meine Dissertation, die sich mit einem militärhistorischen Thema beschäftigt hat, aufbauen.

IMG_6661Danke für eine Woche bei der Truppe. Danke für erlebte Kameradschaft und Korpsgeist. Danke für Soldaten und zivile Mitarbeiter, die ihren Auftrag erfüllen und dabei keine „Kommissköpfe“ sind, sondern in der Lage leben. Es war mir eine Ehre, wieder dazugehören zu dürfen.
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Laufen und Lesen #laufpeter

Vier Tage Isle of Man, vier Bücher über das Laufen und 80 Kilometer

Blog Laufen Rezension

Bei meinem diesjährigen kurzen Urlaub auf der Isle of Man, den ich vor allem wegen der inspirierenden Landschaftsbilder einer Läuferin gebucht habe, haben mich vier Bücher begleitet, die ich im Bus, im Flieger oder im Café gelesen habe. Hier nun meine Buchbesprechungen für Euch. Nebenbei war ich auch noch Laufen. Ein paar Bilder gibt es zusätzlich. Wunderbare Insel. Tolle Geschichte(n). Eine Reise lohnt sich auf jeden Fall.

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Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Murakami ist ein bekannter Schriftsteller – und er läuft. Nun hat er vor einigen Jahren auch darüber ein Buch geschrieben und seine Erfahrungen mit dem Laufen und seine Gedanken über das Laufen festgehalten. Vorab: Wer keine Anleitungen erwartet, aber dafür die Auseinandersetzung mit der Frage, was uns am Laufen hält, der wird nicht enttäuscht werden. Mir hat das Buch so gut gefallen, dass ich es an einem Vormittag durchgelesen hatte. Murakami hält sich zu Beginn nicht zurück. Ob er nun ehrlich etwas übers Laufen oder über sich selbst schreibt, das sei fast das Gleiche. In der Tat offenbart sich uns ja beim Laufen die eine oder andere Selbsterkenntnis und manchmal lohnt es sich eben, diese zu teilen. Genau das ist der Impuls des Buches. Dass der Autor liebevoll an seinem Discman festhält, die iPods in seiner Umgebung – vor allem bei den jungen gut aussehenden Studentinnen mit Pferdeschwanz – zwar wahrnimmt, er aber Laufen und Computer strickt getrennt sehen will, mutet im Zeitalter des Trackens und Teilens von Läufen in sozialen Netzwerken etwas aus der Zeit gefallen an, aber bis heute gibt es ja Puristen, die über diese Frage trefflich philosophieren.

Mich haben in der Tat all seine persönlichen Schilderungen sehr gefesselt. Ausführlich geht er auf sein Verhältnis zur Musik beim Laufen ein – auch ein beliebtes Thema. Und besonders gut hat mir das Kapitel über seinen Lauf von Athen nach Marathon gefallen. Spannend und unterhaltsam geschrieben. Man spürt die unerträgliche Hitze beim Lesen und leidet mit. Der Frage, was man beim Laufen denkt, geht er ebenfalls nach. Gar nichts zu denken, das hält er für unmöglich. Aber die Gedanken beim Laufen seien eben nicht zwingend zielführend und daher würde das Laufen eben helfen, uns zu entspannen. „Die Gedanken, die mir beim Laufen durch den Kopf gehen, sind wie die Wolken am Himmel. Wolken in verschiedenen Formen und Größen. Sie kommen und ziehen vorüber.“ Mehr Schriftsteller sollten laufen und darüber schreiben, denkt man bei solchen Sätzen. Und Sätze wie diesen findet man an vielen Stellen des Buches. Ehrlich gesagt habe ich als Politiker, der soziale Netzwerke intensiv nutzt auch einen Lieblingssatz im Buch, in dem ich mich wiederfinde: „Wenn ich unberechtigten Vorwürfen ausgesetzt bin (oder es zumindest so empfinde) oder wenn jemand, von dem ich erwarte, dass er mich akzeptiert, es nicht tut, laufe ich immer eine längere Strecke als sonst, um den Teil in mir, der sich unbehaglich fühlt, physisch zu erschöpfen. Dabei erkenne ich, wie begrenzt meine Fähigkeiten sind und wie schwach ich bin. Ich erfahre meine Begrenzungen. Zugleich gewinne ich durch diese längeren Läufe an Körperkraft.“ So ist es.

Daher wundert es nicht, dass der Zusammenhang von Laufen – also der körperlichen Betätigung – und der geistigen Arbeit als Schriftsteller breiten Raum einnimmt. Und die Empathie darf man nicht vergessen. Das Scheitern gehört nicht nur zum Leben, es gehört auch zum Laufen. Wer dann nicht nur einen „Runners Blue“ erlebt, sondern „mit Wärme angefeuert wird“, der kann sich glücklich schätzen. Der These Murakamis, dass das Laufen einen in die Lage versetzt, gelassener aber auch geistig leistungsfähig(er) zu sein, stimme ich voll zu. So empfinde ich es auch. Der letzte Satz des Buches soll auch die Buchbesprechung beschließen: „Zum Schluss möchte ich dieses Buch allen Läufern widmen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin, die ich überholt habe und die mich überholt haben. Wenn ihr nicht gewesen wärt, wäre ich vielleicht nie weitergelaufen.“ Wie gesagt: So ist es.

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Kilian Jornet, Lauf oder stirb. Das Leben eines bedingungslosen Läufers

Ganz ehrlich. Nach den ersten Seiten wollte ich das Buch gleich wieder zur Seite legen. „Sport ist egoistisch, weil man egoistisch sein muss, um kämpfen und leiden zu können, um die Einsamkeit und die Hölle zu lieben. Stehenbleiben, husten, frieren, die Beine nicht mehr spüren, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Blessuren, Blut. Was gibt es Schöneres?“ Danach hatte ich keine Lust mehr weiterzulesen. Das ist weder mein Verständnis von Sport noch sind die beschriebenen Dinge „schön“. Aber wie beim Langstreckenlauf kann sich das Buch ja noch entwickeln, habe ich mir gedacht. Also weiter.

Kilian Jornet ist sicherlich das, was man einen Ausnahmeathleten nennt. Und deswegen sind seine Erfahrungen zwar bisweilen spannend zu lesen, für den „normalen“ Läufer gibt es aber neben Bewunderung und Faszination nur wenige Aspekte, die man für sich selbst entdecken kann. Dennoch – oh Wunder – findet man im Buch solche Passagen. Angesichts des Auf und Abs, des Leidens und der körperlichen wie seelischen Höhenflüge und Abstürze, an denen der Autor uns bei der Schilderung seiner vielen Ultraläufe von den Pyrenäen bis hin zum Kilimandscharo teilhaben lässt, passt das am Ende doch wieder gut zusammen. Zumindest mich ließ es beim Lesen aufhorchen, wenn ich neben den krassen Beschreibungen auch Stellen entdeckte, bei denen ich zu mir selbst sagen konnte: „So ist es.“ oder „Das kenne ich.“

Wie man mit Entscheidungen umzugehen lernt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen ohne zurückzublicken, das beschreibt Kilian Jornet anhand seines Lebensweges. Das Laufen und der Ausdauersport schienen ihm in die Wiege gelegt. Dass er dabei den Sieg über andere so sehr in den Mittelpunkt rückt, unterscheidet ihn von vielen anderen die übers Laufen schreiben. Ist das nun ehrlicher? Oder macht diese von ihm selbst als solche beschriebene Sucht nach Siegen ihn überhaupt erst zu dem Ausnahmeathleten der er zweifellos ist? Diese Absolutheit, die mir zumindest mit Blick auf das Laufen so fremd ist, hat mich das Buch an dieser Stelle fast wieder zur Seite legen lassen. Aber nun gut. Ist man erstmal losgelaufen, dann ist umkehren auch blöd. Also weiter.

Spannend ist es, wenn er ausführlich die akribische Wettkampfvorbereitung beschreibt. Wer über 100 Kilometer am Stück läuft, der muss natürlich gut vorbereitet sein. Und dann schon wieder einer dieser Sätze: „Das morgendliche Aufstehen am Wettkampftag ist vergleichbar mit der Geburt und das Überqueren der Ziellinie mit dem Tod.“ Geht’s noch? Und irgendwie scheint er zu wissen, dass das keine normale Sicht auf die Dinge ist, denn auf Seite 55 dann neben spannenden Beschreibungen seiner Erfahrungen der erste aus meiner Sicht sinnvolle Satz über das Laufen an sich: Der Sieg über sich selbst, die Erfahrung, etwas, dass man selbst für unmöglich gehalten hat, zu schaffen, dass sei es schließlich, worauf es eigentlich ankomme beim Laufen.

Spannend und unterhaltsam sind die im weiteren Verlauf des Buches geschilderten Läufe: 40 Stunden und 270 Kilometer unterwegs zu sein, dass ist kaum vorstellbar. Für Kilian Jornet kein Problem. Staunend und gebannt liest man von seinen inneren Kämpfen und Triumphen über sich selbst und andere Gegner im Wettkampf. Und bevor er uns zu seinem Lauf von Atlantik zum Mittelmeer durch die Pyrenäen mitnimmt überrascht uns das Buch noch mit einer Liebesgeschichte. Auch das findet man in Büchern über das Laufen selten. An überraschenden Wendungen fehlt es also nicht.

Dann wieder eine dieser Stellen im Buch, die auch von Haruki Murakami hätte stammen können. Der Autor verläuft sich und muss umkehren. Er kommentiert diese Situation wie folgt: „Aber sind solche Momente tatsächlich verlorene Zeit? Wollen wir uns nicht verirren und – wie früher als Kinder – ganz eins werden mit dem Wald, all die Pflanzen und Tiere entdecken, so viel Lebendigkeit, um gleichzeitig auch etwas über uns, über unser innerstes Selbst zu erfahren?“ Am Schluss ist mein Urteil über das Buch nicht ganz so hart, wie anfänglich gedacht. Es war keine „verlorene Zeit“ und Kilian Jornet lässt den Leser in der Tat nah an sich heran. Mein Bezug zum Laufen ist aber ein gänzlich anderer. Darum wird es keinen besonderen Platz in meinem Bücherregal erringen.

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Joschka Fischer, Mein langer Lauf zu mir selbstIch gebe es zu: Wegen des Autors wollte ich das Buch unbedingt lesen. Der Weg zum Laufen und seine persönlichen Einschätzungen haben mich neugierig gemacht. Da ich selbst Politiker bin und gerne laufe, wird man zwangsläufig immer nach dem Buch von Fischer gefragt und ob man es denn gelesen habe. Diese Frage kann ich nun positiv beantworten.

Anlass, um sich wieder dem Sport zuzuwenden, ist bei Joschka Fischer eine persönliche Lebenskrise, das Ende einer Beziehung. Er selbst beschreibt sich als sportlich, war aber aufgrund seines Berufs als Politiker immer dicker geworden. Auf stattliche 112 Kilo hatte er zugenommen und den „Aktionsradius auf der Größe eines Bierdeckels“. Neidisch auf den drahtigen und zugleich deutlich älteren Heiner Geißler sei er gewesen, schreibt Fischer. Sehr treffend hat er dabei die täglichen Rituale und den Lebensstil im Umfeld des Parlaments und der Regierungszentrale – damals noch in Bonn – dargestellt. In Berlin ist die Zahl der parlamentarischen Abende und Empfänge mit gutem Essen und alkoholischen Getränken nicht geringer geworden. Die Zahl der Ausreden, warum man keine Zeit zum Sport hat, auch nicht. Die Erfahrung Fischers, dass gerade durch das Laufen sein Arbeitspensum höher, er konzentrierter und gelassener geworden sei, teile ich aus persönlicher Erfahrung. Es ist falsch zu behaupten, dass das Laufen oder der Sport Zeit koste. Das Gegenteil ist der Fall: Man gewinnt Zeit – egal ob man am Morgen läuft und frisch und hellwachem Kopf in den Tag startet oder ob man vor dem Nachtgebet eine Runde läuft und damit auch den Ärger des Tages hinter sich lässt.

Die biologischen und allgemein politischen Analysen Fischers will ich nicht näher bewerten und erörtern. Jeder möge diese Passage, die man so auch in anderen Büchern findet, selbst bewerten. Spannend fand ich seine Gedanken, wie er angesichts seiner Bekanntheit und öffentlichen Funktion mit dem Laufen umgehen sollte. Schließlich sei es unumgänglich, dass Journalisten seinen Gewichtsverlust bemerken würden, wenn er mit dem Laufen beginne, selbst wenn man diese selten morgens um 7 Uhr antreffe. Wie also damit umgehen, wenn er nicht mehr als „wandelndes Faß von Mensch“ erkennbar sein würde?

Fischer offenbart ein paar Eigenarten. So möchte er beim Laufen für sich sein und nicht mit anderen sprechen. Schließlich steigert er sich und die Pfunde purzeln. Bei einem Lauf mit einen Journalisten lässt es sich dann auch zu der Aussage hinreißen, einen Marathon laufen zu wollen. Mit der Hilfe von Herbert Stefny meistert er dann die Vorbereitung, die er exemplarisch schildert. Am Ende läuft er den Marathon deutlich unter vier Stunden. Respekt.  Auch dieser Lauf ist Teil seines „Laufs zu mir selbst“. Das hohe Lied auf „die tiefgreifende Änderung des persönlichen Programms“ und sein selbst gesetzter Anspruch und das hohe Maß an Zufriedenheit, dass aus den Zeilen spricht, wird leicht gemindert, wenn man bedenkt, dass Fischer inzwischen sein persönliches Programm offensichtlich wieder geändert hat. Ob die Zwänge des Amtes als Außenminister dabei zu stark waren, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall zeigt es, dass man gerade als Leistungsträger in der modernen Gesellschaft auch die körperliche Fitness im Auge behalten muss, um den Herausforderungen gewachsen zu sein. Christopher McDougall würde an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch Nelson Mandela und Abraham Lincoln regelmäßig gelaufen sind. Das Buch von Joschka Fischer liest sich schnell und flüssig und beinhaltet ein paar schöne Anekdoten, wie die Begleitung durch einen Boulevardjournalisten während des Hamburg Marathons, der unterwegs die Redaktion per Handy auf dem Laufenden hielt , aber keine grundlegenden Erkenntnisse über das Laufen.

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Christopher McDougall, Born to run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt.

Gleich vorweg: Das bisher umfassendste und beste Buch über das Laufen, dass ich bis dato gelesen habe. Am Anfang habe ich gedacht: Was schreibt der Mann da? Wer ist Caballo Blanco und wer sind die Tarahumara? Daraus wurde dann die wildeste Geschichte über ein in der Tat vergessenes Volk gespickt mit Fakten und klugen Gedanken rund ums Laufen. Wenn ich eine Zusammenfassung liefern wollte, würde das den von mir gesetzten Rahmen sprengen. Roger Bannister, britischer Mittelstreckenläufer, der auch zitiert wird, hat die Quintessenz des Buches gut in eigenen Worten zusammengefasst: „Wenn die Sonne aufgeht, fängst du am besten an zu laufen.“ Wer sich von dem Buch philosophischen Gedanken über das Laufen erhofft, der wird genauso wenig enttäuscht sein, wie derjenige, der auf spannende Anekdoten aus der Laufgeschichte der Jetztzeit aus ist.

Ganz nebenbei wird biologisch fundiert erklärt, warum der legendäre Emil Zapotek mit seinem Satz „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“ recht hatte und wieso der Homo Sapiens nicht nur dem Neandertaler, sondern auch nahezu allen anderen Säugetieren überlegen war und ist: Er konnte und kann (Dank McDonalds und Nike nur noch eingeschränkt) länger laufen. Darum gewinnt beim jährlich im Oktober in Arizona stattfindenden Wettlauf zwischen Mensch und Pferd über die Distanz von 80 Kilometern auch regelmäßig ein Mensch. Wer hätte das gedacht? Für ungläubiges Stauen sorgt da Buch auf jeden Fall an vielen verschiedenen Stellen.

Wer jetzt noch eine Erklärung für die steile These des Buches, dass die modernen Laufschuhe Verletzungen eher gefördert haben als für gesundes Laufen sorgten, der muss das Buch wirklich lesen. Es ist das umfangreichste und spannendste der vier hier vorgestellten Bücher. Und mein kürzester Text. Das Buch muß man einfach selbst lesen, wenn man gerne läuft. Ich laufe gerne. Nach dem Buch werdet ihr euch in eurer Leidenschaft für das Laufen bestätigt sehen oder zumindest neugierig darauf geworden sein, was ihr durch das Laufen über euch selbst erfahren könntet. Darum hat am Ende des Blogposts auch Caballo das Wort: „Laufen sollte nicht dazu da sein, die Menschen irgendwelches Zeug kaufen zu lassen. Laufen sollte nichts kosten, Mann.“

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Die Bürokratie schlägt zurück

Zwei Termine und eine Vielzahl von Eindrücken und die Erkenntnis: Wir Deutschen können offensichtlich nicht aus unserer Haut.

Ich habe die Erstaufnahmeeinrichtung in Hanau sowie das Jugendhilfezentrum Don Bosco in Sannerz besucht. Mir war wichtig zu erfahren, wie die tägliche Arbeit mit Flüchtlingen aussieht, was inzwischen gut funktioniert und wo wir noch besser werden müssen.

Meine erste Erkenntnis: Die Einsatzbereitschaft sowohl der Fachleute in den Einrichtungen als auch der ehrenamtlichen Helfer ist nach wie vor groß. Das ist gut, denn leider kommen sie in der öffentlichen Diskussion kaum zu Wort und finden zu wenig Aufmerksamkeit. Laut hingegen sind die ganzen Meckerer und Leute, die – sich hinter vielen Sorgen versteckend – oft in Wahrheit einfach ausländerfeindlich sind, am liebsten keinen einzigen fremd aussehenden Flüchtling hier haben wollen und dabei den Art. 1 des Grundgesetzes geflissentlich ignorieren.

Besuch des Jugendhilfezentrums Don Bosco während der Sommertour 2016 in Schlüchtern.  (Foto: Tobias Koch)

Besuch des Jugendhilfezentrums Don Bosco während der Sommertour 2016 in Sinntal. (Foto: Tobias Koch)

Die zweite Erkenntnis: Die übergroße Zahl der Flüchtlinge bringt eine hohe Bereitschaft zur Integration mit. Sie wollen Deutsch lernen, sie wollen eine Ausbildung machen, sie wollen etwas zurückgeben. Das trifft beispielsweise auf die sieben jungen Männer aus Eritrea, Somalia und Afghanistan zu, die ich in Sannerz kennengelernt habe. Ein Jahr lang haben sie sich in einem Orientierungskurs des Jugendhilfezentrums Don Bosco in Kooperation mit der Berufsschule auf eine Ausbildung zum Schreiner vorbereitet. Das handwerkliche Geschick ist vorhanden, erste Deutschkenntnisse ebenfalls und die Motivation ist hoch, das hat mir der Werkstattleiter berichtet. Allein: Aufgrund bürokratischer Hürden mangelt es derzeit an einem passenden Qualifizierungsangebot, weil sich die Behörden über die Finanzierung nicht einig werden. Das kann aus meiner Sicht nicht sein. Wir dürfen diese jungen Menschen sich nicht alleine überlassen, sondern müssen dafür sorgen, dass sie mit einer entsprechenden Ausbildung selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Tun wir es doch, werden wir die negativen Konsequenzen am Ende alle zu spüren bekommen.

Besuch des Jugendhilfezentrums Don Bosco während der Sommertour 2016 in Schlüchtern.  (Foto: Tobias Koch)

Besuch des Jugendhilfezentrums Don Bosco während der Sommertour 2016 in Sinntal. (Foto: Tobias Koch)

Die dritte Erkenntnis: die Bürokratie schlägt zurück. Ich hatte gehofft, dass wir nach der schwierigen Situation im Oktober, November und Dezember, wo wir viele Verordnungen und bürokratische Vorschriften beiseiteschieben mussten, um schnell und effektiv zu handeln, mal ernsthaft überlegen, welche dieser nicht angewandten Regeln in Wahrheit überflüssig sind und abgeschafft gehören. Alle mit denen ich sprach schildern mir aber das Gegenteil. Da werden Parallelstrukturen aufgebaut, weil für die Erstaufnahmeeinrichtungen das Land verantwortlich zeichnet, die so genannten „Kontingentflüchtlinge“ aber von den Kommunen betreut werden, und vorhandene Synergiepotenziale, beispielsweise bei simplen Dingen wie dem passenden Raumangebot für Deutschkurse – aus reinem Formalismus heraus nicht genutzt werden. Kluge Aktionen vor Ort wie die „Bäderlotsen“ für Hanauer Schwimmbäder enden für Organisatoren und Teilnehmer in einem Wust aus Bürokratie. Das bringt uns aus meiner Sicht keinen Millimeter weiter. Das können wir besser!

Und dann sind da noch die berührenden Momente, wenn aus der abstrakten „Flüchtlingskrise“ plötzlich Einzelschicksale werden, wenn Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung plötzlich in einem idyllischen Ort wie Sannerz ganz nah erscheinen. So hat mich die nur auf den ersten Blick simple die Antwort, die mir die bereits eingangs erwähnten jungen Männer auf meine Frage, was sie sich vor ihrer Flucht von einem Leben in Europa erhofft haben, gegeben haben, sehr bewegt: „Frieden“. So einfach ist das. Und für Millionen Menschen auf dieser Erde dennoch oft unerreichbar.

Sprachunterricht in der Erstaufnahme Einrichtung für Flüchtlinge in Hanau. (Foto: Tobias Koch)

Sprachunterricht in der Erstaufnahme Einrichtung für Flüchtlinge in Hanau. (Foto: Tobias Koch)

Ich habe die Jungs am Schluss gefragt, was ihnen gut an Deutschland gefällt und was nicht. Es gab nichts Negatives. Wir haben dann noch zweimal nachgefragt. Wieder Schulterzucken. Mein Freund Günter Frenz meinte dann: „Jetzt hört mal auf zu fragen, was bei uns schlecht ist. Ist doch schön, wenn jemand unser Land einfach mal gut findet. Wir selber meckern schon genug.“ Da hat er Recht.

 

Das war meine Praktikumswoche

Wie schon im letzten Jahr, habe ich auch in diesem Sommer wieder eine Praktikumswoche gemacht. Jeden Tag habe ich in einem anderen Betrieb oder einer anderen Einrichtung hospitiert und dort mit angepackt, wo gerade eine helfende Hand gebraucht wurde. In vier Bundesländern standen ganz unterschiedliche Stationen auf dem Programm. Viele Leute hatten mir dazu bei Facebook konkrete Vorschläge geschickt. Nicht alle Anregungen konnte ich aufgreifen, aber doch wenigstens ein paar.

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Mein Praktikumstag am Montag auf dem Hofgut Marjoß (Foto: Ruppert)

Los ging es am vergangenen Montag im Hofgut Marjoß, einer Einrichtung des Behinderten-Werks Main-Kinzig e.V., in meinem Wahlkreis. Dort habe ich beim Füttern und Ausmisten sowie beim Sammeln, Sortieren und Stempeln der Bioland-Eier geholfen. Rund 50 Menschen mit Handicap sind auf dem Hofgut beschäftigt. Beeindruckt hat mich, mit wieviel Konzentration und Ernsthaftigkeit alle bei der Sache waren und ihre Aufgaben dennoch immer mit einem Lächeln auf den Lippen erledigt haben. Wir als CDU wollen die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt weiter ausbauen. Daher hat die unionsgeführte Bundesregierung im vergangenen Jahr ein Sonderprogramm zum Ausbau der bislang bestehenden rund 800 Integrationsbetriebe deutschlandweit auf den Weg gebracht. Für die Schaffung von rund 5.000 neuen Arbeitsplätzen stehen in den Jahren 2015 bis 2017 jeweils 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsmarkt stehen auch im Mittelpunkt der Reform des Bundesteilhabegesetzes, über die wir im Herbst im Bundestag entscheiden. Dafür werden unter anderem die Kommunen ab dem Jahr 2018 jährlich um rund 5 Milliarden Euro finanziell entlastet. Aus meiner Sicht ein richtiger und wichtiger Schritt, denn Integrationsbetriebe wie das Hofgut Marjoß, wo die Menschen gezielt gemäß ihrer Talente und Neigungen gefördert werden, bilden eine wichtige Brücke in den ersten Arbeitsmarkt. Der Weg dorthin ist bereits einigen ehemaligen Hofgut-Mitarbeitern gelungen, wie mir Leiter Dietrich Hunsmann berichtet hat. Eine echte Erfolgsgeschichte, auf die alle Beteiligten zu Recht stolz sein können.

Schweißtreibend ging es am Dienstag beim Straßenbauunternehmen Strassing-Limes (Foto: Wiegelmann)

Schweißtreibend ging es am Dienstag beim Straßenbauunternehmen Strassing-Limes (Foto: Wiegelmann)

Am Dienstag wurde es dann richtig schweißtreibend. Neben einigen Schwielen an den Händen gab es noch einen heftigen Sonnenbrand. Einen Tag lang war ich bei einem Straßenbauunternehmen in meinem Wahlkreis tätig. Meine Schicht begann um 7 Uhr in der Fahrzeug- und Gerätewerkstatt des Bauunternehmens. Meine Aufgabe war es, das Team bei einer umfassenden Überprüfung und Wartung eines Pritschenwagens zu unterstützen. Das ist vor jedem Einsatz zwingend erforderlich, damit es auf den Baustellen später nicht zu Verzögerungen kommt. Am Mittag ging es dann zu einer Baustelle nach Kefenrod. Dort durfte ich in einer Asphaltkolonne mitarbeiten. Es ist spannend zu sehen, wie viele Arbeitsschritte alleine beim oberen Straßenbelag notwendig sind und welche Fallstricke beim Asphaltieren drohen. So darf beispielsweise der Asphalt trotz weiter Anfahrten zur Baustelle beim Verarbeiten in keinem Falle kälter als 110 °C sein. Damit der Verkehr demnächst nicht nur wieder in Kefenrod problemlos fließt, sondern in ganz Deutschland, hat die CDU-geführte Bundesregierung die Mittel für Verkehrsinvestitionen auf Rekordniveau erhöht: Bis zum Jahre 2018 steigen sie um rund 40 Prozent gegenüber 2014. Das zeigt: Wir bringen unser Land voran. Denn ungehinderte Mobilität ist für unser privates wie berufliches Leben unabdingbar.

Zwischenstopp in Berlin an meinem dritten Praktikumstag bei der Jugendberufshilfe und der Volkshochschule (Foto: Blind)

Zwischenstopp in Berlin an meinem dritten Praktikumstag bei der Jugendberufshilfe und der Volkshochschule (Foto: Blind)

An meinem dritten Praktikumstag habe ich bei zwei verschiedenen Einrichtungen hospitiert. Den Vormittag verbrachte ich bei der Jugendberufshilfe der „Neues Wohnen im Kiez GmbH“ in Berlin-Friedrichshain. Dorthin werden Jugendliche übers Jugendamt oder Jobcenter vermittelt, um ihnen Ausbildungsperspektiven zu eröffnen. In zwei Bereichen arbeiten dort junge Leute zwischen 16 und 23 Jahre: Hauswirtschaft und Malerei. Das Angebot ist auch offen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Neben dem Schnippeln von Gemüse und Malereiarbeiten konnte ich mit den engagierten Mitarbeitern der Einrichtung auch darüber reden, wie die Jugendhilfe in Zukunft aufgestellt sein sollte. Nach diesem spannenden Einblick in einen wichtigen, häufig zu wenig beachteten Bereich, war ich noch bei der Volkshochschule in Berlin-Mitte. Dort habe ich an einem Integrationskurs teilgenommen. Die sechstgrößte VHS in Deutschland verfügt über eine langjährige Erfahrung in der Integrationsarbeit, wie man an vielen positiven Beispielen sieht: Integrationskurs-Zeugnisse werden feierlich überreicht, es  gibt berufsbezogene Deutschkurse in Verbindung mit Betriebspraktika. In dem Kurs, den ich besuchte, lernen Teilnehmer unter anderem aus Syrien, Aserbaidschan, China, Neuseeland und Polen. Wir haben ausführlich über gesellschaftliches Zusammenleben, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie religiöse Vielfalt diskutiert. Besonders hat mich das große Engagement der Teilnehmer, ihre Freude am Lernen und die schon sehr guten Deutschkenntnisse beeindruckt – und mit wie viel Begeisterung sie ihr neues Leben in Deutschland aufbauen wollen. Ich habe die Gruppe eingeladen, sie im Herbst mal durch den Bundestag zu führen.

Im Marine Science Center im Ostseebad Warnemünde (Foto: Blind)

Im Marine Science Center im Ostseebad Warnemünde (Foto: Blind)

Am Donnerstag war ich im Marine Science Center im Ostseebad Warnemünde. Dort erforscht eine Arbeitsgruppe des Instituts für Biowissenschaften der Uni Rostock die Sinnessysteme und kognitiven Fähigkeiten von Meeressäugern, also Seehunden, Seelöwen und Seebären. Zunächst stellte mir Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Guido Dehnhardt die Einrichtung vor. Sie ist die größte Haltungsanlage dieser Art weltweit. Rund 15 Mitarbeiter sind dort tätig, die zwölf Tiere sind wirklich Teil des Teams. Besucher können auf dem Schiff in Warnemünde Forschung hautnah erleben. Über 40.000 kommen jedes Jahr, darunter viele junge Leute. Die Einrichtung ist damit auch eine Werbeplattform für naturwissenschaftliches Arbeiten. Nach der Einführung hieß es, selbst mit anzupacken. Jeder macht hier alles – ob Putzen der Anlage, Vorbereitung des Fisches oder Fütterung. Am Mittag stand dann die Begleitung der Forschungsarbeit auf dem Programm. Ich konnte den jungen Wissenschaftlern bei verschiedenen akustischen Versuchen über die Schulter schauen. Die Arbeit des Marine Science Center hat mich tief beeindruckt. Und sie ist ein schöner Beleg, für die Vielfalt und Attraktivität des Forschungsstandorts Deutschland.

Abschluss der Praktikumswoche am Freitag bei Bahlsen in Hanover (Foto: Blind)

Abschluss der Praktikumswoche am Freitag bei Bahlsen in Varel (Foto: Blind)

Das letzte Unternehmen meiner Praktikumswoche wäre für das Krümelmonster das Paradies gewesen! Und ich hatte auch einen tollen und spannenden Tag: Ab sechs Uhr habe ich eine Schicht in der Keksproduktion von Bahlsen im niedersächsischen Varel mitgemacht. Das dortige Werk ist einer von drei Standorten in Deutschland. Jedes Jahr produzieren die 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Varel rund 25.000 Tonnen Kekse und Kuchen. Zunächst konnte ich mir – nach der obligatorischen Einweisung in die Hygienevorschriften – die gesamte Produktionskette von der Teigherstellung über das Backen und Verzieren bis hin zur Verpackung anschauen. Bei der letzten Station durfte ich dann selbst mit Hand anlegen und die einzelnen Kekstüten in Kartons packen und diese auf Paletten stapeln. Bei den vielen Gesprächen mit den temporären Kolleginnen und Kollegen war die große Verbundenheit mit dem Unternehmen förmlich zu spüren. Das liegt sicher auch daran, dass Bahlsen ein Familienunternehmen ist. Ich finde: Wir können stolz sein auf unsere starken Familienunternehmen – und wir als CDU wollen gute Rahmenbedingungen schaffen, damit sie auch weiterhin erfolgreich arbeiten können.

Zum Abschluss möchte ich allen danken, die mir diese spannende und informative Woche ermöglicht haben – also den Menschen in den Betrieben und Einrichtungen, die mir so viel erklärt und gezeigt haben, die mich in ihre Arbeit einbezogen haben, die das offene Gespräch gesucht haben, die auch mal ein Auge zugedrückt haben, wenn ich Anfängerfehler gemacht habe. Die Praktikumswoche war wieder eine sehr tolle und wichtige Erfahrung, aus der ich für meine politische Arbeit in Berlin viele Anregungen mitgenommen habe.

Praktikumswoche – die Zweite

Tag 2

Im letzten Sommer habe ich als CDU-Generalsekretär etwas getan, was ich zuvor als Abgeordneter schon öfter gemacht habe: eine Praktikumswoche. Fünf Tage lang habe ich in fünf verschiedenen Unternehmen und Einrichtungen hospitiert. Dabei war mir eines wichtig: Ich wollte nicht nur kurz vorbeikommen und ein Foto machen, sondern selbst einen vollen Arbeitstag lang mit anpacken. Und dabei mit den Leuten reden, die jeden Tag ihr Bestes geben. Weil ich von der Arbeit im Milchviehbetrieb, im Stahlwerk, auf Streife mit der Bundespolizei, am Fließband und in der Backstube viel für meine politische Arbeit mitnehmen konnte, mache ich das dieses Jahr wieder. Viele Leute haben mir dazu bei Facebook konkrete Vorschläge geschickt. Nicht alle Anregungen konnte ich aufgreifen, aber doch wenigstens ein paar.

Los geht es kommenden Montag in meiner hessischen Heimat: Beim Behinderten-Werk Main-Kinzig wird das wichtige Thema Inklusion im Vordergrund stehen. Der Dienstag wird dann richtig schweißtreibend: Ich werde beim Straßenbau mit anpacken. Der Mittwoch steht in Berlin ganz im Zeichen des Themas Integration – bei der Jugendhilfe und in der Volkshochschule. Den Donnerstag verbringe ich im Marine Science Center in Rostock. Und der Freitag führt mich in die Süßwarenproduktion bei Bahlsen in Varel. Ich bin schon sehr gespannt, welche Herausforderungen mich vor Ort jeweils erwarten und was ich lernen werde. 

Natürlich könnt Ihr jeden Tag an meinen Erlebnissen und Eindrücken teilhaben – bei Facebook, Twitter oder Snapchat. Und am Ende der Woche wird es wieder einen ausführlicheren Bericht auf diesem Blog geben.  

Dem Konservativen auf der Spur

Es ist ein beliebtes Lamento, dass das Konservative als eine der drei Wurzeln der CDU derzeit in der Partei nicht den Stellenwert einnehme, den es einst – vertreten durch Köpfe wie Alfred Dregger – innehatte. Um es vorweg zu schicken: Ich halte diese Behauptung für falsch.

Als ich Generalsekretär wurde, hieß es, nun habe Angela Merkel einen Konservativen für diese Position ausgedeutet. Dies war nicht nur manchen Überzeugungen, die ich vertrete, geschuldet, sondern wurde auch damit begründet, dass ich aus Hessen komme. Man bezeichnet die hessische CDU gerne als konservativ und schreibt ihr gewisse Eigenschaften zu: Zuverlässigkeit und Geschlossenheit zum Beispiel. In der Tat sind das Tugenden, die man als konservativ bezeichnen kann. Nun war es aber genau diese konservative hessische CDU, die unter der Führung von Volker Bouffier, auch ein profilierter Konservativer, die erste funktionierende schwarz-grüne Koalition schmiedete. Wie passt das zusammen?

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Erstens zeigt schon dieses Beispiel, dass in der Theorie die Verortung des Konservativen heute so leicht nicht ist. Und zweitens braucht es für ein schwarz-grünes Bündnis ganz praktisch gerade die Konservativen in der CDU. Inhaltlich sind Grüne und Schwarze in vielen Fragen nach wie vor weit auseinander. Umso wichtiger ist eine Haltung, die dem Konservativem zu eigen ist, wenn es um den Blick auf die Welt geht. Denn während der Zeitgeist vielfach eine Unterscheidbarkeit von verschiedenen Positionen verhindert und eine falsche political correctness zur Sprachlosigkeit führt, hat der Konservative einen eigenen Standpunkt. Konservative verabsolutieren im Gegensatz zu Sozialisten und anderen, die in geschlossenen Weltbildern denken, ihre Haltung aber nicht.

Der Historiker Andreas Rödder hat zu Recht darauf hingewiesen: „Keine unwandelbaren Inhalte also machen Konservatismus aus, und dennoch hat er durchgehende Grundlagen.“ Im Großen ist die Freiheit der entscheidende Wert für Konservative, aber keine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit, die zur Verantwortung befähigt: für sich selbst, für andere und für das eigene Vaterland. Im Kleinen ist es der Satz, den viele noch von ihren Eltern lernen: „Das macht man nicht.“ Eine Haltung; nicht nur die Akzeptanz von Regeln, sondern die Einsicht in deren Notwendigkeit und das Einhalten solcher auch dann, wenn kein anderer sieht, dass man sie bricht; Rücksicht und Respekt; die Bereitschaft, sich zurückzunehmen, Entscheidungen und Veränderungen zu akzeptieren, auch wenn sie nicht der eigenen Überzeugung entsprechen; die Bereitschaft zu dienen: das ist konservativ.

Aus dieser Haltung ergibt sich nicht zwangsläufig ein politisches Programm, wohl aber ein Selbstverständnis, aus dem heraus man politisch arbeitet. Das lateinische „conservare“ bedeutet „bewahren“. Und das ist der Anspruch: Das, was gut ist, was sich bewährt hat, soll in die Zukunft getragen werden.

Mit Blick auf die Tagespolitik können die Konservativen vieles vorweisen: Die Notwendigkeit einer Leitkultur hat sich die CDU schon 2007 in ihr Grundsatzprogramm geschrieben. Alle Entscheidungen zum Asylrecht, zur inneren Sicherheit und zur Integration fußen darauf. Vor 15 Jahren wurden Christdemokraten für das Bekenntnis zur Leitkultur noch beschimpft. Heute ist auch bei Sozialdemokraten und Grünen völlig unstrittig, dass wir etwas Verbindliches und Verbindendes brauchen, damit das Zusammenleben gelingt. Für Christdemokraten ist dabei klar, dass wir unser Land lieben, stolz auf Deutschland sind, aber dass das C eine klare Grenze nach rechts setzt. Auch diese Standortbestimmung verdankt die Partei den Konservativen.

In der deutschen Geschichte hatten Konservative übrigens nie nur eine politische Heimat. Die Bundesrepublik bildet da eine Ausnahme. Gerade das Scheitern der Weimarer Republik führt vor Augen, dass auf der einen Seite Konservative Hitlers Weg in die Reichskanzlei ebneten, es auf der anderen Seite Konservative waren, die ihn und die Nazis bis zum Schluss bekämpften und aufs Tiefste verachteten. Deren Ideen gehören zu den geistigen Wurzeln der CDU bei der Gründung 1945.

Die CDU ist deshalb eben nicht nur eine konservative Partei. Wir sind Christdemokaten. Das christliche Menschenbild ist die Grundlage unserer politischen Überzeugungen und speist unsere drei Wurzeln: die christlich-soziale, die liberale und die konservative. Alle drei sind gleichermaßen wichtig. Alle drei müssen gleichermaßen gepflegt werden. Und darum haben Konservative nicht nur ihren Platz in der Union. Es braucht sie.

Der Mut, das Notwendige zu tun, um das zu bewahren, was einem lieb und teuer ist, also auch zu Veränderungen bereit zu sein, ja sie sogar anzutreiben, ist ebenfalls konservativ. Genau das wird die Union im 21. Jahrhundert leisten müssen. Dafür braucht es das Konservative. Franz Josef Strauß wird häufig die Aussage „Tradition heißt, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“ zugeschrieben. Dieser Satz ist richtig. Er stammt aber ursprünglich von Gerhard von Scharnhorst. Einem preußischen General und Reformer.

Der Text ist erschienen als Gastbeitrag im „Tagesspiegel am Sonntag“ am 10. Juli 2016.

Europa ist eine Herzensangelegenheit

Steht Europa wirklich vor dem Ende, wie es manche unken oder beschwören – mit wohligem Schauer in der Stimme und das eigentlich Unsagbare nur raunend? So wie vielen Briten, denen jetzt erst dämmert, was der Brexit für ihr Land wirklich bedeutet, haben all diese Kassandrarufe nicht bedacht, was die Konsequenzen eines auseinanderfallenden Europas wären. Keine Frage: Europa befindet sich – wieder einmal – in einer Krise. Dabei bietet die Entscheidung der Briten, die vielleicht nur auf den ersten Blick eine endgültige ist, bei genauerem Hinsehen sogar mehrere Chancen.

Helmut Kohl hat einmal gesagt: „Europa bleibt eine Frage von Krieg und Frieden mit allem, was dazugehört: neben dem Frieden auch die Freiheit, der Wohlstand und die Demokratie.“ Drunter ist es nicht zu machen. Und weil viele das spüren, sind sie von kleinlichen Debatten um Gurkenkrümmung und Duschköpfe auch so genervt. Man hat das Gefühl, Europa kümmert sich nicht um die wichtigen Dinge, wie zum Beispiel den Schutz seiner Außengrenzen, sondern verliert sich zu oft im Kleinklein.

Zunächst muss man sich aber noch einmal vor Augen führen, dass dies nicht die erste und auch nicht die schwerste Krise des vereinten Europas ist. Die dieser Tage vielfach beschworenen Römischen Verträge, deren Unterzeichnung vor 60 Jahren wir 2017 feiern werden, waren eine Reaktion auf die erste Krise der europäischen Einigung: auf das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft. Die zweite große Krise Europas wurde ausgelöst durch die Politik des leeren Stuhls: Charles de Gaulle überließ Europa sich selbst und lähmte es damit. Die Antwort war die Erweiterung Europas um die jungen Demokratien im Süden. Der viel beschriebenen Eurosklerose folgte Helmut Kohls bedingungslose Politik für ein vereintes Europa. Die Staaten Osteuropas kamen hinzu, die gemeinsame Währung wurde eingeführt. Nachdem die Idee einer europäischen Verfassung gescheitert war, folgte der Vertrag von Lissabon. Und in der Staatsschuldenkrise zerbrach die europäische Währung nicht etwa, sondern durch Reformen und neue Regeln blieb sie nach dem Dollar bis heute die zweitwichtigste Reservewährung der Welt.

Europa hat auf Krisen also immer wieder reagiert und eine klare Antwort gegeben: Mal führte das zu einer Erweiterung Europas, mal zu einer Vertiefung. Wenn jetzt allerdings manche erneut nach Erweiterung oder Vertiefung rufen, dann kann das aus meiner Sicht nicht die richtige Antwort sein.

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Junge Briten, aber auch junge Menschen in ganz Europa haben die Antwort dieser Tage bereits gegeben. Ich finde es beeindruckend und schön, dass die Generation, die Krieg und Not am eigenen Leib nie erfahren musste, doch ein gutes Gespür dafür zu haben scheint, dass es dieses Europa ist, was ihnen ein Versprechen gibt: Sie können lernen was sie wollen, arbeiten wo sie wollen, leben wie sie wollen und lieben wen sie wollen. Europa ist damit für sie längst mehr als ein Wirtschaftsraum. Es ist eine Herzensangelegenheit. Muss das nicht die Antwort auf die aktuelle Krise sein? Eine Rückbesinnung auf das Gute und Schöne in Europa?

Auffallend ist, dass die Brexit-Befürworter, die mit unglaublicher Hetze und Lügen für ein Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union geworben haben, merkwürdig still sind. Außer den Freudentränen von Beatrix von Storch sind keine Bilder des Jubels in Erinnerung geblieben. Damit wird deutlich: Die Gegner Europas, Rechtspopulisten und Nationalisten, haben keine Antwort, wie sie sich die Zukunft ohne Europa vorstellen. Sie riskieren in Wahrheit Freiheit, Demokratie und Wohlstand ihrer Nationen. Das dämmert jetzt manchen. Und allen anderen muss man es jetzt klar sagen. Für uns in Deutschland heißt das: Die AfD ist antieuropäisch und riskiert damit die Zukunft der Jugend unseres Volkes.

Nun sind Europäische Kommission, das Europäische Parlament aber vor allem auch die Staats- und Regierungschefs in Europa gefordert: Sind sie die Stimme der Jugend Europas? Sie müssen es werden, und auch den jungen Menschen, die an Europa zweifeln, Mut machen, an die eigene Zukunft zu glauben. Damit bekommt Europa eine neue emotionale und geistige Grundlage. Es wird von einer Idee, die Krieg und Not in Europa beenden half, zu einer Idee für die Zukunft.

Die CDU ist die deutsche Europapartei. Sie wird sich dieser Aufgabe besonders annehmen müssen. Denn am Ende gilt, was Konrad Adenauer sagte: „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.“

Der Text ist erschienen als Gastbeitrag in der Huffington Post.

Seht, da sind die Katholiken!

Leipzig – das ist nicht nur der Ort, an dem sich rund um Fronleichnam Tausende zum Katholikentag getroffen haben. Leipzig ist auch der Ort, an dem mein hessischer Landsmann Johann Wolfgang von Goethe einige Jahre studierte. Ein von ihm gern besuchter Ort war Auerbachs Keller – eine Leipziger Institution. Ein Denkmal setzte Goethe dieser Gaststätte im Faust I mit der Szene Auerbachs Keller in Leipzig. Einige Kapitel später begegnet dem Leser der Tragödie die weltberühmte Gretchenfrage. Gretchen fragt den Gelehrten Heinrich Faust: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ 

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Dieser Frage hatte sich auch die Stadt Leipzig zu stellen, als sie Gastgeberin des diesjährigen Katholikentags war. Nur vier Prozent der Leipzigerinnen und Leipziger sind katholisch, elf Prozent evangelisch. Auf den ersten Blick nicht gerade der naheliegendste Ort für solch ein kirchliches Großereignis. Auf den zweiten Blick aber doch vielleicht genau der richtige Ort. Denn: Wo stellt sich die Gretchenfrage drängender als an Orten, in der Kirche, in der Religion nicht zum Alltag der Menschen gehört.

Wenn heute die Religionsfreiheit für Muslime ganz offen in Frage gestellt wird, wenn Kirche immer wieder unter Legitimationsdruck gerät, wenn viele Menschen mit christlichen Feiertagen nichts mehr anfangen können, wenn Religion aus dem öffentlichen Raum gedrängt wird, dann stellt sich unserem ganzen Land die Frage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ 

Mit dieser Frage können wir uns sehr abstrakt beschäftigen – mit Verweis auf unser gewachsenes Religionsverfassungsrecht und die korporative Religionsfreiheit, mit philosophischen Annäherungen an den Menschen als homo religiosus, mit kulturgeschichtlichen Betrachtungen der christlichen Prägung Europas und mit vielem mehr. 

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Unterwegs auf der Kirchenmeilen bot sich immer wieder Zeit für spontane Gespräche mit anderen Besuchern.

Wir können aber auch mit wachem Blick auf die ganz konkrete Wirklichkeit der Religion in unserer Umgebung schauen – und dabei ganz besonders auf die Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugung mit anpacken und die Welt mit jeder auch noch so kleinen Tat ein Stückchen besser machen.

Genau dies habe ich bei meinem Besuch des Katholikentages einmal mehr erleben können. Ich habe begeisternde Menschen getroffen, spannende Geschichten gehört und wunderbare Gespräche geführt. Dabei zog sich wie ein roter Faden durch all diese Begegnungen: Glaube ist für viele etwas, das einen aufrüttelt, das einen förmlich zum Handeln und Anpacken zwingt. Viele Gläubige fühlen sich nicht auf der Zuschauertribüne wohl, sie wollen mitmischen – und das aus ihrem religiösen Selbstverständnis heraus.

Und: Glaube habe ich auf dem Katholikentag auch nicht als etwas erlebt, das die Welt in Rosarot färbt. Der gelebte Glaube erschöpft sich nicht in einem fröhlichen Halleluja und klatschender Begleitung von religiösem Liedgut. Es gibt wohl kein Problem in unserem Land, das nicht auf dem Katholikentag angesprochen wurde. Aber im Unterschied zu denjenigen in unserem Land, die sich auf der Zuschauertribüne bequem eingerichtet haben und mit nörgelndem Unterton der Problembeschreibung frönen, spürte ich in Leipzig ein echtes Ringen – um gute Lösungen, um Verbesserung für die Menschen, um Konsens und Zusammenhalt.

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Gespräch am Stand von donum vitae, einem Verein für Schwangerenkonfliktberatung.

Da sind Haupt- und Ehrenamtliche bei den Maltesern, die anpacken, indem sie nicht nur Flüchtlingsunterkünfte betreiben sondern vor allem Integration voranbringen. Da sind Frauen und Männer bei donum vitae, die sich selbst organisieren, um schwangeren Frauen in einer schwierigen Entscheidungssituation zur Seite zu stehen. Da sind junge Menschen im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), die sich der Frage stellen, wie Politik aus Perspektive junger Menschen aussehen muss. Da sind Militärseelsorger, die Räume für Soldatinnen und Soldaten schaffen, um über ihren schwierigen  und wichtigen Dienst für unser Land zu sprechen.

Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Aber eines eint alle: Resignation, Jammern und Meckern ist keine Option. Religiöse Überzeugung provoziert zur Tat, zum Handeln und Mitmachen. Als Generalsekretär erlebe ich diese Haltung täglich auch in unserer Partei. Christdemokraten – ob Christen, Juden, Muslime oder Nichtgläubige – wollen genauso anpacken. Sie überlassen das Meckern gerne anderen, wenn sie stattdessen auch nur einen kleinen Schritt machen können, unser Land voranzubringen.

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Begegnung mit Flüchtlingen bei den Maltesern. Mit dabei auch Constantin von Brandenstein-Zeppelin (l.) aus meinem Wahlkreis.

„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?“ Als Christdemokraten fällt uns die Antwort auf diese Frage leicht: Religion ist Kraftquelle fürs Anpacken; Religion fordert auf zum Bessermachen; Religion schenkt den Mut zum Handeln. Deshalb wissen wir um den Wert des Religiösen. Deshalb stehen wir ohne Wenn und Aber zur Religionsfreiheit. Deshalb hat Religion im öffentlichen Raum etwas zu suchen. 

Seit Jahren begleitet mich ein Satz des Jesuitenpaters Alfred Delp. Als Mitglied des Kreisauer Kreises war er im Widerstand gegen Hitler aktiv und wurde im Februar 1945 in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet. Von diesem mutigen und im Glauben tief verwurzelten Mann stammt der Satz: „Wer nicht den Mut hat, Geschichte zu machen, wird ihr armes Objekt. Lasst uns tun!“ Dieser Satz klang mir beim Katholikentag das eine oder andere Mal in den Ohren. Wir können uns glücklich schätzen, wie viele Menschen in unserem Land dieser Devise folgen – vielen Dank ihnen allen!

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Fotos (4): Tobias Koch

Die Bundeswehr als Ort der Integration

In der vergangenen Woche war ich beim Verein „Deutscher Soldat e.V.“ und habe mit Hauptmann Dominik Wullers über das Thema „Migrant. Schwarz. Deutsch. Soldat. – Wie Integration Deutschland besser macht“ diskutiert. Der Verein, der sich vor fünf Jahren gegründet hat, steht für ein Miteinanders in unserem Land, bei dem gemeinsame Werte wichtiger sind als sichtbare Unterschiede. Den Soldatinnen und Soldaten geht es um eine deutsche Gesellschaft, in der die Leistungsbereitschaft einen höheren Stellenwert hat als die Abstammung. Ein sehr lobenswerter Anspruch, wie ich finde.
In der Diskussion, die natürlich auch von der aktuellen Flüchtlingssituation geprägt war, haben wir sehr grundsätzlich darüber gesprochen, was „deutsch sein“ ausmacht und wie wir mit einem geschärften Bewusstsein über das was uns ausmacht selbstbewusst auf die Menschen zugehen, die zu uns kommen oder in der zweiten beziehungsweise dritten Generation bei uns leben. Für mich ist klar: Deutsch ist, wer sich Deutsch fühlt. Egal woher er kommt. Damit meine ich das Bekenntnis zu den Grundwerten, die unser Zusammenleben prägen, und in dieser Überzeugung manifestiert sich ein wesentlicher Aspekt, der uns als CDU ausmacht: Wir überwinden seit unserer Gründung vor 70 Jahren Gräben und führen unterschiedliche Menschen und Positionen zusammen.

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Wenn wir es schaffen, diese Idee des Zusammenführens selbstbewusst zu leben, werden wir als Gesellschaft aber auch als Partei für Bürger interessant, die eine Einwanderungsgeschichte haben und sich bei uns integrieren wollen. Ihnen müssen wir die Möglichkeit geben, sich einzubringen. Gemäß dem Motto: Wenn du unsere Überzeugung teilst, dann mach mit! Wir als CDU machen das seit 70 Jahren. Anfangs bei der Integration der Heimatvertriebenen und heute mit vielen neuen Mitbürgern, die aus verschiedensten Ländern zu uns kommen und mit uns für unser Land arbeiten wollen.
Und da sind wir an einem wichtigen Punkt. Gerade durch die aktuelle Flüchtlingssituation stellt sich immer wieder die Frage: Was bedeutet es eigentlich, dazu zu gehören? Geht Integration so nebenbei, oder braucht es einen geeigneten Rahmen, damit sie gelingen kann? Dominik Wullers hat in der Diskussion gesagt: „Rückblickend auf 13 Dienstjahre bei der Bundeswehr kann ich sagen, dass die Bundeswehr mein Verständnis von Demokratie geschärft hat.“ Dass die Bundeswehr diese Leistung vollbringt, ist ein hoher Wert und wir tun gut daran, diesen auch zu würdigen.
Der Blick in die jüngere Geschichte lehrt uns, dass Integration eben nicht mal so nebenbei funktioniert. Deshalb diskutieren wir jetzt auch ein Integrationsgesetz, in dem die Pflicht zur Integration festgeschrieben werden soll. Das ist die klare Handschrift der CDU.