SCHWARZER PETER

Rede anlässlich der Gelöbnisfeier beim Sanitätsregiment 1 in Weißenfels

Sehr geehrte Frau Oberstarzt Dr. Krause,
sehr geehrter Herr Generalarzt Dr. Schmidt,
Soldatinnen und Soldaten des SanRgt 1,
Rekrutinnen und Rekruten der 11. und 12. Kp

Peter Bamm, Sanitätsoffizier im Zweiten Weltkrieg, dessen Buch „Die unsichtbare Flagge“ Sie als Sanitätssoldaten alle gelesen haben sollten, hat einmal gesagt: „Das Leben ist zu aufregend, als dass man gemütlich darin herumsitzen dürfte.“

Sie haben sich für einen bisweilen aufregenden Beruf entschieden. Ein Beruf, der nicht nur im Einsatz und im Krieg alles ist, aber nicht gemütlich. Ihnen muss bewusst sein: Wir bilden Sie aus, um im Zweifel unter Einsatz ihres Lebens Kameradinnen und Kameradinnen zu helfen, Menschenleben zu retten.

Und Sie haben sich entschieden, ihrem Vaterland zu dienen. Nun sind Sie dabei, diese Entscheidung mit dem Gelöbnis und dem Eid zu unterstreichen. Wir danken Ihnen dafür und wir wünschen Ihnen allzeit Soldatenglück.

Hier in Weißenfels werden heute 150 junge Frauen und Männer in aller Öffentlichkeit versprechen, unserem Land treu zu dienen und unser Recht und unsere Freiheit tapfer zu verteidigen.

Es sind leider nicht Freunde, Bekannte, stolze Eltern, Lebenspartner und Kinder sowie Ehrengäste anwesend, wie das sonst bei der Vereidigung üblich ist. Sie wissen um die besonderen Umstände. Aber ich bin sicher, dass Sie in den letzten Wochen bereits Gelegenheit hatten, Ihre ersten Eindrücke des Soldatseins zu teilen – wenigstens virtuell.

Es werden in Zukunft hoffentlich viele Momente kommen, an denen die Menschen, die Ihnen nahe sind, einen Einblick in Ihren Dienst nehmen können. Beim Tag der Bundeswehr, beim Tag der offenen Tür, bei Beförderungen oder über das, was sie in sozialen Netzwerken aus ihrem Dienstalltag teilen.

Gerade letzteres würde ich mir wünschen und möchte Sie dazu ermutigen, über ihren Dienst in den Streitkräften mit Stolz zu sprechen. Ihre Kommandeurin ist da ein gutes Vorbild, wie man das in sozialen Netzwerken verantwortungsvoll, aber mit Freude tun kann.

Schon jetzt wird Ihnen zuhause manch einer anmerken, dass sich etwas in Ihrem Leben geändert hat. Vielleicht ist die Mutter in Sorge, weil der Sohnemann auf einmal weiß, wie man sein Bett macht. Und das auch noch ordentlich.

Spätestens bei der Sprache dürfte es aber auffallen, dass Sie sich für einen Beruf entschieden haben, der kein alltäglicher ist.

Sie steigen nicht mehr aus dem Auto aus, Sie sitzen ab.

Sie gehen nicht mehr zum Essen, Sie verpflegen.

Sie fahren nicht mehr zu McDonalds. Sie verlegen in ein amerikanisches Schnellrestaurant.

Sie erzählen keine Geschichte. Sie machen Meldung.

Es geht Ihnen nicht mehr schlecht. Sie melden sich neukrank.

Es heißt nicht ok, es heißt jawohl.

Und sie zählen anders. Die Zwei ist jetzt eine Zwo.

Vielleicht ist auch schon jemand von Ihnen schon zum Spieß geschickt worden, um den Schlüssel für den Verfügungsraum zu empfangen.

Mit anderen Worten: Sie haben viel gelernt. Und sich wahrscheinlich anstrengen müssen. Um es noch einmal mit den Worten Peter Bamms zu sagen: „Auch im Wörterbuch kommt „Anstrengung“ vor „Erfolg“.“

Nicht nur in der Sprache merkt man, dass sich etwas geändert hat. Sie lernen das Leben im Felde und den Umgang mit Handwaffen. Sie lernen den militärischen Gruß und Disziplin. Und Sie lernen natürlich ihren Kernauftrag als Sanitäter kennen. Nicht wenige bringen ja aus dem Gesundheitswesen eigene berufliche Erfahrungen mit. Und sie lernen Dinge, die beim Militär wichtig sind, aber von denen unsere ganze Gesellschaft profitieren kann:

Sie haben gelernt, was Kameradschaft bedeutet. Und im besten Falle haben Sie erlebt, dass Dinge leichter fallen, wenn man füreinander einsteht. Dem Kameraden, der neben einem steht zu helfen, auch wenn man selbst dadurch keinen Vorteil erzielt, im Gegenteil, wenn das von einem mehr verlangt. Das ist es, was am Ende über Erfolg und Misserfolg entscheiden kann.

Im Soldatengesetz ist von der Pflicht zur Kameradschaft die Rede. Nehmen Sie diese Pflicht ernst. Kameradschaft erweist sich erst, wenn sie einander annehmen und unterstützen, gerade dann, wenn sie nicht einer Meinung sind, wenn sie sich unterscheiden, wenn einer nicht so viel zu leisten vermag wie der andere.

Kameradschaft ist leicht, wenn man erfolgreich ist. Aber einander auszuhalten. Sich offen zu begegnen. Vertrauen zu schenken. Das ist wahre Kameradschaft.

Unserer Gesellschaft mangelt es oft an dieser Kameradschaft. Wir nennen das in der Zivilgesellschaft Solidarität oder Nächstenliebe. Seien Sie in der Kameradschaft also Vorbild nicht nur für andere in der Bundeswehr. Seien Sie Vorbild für die Menschen in unserem Land.

Seien Sie sich deshalb bewusst: Man schaut auf Sie. Sie sind nicht mehr Hannes Schmidt. Sie sind Sanitäter Schmidt. Ein deutscher Soldat. Alles was sie tun und sagen – auch im Privatleben – wird am Ende das Bild unserer Streitkräfte in der Gesellschaft prägen. Verhalten Sie sich entsprechend.

Sie erleben hier heute einen Neubeginn. Erstmals wird der 90. Offizieranwärterjahrgang in der Laufbahn der Offiziere des Truppendienstes Sanitätsdienst (OffzTrDstSan) in Weißenfels ausgebildet. Analog zum Heer kehrt auch der Zentrale Sanitätsdienst zu den „Ursprüngen“ zurück.

Besonderheit dabei ist auch, dass der 89. Offizieranwärterjahrgang (Einstellung 1. Juli 2019) derzeit im Truppenpraktikum im Sanitätsregiment 1 ist und somit der Führernachwuchs nun den Führernachwuchs mit ausbildet. Sie haben so die Chance, Prägung, Stolz und Bindung an ihre Truppengattung anders zu leben und erfahrbar zu machen. Nutzen Sie diese Möglichkeit.

Nun ist es an Ihnen in wenigen Minuten hier öffentlich zu geloben, “treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen”. Dieses Versprechen verlangt viel und ist nicht halbherzig zu erfüllen. Es erfordert den Einsatz des ganzen Menschen.

Rekrutinnen und Rekruten! Sie dienen heute dem besten Deutschland, dass es je gab. Nie haben die Deutschen in einem Staat gelebt, der Ihnen mehr Freiheit, mehr Wohlstand und mehr Frieden ermöglicht hat. Es gibt in der deutschen Geschichte keine Phase von 70 Jahren Frieden. Unsere Großväter und Großmütter, unsere Väter und Mütter haben das erarbeitet. Es ist an meiner und Ihrer Generation, Frieden, Einigkeit und Recht und Freiheit zu bewahren.

Dabei muss uns klar sein, dass man Freiheit nicht geschenkt bekommt. „Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit“: So lautet der Wahlspruch des Bündnisses, der NATO, der wir Deutschen seit langer Zeit angehören. Ohne dieses Bündnis hätte es keine 70 Jahre des Friedens und erst recht keine Deutsche Einheit gegeben. Wir tun gut daran, treu zur NATO zu stehen.

Rekrutinnen und Rekruten! Ihnen soll bewusst sein, dass wir viel von Ihnen verlangen. Mehr als von anderen Soldaten in der deutschen Geschichte.

Sie müssen einem Dreiklang gerecht werden, den es so selten gibt: Sie verteidigen das Staatsgebiet, das Volk, aber eben auch die Werteordnung der Bundesrepublik Deutschland, wie sie im Grundgesetz festgeschrieben steht. Letzteres geht weit über die treue Pflichterfüllung hinaus. Das bedeutet, sie müssen aktiv für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten. Und übrigens nicht nur im Einsatz oder im Verteidigungsfall.

Ihr Eid verpflichtet Sie dazu, aufzustehen und zu widersprechen, wenn jemand diese Bundesrepublik verächtlich macht. Die Verteidigung unserer Freiheit beginnt mit Worten. Mit Widerspruch gegenüber den Feinden der Republik.

Ihnen muss klar sein: Niemand kann Deutschland wirklich dienen, wenn er nicht erkennt, für welche Werte die wunderschönen Farben Schwarz-Rot-Gold stehen. Es sind die Werte, wie sie die Mütter und Väter des Grundgesetzes in unsere Verfassung geschrieben haben.

Falsche Patrioten, die sich nicht nur in der Farbenlehre, sondern auch in den Symbolen und Werten verirrt haben, haben in unseren Streitkräften nichts verloren.

Wenn Sie fragen, welchen Werten Sie die Treue schwören, dann finden Sie diese nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in der Inneren Führung.

Sie werden in Ihrer Dienstzeit immer wieder über Innere Führung sprechen. Sie ist nicht, wie manche sagen, ein Instrument zur Führung. Sie ist auch keine Wellness-Veranstaltung. Innere Führung ist ein Wertefundament. Es soll Ihnen helfen, als Soldat in einer Demokratie zu dienen und zugleich den besonderen Erfordernissen des Soldatenberufs gerecht zu werden.

Das Ideal in der Bundeswehr ist deswegen nicht der „hart erzogene Soldat“, sondern der „sich selbst hart erziehende Soldat“, wie es Wolf Graf von Baudissin, der Vater der Inneren Führung formuliert hat. Sie selbst sind es, die sich erziehen müssen. Sich die notwendige Härte abverlangen.

Aber Innere Führung mahnt nicht nur zur Disziplin und militärischen Härte. Sie erzieht uns auch zur Kameradschaft und Mitmenschlichkeit. Härte und Empathie, Freiheit und Pflicht, schließen sich, wenn man die Werte preußischen Soldatentums zugrunde, legt nicht aus! Das Gegenteil ist der Fall.

Die Sanität hat sich den Leitspruch „Der Menschlichkeit verpflichtet“ gegeben. Sie folgt damit einem Grundgedanken der Inneren Führung, den Generalleutnant Wolf Graf von Baudissin formuliert hat! Denken Sie deshalb immer daran: „Der Soldat, der keine Achtung vor den Mitmenschen hat – und auch der Feind ist ein Mitmensch -, ist weder als Vorgesetzter noch als Kamerad noch als Mitbürger erträglich.“ Dieser Satz von Baudissin, einem der Gründungsväter unserer Bundeswehr, gilt heute mehr denn je. Auch von dieser Haltung kann unsere Gesellschaft aktuell ruhig ein wenig mehr vertragen!

Bamm, Baudissin. Fehlt eigentlich nur noch einer: Clausewitz. Für Clausewitz beruht militärische Stärke „nicht auf hohem rationalem Kalkül, spezialisiertem Fachwissen und technischer Routine, sondern auf hoher Geistigkeit, vereint mit Charakter und Seelenstärke.“ Geistigkeit, Charakter und Seelenstärke. Das sollen Sie mitbringen und in der Bundeswehr erlernen. Wir verlangen also viel von Ihnen, aber wir trauen Ihnen auch viel zu!

Wer treu dient, wer nicht als erstes an den pünktlichen Dienstschluss denkt, sondern daran, ob er seinen Auftrag erfüllt hat, wer sich selbst zurücknimmt, um anderen zu dienen, der hat im Gegenzug auch Anspruch auf Anerkennung und Wertschätzung:  Die Wertschätzung der Gesellschaft für den Schutz, den Sie für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes gewährleisten. Und ich kann Ihnen sagen, dass die allermeisten Bürgerinnen und Bürger sehr stolz auf unsere Bundeswehr sind. Vielleicht sind sie nicht so laut wie manch ein Kritiker, aber sie schauen mit Vertrauen auf Sie. Und ich darf für die politische Leitung und militärische Führung der Bundeswehr sagen: Auch unser Vertrauen und unsere Anerkennung haben Sie! Danke für Ihren Dienst und allzeit Soldatenglück!

Rede anlässlich der Gelöbnisfeier beim Sanitätsregiment (SanRgt) 1 in Weißenfels am 29. August 2020 – Es gilt das gesprochene Wort.

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