Dank des Internets erleben wir etwas, das die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die durch andere Medien wie Kino, Radio und Fernsehen verursacht worden sind, weit in den Schatten stellen wird. Heiko Hebig, Head of Digital Media bei Burda, hat die kulturelle und gesellschaftliche Revolution, die unmittelbar um uns herum jetzt gerade geschieht, in zwei Sätzen zusammengefasst: “Um auch nur ansatzweise zu erkennen, wie schnell sich die Welt um uns herum entwickelt und verändert, sollte man ein Gespräch mit 12 bis 14-jährigen Schülern suchen [...] Diese heranwachsende Generation versteht nicht, warum man um 20.15 Uhr einen Film im Fernsehen schauen sollte, wenn man den Film doch auch um 19.17 Uhr im Internet abrufen kann, sie versteht nicht, warum das Tauschen von Musik illegal sein sollte und sie versteht nicht den Mehrwert von gedrucktem Papier mit den Nachrichten von gestern.” Was diese kulturelle Revolution durch das Medium Internet für unsere Nation und unsere Gesellschaft genau bedeutet, das soll auch die vom Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ untersuchen.
Das Kino, das Radio, das Fernsehen und nun das Internet. Schon immer haben neue Medien ihre Zeit geprägt, haben teilweise dramatische Veränderungen in unserer Gesellschaft und Kultur nach sich gezogen, und in der Regel waren sie in ihrer Entstehungszeit alles andere als unumstritten. Am Ende haben sich all diese Medien nicht nur durchgesetzt, sie sind heute nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unserer pluralistischen Gesellschaft. Die Frage, wie wir mit neuen Medien umgehen, stellt sich aber jedes Mal aufs Neue.
Auch heute erleben wir wieder, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen das neue Medium Internet nicht verstehen – aus Angst, aus Unvermögen oder viel-leicht auch einfach, weil sie verlernt haben, die Welt um sie herum und ihren Wandel wahrzunehmen. Die oft irritierenden Sätze mancher Politiker, wie jüngst die Aussagen des CSU-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Uhl zur Bedeutung des Internets im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in Norwegen und seine pauschale Schlussfolgerung, das Internet müsse strenger kontrolliert werden, sind hierfür ein gutes Beispiel. Neu ist das Unvermögen, mit neuen Medien umzugehen und – statt sie positiv zu nutzen und zu gestalten – vergeblich zu versuchen, ihre Entwicklung zu verhindern, allerdings nicht.
Das Kino
Als die Bilder laufen lernten waren sofort kluge Pädagogen zur Stelle, die davor warnten, dass der Besuch der Lichtspielhäuser – wie die Kinos damals hießen – nicht nur moralisch hoch fragwürdig sei. Nein, auch die Gesundheit sei gefährdet. Die Reizüberflutung könne vom Gehirn kaum verarbeitet werden und auch die Augen müssten zwangsläufig Schaden nehmen, erklärten Mediziner. Die so sprachen waren keineswegs um Aufmerksamkeit buhlende Ärzte und Lehrer aus der Provinz. Es waren oft anerkannte und kluge Köpfe ihrer Zeit. Allerdings verhallten ihre mahnenden Worte (zum Glück) mehr oder weniger ungehört. Zu groß war die Faszination und Begeisterung für das neue Medium. Der Siegeszug des Kinos ging einher mit einem zunächst signifikanten Rückgang der Besucherzahlen in Theatern, im Zirkus und in den Varietés. Von Intellektuellen und Bildungspolitikern wurde daher der Niedergang der Kultur heraufbeschworen. Doch – oh Wunder – noch heute gibt es Theater und gerade das Varieté ist beliebt wie nie. Der Attraktivität des Mediums Film tat diese Kritik intellektueller Kreise damals übrigens keinen Abbruch. Siegfried Kracauer hat die Faszination des Kinos als Medium in seiner Anfangszeit sehr treffend beschrieben: „Viele Leute, die es ins Kino zog, waren niemals im Theater gewesen, andere hingegen wurden von der Bühne weg zur Leinwand gelockt. (…) Die Kinos, Attraktion für junge Arbeiter, Ladenmädchen, Arbeitslose, Bummelanten und für Typen, die sozial nicht einzustufen waren, standen in ziemlich schlechtem Ruf. Sie boten den Armen ein Obdach und den Liebenden eine Zuflucht.“
Das Kino blieb in seiner Wirkungsmacht keineswegs auf diese romantisch und düster beschriebene Zielgruppe beschränkt. Der Siegeszug dieses neuen Mediums war vor allem deshalb nicht aufzuhalten, weil es am Ende mehr war als eine neue Form der Unterhaltung und Freizeitgestaltung. Das Kino wurde nicht nur zu einem Unterhaltungsmedium für die Massen – in Berlin gab es 1910 bereits 139 Kinos. Die gleichzeitige bildliche Darstellung von Monarchen neben alltäglichen Dingen und dem Erzählen einfacher Geschichte durchbrach Hierarchien, Autoritäten wurden hinterfragt oder gar aufgelöst, denn wenngleich sich die kaiserliche Familie bewusst im neuen Medium inszenierte, so wurde sie doch zum Subjekt, zum Gegenstand der filmischen Handlung. Zudem entsprachen die dargebotenen Inhalte eben nicht den Bildungsnormen der Eliten, sondern den Gewohnheiten des normalen Bürgers, die mit ihren Eintrittsgeldern erstmals Einfluss auf das kulturelle Angebot ausüben konnten. Die Kritiker des Kinos hatten diesen emanzipatorischen Aspekt des neuen Mediums sehr wohl erkannt, aufhalten konnten sie den Erfolg des Kinos aber trotzdem nicht.
Das Radio
Als es das Radio ermöglichte, nicht nur Nachrichten zu hören, sondern Musikkonzerte und Sportereignisse unmittelbar aus der Ferne mitzuerleben sowie Geschichten und Dokumentationen zu lauschen, zog dieses Medium sofort die Menschen in seinen Bann. Den eigenen Erfahrungshorizont so zu durchbrechen war etwas Unerhörtes und völlig Neues. Die Zahl der Hörer war noch überschaubar als 1923 in Deutschland das erste Rundfunkprogramm startete, doch dies änderte sich mit der Etablierung relativ kostengünstiger Geräte und vielfältiger Programme, die vor allem dem Unterhaltungsbedürfnis der Menschen Rechnung trugen. Im Gegensatz zum Kino befand sich der Rundfunk von Beginn an allerdings unter staatlicher Obhut, was nichts daran änderte, dass manch ein Politiker auch diesem neuen Medium skeptisch begegnete. Die von Bertolt Brecht in seinem Rundfunkexperiment niedergelegte Konzeption war für obrigkeitsstaatlich orientierte Politiker nicht Verheißung einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft, sondern vielmehr eine Bedrohung etablierter gesellschaftlicher Ordnungsmuster.
Bevor das Radio im Nationalsozialismus als Instrument der politischen Massenpropaganda genutzt wurde, sollte das nur durch das Zahlen von Gebühren mögliche Radiohören vor allem der Erziehung und Bildung dienen, auch wenn die Hörer erkennbar andere Inhalte präferierten. Die Inhalte der Programme unterlagen daher der staatlichen Kontrolle. Die Programmmacher konnten und wollten sich dabei aber auf Dauer nicht dem Geschmack der Hörer entziehen. Dies war freilich ein erneuter Anknüpfungspunkt für Kritik an diesem neuen Medium. Die Skepsis half nicht weiter. Vom festlich inszenierten gemeinsamen Hören des Radioprogramms in der Familie bei besonderen Sendungen und Ereignissen ist das Radio heute zu einem echten „Nebenbeimedium“ geworden.
Das Fernsehen
Als in den 1930er Jahren das Fernsehen technisch möglich wurde, war dieses neue Medium zunächst einer kleinen und überschaubaren Personenzahl zugänglich. Als Massenmedium taugte es wenig. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies im Zuge des beginnenden Wirtschaftswunders allerdings rasant. Im Jahr 1952 wurde erstmals ein auf wenige Stunden beschränktes tägliches Programm ausgestrahlt. Drei Jahre später besaßen immerhin schon 500.000 bundesdeutsche Haushalte ein Fernsehgerät. Bis Mitte der 1960er Jahre gab es dann bereits über acht Millionen begeisterte Bundesbürger, die vor einem Fernseher saßen. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik gibt es heute in mehr als 10 Prozent der Haushalte sogar mehr als zwei Fernseher. Gut 30 Prozent verfügen über 2 Geräte und insgesamt steht in nahezu jedem Haushalt mindestens ein Fernsehgerät.
Auf dem Weg dorthin wurde das Farbfernsehen erfunden, und mit der Zulassung privater Fernsehsender erlebte das Fernsehen einen weiteren Innovationssprung. Manch einer zuckt zusammen, wenn im Zusammenhang mit privaten Sendern wie RTL II und 9Live von Innovationssprüngen die Rede ist. Die mit der Einführung des Fernsehens einhergehende Kritik an diesem Medium war aber eben kein neues Phänomen, sondern die Wiederholung eines Diskurses, der so oder so ähnlich bereits bei der Etablierung des Radios und des Kinos stattgefunden hatte. Die Entwicklung eines vor allem an den Interessen des breiten Publikums und möglichst hohen Einschaltquoten orientierten Programmangebots bot zusätzlich Ansatzpunkte für Kritiker. Doch gerade am Beginn seiner Erfolgsgeschichte stand das Fernsehen in der Kritik: So telegraphierte der damalige Bundestagspräsident Dr. Hermann Ehlers an den Intendanten des Ersten Deutschen Fernsehens nach dem Fernsehgenuss: „Sah eben Fernsehprogramm. Bedauere, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen.“
Ich selbst bin noch mit drei Fernsehprogrammen, dem Testbild nach Sendeschluss und der Nationalhymne kurz nach den Spätnachrichten groß geworden und kann mich sehr wohl an Debatten darüber erinnern, ob das Fernsehen den Kindern die Kreativität nimmt, zu sozialer Vereinsamung führt und das Ende des Lesens durch das Fernsehen eingeläutet werden würde. Trotz der unbestreitbar negativen Auswirkungen des übermäßigen Fernsehkonsums (welcher übermäßige Konsum hat keine negativen Auswirkungen?) sind die verschiedenen Horrorszenarien nicht eingetreten. Mit dem Fernsehen hat sich eben wie vorher mit dem Kino und dem Radio „lediglich“ ein weiteres Medium etabliert.
Das Internet
Das letzte neue Medium, dem man – egal ob Gegner oder Freund – zubilligen muss, dass es unsere Welt fundamental verändert (hat), ist das Internet. Technische und historische Entwicklungen erspare ich mir an dieser Stelle und verweise auf die entsprechenden Darstellungen im – na? – im Internet. Wenn man dumme oder sagen wir vielleicht lieber peinliche Zitate übers Internet bzw. die daraus resultierenden gesellschaftlichen Debatten sucht, dann stößt man auf wirklich überraschende Stilblüten. So entblödete sich Stephan Holthoff-Pförtner, Gesellschafter der WAZ, nicht, Bloggern den Schutz des Artikels 5 GG abzusprechen. Angesichts der heutigen Bedeutung sozialer Netzwerke im Alltag lag auch BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner im Jahr 2006 falsch, als er erklärte: „Einem Menschen wird man auf seinem Weg zum Bäcker begegnen, aber niemals im Internet.“
Es wird nicht besser, wenn man die Zitate von Politikern hinzufügt, die irgendwo zwischen Unkenntnis und Ignoranz einzuordnen sind. Der Grüne Hans-Christian Ströbele antworte beispielsweise auf die Frage, ob er verschiedene Browser nennen könne: „Ich weiß nur, dass es Leute gibt, die da so ein Programm entwickelt haben, womit man mit einzelnen Fundwörtern dann was finden kann, aber ich mach das nie.“ Die Frage von Homer Simpson, Sicherheitsinspektor in einem Kernkraftwerk im US-amerikanischen Springfield: „Das Internet? Gibt’s diesen Blödsinn immer noch?“ muss man aber trotzdem mit „Ja“ beantworten.
Vielleicht schwingt bei diesem „Ja“ aus Sicht einiger Zeitgenossen ein bedauerlicher Un-terton mit. Und offensichtlich gehört auch mein Bundestagskollege Hans-Peter Uhl zu den Politikern, die dem Vorschlag, dass Internet einmal auszudrucken und dann abzuschalten, etwas abgewinnen könnten. Diejenigen, die die unglaublichen Chancen des Internets für eine freie Welt, für Ökonomie und Fortschritt erkennen (ohne freilich naiv die Risiken auszublenden), könnten nun mit Blick auf die Geschichte achselzuckend die Kritiker mit ihren doch oft recht merkwürdigen und wirklichkeitsfernen Vorschlägen am Wegesrand stehen lassen. Wir wissen schließlich: Die neuen Medien haben sich durchgesetzt, aller Unkenntnis und Angst mancher Kritiker zum Trotz. Das mag einerseits beruhigend sein.
Als Politiker der CDU kann ich aber nicht still bleiben, wenn beispielsweise Hans-Peter Uhl wider besseres Wissen behauptet, die Union sei sich einig, dass das Internet stärker kontrolliert werden müsse. Das ist in doppelter Hinsicht falsch. Erstens teilt ein nicht unerheblicher Teil in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion diese Sichtweise explizit nicht (und mit jeder Äußerung Uhls zum Internet steigt der Leidensdruck derjenigen, die sich mit dem Internet, seiner Funktionsweise und seinen Chancen und Risiken wirklich befassen). Zweitens offenbart die Forderung nach mehr Kontrolle einfach nur die Hilflosigkeit gegenüber einem neuen Medium.
Die Trennlinie in dieser Debatte, die eben auch in der CDU geführt wird, ist nicht, wie manche glauben, eine Generationenfrage (vielleicht ist sie dies in Nuancen). Im Kern ist es die Debatte zwischen denjenigen, die das Internet verstehen und „kennen“ und denen, die aus den verschiedensten Gründen dem neuen Medium mit Skepsis, Angst und Unverständnis begegnen und dann noch der Überzeugung sind, Lösungen für aktuelle Fragen das neue Medium betreffend mit dem Handwerkszeug von gestern finden zu können. Diesem Diskurs kann ich nicht achselzuckend folgen. Diesen Streit muss man führen. In einer Partei, aber auch in einer Gesellschaft.
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