SCHWARZER PETER

Das Weihnachtswunder im Ersten Weltkrieg

In der kleinen Stadt Messines erinnert heute ein Denkmal an ein kleines Weihnachtswunder im Großen Krieg. Das Denkmal zeigt zwei Soldaten, die sich die Hände reichen. Zwischen ihnen liegt ein Fußball. Was wie eine wunderbare Weihnachtslegende klingt ist historische Wirklichkeit gewesen. Weihnachten 1914 hörte an verschiedenen Stellen entlang der Westfront das Schießen auf. Soldaten beider Seite stiegen aus den Schützengräben und gingen aufeinander zu. Und sie spielten auch Fußball. Was brachte diese Männer dazu?

Sie waren ins Feld gezogen, um für Kaiser und Reich den Sieg zu erringen, die jungen deutschen Soldaten aus der Uckermarck, aus dem Vogelsberg, aus Pommern und Sachsen. Was mit Jubel und klingendem Spiel begann sollte bis Weihnachten siegreich beendet sein. Auf der anderen Seite dachten die französischen und britischen jungen Männer genauso. Auch sie hatten beim Abschied ihren Familien fest versprochen, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Den verdammten Hunnen, so wurden die Deutschen von ihren Kriegsgegnern genannt, werde man es schon zeigen. Nun stand das Weihnachtsfest 1914 vor der Tür. Ein Sieg und der Frieden waren in weite Ferne gerückt. Und auf beiden Seiten entlang der Front im Westen, die sich inzwischen in die gefrorene Erde gekrallt hatte, saßen die Soldaten frierend in ihren Stellungen und schrieben Briefe nach Hause. Wenngleich sie nicht daran zweifelten für die richtige Sache zu kämpfen und am Ende doch siegreich zu bleiben, so war doch das Heimweh an Weihnachten noch stärker als sonst. Auf beiden Seite hatte man Feldpost heran gekarrt. Es gab Sonderrationen an Schokolade. Bei den Briten den beliebten Plum Pudding. Bei den Deutschen Lebkuchen und Christstollen. Die Feldgeistlichen bereiteten die Gottesdienste am Weihnachtstage vor. Walter Flex schrieb auf deutsche Seite mit dem „Weihnachtsmärchen des 50. Regiments“ eine eigene Geschichte, die während des Krieges immer wieder an Weihnachten in den Kompanien vorgelesen werden sollte. Den Krieg konnten die Männer nicht vergessen oder verdrängen, aber sie konnten sich an das Erinnern, was sie an zurückliegenden Weihnachtsfesten erlebt hatte. Unbeschwerte Freude mit der Familie, mit Freunden. In der Heimat.

Schnee bedeckte am Heiligen Abend die Stellungen entlang der Westfront. Trotz vereinzelter Schusswechsel war es ruhig an der Front. Eine Atempause. An manchen Abschnitten, wo die feindlichen Gräben oft nur wenige Meter auseinander lagen, hatten die Soldaten eine Art Waffenstillstand geschlossen. Teilweise wussten die Offiziere davon, teilweise nicht. Im Niemandsland lagen die Toten beider Seiten friedlich nebeneinander. Als es dunkel wurde fingen die englischen Soldaten an zu singen. Die Weihnachtslieder schallten auch zu den deutschen Stellungen hinüber. In einer Pause erwiderten die deutschen Soldaten den Gesang. Nach dem Ende eines Liedes kam Applaus von der anderen Seite. Und es folgte die Aufforderung, noch ein Lied zu singen. Anderenorts bauten die deutschen Soldaten die dienstlich gelieferten kleinen Tannenbäume mit den Lichtern zusammen. Bis in den vordersten Graben wurden diese Bäume gebracht. Eine unwirkliche Situation, aber sie spendeten mit ihrem Licht doch so viel Trost und Hoffnung und kündeten von der Geburt des kleinen Jesuskindes. Einige fürwitzige Soldaten kamen auf die Idee, die Bäume auf die Brüstung der Schützengräben zu stellen, damit sie etwas von der deutschen Weihnacht hinübertrugen zu den „Tommies“.

Irgendwann passierte es dann. Und zwar nicht nur an einer, sondern an unzähligen Stellen an der Front. Die Soldaten kletterten aus ihren Gräben. Wer als erster so mutig war, ist kaum zu sagen. Aber den Satz aus der Weihnachtsgeschichte „Fürchtet Euch nicht!“, den nahmen viele jetzt wörtlich. Plötzlich standen sie sich gegenüber. Die Sachsen und die Schotten, die Preußen und die Engländer. Vor noch nicht einmal 24 Stunden hatten sie einander nach dem Leben getrachtet und jetzt – nach anfänglichem Zögern – tauschten sie unter Lachen die Weihnachtsrationen. Lebkuchen gegen Corned Beef. Familienfotos von den Liebsten zu Hause wurden herumgereicht. Einträchtig stand man beisammen. Die Offiziere entweder mitten unter ihren Männern oder fernab in den Quartieren in der Etappe. Es war ein wirklich denkwürdiger Heiliger Abend. Doch damit nicht genug. Noch ein Wunder geschah. Man verabredete sich für den Weihnachtsmorgen. Der Friede sollte weiterreichen. Wahrscheinlich war man auch neugierig aufeinander. Im Dunkel der Weihnacht hatte man einander ja kaum richtig betrachten können. Und was kaum jemand für möglich gehalten hatte, passierte. Am nächsten Tag trafen sich die Männer wieder. An mehreren Stellen der Front hatten vor allem die Engländer Fußbälle mitgebracht. Spontan wurden Fußballspiele organisiert. Fotoapparate wurden gezückt und es entstanden gemeinsame Bilder, die sogar den Weg in die englischen Zeitungen finden.

Was so unwirklich klingt, ist Weihnachten 1914 tatsächlich passiert. In Großbritannien ist dieses Weihnachtswunder unter dem Begriff „christmas truce“ ein fester Begriff, so wie dort der Große Krieg im kollektiven Gedächtnis noch tiefer verankert ist, als der Zweite Weltkrieg – vielleicht auch, weil der britische Blutzoll in diesem Krieg größer war als im Zweiten Weltkrieg. In Deutschland geriet dieser Weihnachtsfrieden leider in Vergessenheit. Im Rahmen meiner Doktorarbeit bin ich in verschiedenen Quellen immer wieder auf die Fußballspiele zwischen Briten und Deutschen gestoßen. Mich haben die verschiedenen Berichte und Bilder tief berührt. Darum wollte ich sie hier mit Euch teilen.

Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich das Buch „Der kleine Frieden im Großen Krieg: Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten“ von Michael Jürgs, erschienen 2005 bei Goldmann, zur Lektüre. Es gibt auch eine Graphic Novel von Michael Foreman mit dem Titel „War Game“, die ebenfalls über den Buchhandel erhältlich ist. Auch ein deutscher Film mit dem Titel „Merry Christmas“ mit Benno FÜhrmann, Daniel Brühl und Diana Kruger in den Hauptrollen ist 2005 entstanden, der sehenswert ist.

Was bleibt vom Weihnachtswunder 1914? Ist das mehr als eine bewegende Geschichte aus einem Krieg, der mehr als 100 Jahre zurück liegt? Ich glaube schon. Max von Schenkendorf, einer der wichtigsten deutschen Lyriker der Freiheitskriege, hat in seinem Weihnachtsgedicht „Brich an du schönes Morgenlicht“ folgende Zeilen verfasst:

Der Himmel ist jetzt nimmer weit,
Es naht die sel’ge Gotteszeit,
Der Freiheit und der Liebe.
Wohlauf, du frohe Christenheit!
Dass Jeder sich nach langem Streit
In Friedenswerken übe.

Ich wünsche uns, dass wir ähnlich wie die Soldaten 1914 an Weihnachten solche Friedenswerke üben. Unsere Zeit braucht davon wahrlich mehr. Bleibt behütet und gesegnet. Frohe Weihnachten!

11 Kommentare zu “Das Weihnachtswunder im Ersten Weltkrieg

  1. Dann will ich eine Buchempfehlung anschliessen. Jeremy Rifkins Buch aus 2010 „Die empathische Zivilisation“ – Er nimmt die Geschichte des kleinen Friedens von 1914 am Anfang seines Buches auf und entfaltet eine Geschichte der sich entwickelten Empathie im Menschengeschlecht.

    Ein ziemlich gewagter Schritt, so positiv über die Menschen zu denken (und trotzdem nicht die Augen vor dem Schlimmen zu verschliessen).
    Deswegen gab es auch….gemischte Kritiken. Zwei sehr gegensätzliche, beide aus meiner geschätzten FAZ anbei verlinkt.

    Frohe Weihnachten, Ein wunderschönes Hanukkah oder welche weltlichen oder religiösen Rituale ihr in diesen Tagen auch pflegt.

    Jens Best

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/2.1716/die-empathische-zivilisation-1957750.html

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/jeremy-rifkin-die-empathische-zivilisation-mir-ist-so-ganz-empathisch-wohl-1913415.html

  2. Leider hat Herr Jürgs in diesem Buch etwas unsauber gearbeitet daher fehlen viele Quellenverweise. Auch zu empfehlen ist der Film Merry Christmas der das gleiche Thema behandelt…

  3. Liebe Mitmenschen, nicht nur zur Weihnachtszeit sollten wir diese Bilder für unser tägliches Leben beherzigen!! Es ist besser so zu denken, als Waffen auf andere zu lenken!!!

  4. Hatten die deutschen 1914 nicht noch Helme mit Pickelhauben?
    Das 2. Foto scheint mir daher später entstanden (ab 1916?) zu sein.

    Frohe Weihnachten!

    1. Sie haben recht, das ist ein Helm M16. Hat somit nichts mit dem Weihnachtswunder gemein, ist eher als Symbolbild zu werten. Wo ist eigentlich der Quellverweis für die Bilder? 😈

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