SCHWARZER PETER

Zum 10. Jahrestag des Karfreitagsgefechts

Meine sehr verehrten Damen, meine Herren,
liebe Familien und Angehörige,
Soldatinnen und Soldaten,

das Erinnern an das Gefecht bei Isah Kehl und an die am Karfreitag, den 2. April 2010, gefallenen Soldaten, gehört inzwischen zur Erinnerungskultur unserer Bundeswehr. Auch wir haben uns heute hier versammelt um an

den Hauptgefreiten Martin Agustyniak,
den Stabsgefreiten Robert Hartert und
den Hauptfeldwebel Nils Bruns

zu erinnern und ihrer zu gedenken. Viele Angehörige und Freunde sind heute hier. Viele Kameraden erinnern sich an Momente, die sie mit ihnen geteilt haben. Und so ist der Schmerz über den Verlust noch immer spürbar. Auch nach zehn Jahren. Ein Schmerz, den man nicht teilen und verstehen kann, wenn man die drei nicht persönlich kannte. Dessen bin ich mir bewusst.

Doch Sie sollen wissen, dass den drei Männern nicht nur hier, im Fallschirmjägerbataillon 373, sondern vielerorts über die Bundeswehr hinaus ein ehrendes Andenken bewahrt wird. Warum ist das so? Es gibt mehrere Gründe.

Das so genannte Karfreitagsgefecht war zwar nicht das erste und nicht das letzte Gefecht der Bundeswehr in Afghanistan – und es wird nicht das letzte Gefecht unserer Streitkräfte bleiben – aber die Dauer, die Härte und die Opfer dieses Kampfes, mit drei gefallenen und acht verwundeten Soldaten, hatte es so in der Bundeswehr noch nicht gegeben.

Die Erinnerung an diesen Kampf und seine Toten steht daher auch stellvertretend für das Erinnern an alle 35 Soldaten, die in Afghanistan gefallen sind. Für alle insgesamt 59 in den Auslandseinsätzen gefallenen Kameraden, für die 114 in den einsatzgleichen Verpflichtungen und den Auslandseinsätzen ums Leben gekommenen Angehörigen unserer Streitkräfte sowie für insgesamt 3298 seit Gründung der Bundeswehr in treuer Pflichterfüllung verstorbenen Bundeswehrangehörigen.

An alle erinnern wir gemeinsam im Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin. Sie sind im Tod miteinander verbunden, so wie alle, die um die Toten trauern, miteinander verbunden sind.

Wir wollen heute hier gemeinsam trauern. An die Toten denken. An die, die wir kannten. Aber auch an die, deren Namen uns nicht geläufig sind. Die aber ihre Pflicht getan haben getreu ihres Eides. Ich bitte Sie daher um einige Momente des stillen Gedenkens.

Wir werden auch künftig in der Bundeswehr Momente dieses Gedenkens brauchen. Sie sind notwendig.

Es ist viel über das Karfreitagsgefecht geschrieben worden. Mir geht es heute nicht darum, den Verlauf nach zu zeichnen. Mir ist etwas Anderes wichtig.

Alle deutschen Soldaten, die bei Isah Kehl gekämpft haben, haben den Kampf angenommen. Acht wurden verwundet, drei haben mit dem Leben dafür bezahlt. Sie haben gemeinsam gekämpft. Miteinander und füreinander. Der große Moltke hat es so formuliert: „Nicht der Glanz des Erfolges, sondern die Lauterkeit des Strebens und das treue Beharren in der Pflicht auch da, wo das Ergebnis kaum in die äußere Erscheinung tritt, wird über den wahren Wert des Menschen entscheiden.“

Übertragen auf das Karfreitagsgefecht führt uns das vor Augen, warum alle, die bei Isah Kehl gekämpft haben, tapfere und treue Soldaten waren. Sie haben ausgeharrt. In einer für sie unübersichtlichen Situation. Sie haben ihre Pflicht getan. Um ihren Auftrag zu erfüllen und den Kameraden, der neben ihnen kämpfte, zu schützen.

Wald der Erinnerung in Potsdam. / Foto: Tobias Koch

Der Schriftsteller Jürgen Busche hat beschrieben, was diese Situation meint, in die der Soldat im Kampf gestellt wird und die für uns in unseren warmen Wohnzimmern kaum nachzuvollziehen ist:

„Der Soldat muss handeln, obwohl es gefährlich und der Erfolg unsicher ist. Und: der Soldat muss handeln, weil es gefährlich und der Erfolg unsicher ist. Im einen Aspekt muss er Bedrohung aushalten, im anderen sie als Chance erkennen und nutzen können. Beides verlangt nach dem gehörigen Maß. Aushalten und nutzen können, erweist den Helden im Kriege. Die Fähigkeit aber, das gehörige Maß zu finden, bildet sich im Frieden und bewährt sich zuletzt auch nur dort.“

Busche schreibt von der Ausbildung im Frieden und mir gefällt das Bild gut, dass der deutsche Soldat ein Bewahrer des Friedens ist. Aber Busche spricht auch eine Wahrheit aus, die lange so nicht ausgesprochen worden ist. Und ich meine, dass wir es nicht nur den Gefallenen des Karfreitagsgefechts schuldig sind, diese Wahrheit deutlich zu benennen. Was meine ich?

Neben dem Erinnern und dem Gedenken gibt es einen weiteren Grund, warum uns der 2. April 2010 so intensiv beschäftigt. Der Tag und die Ereignisse führen uns vor Augen, was Sinn und Zweck der Bundeswehr ist.

Clausewitz hat es so formuliert: „Allem, wozu Streitkräfte gebraucht werden, liegt die Idee eines Gefechts zum Grunde; denn sonst würde man ja dazu keine Streitkräfte gebrauchen.“

Das bedeutet: Soldaten sind sowohl Verteidiger des Vaterlandes als auch „Peacekeeper mit Gewaltanwendungspotential“, wie es in einer Schrift über den Einsatz der Bundeswehr als Blauhelmsoldaten heißt. Und ja. Soldaten der Bundeswehr sollen kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. So lautete ein Satz, den man während des Kalten Krieges immer wieder hören und lesen konnte. Und ja. Im Grundgesetz steht: Der Bund stellt Streitkräfte zu seiner Verteidigung auf.

Egal wie man es sagt. Am Ende geht es um das Gefecht. Soldaten müssen in der Lage sein zu kämpfen.

Deutsche Soldaten haben gekämpft. Bei Isah Kehl. In Afghanistan. Sie haben Deutschland auch am Hindukusch verteidigt. So umstritten der Satz von Verteidigungsminister Peter Struck ist, so richtig ist er aus meiner Sicht auch. Deutschland hat sich am Krieg gegen die Taliban, am Krieg gegen den Terror beteiligt. Aus Solidarität im Bündnis und weil wir nicht wollten, dass der Terror ähnliche Verheerungen in Europa anrichtet wie am 11. September 2001 in den USA. Es war der erste Bündnisfall in der Geschichte der NATO.

Frieden in Afghanistan scheint möglich. Nicht so, wie ihn sich manche gewünscht oder vorgestellt haben. Aber doch so, dass erkennbar von diesem Land keine Gefahr mehr für den Westen und die freie Welt ausgeht. Und wenn es ein dauerhafter Friede sein wird, dann haben auch die Menschen in Afghanistan gewonnen.

Gedenken an gefallene Soldaten am 19.06.18 in Mazar-e Sharif (Afghanistan) im Camp Marmal. / Foto: Tobias Koch

Gewonnen. Gesiegt. Wir tun uns schwer mit solchen Formulierungen. Und ich meine auch nicht alleine den militärischen Sieg. Gewonnen hat bei der Mission Sophia im Mittelmeer die Menschlichkeit, wenn deutsche Soldaten über 22.000 Menschen aus Seenot gerettet haben. Wenn in Mali deutsche Soldaten helfen, die Streitkräfte auszubilden, damit das Land Stabilität, Frieden und Ordnung zurückerlangt, dann ist das ein Sieg. Aber am Ende geht es auch darum, dass unsere Soldaten siegen sollen, wenn sie kämpfen müssen.

An unsere Gesellschaft, an die Bürgerinnen und Bürger gerichtet möchte ich sagen:

Wir haben lange gebraucht, um die Sache beim Namen zu nennen. In Afghanistan herrschte Krieg. Wir sind dort hingegangen, um zu kämpfen. Und ja: Um zu gewinnen. Wer von Soldatinnen und Soldaten das Äußerste verlangt, nämlich ihr Leben einzusetzen für die Erfüllung des Auftrages, der kann doch nicht ernsthaft etwas Anderes erwarten.

Die Politik redet gerne von der Bundeswehr als Parlamentsarmee. Mit Blick auf die Frage, wer über den Einsatz der Bundeswehr entscheidet, mag das eine richtige Formulierung sein. Sie gefällt mir trotzdem nicht so richtig. Denn in Wahrheit ist die Bundeswehr die Armee dieses Landes und nicht die Armee des Parlaments. In unseren Streitkräften dienen unsere Söhne und Töchter, unsere Brüder und Schwestern, unsere Väter und Mütter.

Deswegen ist es gut, wenn wir Anteil nehmen, am Dienst und am Alltag unserer Soldaten. Ich freue mich darüber, wenn ich höre, dass unsere Soldatinnen und Soldaten viel Wertschätzung erfahren, wenn sie mit dem Zug fahren. Ich freue mich, wenn in Städten und Gemeinden die gelbe Schleife als Zeichen der Verbundenheit an Rathäusern oder in Unternehmen angebracht wird.

Aber ich sage auch: Es braucht mehr davon. Unsere Soldatinnen und Soldaten sollen spüren, dass die Menschen stolz auf sie sind und hinter ihnen stehen.

Im Wald der Erinnerung in Potsdam. / Foto: Tobias Koch

An die Familien und Angehörigen gerichtet möchte ich sagen:

Wir danken Ihnen. Wir danken für Ihre Fürsorge und Unterstützung, denn das, was Sie geben, geht weit über das hinaus, was wir, was der Dienstherr tun kann. Nicht umsonst reden wir oft von Soldatenfamilien. Sie verstehen, was der Eid Ihres Sohnes und Ihrer Tochter bedeutet. Und unausgesprochen haben Sie mitgeschworen. Vielleicht hadern Sie manchmal mit der Entscheidung des Familienmitglieds, Soldat geworden zu sein. Aber Sie lassen den- oder diejenige nicht alleine.

An diejenigen gerichtet, die in Staat und Politik Entscheidungen treffen, möchte ich sagen:

Es ist gut, dass der Deutsche Bundestag entscheidet, ob und wo und wie lange deutsche Soldaten in einen Auslandseinsatz gehen. Es ist richtig, dass dies immer in einem System kollektiver Sicherheit geschieht. Immer sind wir an der Seite von Freunden und Verbündeten. Nie alleine. Daraus folgt der Auftrag an die Politik, die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit Waffen, Gerät und Material in ausreichender Zahl und in entsprechender Qualität zur Verfügung stehen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass auch mit der besten Ausbildung und dem modernsten Gerät, Krieg und Einsatz Opfer fordert.

Wenn es notwendig ist, dass Soldaten in einen Einsatz gehen und einen Angriff auf „das Leben und die Freiheit“ abwehren, dann müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Bundeswehr dazu in der Lage ist. Aus meiner Sicht meint das aber mehr als gute Ausbildung und einsatzbereites Gerät. Politik und Gesellschaft müssen akzeptieren, dass man Streitkräfte nicht wie ein Unternehmen führen und organisieren kann. Wir sind Streitkräfte und keine Firma. Soldaten sind Kameraden und keine Kollegen.

Daraus ergibt sich eine besondere Fürsorge. Wir haben viel getan in den letzten Jahren. Wir haben nicht nur gelernt, was es bedeutet, wenn unsere Soldaten kämpfen und fallen. Wir mussten auch lernen, was es bedeutet, wenn sie mit einem Schaden an Leib und Seele wieder nach Hause kommen. Ich wünsche mir, dass wir noch mehr tun. Die Botschaft muss klar sein. Wir lassen niemanden zurück. Weder im Gefecht. Noch zu Hause, wenn er oder sie nach seinem Dienst für unser Land im Leben nicht mehr zurechtkommt.

An unsere Soldatinnen und Soldaten gerichtet möchte ich sagen:

Das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. So lautet ihr Eid. Aber was heißt das eigentlich? Sie sind bereit, ihr Leben einzusetzen, um ihren Auftrag zu erfüllen, auch für ihren Kameraden und ihre Kameradin, unter schwersten Bedingungen. Sie sind bereit zu kämpfen. Sie treffen Entscheidungen nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Ihr Tun bleibt nie folgenlos. Und im Zweifel hat im Gefecht gerade das Nichtstun die schlimmsten Folgen.

Wir verlangen viel von Ihnen. Mehr als je von deutschen Soldaten verlangt worden ist. Sie sollen nicht nur kämpfen. Sie sollen nicht nur helfen und unterstützen. Sie sollen auch verstehen, was es meint, wenn wir in einem vernetzten Ansatz von Außenpolitik, Diplomatie und Entwicklungszusammenarbeit bemüht sind, in oft unübersichtlichen Situationen und schwierigen Bedingungen Frieden und Stabilität zu schaffen.

Im Wald der Erinnerung in Potsdam. / Foto: Tobias Koch

Verteidigungsminister Hans Apel hat das zusammengefasst, was den Soldaten der Bundeswehr ausmachen muss: „Soldatische Pflichterfüllung und militärische Tüchtigkeit sind nicht zu trennen von den politischen Zielen, denen sie dienen.“

Wir verlangen von Ihnen deshalb das aktive Eintreten für die Freiheitliche demokratische Grundordnung. Die Konzeption der Inneren Führung beschreibt den Typ des modernen Soldaten, der „freier Mensch, guter Staatsbürger und vollwertiger Soldat zugleich“ sein soll.

Doch gilt das auch für das militärische Handwerk? Noch einmal Baudissin: Das Ideal ist nicht der „hart erzogene“, sondern der „sich selbst hart erziehende“ Soldat. Die Innere Führung ist also nicht nur etwas für die gepflegte politische Diskussion auf Augenhöhe zwischen Mannschaftsdienstgrad und Stabsoffizier. Sie soll Werte und Normen vermitteln, die dem Soldaten die notwendige Härte und Kampfbereitschaft vermitteln und erlernen lassen, die er braucht, um den Kampf und das Gefecht nicht nur zu bestehen, sondern zu gewinnen.

Innere Führung ist deshalb kein Selbstzweck. So will all unser Tun sich am Ende daran messen lassen, ob es dazu beiträgt, kampfbereite Streitkräfte vorzuhalten. Dessen war sich Baudissin bewusst. Seine Schlussfolgerung: „Der Soldat wird erst dann ein Höchstmaß an abwehrbereiter Kriegstüchtigkeit entwickeln […], wenn er sich aus staatsbürgerlicher Einsicht unterordnet und der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich fühlt. Dies lässt sich nur dadurch erreichen, dass der Einzelne während des Dienstes das erlebt, was er notfalls verteidigen muss.“

Wichtig ist zu verstehen, dass diese Fähigkeit zum Kampf in der Bundeswehr eine ethische Einordnung erfährt. Baudissin erinnert die Soldaten daran: „Menschlichkeit ist nicht teilbar. Soll sie nur noch bestimmten Gruppen vorbehalten bleiben, so wird sie ganz und gar verloren gehen. Der Soldat, der keine Achtung vor dem Mitmenschen hat, – und auch der Feind ist sein Mitmensch – ist weder als Vorgesetzter, noch als Kamerad oder als Mitbürger erträglich.“

Ich hoffe, dass Sie wissen, dass Sie im besten Deutschland leben dürfen, dass es je gab. Und dass dieses Deutschland es wert ist, es zu verteidigen und zu schützen. Fritz Dietlof Graf von Schulenburg, einer der Männer des 20. Juli hat es so formuliert: „Ich spüre, daß ich mit großer, heißer Liebe mit Deutschland verwachsen bin, so stark, daß ich manchmal meine, ich spürte, wie es lebt und atmet, (…). Und ich sehe es als hohe Aufgabe an, die ein Menschenleben wert ist, es in seiner Vielgestaltigkeit begreifen zu lernen, so dass man dafür kämpfen und sich opfern kann.“

An die Toten und Gefallenen. An die Verwundeten. Ihr seid nicht vergessen. Wir denken heute an Euch. Und ganz besonders an die drei gefallenen Kameraden des Karfreitagsgefechts. Für Christen ist der Karfreitag ein besonderer Tag. Jesus ist am Kreuz gestorben für uns. Und er ist auferstanden. Für Christen ist dieser Tag der Trauer deswegen immer auch mit Hoffnung verbunden. Das kann tröstlich sein. Und allen, die Trost suchen, wünsche ich, dass Sie ihn finden. Bei Gott oder in der Familie, bei Freunden oder Kameraden.

Gedenken an gefallene Soldaten am 19.06.18 in Mazar-e Sharif (Afghanistan) im Camp Marmal. / Foto: Tobias Koch

Ich wünsche mir, dass wir nicht nur den Karfreitag oder den 2. April nutzen, um an die Toten von Isah Kehl zu erinnern. Sie sind größer als das. Sie gehören in eine Reihe mit allen, die bereit waren, Ihr Leben einzusetzen, damit wir in Frieden und Freiheit leben können. Deshalb denken wir an über 3000 Männer und Frauen.

Dieses Jahr wird sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal jähren. Der Volkstrauertag wird unter diesem Zeichen stehen. Und es ist gut, dass wir die Toten der Weltkriege, die Opfer von Krieg und Gewalt, die toten Soldaten nicht vergessen.

Aber in Zukunft muss der Volkstrauertag mehr noch als bisher Raum geben für das Gedenken an die Toten der Bundeswehr. Wenn wir alle zusammen, nicht nur die Angehörigen der Bundeswehr und ihre Familien, sondern wir als Gesellschaft, am Volkstrauertag innehalte, gedenken, danken, dann werden die, die gestorben und gefallen sind, wissen, dass sie nicht vergessen sind.

Den Toten die Ehre. Den Lebenden zur Mahnung.

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