(M)ein Ziel: Digital Caring

Wie ist das mit den guten Vorsätzen oder Zielen für 2014? Hattet Ihr welche? Oder sind sie nach noch nicht einmal einer Woche alle über Bord geworfen? Ich hatte ja angekündigt, dass ich dazu etwas schreibe. Das hole ich nun endlich nach. Und der Sonntag scheint mir ja neben dem Kirchgang und dem Sport ein guter Tag zum Nachdenken zu sein.

Mich treibt schon seit längerer Zeit ein Thema um: die Diskursfähigkeit unserer Gesellschaft und wie wir miteinander umgehen. Und ich meine damit explizit nicht nur der Umgang miteinander im Netz. Nach meiner Meinung unterscheidet sich das nicht substanziell von der analogen Welt. Wer im Internet rumtrollt, der tut das zwar vielleicht nicht (immer) in der S-Bahn, aber zu einem mitfühlenden Menschen, der Rücksicht nimmt, die Meinung anderer bereit ist anzuhören und es nicht darauf anlegt, andere permanent zu ärgern, wird er sicher nicht. Trotzdem will ich mich zunächst auf den Diskurs im Netz konzentrieren, auch weil ich glaube, dass wir vor allem für politische Diskussionen erwarten können, das die Bedeutung des Internets zunehmen wird.

Bildschirmfoto 2014-01-05 um 09.28.10

Mich hat der zitierte Tweet veranlasst, nun endlich etwas dazu aufzuschreiben. Und bevor der #Aufschrei kommt: Nein! Ich will nicht die Enthüllungen von Edward Snowden verharmlosen oder ablenken. Aber der Tweet trifft aus meiner Sicht den Kern des Problems. In unserem Alltag wird unsere Freiheit durch Trolle und böse Menschen im Netz weit mehr eingeschränkt, als durch die vermeintlichen Aktivitäten der Geheimdienste. Man muss schon ein dickes Fell haben, wenn man inhaltlich mal von der Mehrheitsmeinung abweicht oder auch einigen „Meinungsführern“ im Netz widerspricht. Mir persönlich macht das nichts aus. Ich werde ja sogar dafür bezahlt, in schwierigen Situationen stehen zu bleiben. Es ärgert mich aber trotzdem. Und wie ist das mit denjenigen, die gerne einfach nur mit diskutieren wollen und dann erleben, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie mal nicht Mainstream sind? Einen sehr lesenswerten Blogpost zur Meinungsmacht im Netz hat übrigens @herrurbach geschrieben!

Wie wäre es, wenn wir uns vornehmen, die Meinung des anderen oder wenigstens die Person zu respektieren, auch wenn wir ihre Aussagen für grundfalsch halten? Der französische Literatur-Nobelpreisträger Romain Rolland hat einmal gesagt: „Eine Diskussion ist unmöglich mit jemandem, der vorgibt, die Wahrheit nicht zu suchen, sondern schon zu besitzen.“ Das vergessen ziemliche viele Leute im Netz. Und viele haben auch nicht verstanden, dass Demokratie nicht heißt, dass jeder möglichst laut rumschreit und seine eigene Meinung als die einzig richtige präsentiert, sondern dass Demokratie am Ende die Kunst des Kompromisses ist. Von dieser Einsicht sind viele Diskurse (im Netz) Lichtjahre entfernt.

Ich erlebe übrigens, dass gerade mir als bürgerlichem Politiker die vermeintlich tolerante Linke im Netz besonders intolerant begegnet. Aber darüber können wir ja noch an anderer Stelle diskutieren. Und ja: Ihr werdet Tweets von mir finden, bei denen auch ich mich mal im Ton vergriffen habe. Mir tut das oft leid. Trotzdem befürchte ich, dass mir das wahrscheinlich leider hin und wieder passieren wird.

Mit Verboten kann man die meisten gesellschaftlichen Herausforderungen nicht lösen. Und deshalb kann man „Nettiquette“ nicht verordnen. Es ist eine Frage der Erziehung, des guten Benehmens und der Bildung. Auf Knopfdruck wird sich also an meiner Wahrnehmung – sollte sie denn stimmen – nichts ändern. Aber wir alle können ja jeden Tag versuchen, es anders zu machen. Das wäre ja kein schlechtes Ziel oder kein schlechter Vorsatz für 2014.

Ich behaupte also, dass derzeit zu viele Diskussionen im Netz destruktiv sind. Das liegt vielleicht daran, dass es leichter ist, sich abzugrenzen als sich selbst zu hinterfragen oder nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Wir brauchen aber Empathie und Mitgefühl, wir brauchen echtes Interesse an unserem Gesprächspartner und seiner Meinung. Wir sollten ihm nicht absprechen, dass er etwas Gutes will, nur weil er unsere Meinung oder unser Weltbild nicht teilt. Meine Erfahrung ist aber, dass genau das geschieht. Einen solchen, zugegebenermaßen hohen Anspruch, kann man in dem Begriff „Digital Caring“ zusammenfassen. Ich finde, es lohnt sich, ausführlicher darüber zu reden, was man darunter künftig verstehen sollte und wie wir zu einer Gesellschaft werden, in der ein solches Selbstverständnis herrscht.

Digital Caring ist noch viel mehr. Wie gehen wir mit denen um, die nicht mitkommen? Lohnt es sich, einer erkennbaren Zahl an Menschen ihre „Angst“ vor diesem Internet zu nehmen? Nun mag manch ein Nerd darüber lachen und diese Menschen als gestrig oder dumm abqualifizieren, aber das ist nicht klug, denn es offenbart ein Spannungsverhältnis in unserer Gesellschaft, das mit dem Begriff „digitale Spaltung“ treffend beschrieben ist. Dahinter verbirgt sich weit mehr als nur die Unterscheidung in Menschen mit und ohne Internetanschluss. Der Spiegel-Journalist Christian Stöcker bringt es auf den Punkt: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben sich in so schneller Abfolge so viele so tief greifende technische Veränderungen ereignet, die unmittelbar den Alltag jedes Einzelnen betreffen. Nicht alle können dieses Tempo mitgehen.“ Darum müssen wir uns vor allem um die kümmern, die mit der Geschwindigkeit des Wandels Probleme haben. Das ist eine weitere Form des Digital Carings. Es kommen weitere dazu. Wirksam etwas gegen Cyber-Mobbing zu tun gehört aus meiner Sicht auch zu einer der Aufgaben der großen Koalition. Und hier kann die Politik wirklich etwas tun.

Aber vielleicht fangen wir mal damit an, wie wir miteinander umgehen. Ich habe mir vorgenommen, mich an folgendem Zitat aus den Römerbriefen des Paulus zu orientieren: „Haltet euch nicht selbst für klug.“ (Römer, 12,16). Und weil ich Zitate liebe und nicht jeder von Euch bibelfest sein mag, habe ich gleich noch das passende Zitat von Obi-Wan Kenobi dabei: „Luke, auch du wirst noch entdecken, dass viele Wahrheiten, an die wir uns klammern, von unserem persönlichen Standpunkt abhängig sind.“ Sucht Euch also eins aus. Darüber nachzudenken, wie man Menschen mit einer anderen Meinung begegnet, kann zumindest nicht schaden. Und hart in der Sache streiten, Argumente für fadenscheinig oder falsch halten, darf man trotzdem.

Nachtrag: Auf Twitter und auch hier in den Kommentaren wurde mir mehrfach vorgeworfen, ich hätte bewusst versucht, die Enthüllungen von Edward Snowden zu verharmlosen oder das Agieren der NSA zu relativieren. Dem widerspreche ich. Auch in dem von mir zitierten Tweet geschieht das ja nicht. Es geht um zwei unterschiedliche Dinge, die aber beide für sich geeignet sind, den offenen Diskurs im Netz einzuschränken – auf jeweils unterschiedliche Art und Weise. Das gegeneinander aufzurechnen ist und war nicht meine Absicht und ist eine böswillige Unterstellung. Vielmehr ging es darum, auf eine weitere Art von Einschränkung von Meinungsfreiheit hinzuweisen, die ja offensichtlich – das zeigen die vielen positiven Kommentare – nachvollziehbar ist. Zu der Diskussion um die NSA-Affäre: Ich bin dafür, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der diese komplexe Materie aufarbeitet. Darum bleibe ich auch bei dem Wort „vermeintlich“, denn wir bräuchten keinen Untersuchungsausschuss, wenn völlige Klarheit herrschen würde, was die NSA nun genau tut, wo und wie sie geltendes Recht bricht bzw. wie und ob sich deutsche Dienste an Recht und Gesetz halten.

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13 Kommentare.

  1. Henrik Schürmann

    „Wir brauchen aber Empathie und Mitgefühl, wir brauchen echtes Interesse an unserem Gesprächspartner und seiner Meinung.“

    An dieser Stelle ist hinzuzufügen, dass zwischen Real-Welt- und Netz-Diskussion ein entscheidender Unterschied besteht: Im Netz wird nur ein Teil der Sprache übertragen, die normalerweise für das Entstehen von Empathie, Mitgefühl und echtem Interesse für den Gesprächspartner in einer Diskussion notwendig sind, nämlich das geschriebene Wort. Mimik, Gestik, Emotionen, Tonfall etc. können nicht adäquat übertragen werden. Durch den Verlust dieser für Kommunikation wichtigen Elemente ist eine Diskussion im Netz viel schwieriger und oft destruktiver als in der realen Welt.

    Danke für den anregenden Post. :smile:

  2. Bernd Hofmann

    Lieber Herr Tauber,

    grundsätzlich ist das eine gute Idee. Aber! Die Inflation der Begriffe die mit „Digital“ beginnen sollten wir eher eindämmen als sie auszuweiten. Auch und gerade weil dies wieder dazu taugt um Leute (die sie ja an die Hand nehmen wollen um sie ins Netz zu bringen) abschreckt. Außerdem gibt es da bereits seit Jahrzehnten Bemühungen in dieser Richtung unter dem Begriff „Netiquette“. siehe Wikipedia. Menschen diskutieren schon sehr viel länger weltweit miteinander, z.B. über Funk (Funkamateure) und später über die Vorläufer des Internet. Dieses Thema wird immer aktuell bleiben, weil sich immer mehr Menschen im Netz tummeln und immer wieder neue hinzukommen.

    Auch Flamewar’s und Shitstorms wird es immer wieder geben, genauso wie es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Menschen, Gruppierungen aller Art und Staaten im RL geben wird. Sicher wäre es von Vorteil wenn es wenigstens erreichbar wäre dass sich alle mit Respekt und offenem Visier begegnen. Wenn möglichst viele sich auf eine, sagen wir mal, „Netiquette 2.0″ verständigen könnten und darauf achten würden dass diese auch von anderen eingehalten und Respektiert wird, dann wäre dieses Ziel in überschaubaren Gruppen sicher realisierbar. Allzu große Hoffnungen sollte man sich allerdings nicht machen. Man kann ein Spiel auch mit zuvielen Schiedsrichtern kaputtregulieren. Deshalb: lieber eine gewisse „menschliche“ Bandbreite akzeptieren.

    Insofern halte ich dieses Thema nicht für ein Thema der GroKo. Das ist etwas das Menschen immer wieder neu miteinander und untereinander aushalten und aushandeln müssen, nur so können sie an- und miteinander wachsen. Ausgenommen hiervon sind natürlich kriminelle Auswüchse wie „Cyber-Mobbing“, „Stalking“, etc., die natürlich geahndet gehören. Hier ist freilich zu prüfen ob die vorhandenen Gesetze und Instrumentarien nicht ausreichend sind und man nicht eher mittelfristig durch entspr. Maßnahmen in Kindergärten und Schulen dem entgegenzuwirken versucht.

    Ein ganz anderes Thema ist es wie wir „mit denen umgehen, die nicht mitkommen“. Der Begriff ist mir zu weit gefasst um ihn einer Lösung zuführen zu können. Wer ist das? Warum kommen die Leute nicht mit? Wollen sie vielleicht garnichts vom Netz wissen? Haben sie nur eine diffuse Angst? Was bringt es die Menschen, die nichts vom Netz wissen wollen hineinzubringen? Ich denke da liegt kein zu großes Problem, es gibt genug Initiativen die hier mit Schulung etc. bereitstehen.

    Wieder ein anderes Thema sind die neudeutsch „Disruptiv“ genannten Entwicklungen, die ja schon seit Jahrzehnten im Gange sind und nahezu alle Bereiche und Branchen betreffen – und sich weiter beschleunigen werden. Hier wäre es zwingend nötig dass die Politik regulierend eingreift und/oder weltweit mit Staaten um Lösungen ringt die am Ende den Menschen in Bangladesch ebenso zugute kommen wie den Bürgern hierzulande. Way to go!

    Insofern bin ich bei Ihnen wenn Sie vorschlagen zunächst mal mit einem respektvollerem Umgang miteinander zu beginnen. Aber lassen sie uns das bitte unter dem Begriff „Netiquette 2.0″ oder einem anderen geeigneten (gerne auch deutschen) Begriff versuchen 😉

  3. Es ist schon eine ziemliche Dreistigkeit, die massiven Eingriffe der NSA und anderer Geheimdienste mit einem ebenfalls sehr wichtigen, aber eher soziokulturellen Problem zu vergleichen und damit die stillen Konformitätsgefahren durch das massenhafte Abhören/Speichern durch die Geheimdienste zu verharmlosen. Das mal als erstes.

    Ansonsten ist es richtig, dass wir als Gesellschaft (nicht nur online) mehr Empathie den Raum geben sollten. Der bekannte (und auch von Merkel geschätzte) Soziologe Jeremy Rifkin hat in einem seiner letzten Bücher wunderbar herausgearbeitet wie Empathie neben dem Konkurrenzverhalten konstituierend für unsere Zivilisation war und ist.

    Mit Empathie alleine wird man aber keine bessere Dikurskultur im Netz bekommen. Es geht eben darum, richtig streiten zu können, dazu gehört neben Argumenten eben auch Rhetorik und der grundlegende Streit um Werte. In einer Postdemokratie, die auch durch die schweigende Merkel von ihrem Wertestreit entkernte Politik mitzuverantworten hat, ist dieser Streit um Werte in den letzten Jahrzehnten verlernt worden. Die Beliebigkeit einer Laisserz faire-Politik und die auf willkürlichen Konsum ausgerichtete neoliberale Wirtschaftsrealität sind eben kein guter Nährboden für eine aufgeklärte, diskursfeste und insbesondere empathische Gesellschaft.

    Jetzt mal eben „Das Internet“ für das jahrzehntelange Versagen von Politik und Gesellschaft, sprich uns allen verantwortlich machen zu wollen, ist lediglich der Versuch das neue digitale Werkzeug zum Sündenböck zu erklären, anstatt zu sehen, dass uns die (neue) digitale Ebene unserer Realität nur den Spiegel vorhält.
    Wer das Internet besser, aufklärerischer und empatischer machen will, muss an den verkommen, durchkommerzialisierten Wurzeln der Gesellschaft arbeiten. Das Internet ist ein Werkzeug und ein besonderer Raum für Wissen und Kollaboration, wenn wir es schaffen als Gesellschaft daran zu wachsen. Wir sollten es nicht dem Kommerz und der wertebefreiten Postdemokratie a la Merkel überlassen.

    • Ich weiß immer nie so recht, ob ich das ernst nehmen soll lieber Jens! Etwas mehr Sachlichkeit und weniger Empörung würde Dir gut zu Gesicht stehen. Meine Klarstellung hast Du ja vielleicht inzwischen gelesen.

  4. Stefan Bastian

    Den Blogbeitrag musste ich doch gleich mal
    twittern.
    Ach, wie vermisse ich die JU-Landestage mit solchen Beiträgen :roll:

  5. Ein sehr lesenswerter Beitrag! Für mehr Diskussionskultur :-) Ich würde mich freuen, auch im Bundestag oder bei Polit-Talkshows ab und zu mal ein „wie meinen Sie das?“ „Was sind Ihre Beweggründe dafür?“ zu hören.
    Und nochmehr würde ich mich freuen, wenn die angesprochene ubiquitäre Intoleranz der Linken verschwinden (oder zumindest abnehmen) würde. Auf ein spannendes 2014!

  6. Sehr geehrter Herr Tauber,
    ich habe Ihren Beitrag wirklich ernst genommen. Somit einige Fragen an Sie. Unter dem Namens-Link finden Sie diese. Über eine Antwort, möglichst öffentlich, würde ich mich sehr freuen.
    Nein, es ist kein Spott und keine Häme was ich dort geschrieben habe.
    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas Köhler

  7. Ist beantwortet lieber Thomas Köhler.

  8. Moin aus dem hohen Norden,

    obwohl ich politisch bestimmt aus einem anderen Lager als Sie komme, verfolge ich doch schon seit längerer Zeit, was die Menschen ausanderen politischen Lagern so von sich geben. Meistens beobachte ich nur, aber manchmal lasse ich auch etwas, z.B. auf Twitter, ab, was nicht geeignet ist als intelligenter Diskussionsbeitrag zu gelten. Trotzdem sind auch solche Äußerungen wichtig! Sie stoßen Diskussionen an, provozieren unüberlegte Reaktion und legen so manchmal auch die tatsächliche im Gegensatz zur vermeintlichen Meinung offen.

    Ich kann verstehen, dass es nervt, wenn jede Äußerung mit Häme aus dem Internet überschüttet wird, aber wenn man etwas in die öffentliche Diskussion stellt, muss man wohl damit rechnen, dass es Reaktionen gibt. Dabei sind positive Reaktionen ja auch durchaus gewollt.

    Etwas Kurzes noch zum Trollwesen: Ich kann leider nicht immer erkennen, wer da wirklich der Troll ist. War es derjenige, der aus Sicht der Lesenden mit abstrusen Argumenten seine Meinung ins Netz geblasen hat oder derjenige, der daraufhin in einer Weise reagiert hat, die dem Verkünder der eigenen Meinung nicht gefällt. Höflichkeit und menschliche Wertschätzung gehören zum Selbstverständnis aller vernünftigen Menschen, ob im Netz oder anderswo, aber Diskutanten abzuwürgen, indem man sie als Troll bezeichnet, ist selber trollhaft.

  9. Sehr geehrter Herr Tauber!

    Mein herzlichen Glückwunsch für die Berufung, alles Gute im Neuen Jahr und viel Glück für das neue Amt. Sie sind also unser neuer Chef vom Dienst. Im Märchen hat der Gläubige 3 Wünsche frei. Davon möchte ich Gebrauch machen.

    Mein erster und wichtigster Wunsch ist eine Neuorganisation der CDU.

    Um zu wissen warum, ist es gut, sich die Machtverhältnisse, Abhängigkeiten und die fehlenden Mitglieder-Meinungsströme innerhalb der CDU zu vergegenwärtigen. Örtliche politische Diskussionen zwischen Mitgliedern haben Seltenheitswert. Die Organisationsstufen übergreifende sind mir nach 45 Jahren Mitgliedschaft unbekannt. Mit Ausnahme der Zahlungen kann keine Stufe einer anderen etwas vorschreiben. Selbst die kleinste Dorforganisation ist hinsichtlich ihrer Mitglieder und Meinungen autark. Andererseits sind die Ortsverbände finanziell total unselbständig und dürfen nicht mal ein eigenständiges Konto führen. Sie handeln rechtlich stets nur im Auftrage ihres Kreisverbandes. Auch nur im Ort tätige Untergliederungen (JU, SU, FU, MIT) sind nur ihrem jeweiligen Kreis- bzw. Landesverband verpflichtet. Alle Satzungen sehen als Pflichten und Rechte nur die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen resp. das aktive und passive Wahlrecht vor. Sieht man von der Loyalitätspflicht der Mitglieder ab, sind weitere Rechte und Pflichten nicht vorgesehen.

    Selbst zwischen den einzelnen Organisationsstufen gibt es keine „Werkzeuge“, die es erlauben würden, mit einem Maß-nahmenkatalog gegenseitig auf die Einhaltung von Verpflichtungen einzuwirken. Auch deshalb nicht, weil es gar keine Verpflichtungen (vom Geld einmal abgesehen) geben kann. Gegenseitige Zielvereinbarungen wären eine Zumutung. Die politischen Meinun-gen der Mitglieder will niemand wissen. Es gibt dafür weder in den Orten, den Ländern noch im Bund Informationswege und Mechanismen. Allenfalls erfüllt Allensbach diese Aufgabe.

    Mitglieder finden meinungstechnisch nicht statt. Sie sind schlichtweg hierfür gar nicht vorgesehen. Alle Parteitage haben nur eine Alibifunktion, weil sie vorrangig der Selbstdarstellung von Mandatsträgern dienen und eine konstruktive Diskussion in diesem Rahmen gar nicht möglich ist. Außerdem schlucken die Antragskommissionen alles, was nicht konform ist. Davon, dass die Mitglieder in den Zeiten zwischen Wahlen auch ein Meinungsbild für die gesamte Bevölkerung abgeben könnten, ist nicht einmal in der Phantasie ein Platz. Vermutlich will auch keine Organisationsstufe (Ort, Kreis, Bezirk, Land, Bund) mehr Rechte haben. Denn mehr Rechte würden ja auch die Gefahr von mehr Pflichten bedeuten. Wie wollen Sie mit dieser Organisationsform die Mitglieder begeistern, wie neue Mitglieder gewinnen? So bleibt alles wie es ist. Solange, bis das System kollabiert. Das darf nicht sein.

    Mein zweiter Wunsch ist die Änderung einer Fehlinterpretation des § 20a des GG.

    Dort ist ein „ethisches Mindestmaß“ an Tierschutz für alle Wirbeltiere („Mitgeschöpflichkeiten“) festgeschrieben. Für alle im öffentlichen Raum verwundet gefundenen Wirbeltiere ist die Kommune zuständig. Lt. Mannheimer Morgen vom 19.12.13 muss wegen § 20a ein verletztes Wirbeltier in einer Tierklinik versorgt werden und anschließend in einem Tierheim gesunden. Maßstab für die Ausgaben ist die tierärztliche Prognose. Dafür waren 2012 im MA-Etat € 340.000,-. Eine Taube ist flügellahm. Sie wird der Polizei übergeben. Die übergibt sie dem Veterinär und der nach der Erstversorgung (auf Kosten der Kommune) weiter dem Tierheim zum Tagessatz € 3,60. Im Extremfall führt das dann dazu, dass die Ordnungsbehörde die Wunde einer Ratte versorgen lässt. Nach Genesung wird sie in den nächsten Gully entlassen, um dann dort sofort das Opfer eines genehmigten Giftköders zu werden. Eine verwundete Ente könnte nach Genesung umgehend vom Jäger geschossen werden. Auch Obdachlose haben jetzt das Recht auf Tierhaltung. Kommt ein Tier zu Schaden oder werden Tiere frei „entsorgt“, muss die Kommune die Fürsorge übernehmen, sofern der Halter nicht zahlen kann oder nicht gefunden wird. Tierheimkosten jährlich ca. 650.000,-. Es sind Fälle bekannt, dass Touristen mitleidig Hunde aus Spanien mitbringen und sie als verwundete Streuner den Ordnungsbehörden übergeben. 20a deckt das. Was folgt sind Veterinär, Tierheim, Kosten. Hartz4 für spanische Hunde? Ein Hund kostet in einem MA-Tierheim € 18,- je Tag. Das sind ca. € 560,- je Monat. Der Hartz4 Satz für Alleinstehende beträgt z. Zt. ca. € 410,- je Monat. In Bedarfsgemeinschaften sinkt dieser Satz.

    Sind wir soweit gekommen, dass zwischen dem menschlichen und dem tierischen Leid kein Unterschied mehr gemacht werden darf? Es fehlt nur noch die berechtigte Forderung der Hartz-4-Empfänger, dass sie auch so gut behandelt werden möchten wie Hunde. Die Stadt MA stellt jetzt für jährlich € 14.540,- einen Tierschutzbeauftragten ein, der sich speziell um die im öffentlichen Raum anfallenden kränklichen tierischen „Sozialfälle“ kümmern soll. Wölfe sollen bei uns wieder heimisch werden. Ist das unbedingt notwendig? Warum eigentlich? Es ist unerträglich, dass immer häufiger die natürlichen Grenzen der Fürsorge zwischen Mensch und Tier verschwimmen. Wir haben es einer grün/sozialistischen Lobby zu verdanken, dass das „ethische Mindestmaß“ an Schutz für den Menschen geringer sein könnte als das für Tiere.

    Mein dritter Wunsch ist, die sprachliche Infantilisierung der Wähler zu beenden.

    Ich (wir?) möchte künftig nicht mehr wie ein Unmündiger behandelt werden. Denn die Sprache der Verantwortlichen ähnelt häufig sehr der Sprache in Kindergärten. Auch dort wird „abgeholt, eingebunden, mitgenommen, angesprochen“. Diese Formulierungen sollen doch nur eine bessere Kommunikation mit den „unbelehrbaren Bürgern“ ermöglichen. Das Ziel einer sachlichen Auseinandersetzung und die Möglichkeit der Änderung eigener Absichten ist damit keinesfalls verbunden. Diese lächerliche Infantilisierung mit hilflosen Floskeln ist lediglich bemitleidend. Sie ist zutiefst kontraproduktiv und erinnert fatal an die Sie/Du-Anrede in der dritten Person (Herr Müller, ich bin die Schwester Erika. Haben wir heute gut geschlafen?) in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Zwar empfinden sicher nicht alle Wähler so wie ich, aber die genannten Formulierungen zielen bewusst auf eine Klientel, der man nur ein kindisches Begriffsvermögen zutraut. Deshalb sollten Sie meiner Meinung nach darauf dringen, daß zumindest seitens der Regierungsmitglieder diese herablassend bemitleidenden Formulierungen nicht mehr öffentlich benutzt werden.

  10. Jana Schetter

    Lieber Peter,
    als mir das Zitat von „Buschsalat“ als 1. optisch ins Auge gefallen ist dachte ich zunächst: „Oh nein, bitte kein plumper Äpfel mit Birnen Vergleich. Das was uns als einzelnen als Gefahr schnell treffen kann macht uns natürlich mehr Sorgen, als eine abstrakte Bedrohung unserer Grundrechte, die schwer greifbar ist.“

    Einiges von dem was Du geschrieben hast hat mir dann doch gefallen.
    Ich halte es für wichtig an sich zu arbeiten und zu versuchen dem gegenüber mehr Respekt zu zollen. Gerade im Netz.
    Meistens lese ich Zeitungsartikel im Internet.
    Es erschreckt mich immer wieder, wie hier in den Kommentaren verbal aufeinander eingeschlagen wird.
    Und auch ich bin manchmal versucht auf einen Kommentar mit der Frage nach dem geistigen Zustands des Verfassers zu reagieren und verkneife mir das dann zum Glück doch.
    Der Umgang im Netz ist rau.
    „Netiquette“ ist Ihnen, Bernd Hofmann, nicht neu.
    Ich muss gestehen ich habe erstmal auf Wikipedia nachgelesen.
    Dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt wird, denke ich, wirklich zu oft vergessen.
    Man wirft sich Dinge an den Kopf die sich viele Menschen im Gespräch von Angesicht zu Angesicht nie sagen würden.
    Es ist sicher wichtig die „Netiquette 2.0″, oder welchen Namen man dem Kind auch immer gibt, in der Gesellschaft zu diskutieren.
    Es zu erreichen, dass man darüber spricht und sich bewusst Gedanken macht.
    Deshalb begrüße ich auch, dass Du Peter, als jemand der in der Öffentlichkeit steht , das Thema aufgreifst.
    Auf der anderen Seite scheue auch ich mich vor zu vielen Regularien.
    Was soll hier die Politik tun? Welche Maßnahmen gegen Cyber-Mobbing und Shitstorm ergreifen?
    Wie sehen denn da Deine konkreten Vorstellungen aus?
    Mich würden ein paar Beispiele interessieren.
    Viele Grüße
    Jana Schetter

  11. Hallo Herr Tauber,
    ich melde mich nochmals zu Wort.
    Obwohl ich Ihnen politisch wohl eher fern stehe, habe ich mich doch ausführlich mit Ihrem Artikel beschäftigt. Meiner Meinung nach auch ohne Polemik und Vorwürfe.
    Der politische Dialog muss einfach geführt werden, alles andere führt zu nichts.

    Für Twitter habe ich das mal so ausgedrückt:
    #Diskurs ist verwandt mit #Diskussion, nicht mit #Diskus (Wurfgerät)
    und
    #Es heisst #Diskurs, nicht #Diss_Kurs

    Eines muss ich allerdings bei Ihrer Antwort auf meinem Blog kritisieren. Den Drall, den Sie der Diskussion geben.
    Die Verwendung von „unterstellen“ und die „kleine Veränderung“ meiner Frage:
    Ich: „Ehrlich Herr Tauber, wie oft widersprechen Sie öffentlich den Meinungsführern Ihrer Partei?“
    Sie: „Erste Frage: Haben Sie Angst zu widersprechen? Auch mal der Mehrheitsmeinung der eigenen Partei?“
    Verwendung meinerseits „Meinungsführer“, Ihrerseits „Mehrheitsmeinung“ und „Angst“ ist leider in der politischen Diskussion üblich, aber eben nicht hilfreich.
    Ansonsten aber „Bleiben wir im Gespräch.“

    Viele Grüße

    Thomas Köhler

    P.S. Dieser Komentar ist auch in meinem Blog zu lesen.

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