SCHWARZER PETER

Armut und Reich in Deutschland oder die Belastbarkeit von Statistiken

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Der jüngste Armuts- und Reichtumsbericht hat für heftige Diskussionen gesorgt. Die Menschen in Deutschland treibt die Frage, wie gerecht es in unserem Land zugeht, um. Und das kann ich gut verstehen. Im parteipolitischen Schlagabtausch prallen da oft Zahlenreihen und Prozentzahlen aufeinander. Ich persönlich finde das von der EU vorgegebene Instrument zur Messung von Armut in unserer Gesellschaft hoch problematisch. Warum will ich hier kurz erklären.

Es bleibt festzuhalten, dass es den Menschen in Deutschland oft besser geht als vor vier Jahren. Die Zahlen der Menschen, die von Hartz IV leben, ist um eine Million gesunken und darunter viele Kinder. Deutlich mehr Menschen haben einen Job – und zwar einen Job, von dem sie leben können. Wir hatten noch nie so viele sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse wie derzeit. Seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, geht die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander. Das ist ein Erfolg! Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet: Die Armutsgefahr hat in Deutschland zwischen 1999 und 2004 deutlich zugenommen, seither nicht mehr. Im Gegenteil, die Einkommensschere hat sich wieder geschlossen. Das zeigt: Unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel geht es den Menschen besser.

Viele Menschen haben aber das Gefühl, dass es immer ungerechter in unserem Land zugeht. Und aktuelle Statistiken – so der Eindruck – bestätigen ja dieses Bild. So heißt es beispielsweise, dass die Armutsgefährdung in Deutschland steige. Fast 16 Prozent der Haushalte seien davon betroffen. Armutsgefährdet ist nach der gängigen Definition der EU, wer über weniger als 60 Prozent des gewichteten (nationalen) Nettoeinkommens verfügt. Was bedeutet diese Definition, wenn wir uns in Deutschland mit anderen Ländern vergleichen?

Wenn in einer Gesellschaft wie Nordkorea alle Menschen hungern, ist auf der Basis die-ser Statistik keiner armutsgefährdet. Es hungern ja alle gleich, und weniger als 60 Pro-zent des gewichteten Nettoeinkommens verdient auch niemand. Schon das zeigt, wie absurd diese Statistik ist. Wenn in Griechenland alle Gehälter und Renten gekürzt wer-den, dann führt das auf der Basis dieser Berechnungen nicht zu mehr Armut. Ist das realistisch?

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Wenn Michael Schumacher morgen seinen Wohnsitz in den Main-Kinzig-Kreis verlegt, dann steigt das gewichtete Nettoeinkommen enorm. Ohne das irgendjemand einen Cent weniger verdient, erhöht sich statistisch die Zahl der Menschen, die von Armut gefährdet sind, weil sie eben weniger als die genannten 60 Prozent des gewichteten Nettoeinkommens verdienen.

Genauso fragwürdig ist die Statistik der EU übrigens, wenn wir uns anschauen, wie dort Reichtum definiert wird. Statistisch gesehen ist derjenige reich, der über 200 Prozent des gewichteten Nettoeinkommens verfügt. Für Deutschland heißt das: jemand mit 952 Euro und weniger im Monat ist armutsgefährdet und reich wäre jemand ab einem Nettoeinkommen von 3 250 Euro. Also, zwischen armutsgefährdet und reich liegen – statistisch gesehen – gerade einmal 2 200 Euro an Nettoeinkommen. Das ist aus meiner Sicht ziemlich absurd, auch weil es sämtliche Lebensumstände ausblendet.

Um es auf die Spitze zu bringen: Ein Student vor dem Abschluss des Studiums gilt in der Regel als armutsgefährdet oder arm. Mit seinem ersten Job kann er dann von einem Tag auf den anderen plötzlich reich werden. Das ist schon abenteuerlich.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben ein anderes Bild. Für Deutschland zeigt sich zunächst einmal, dass die gemessene Ungleichheit seit 2007 rückläufig ist, während sie von 2000 bis 2005 zugenommen hat. Das betrifft die Nettoäquivalenzein-kommen auf Haushaltsebene, also alle Einkommensarten.

Die ganze Debatte wird zu sehr mit Blick auf lediglich materielle Faktoren geführt. Men-schen können sich durchaus bei genügender materieller Grundausstattung als arm empfinden, wenn sie sozial vereinsamt sind, wenige oder keine personalen Netzwerke haben, wenn sie von Krankheiten geplagt sind oder sich in trostlosen Lebenslagen befinden. Umgekehrt können sich Menschen auch bei geringen materiellen Mitteln ihr Leben als reich und glücklich vorstellen. Wohlstand und Lebensqualität sind keine ausschließlichen Funktionen des Einkommens. Dahinter steht auch die Frage nach einem guten Leben, einem gelingenden Leben.

Armut ist ein relativer Begriff, zum einen relativ zum Einkommen oder Vermögen ande-rer, aber auch relativ zu anderen uns wichtigen Lebenschancen. Vieles davon können wir messen, vieles nicht. Den Menschen und seine Lebenschancen lediglich auf die materiellen Möglichkeiten zu reduzieren, erscheint mir falsch. Unsere Gesellschaft als eine zu denunzieren, in der Armut zunimmt, ist ebenfalls schief und falsch.

Zunimmt lediglich der Druck der Oppositionsparteien, ein Thema zu finden. Trotz Fi-nanz- und Wirtschaftskrise, trotz der Staatsschuldenkrise in Europa geht es vielen Menschen in Deutschland heute besser als vor vier Jahren. Das hat viel mit der von der Union geführten Bundesregierung zu tun, aber vor allem mit dem Fleiß der Menschen und klugen unternehmerischen Entscheidungen. Das sollten wir nicht ständig schlecht reden.

Foto: Tobias Koch/www.tobiaskoch.net

5 Kommentare zu “Armut und Reich in Deutschland oder die Belastbarkeit von Statistiken

  1. Es ist guter Stil, für Zahlen Quellen zu nennen: im Internet geht das zum Beispiel über Links.

    Ohne Quellen bleiben solche Behauptungen: „Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben ein anderes Bild“ einfach reine Behauptungen. Obs stimmt? Wer weiß. Die Publikationen des Statistischen Bundesamtes sind umfangreich, die Gefahr, diese Zahlen dort zufällig zu finden (oder auch: sie dort eben nicht zu finden!) ist ziemlich gering. Man könnte sich deshalb fragen: Wenn es die Zahlen tatsächlich so geben würde, hätte der Autor sie doch sicher belegt?

  2. Eine hervorragende Zusammenfassung dazu, wie man mit Statistik lügen kann und wie gut es den Deutschen momentan tatsächlich geht.
    Die Linken wird das wahrscheinlich wenig interessieren. Sie werden im Wahlkampf eifrig vorrechnen, wie sich die Armut im Land ausbreitet, warum unsere Steuern zu niedrig sind und welche Transferprogramme deswegen dringend nötig sind… 🙄

  3. @Michael Kohl: erst informieren, dann schreiben, ja? 1. Sagen die Linken nicht, dass die Steuern grundsätzlich zu niedrig sind, gewisse Steuern müssen aber erhöht bzw erhoben werden (Spitzensteuersatz, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer). Dass die Vermögenden (und damit meine ich die Multimillionäre und nicht diejenigen, die laut diesem Artikel als reich gelten) zur Kasse gebeten werden müssen ist unumstritten. Aber diese sind ja die größten Spender der Union, nicht wahr und eine Krähe hackt der anderen auch kein Auge aus. Zu dem Thema empfehle ich den heutigen Artikel im tagesspiegel zu lesen. Dafür sollte endlich mal die Mittelschicht entlastet werden. Und dafür hat Schwarz/Gelb nichts getan, im Gegenteil! Ich empfinde den Artikel von Herrn Tauber als reine Parteipropaganda. Nichts wird deutlich belegt, es werden nur Parolen abgelassen „Deutschland geht es gut“, „die Schere hat sich nicht mehr weiter geöffnet“. Werden die Menschen, die durch den wachsenden (und unter Schwarz/Gelb immer noch weiter gewachsenen) Niedriglohnbereich am Existenzminimum herum krebsen nicht zu Deutschland hinzu gezählt? Und die Anzahl der H4 beziehenden Menschen ist alles andere als gesunken.
    Dass der Armuts,- und Reichtumsbericht getürkt ist wissen ja aber Gott sei Dank mittlerweile alle, von daher wird diese Selbstbeweihräucherung von jemandem in der Regierung keinen (der noch etwas kritisches Denken besitzt) beeindrucken.

  4. @Michael Kohl: Unklar ist nur, wer lügt. Da die Quellen immer noch fehlen, ist das nach wie vor nicht beantwortbar. Schade, so ist der Artikel Wahlkampf, kein Denkanstoß.

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