Ich gratuliere…. Crysis 2 zum Titel „bestes deutsches Computerspiel“

Am 26. April 2012 wurde in Berlin der Deutsche Computerspielpreis vergeben. Ich selbst durfte sowohl in der Fachjury als auch dann später in der Hauptjury in Vertretung für meine Kollegin Dorothee Bär mit diskutieren, welche Spiele in den verschiedenen Kategorien ausgezeichnet werden sollten. Die Entscheidung der Fachjurys und der Hauptjury orientierten sich dabei an den Vorgaben und dem Kriterienkatalog, der auch in den letzten Jahren Maßstab für die Entscheidungen war. Mit besonderer Spannung habe ich dabei vor allem auf die Sitzung der Hauptjury gewartet, denn die Fachjury für das „beste Deutsche Computerspiel“, der ich angehörte, hatte eine – ich will es mal so sagen – ungewöhnlichen Vorschlag unterbreitet. Am Ende folgte nach ausführlicher Debatte die Hauptjury diesem Vorschlag und Crysis 2, der erfolgreiche Egoshooter von Crytek, konnte den Preis als bestes deutsches Computerspiel einfahren. Hierzu meinen herzlichen Glückwunsch!

Mir war klar, dass es hierüber eine öffentliche Debatte geben würde. Dass die Verleihung des Preises nun just auch noch am 10. Jahrestag des Amoklaufs an einem Erfurter Gymnasium stattfand, machte es absehbar nicht leichter, eine sachliche Debatte ob der Entscheidung der Jury zu führen. Dass in diesem Kontext aber erneut das Klischee der Gewalt fördernden „Killerspiele“ bemüht werden würde war klar. Hierzu möchte ich nur einen Satz sagen: langsam sollten wir davon Abstand nehmen, Gewalttaten von Jugendlichen monokausal mit dem Spielen von Ego-Shootern erklären zu wollen. Es nervt mich, dass die Politik damit reflexartig allerhöchstens Symptome bekämpft, aber sicherlich nicht die Ursachen für ein undifferenziertes Verhältnis zur Gewalt bei manchen Jugendlichen anpackt. Hin zu kommt, dass Millionen von Menschen – vom Rettungssanitäter über den Studenten bis hin zum Architekten – solche Spiele in ihrer Freizeit mit Genuss spielen. Computerspiele sind längst ein Kulturgut. Das cnetz hat darum zu Recht gefordert, dass Computerspiele als Kulturgut anerkannt werden und gleichberechtigt neben anderen Medien stehen.

Es gibt gute und schlechte Spiele – sowohl was die Geschichte, als auch was die technische Umsetzung und die bildliche Darstellung betrifft. Und Crysis 2 gehört mit Blick auf diese drei Aspekte sicherlich zu den besten Spielen, die es derzeit nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auf dem Markt gibt.

Was waren die Gründe für die Jury, Crysis 2 zu prämieren? Einer der im Zuge der Verleihung geäußerten Kritikpunkte war, dass das Spiel nicht pädagogisch wertvoll sei. Diesen Anspruch hat auch die Jury nicht formuliert. Das Spiel hat von der USK eine Altersfreigabe ab 18 erhalten. Es ist also ein Spiel für Erwachsene. Und wenn ich als Erwachsener ein Spiel spiele – egal ob am Computer oder als Brettspiel -, dann will ich Spaß haben, unterhalten werden oder mich ablenken von einem stressigen Arbeitstag. Ich will alles, aber keinen Erziehung oder pädagogische Anleitung. In allen anderen Kategorien, die der Jury bei der Preisvergabe an die Hand gegeben waren, war Crysis 2 unbestritten allen anderen Computerspielen meilenweit voraus. Darum war die Entscheidung am Ende eindeutig. Übrigens: auch die anderen Spiele haben längst nicht alle Kriterien erfüllt. Manche mögen einem gewissen pädagogischen Anspruch gerecht werden, haben dann aber eine umständliche Spielführung oder eine nur mittelmäßige Grafik.

Was hat die Jury nun gesagt? Hier der Text der Fachjury: „Mit Crysis 2 haben erstmalig Entwickler aus Deutschland technologisch, qualitativ und ökonomisch weltweit Publikum und Fachwelt überzeugt und begeistert. Eine eigene Technologie, die weltweit auch im Bereich Serious Games eingesetzt wird, eine mehr als Hollywood-Reife Präsentation, eine grafische, akustische und spielerische Qualität auf höchstem Niveau überzeugten die anwesenden Jurymitglieder. Eine mehr als beeindruckende Grafik, die ihresgleichen im Gamesbereich sucht, nimmt einen mit in das detailreich nachgebildete New York. Das von jungen Deutschen türkischer Abstammung gegründete Unternehmen Crytek ist – mit inzwischen 300 Mitarbeitern in Frankfurt am Main beheimatet – das internationale Aushängeschild von Retail-Spielproduktion und 3D Technologieherstellung Made in Germany und hat mit Crysis2 ein Spiel vorgelegt, dass die Bezeichnung „bestes deutsches Computerspiel“ mehr als verdient.“

Da es Diskussionen um die Entscheidungen der Jury gab, schlage ich zwei neue Kategorien vor: Es sollte eine Kategorie für das beste Spiel mit der Altersfreigabe ab 18 und eine Kategorie für das pädagogisch wertvollste Spiel geben.

Ich gratuliere den Machern von Crysis 2, aber auch allen anderen Gewinnern in den übrigen Kategorien des Deutschen Computerspielpreises ganz herzlich!

Ich danke Crytek für die Bereitstellung des Bildmaterials.

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11 Kommentare.

  1. gordoncreative

    Hätten sie das Spiel auch ausgezeichnet, wenn es indiziert gewesen wäre?

    • Dann wäre es nicht vorgeschlagen worden!

    • dann wär das doch garnicht so weit gekommen @Gordoncreative. Es ist nicht indiziert und damit hat sich das Thema auch schon erledigt – Außerdem hat Herr Tauber das spiel nicht ausgezeichnet sondern die Jury des deutschen Computerspielpreises, das ist ein unterschied. Er kommentiert dies nur.

  2. Jürgen Borst

    Über Ihre Stellungnahme zu der Preisverleihung schäme ich mich in Grund und Boden! Glauben Sie allen Ernstes, dass ein Spiel, welches die Freigabe ab 18 Jahren erhalten hat, nur von Volljärigen gespielt wird?? Ein Ego-Shooter um – so wörtlich – „mich ablenken von einem stressigen Arbeitstag“?? Soll das ein virtuelles Kollegen-Killen zur therapeutsichen Vorbeugung eines Burn out sein??
    Wäre ich nicht vor Jahren bereits aus der CDU ausgetreten, dann wäre es jetzt passiert! Meines Erachtens ist das alles nur Effekthascherei, um der Piratenpartei auf Augenhöhe begegnen zu wollen.
    Schönen Gruß von einem Familienvater, der sich ab sofort aus der Reihe der CDU-Stammwähler verabschiedet!

    • Sehr geehrter Herr Borst, das hat weder etwas mit den Piraten zu tun, noch ist es Effekthascherei. Millionen Menschen spielen diese Spiele – vom Richter bis zum Rettungssanitäter ist die ganze Bandbreite vertreten. Man muss diese Spiele nicht mögen, aber man kann nun einmal nicht umhin, zuzugeben, dass sie teilweise sehr gut gemacht sind. Und ich wehre mich einfach dagegen, dass wir in einer freien Gesellschaft Menschen vorschreiben, welche Freizeitgestaltung „wertvoll“ ist und welche nicht. Das hat dann nichts mehr mit Freiheit zu tun, sondern ist der erhobene Zeigefinger und der gefällt mir generell nicht, wenn ich darauf setze, dass Menschen für ihr eigenes Tun selbst Verantwortung übernehmen. Ich gehe fest davon aus, dass Ihre Kinder dieses Spiel nicht spielen, da es aus guten Gründen eine Altersfreigabe ab 18 von der USK erhalten hat. Wenn Eltern also ihrer Verantwortung gerecht werden, dann gibt es einen weiteren Grund weniger, solche Spiele zu stigmatisieren und so zu tun, als ob durch das Bannen bestimmter Computerspiele gesellschaftliche Probleme wie Gewalt oder fehlende Empathie und soziales Mitgefühl gelöst werden könnten. Wer das glaubt ist aus meiner Sicht auf dem Holzweg. Danke für Ihren Kommentar und die Mühe, die sich sich gemacht haben. Ihr Tauber

    • Was für ein Schwachsinn. Im deutschen Fernsehen wird täglich gemordet, geschlagen und vergewaltigt, und das zur besten Sendezeit. Auch im Kino werden am laufenden Band Filme gezeigt, in denen Gewalt aus der Perspektive des Zuschauers als „Ego-Shooter“ erlebt wird. Dürfen wir ab jetzt keine Bücher mehr lesen, in denen der Autor in „Ich“-Form beschreibt, wie er den Mörder seiner Frau verfolgt? Wird vielleicht sogar noch „Inglorious Bastards“ verboten, weil dort Juden einen SS-Offizier genüßlich unter allerlei Scherzen skalpieren?
      Aus welchem Grunde haben wohl Generationen von Menschen Kriminalromane gelesen? Garantiert nicht, um sich „weiterzubilden“!
      Auch hier handelt es sich schlicht um Unterhaltung, bei der man sich von einem stressigen Alltag erholen kann. Nur jemand, der noch nie ein solches Computerspiel gespielt hat, kann hier von „virtuellem Kollegen-Killen zur therapeutischen Vorbeugung eines Burn out“ reden. Man kann die Kinder dieses „Familienvaters“ Borst nur bedauern.

  3. Hi Hr Tauber,

    bin eben über das Kurzinterview im Spiegel gestolpert und kann als angehender Erzieher und Seminerd, der auch gerne mal ’n Shooter spielt, Ihren Standpunkt nur unterstützen. „Monokausal“ wurde umgehend zum Lieblingswort der Woche gekürt und Ihren Vorschlag der zwei Kategorien finde ich spitze!
    Feiern Sie schön in den ersten Mai, ich trinke heute Abend noch ein Bier auf Sie.

  4. Markus Boll

    Hallo Herr Dr. Tauber,

    als überzeugter Gamer kann ich Ihrer Aussage nur zustimmen. Ich freue mich, dass jemand aus den etablierten Parteien endlich sieht, dass Computerspiele nicht die Ursache aller sozialen Probleme sind. Besonders „Gewaltspiele“ (ich mag dieses Wort überhaupt nicht) und deren Spieler geniessen mittlerweile ein solch schlechtes Ansehen in der Gesellschaft, dass es Zeit wird, dass mit diesem Märchen endlich aufgeräumt wird. Ich hoffe, dass viele Ihrem Beispiel folgen und sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen.
    Desweiteren bedanke ich mich für die Beantwortung meiner Email.

    Zum Kommentar von Herrn Borst möchte ich Folgendes sagen:
    Ohne Sie persönlich angreifen zu wollen, kommt es mir so vor, als würden Sie sich von der CDU abwenden, weil Herr Dr. Tauber aufzuhören versucht, Ihre Kinder (hyper)aktiv vor diesen Spielen zu schützen. Solche Spiele sollen laut Gesetz nicht an Ihre Kinder abgegeben werden. Dieses Gesetz wird meiner Meinung nach gut durch den Einzelhandel umgesetzt. Demnach führt der einzige Weg über Sie als Elternteil oder die Eltern der Freunde Ihrer Kinder. Solange Sie und die anderen Eltern also Ihren Kindern solche Spiele nicht kaufen, müssen Sie vor den (nicht wirklich belegten) negativen Auswirkungen dieser Spiele keine Angst haben. Darüber hinaus halte ich es auch nicht für verkehrt, wenn Sie sich, zusammen mit Ihren Kindern, ordentlich mit der Materie beschäftigen. Das soll nicht bedeuten, dass Sie diese Spiele mit Ihren Kindern spielen sollen. Vielmehr sollten Sie zusammen mit Ihren Kindern passende Spiele spielen und so die Faszination „Videospiel“ am eigenen Leib erleben können. Sie müssen Ego-Shooter und dergleichen nicht mögen, sollten aber tolerieren, dass es nicht darum geht, seine kranken Fantasien an virtuellen Abbildern von Menschen ausleben zu können, was eventuell auch Ihren klischeehaften „Kollegen-Killen“-Aussagen ein Ende setzen würde.
    Desweiteren halte ich diese Gratulation von Seiten Herrn Dr. Taubers nicht als letzter verzweifelter Versuch der Piratenpartei den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern vielmehr für einen Schritt in die richtige Richtung – weg von der Bevormundung erwachsener Bürger und hin zu der Freiheit, problemlos das zu konsumieren, was man für richtig hält.
    Oder wären Sie begeistert, wenn Sie Ihr Feierabendbier aus England importieren müssten, nur damit das Koma-Saufen endlich aufhört?

    Hochachtungsvoll
    Markus Boll

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