Danke Joseph Ratzinger!

Ich bin evangelisch und das aus Überzeugung. Darum habe ich lange überlegt, ob ich meine Gedanken zum angekündigten Rücktritt des Papstes niederschreibe. Nachdem ich die große Ehre hatte, Benedikt XVI. persönlich zu begegnen, und mich die oft erschreckend einseitige Darstellung des Heiligen Vaters in den deutschen Medien zunehmend nervt, habe ich mich dafür entschieden.

Als damals eine große deutsche Zeitung „Wir sind Papst“ getitelt hat, da galt das für mich als Deutscher, aber nicht für mich als Christ, wenngleich ich der Überzeugung bin, dass in Zeiten, in denen Christen auch in unserer Gesellschaft immer mehr Anfeindungen ausgesetzt sind, die Ökumene wichtiger denn je ist. Es war und bleibt ein bewegendes Zeugnis, dass nach der Geschichte des 20. Jahrhundert und 500 Jahre nach Luther ein Deutscher an die Spitze der katholischen Kirche gewählt wurde.

Der Papst – auch wenn er Deutscher ist – steht einer der wenigen globalen Organisationen vor, in der Menschen aller Rassen und Nationen, arm und reich, jung und alt, zusammenfinden. Die Kirche existiert seit mehr 2000 Jahren. In diesen 2000 Jahren haben Menschen versucht, den Lehren Jesu Christi nachzufolgen – und dabei alle nur erdenklichen Fehler gemacht, eben weil sie Menschen sind. Das gilt auch für die Kirche unserer Zeit und das weiß auch der Papst. Dass sich die Kirche dabei in der modernen Welt der Kritik stellen muss ist gut so. Ob alle Kritik berechtigt ist, sei dahingestellt. Generalaudienz mit Benedikt XVI.

Der Glaube vieler deutscher Medien, die katholische Kirche, der mehr als eine Milliarde Menschen angehören, habe sich in ihrer Lehrmeinung nach gut 20 Millionen deutschen Katholiken oder gar nach dem Feuilleton deutscher Tageszeitungen zu richten, offenbart eine Hybris, die beeindruckt. Auch wenn die Kirche manchmal erschreckend weltfremd wirkt, auch wenn manche ihrer Repräsentanten Fehler machen, so kann man das sich bewusste Entziehen der Mechanismen der Moderne (oder der Mediendemokratie) durch die Kirche auch als Stärke und nicht als Schwäche interpretieren. Die frohe Botschaft des Herrn bleibt seit 2000 Jahren eine Quelle der Kraft und Hoffnung für die Menschheit – unabhängig der Tagespresse.

Welches Zerrbild haben Journalisten oft von dem Menschen Josef Ratzinger gezeichnet? Das ein Papst klare Worte finden muss – gegenüber dem Islam beispielsweise oder der Ungerechtigkeit in der Welt –, kann man ihm nicht vorwerfen, dass sollte man von ihm erwarten. Glaube ist anstrengend. Er fordert und verlangt von den Menschen etwas. Glauben ist nichts für denjenigen, der nach steter „wellness“ trachtet. Das wusste schon Luther. Ein Papst muss daher klare Worte sprechen, gerade wenn sie nicht politisch korrekt sind. Es ist bezeichnend, dass die deutschen Medien nur die Äußerungen von ihm aufgegriffen haben, die zur Skandalisierung geeignet waren – wohlgemerkt meist durch das Weglassen oder die Verkürzung. Sein theologisches Wirken, sein stetes Mahnen für Gerechtigkeit, sein Eintreten für die Schwachen und Armen war selten eine Schlagzeile wert.

Der freiwillige Abschied aus einem Amt, nicht herbeigeführt durch Skandale, sondern durch die eigene Einsicht, der schweren Aufgabe körperlich nicht mehr gewachsen zu sein, wird nun wieder genutzt, nicht nur den Stab über einen Menschen zu brechen, sondern gleich erneut mit der Institution Kirche abzurechnen. Heilige Einfalt! Wie durchsichtig ist das? Golo Mann hat in seiner „Deutschen Geschichte“ mit Blick auf die Kirche einen wahren Satz geschrieben: „Aber die Korruption der Kirche beweist nichts gegen ihre Mission. Im Gegenteil. Dass auf den Menschen kein Verlass ist, dass er der Gnade bedarf, gerade diese Erkenntnis haben alle christlichen Konfessionen gemeinsam.“

Als Bundestagsabgeordneter war ich nicht nur von Ratzingers Rede im Deutschen Bundestag beeindruckt. Auch da gab es vorher einen inszenierten Aufschrei – nachher waren sich alle einig, dass der Heilige Vater kluge Worte an die Politik gerichtet hatte. Die heilige Messe im Olympiastadion, die mit einem ökumenischen Lied endete, war ebenfalls etwas besonderes. Aber die persönliche Begegnung mit Benedikt XVI. am Rande einer Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom war für mich einer der Höhepunkte dieser Legislaturperiode. Dieser Mann, der schon vor zwei Jahren im Amt sichtlich gealtert war, der sich aufgerieben hat für seine Aufgabe, hatte trotz seiner Gebrechen eine Ausstrahlung, die mich tief berührte. Er war warmherzig, offen, die Art wie er schon vorher bei der Generalaudienz die vor allem jungen Menschen auf dem Petersplatz begeisterte, war bewegend. Es war schön, bewegend, nachdenklich machend und fröhlich, laut und leise zugleich.

Die Sprache Benedikts XVI. beeindruckt und nimmt gefangen. Es lohnt sich näher hinzuschauen, zu hören, zu lesen. Der Kabarettist Willibert Pauels hat in einem Artikel über den Papst das folgende Zitat Ratzingers aufgegriffen, das mir so außerordentlich gut gefällt, weil es voller Wärme und Trost und zugleich intellektueller Tiefe ist: „Das Einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele. Denn sie ist kostbarer als das ganze Universum. Deshalb ist das, was von uns bleibt, das, was wir in die Seelen der Menschen gelegt haben. Die Liebe, die Erkenntnis, das Wort, das die Seele berührt und öffnet zur Freude.“

Was bleibt von Benedikt XVI.? Seine Bücher über Jesus Christus, seine theologischen Werke und Enyzkliken über die Liebe und die Hoffnung. Seine strengen Richtlinien gegen den Missbrauch durch Kleriker und das auf die Opfer zugehen, sein sensibles Auftreten auch ei schwierigen Auslandsreisen – ob in Großbritannien, im Libanon oder in der Türkei, sein Anstossen von Diskussionen.

Andreas Püttmann hat geschrieben: „Selbst durch seinen – mehr als 700 Jahre Konvention sprengenden – Rücktritt in Würde und Demut hat er noch Maßstäbe für Kirche und Gesellschaft gesetzt. Angesichts all dessen kann man durchaus ins Grübeln kommen, wie die intellektuelle, geistliche und charakterliche Klasse dieses Papstes eigentlich noch einmal von einem Nachfolger erreicht werden soll. Die insgesamt über 30-jährige römische „Ära Ratzinger“ – denn Johannes Paul II. verdankte ihm „das theologische Profil meines Pontifikats“ – dürfte in der Rückschau als eine der bedeutenden der Kirchengeschichte betrachtet werden.“

Ich bin evangelisch und das aus Überzeugung. Aber ich respektierte und achtete diesen Papst nicht nur. Ich mochte ihn. Bleibt zu hoffen, dass er der Christenheit als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn, so hat er sich glaube ich selbst oft gesehen, noch lange erhalten bleibt.

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