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Danke Joseph Ratzinger!

Ich bin evangelisch und das aus Überzeugung. Darum habe ich lange überlegt, ob ich meine Gedanken zum angekündigten Rücktritt des Papstes niederschreibe. Nachdem ich die große Ehre hatte, Benedikt XVI. persönlich zu begegnen, und mich die oft erschreckend einseitige Darstellung des Heiligen Vaters in den deutschen Medien zunehmend nervt, habe ich mich dafür entschieden.

Als damals eine große deutsche Zeitung „Wir sind Papst“ getitelt hat, da galt das für mich als Deutscher, aber nicht für mich als Christ, wenngleich ich der Überzeugung bin, dass in Zeiten, in denen Christen auch in unserer Gesellschaft immer mehr Anfeindungen ausgesetzt sind, die Ökumene wichtiger denn je ist. Es war und bleibt ein bewegendes Zeugnis, dass nach der Geschichte des 20. Jahrhundert und 500 Jahre nach Luther ein Deutscher an die Spitze der katholischen Kirche gewählt wurde.

Der Papst – auch wenn er Deutscher ist – steht einer der wenigen globalen Organisationen vor, in der Menschen aller Rassen und Nationen, arm und reich, jung und alt, zusammenfinden. Die Kirche existiert seit mehr 2000 Jahren. In diesen 2000 Jahren haben Menschen versucht, den Lehren Jesu Christi nachzufolgen – und dabei alle nur erdenklichen Fehler gemacht, eben weil sie Menschen sind. Das gilt auch für die Kirche unserer Zeit und das weiß auch der Papst. Dass sich die Kirche dabei in der modernen Welt der Kritik stellen muss ist gut so. Ob alle Kritik berechtigt ist, sei dahingestellt. Generalaudienz mit Benedikt XVI.

Der Glaube vieler deutscher Medien, die katholische Kirche, der mehr als eine Milliarde Menschen angehören, habe sich in ihrer Lehrmeinung nach gut 20 Millionen deutschen Katholiken oder gar nach dem Feuilleton deutscher Tageszeitungen zu richten, offenbart eine Hybris, die beeindruckt. Auch wenn die Kirche manchmal erschreckend weltfremd wirkt, auch wenn manche ihrer Repräsentanten Fehler machen, so kann man das sich bewusste Entziehen der Mechanismen der Moderne (oder der Mediendemokratie) durch die Kirche auch als Stärke und nicht als Schwäche interpretieren. Die frohe Botschaft des Herrn bleibt seit 2000 Jahren eine Quelle der Kraft und Hoffnung für die Menschheit – unabhängig der Tagespresse.

Welches Zerrbild haben Journalisten oft von dem Menschen Josef Ratzinger gezeichnet? Das ein Papst klare Worte finden muss – gegenüber dem Islam beispielsweise oder der Ungerechtigkeit in der Welt –, kann man ihm nicht vorwerfen, dass sollte man von ihm erwarten. Glaube ist anstrengend. Er fordert und verlangt von den Menschen etwas. Glauben ist nichts für denjenigen, der nach steter „wellness“ trachtet. Das wusste schon Luther. Ein Papst muss daher klare Worte sprechen, gerade wenn sie nicht politisch korrekt sind. Es ist bezeichnend, dass die deutschen Medien nur die Äußerungen von ihm aufgegriffen haben, die zur Skandalisierung geeignet waren – wohlgemerkt meist durch das Weglassen oder die Verkürzung. Sein theologisches Wirken, sein stetes Mahnen für Gerechtigkeit, sein Eintreten für die Schwachen und Armen war selten eine Schlagzeile wert.

Der freiwillige Abschied aus einem Amt, nicht herbeigeführt durch Skandale, sondern durch die eigene Einsicht, der schweren Aufgabe körperlich nicht mehr gewachsen zu sein, wird nun wieder genutzt, nicht nur den Stab über einen Menschen zu brechen, sondern gleich erneut mit der Institution Kirche abzurechnen. Heilige Einfalt! Wie durchsichtig ist das? Golo Mann hat in seiner „Deutschen Geschichte“ mit Blick auf die Kirche einen wahren Satz geschrieben: „Aber die Korruption der Kirche beweist nichts gegen ihre Mission. Im Gegenteil. Dass auf den Menschen kein Verlass ist, dass er der Gnade bedarf, gerade diese Erkenntnis haben alle christlichen Konfessionen gemeinsam.“

Als Bundestagsabgeordneter war ich nicht nur von Ratzingers Rede im Deutschen Bundestag beeindruckt. Auch da gab es vorher einen inszenierten Aufschrei – nachher waren sich alle einig, dass der Heilige Vater kluge Worte an die Politik gerichtet hatte. Die heilige Messe im Olympiastadion, die mit einem ökumenischen Lied endete, war ebenfalls etwas besonderes. Aber die persönliche Begegnung mit Benedikt XVI. am Rande einer Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom war für mich einer der Höhepunkte dieser Legislaturperiode. Dieser Mann, der schon vor zwei Jahren im Amt sichtlich gealtert war, der sich aufgerieben hat für seine Aufgabe, hatte trotz seiner Gebrechen eine Ausstrahlung, die mich tief berührte. Er war warmherzig, offen, die Art wie er schon vorher bei der Generalaudienz die vor allem jungen Menschen auf dem Petersplatz begeisterte, war bewegend. Es war schön, bewegend, nachdenklich machend und fröhlich, laut und leise zugleich.

Die Sprache Benedikts XVI. beeindruckt und nimmt gefangen. Es lohnt sich näher hinzuschauen, zu hören, zu lesen. Der Kabarettist Willibert Pauels hat in einem Artikel über den Papst das folgende Zitat Ratzingers aufgegriffen, das mir so außerordentlich gut gefällt, weil es voller Wärme und Trost und zugleich intellektueller Tiefe ist: „Das Einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele. Denn sie ist kostbarer als das ganze Universum. Deshalb ist das, was von uns bleibt, das, was wir in die Seelen der Menschen gelegt haben. Die Liebe, die Erkenntnis, das Wort, das die Seele berührt und öffnet zur Freude.“

Was bleibt von Benedikt XVI.? Seine Bücher über Jesus Christus, seine theologischen Werke und Enyzkliken über die Liebe und die Hoffnung. Seine strengen Richtlinien gegen den Missbrauch durch Kleriker und das auf die Opfer zugehen, sein sensibles Auftreten auch ei schwierigen Auslandsreisen – ob in Großbritannien, im Libanon oder in der Türkei, sein Anstossen von Diskussionen.

Andreas Püttmann hat geschrieben: „Selbst durch seinen – mehr als 700 Jahre Konvention sprengenden – Rücktritt in Würde und Demut hat er noch Maßstäbe für Kirche und Gesellschaft gesetzt. Angesichts all dessen kann man durchaus ins Grübeln kommen, wie die intellektuelle, geistliche und charakterliche Klasse dieses Papstes eigentlich noch einmal von einem Nachfolger erreicht werden soll. Die insgesamt über 30-jährige römische „Ära Ratzinger“ – denn Johannes Paul II. verdankte ihm „das theologische Profil meines Pontifikats“ – dürfte in der Rückschau als eine der bedeutenden der Kirchengeschichte betrachtet werden.“

Ich bin evangelisch und das aus Überzeugung. Aber ich respektierte und achtete diesen Papst nicht nur. Ich mochte ihn. Bleibt zu hoffen, dass er der Christenheit als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn, so hat er sich glaube ich selbst oft gesehen, noch lange erhalten bleibt.

Der Papst in Berlin

Nun hat Papst Benedikt XVI. Deutschland besucht, war in Berlin, Erfurt und Freiburg, hat vor dem Bundestag gesprochen und nach dem Ende der apostolischen Reise des Heiligen Vaters fragt man sich, was von diesem Besuch bleibt. Ich hatte bereits im April die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung mit dem Papst und war damals sehr beeindruckt von diesem klugen Mann auf dem Stuhle Petris.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: als Protestant stehe ich nicht im Verdacht alle Lehrmeinungen der katholischen Kirche für richtig zu erachten. Als Christ sehe ich manche Dinge kritisch, darum bin ich eben evangelisch, aber die im Vorfeld des Papstbesuches geäußerte Kritik kann ich größtenteils nicht nachvollziehen. Die Debatte zeugt teilweise von einer erschreckenden Unkenntnis der katholischen Kirche und auch des christlichen Glaubens. Dass der Papst sich als Oberhaupt von mehr als einer Milliarde katholischer Christen weltweit nicht zu jeder „Kleinigkeit“ in der öffentlichen Debatte in Deutschland äußert, ist das erste, was seine Kritiker verstehen sollten. Bei einem gewissen Teil vermutet man nicht nur eine Aversion gegenüber der Amtskirche als Motivation für den Protest, sondern zugleich scheint die Tatsache, dass der Papst Deutscher ist, ein weiterer Dorn im Auge der Kritiker zu sein. Dass darüber hinaus die weit verbreiteten Klischees über Benedikt XVI. recht schnell als solche offenkundig werden, entlarvt viele Kritiker zudem als „Schreihälse“. Von der Toleranz, die Lessing in seiner Ringparabel Nathan den Weisen fordern lässt, sind sie alle meilenweit entfernt und Christen, Juden und Muslime sind sich untereinander näher, als die angeblich so aufgeklärten Kirchen- und Papstkritiker. Sie verbindet der Glaube an die Existenz einer Wahrheit, die aber jeder Gläubige suchen muss und die ihm nicht aufgezwungen werden kann.

Wer ständig rumschreit, dem fehlt die notwendige Aufmerksamkeit zum Hinschauen und Zuhören. Und genau das hat sich beim Besuch des Papstes aus meiner Sicht gelohnt. Ich habe sowohl seine Rede vor dem Deutschen Bundestag gehört als auch an dem großen Gottesdienst im Berliner Olympiastadion teilgenommen. Die Worte von Benedikt XVI. an die Adresse der Bundestagsabgeordneten waren durchaus anspruchsvoll. Ich empfand die Erinnerung an unsere eigentliche Aufgabe als Abgeordnete mit „hörendem Herz“ für die Menschen da zu sein, nicht als anmaßende Ermahnung, sondern als richtigen Hinweis. Zu unterscheiden zwischen Gut und Böse ist zwar aufgrund von Political Correctness und eines Toleranzbegriffs, der allzu oft in Beliebigkeit mündet, nicht mehr gängige Praxis im politischen Diskurs, aber das heißt ja nicht, dass es nicht trotzdem sinnvoll wäre, dies wieder stärker und hörbar zu tun.

Die Wurzeln unseres Denkens sind laut Benedikt XVI. im römischen Rechtsverständnis, der griechischen Philosophie und im christlichen Glauben zu suchen. Daraus abgeleitet erteilte der Papst auch einem Positivismus, der das Naturrecht verneint und damit auch einer „Ökologie des Menschen“ entgegensteht, eine klare Absage. Es war eben genau dieser Dreiklang und die Einbettung des christlichen Glaubens als Europa prägende Geisteskraft, die am Ende auch dazu führte, dass auch Abgeordnete, die sich vorher eher ablehnend bis negativ geäußert hatten, von der Rede angetan bis begeistert waren. Es war eine kluge Rede, die denen, die aufmerksam zugehört haben, helfen kann, die richtigen Koordinaten für die politische Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren.

Nach der Rede von Professor Josef Ratzinger stand dann noch der Gottesdienst mit Papst Benedikt XVI. im Olympiastadion an. Es war wirklich etwas Besonderes, mit mehr als 60.000 Menschen gemeinsam „Großer Gott wir loben Dich“ zu singen. Dort war der Papst ganz Kirchenoberhaupt und predigte, für den Glauben einzustehen und die Botschaft in die Welt zu tragen. Am Ende des Gottesdienstes spielte die Musikgruppe das wunderschöne Lied „Damit ihr Hoffnung habt“. Es war das Lied des 2. Ökumenischen Kirchentags. Auch das ist ein schönes Zeichen und beschreibt am Ende, was Christen von diesem Besuch des Papstes mitnehmen können: die Hoffnung, dass das, wofür Christen in dieser Gesellschaft stehen, auch die Menschen erreicht, die selbst nicht glauben.

Wer sich mit der Person des Papstes auseinandersetzen will, dem empfehle ich als Einstieg einen kurzen und durchaus provokanten Text über zehn angebliche Irrtümer über den Heiligen Vater zur Lektüre: http://tinyurl.com/65afsl6. Um zu verstehen, was Benedikt XVI. umtreibt, kann man auch den Journalisten Paul Badde zitieren, der über den Papst schreibt: „Er ist doch kein Mann von vorgestern. Er ist von vorvorvorvorgestern. Er ist 2000 Jahre alt. Er ist Petrus. Er ist Galiläer und stammt aus Bethsaida am See. Darum müht er sich so ab, die katholische Kirche als einer der letzten wahren Radikalen dieser Welt an ihre ureigene Wurzel zurück zu binden – und mit ihrer authentischen, apostolischen, trotz aller Brüche letztlich ungebrochenen Tradition zu versöhnen, zurück zu ihrem Ursprung in Jesus von Nazareth, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wer das nicht versteht, hat von der katholischen Kirche nichts verstanden. Benedikt XVI. hat sich mit Haut und Haar der ewigen Wahrheit des barmherzigen Gottes verschreiben, für den er auch sterben wird wie sein Vorgänger. Er ist ein Mann von vorvorgestern und von überübermorgen. Wie viele Imperien sind in den letzten 2000 Jahren zerbröselt? Der Papst bleibt. Petrus ist der Fels in dieser Welt.“

Vor dem Besuch des Papstes

Ich freue mich auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin und seine Rede im Deutschen Bundestag. Bereits im April hatte ich die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater in Rom am Rande einer Generalaudienz. Obwohl ich evangelischer Christ bin, war ich doch von dem Gespräch aber vor allem auch von der Generalaudienz auf dem überfüllten Petersplatz mehr als beeindruckt. Wer das einmal miterlebt hat, der muss erkennen, dass die katholische Kirche als weltweite Organisation vor allem auch eine sehr junge Bewegung ist. Der große Teil der Menschen, die dem Papst zugejubelt haben, waren Jugendliche aus allen Teilen der Welt. Wir sollten uns daher vor Augen führen, dass der Papst eben nicht nur für die Millionen katholischer deutscher Christen, sondern weltweit für mehr als eine Milliarde Menschen spricht.

Und ich persönlich bin fernab von theologischen Auseinandersetzungen der Überzeugung, dass es sich sehr wohl lohnt, ihm zuzuhören. Wer seine Bücher gelesen hat, der weiß, dass er ein außergewöhnlich kluger Mann ist und dass er Erfurt als bedeutende Stätte der Reformation besucht, empfinde ich persönlich als ein gutes Zeichen für die Ökumene. Auch deshalb bin ich auf seine Rede gespannt. Papst Benedikt XVI. hat in den letzten Jahren in vielen wichtigen Debatten mahnend die Stimme erhoben: ob beim Friedensprozess im Nahen Osten oder bei der Regulierung der nahezu entfesselten Finanzmärkte. Er und seine Vorgänger haben immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit, für die Bekämpfung der Armut und die Würde des Menschen die Stimme erhoben.

Den Kollegen, die der Rede fernbleiben wollen, sei gesagt: es ist kleinkariert, Ergebenheitsadressen an Fidel Castro zu schicken, noch 2001 begeistert Wladimir Putin zu beklatschen und nun einem der großen Denker unserer Zeit nicht einmal Gehör schenken zu wollen. Der Papst wird weltweit als moralische Instanz geschätzt und zitiert. Selbst Joschka Fischer eilte vor dem Irak-Krieg 2003 in den Vatikan, um nach dem Gespräch unter einem großen Madonnenbild zu erklären, dass er und der Heilige Vater um den Weltfrieden besorgt seien. Auch er kannte damals die päpstliche Sexualmoral. Von der Trennung von Staat und Kirche war damals auch nicht die Rede. Hören wir also auf, uns aufgrund von parteipolitischen Opportunitäten zu streiten, sondern hören wir lieber einmal zu, so wie es vermutlich alle Fraktionen geschlossen bei einem Besuch des Dalai Lama getan hätten. Zuhören tun Politiker vielleicht eh zu selten. Der Papst hat uns nämlich etwas zu sagen – egal, ob wir Christen sind oder nicht.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil IV

Benedikt XVI. und die Generalaudienz auf dem Petersplatz

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Generalaudienz auf dem Petersplatz, an der wir teilnahmen. Der Platz füllte sich schnell mit Pilgergruppen aus aller Welt. „Die Kirche lebt. Und sie ist jung.“ Dieser Satz von Benedikt XVI. kam mir in den Sinn, als ich kurz vor Beginn auf den mit mehr als 15.000 Menschen gefüllten Platz vor dem Petersdom sah. Immer wieder sangen vor allem die dominierenden Jugendgruppen. Vor allem die spanisch sprachigen Gruppen waren gut zu hören und das Vorgetragene kann man wohl am ehesten mit den Fangesängen in Fußballstadien vergleichen. Beifall brandete auf, als der Papst mit dem „Papamobil“ auf dem Petersplatz erschien und durch die Reihen fuhr – dabei fröhlich winkend.

Wer noch nie eine Generalaudienz erlebt hat, der hat etwas verpasst! Alle angemeldeten Pilgergruppen wurden in der jeweiligen Landessprache begrüßt und machten dann auch lautstark auf sich aufmerksam. Da wurden Lieder gesungen, Sprechchöre skandiert und Fahnen geschwenkt. Die Fröhlichkeit der Menschen auf dem Petersplatz war ansteckend und der strahlende Sonnenschein tat sein Übriges.

Die fast zwei Stunden dauernde Generalaudienz stand im Zeichen der Karwoche. In einer sowohl auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Polnisch, Englisch, Italienisch und Deutsch vorgetragenen Ansprache ging es um die Einsamkeit Jesu angesichts des Leidens und des Todes am Kreuz. Ergreifend war der Moment, in dem Benedikt der XVI. auf Deutsch sprach (nicht nur, weil ich das am besten verstanden habe). Während des Sprechens ließ er irgendwann den Zettel, von dem er ablas sinken und sprach weiter. Wie zu sich selbst sinnierte er über das Leiden und den Tod, zog den Vergleich zu den griechischen Philosophen, die dem Tod gleichgültig begegneten, während Jesus Christus Leid und Angst der Menschen im Sterben nachvollzog und auf sich nahm. Es war Moment echter Frömmigkeit und zugleich hoher Theologie. Das war zu spüren – wohl auch für die, die nicht der deutschen Sprache mächtig waren.

Deutlich anzumerken war Benedikt XVI. die Freude über die vielen jungen Menschen, die im Jubel auch ihre Begeisterung für ihren Glauben zum Ausdruck brachten. Nach dem lateinischen Vater unser und dem Segen hatten einige Besucher der Generalaudienz die Gelegenheit, mit dem Papst einige persönliche Worte zu wechseln, Wünsche und Anliegen vorzutragen. Dabei war u.a. auch die Schauspielerin Christine Neubauer, die über Ostern in der ARD im Zweiteiler „Gottes mächtige Dienerin“ zu sehen war. Sie überreichte Benedikt XVI. eine DVD des Films, in dem sie die deutsche Ordensschwester Pascalina spielt, die in unmittelbarer Nähe des Papstes Pius XII. während des Dritten Reiches wirkte. Auch der Kardinal-Höffner-Kreis hatte dann die Möglichkeit zu einer Begegnung mit dem Papst. Auf den Stufen von St. Peter war ein Gruppenfoto geplant. Plötzlich stand er vor mir: ganz in weiß, mit den berühmten roten Schuhen. Wäre nicht der Ort und die Kleidung dann hätte ich den Eindruck eines freundlichen alten Mannes, der etwas müde wirkte, mitgenommen. So überwog aber die Aura des Besonderen. Dies war auch für die anderen Teilnehmer unserer Gruppe spürbar. Wir sprachen kurz miteinander, dann galt es schon Aufstellung für das Gruppenbild zu nehmen, dass in meinem persönlichen Fotoalbum sicherlich einen besonderen Platz erhalten wird.

Nach dieser eindrucksvollen Begegnung stand wieder Kultur und Geschichte auf dem Programm. Wir fuhren gemeinsam zu einer Besichtigung in die Villa Adriana, den Palast des römischen Kaisers Hadrian, der in seiner Gesamtfläche dreimal so groß wie der Vatikanstaat ist. Mit welcher Technik die Römer damals etwas schufen, was trotz des Abbruchs und der Nutzung als Steinbruch in den späteren Jahrhunderten immer noch überwältigt und die Zeiten überdauert hat, kann einen heute wirklich nur in Erstaunen versetzen – gerade wenn man bedenkt, in welchem sanierungsbedürftigem Zustand manche „Neubauten“ der 1970er Jahre des vorigen Jahrhunderts inzwischen sind. Da wurde wirklich – so scheint es – für die Ewigkeit gebaut. Das Pantheon, das wir zu Beginn unserer Romreise besucht hatten, kam mir hier wieder in den Sinn.

Rom hat mich auf jeden Fall in seinen Bann gezogen und ich werde sicherlich wieder bald dorthin fahren. Nicht nur wegen der Geschichte der Stadt, wegen der besonderen Atmosphäre in den Gassen der Altstadt oder den noch nicht in Augenschein genommen Sehenswürdigkeiten, sondern auch wegen dem leckeren Eis. Gelati ti amo.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil I

Anreise und Altstadtbesuch

Nachdem ich vor Jahren schon einmal in der ewigen Stadt war und dabei auch den Vatikan besuchen konnte, hatte ich nun in der Karwoche gemeinsam mit anderen Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Kardinal-Höffner-Kreises wieder die Reise dorthin angetreten. In den Tagen vor dem Osterfest in Rom zu sein, ist sicherlich für jeden Christ etwas ganz Besonderes. Ganz besonders habe ich mich dabei auch auf die Begegnung mit dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., gefreut. Dies mag den einen oder anderen verwundern, bin ich doch bekennender und überzeugter Protestant. Darum möchte ich vor der Schilderung der Reise und den vielen Eindrücken einige Bemerkungen voranstellen: Für mich ist die Freude auf eine Begegnung mit Benedikt XVI. deshalb kein Widerspruch, weil ich auch als Protestant (oder als reformierter Katholik, wie es Gottfried Locher, der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes in der Schweiz formuliert hat) hohen Respekt vor dem Oberhaupt der katholischen Kirche habe ohne dass ich eben alle Lehrmeinungen der katholischen Kirche annehme. Im Zweifel verbindet mich mit den katholischen Brüdern und Schwestern aber mehr als mit Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben. Außerdem halte ich den Menschen Joseph für einen wirklich klugen Kopf auf den Stuhle Petri. Ich habe seine Jesus-Biographie und auch andere Schriften von ihm gelesen. Selten hat jemand in dieser Klarheit, Klugheit und zugleich Warmherzigkeit die Botschaft verkündet, an die eben auch ich als Christ glaube.

Außerdem gilt für mich ein Satz, den der Vorgänger Benedikts XVI., Papst Johannes Paul II., einmal gegenüber deutschen Jugendlichen geäußert hat: „Die Kirche ist immer auch eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Das ist zugleich unser aller Glück. Denn in einer Kirche von nur Vollkommenen hätten wir wohl selber keinen Platz mehr. Gott selbst will eine menschliche Kirche. Deshalb kann es auch Kritik an der Kirche geben, aber sie muss fair sein und getragen von großer Liebe zur Kirche. Gott hat sein Heilswerk, seine Pläne und Anliegen in die Hand von Menschen gelegt. Dies ist gewiss ein großes Wagnis (…). Er will uns Menschen als seine Mitarbeiter in der Welt und in der Kirche mit all unseren Mängeln und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all unserem guten Willen und unseren Fähigkeiten.“ Diesem Bild des Christentums kann ich mich vorbehaltlos anschließen.

Mit all diesen Gedanken im Kopf fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt zum Flughafen und stieg ins Flugzeug. Dort traf ich schon meinen Freund und Kollegen Prof. Dr. Heinz Riesenhuber. Die Anreise am ersten Tag endete mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Gassen der Altstadt und einem Abendessen. Schon am Flughafen trafen sich die ersten Kolleginnen und Kollegen. Dabei merkte ich wieder einmal wie groß die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist. Manche Kollegen begrüßten mich mit Vornamen, andere stellten sich mir erstmals förmlich vor. Wir waren uns bisher – wenn überhaupt – nur sporadisch im Berliner Politikbetrieb begegnet. Das Schöne war Offenheit und Freundlichkeit untereinander. Und endlich war einmal, so empfand es nicht nur ich, Zeit und Raum für ruhige Gespräche, die wir dann bei diversen Nudelgerichten und einem hervorragenden Tiramisu bis spät in die Nacht fortsetzten. Auch daran krankt ja der bisweilen hektische Politikbetrieb in Berlin: Es ist zu wenig Zeit, für ruhige Gespräche und für das wirkliche Kennenlernen. Das haben wir dann bei einem wunderbaren Abendessen intensiv nachgeholt.