SCHWARZER PETER

Braucht unsere Gesellschaft die Kirchen?

Ist die in der Überschrift gewählte Frage mehr als nur eine rhetorische Frage? Sicher nicht für einen Christen. Manch einer wird schon die Frage als ein Ärgernis empfinden. Aber in einer zunehmend ahistorischen und entchristlichten Gesellschaft, in der der immer wieder zu hörende Ruf nach der christlichen Prägung unseres Landes bisweilen doch klingt wie das Pfeifen im Walde, muss diese Frage nicht nur gestellt, sondern vor allem auch beantwortet werden. An einer solchen Antwort will ich mich versuchen. Braucht unsere Gesellschaft also die Kirchen?

Die rechtliche Stellung der Kirchen in unserer Gesellschaft ist klar geregelt. Zunächst kann man rein rechtlich betrachtet zu dem Schluss kommen, dass mit dem Ende des Zweiten Deutschen Kaiserreichs und der Revolution 1918 das Staatskirchentum sein Ende fand, ein Staatskirchentum, dass – um genau zu sein – ja vor allem auf die evangelische Kirche fokussierte. In dem in der Folgezeit neu zu gründendem Verhältnis von Staat und Kirche und mit dem Religionsverfassungsrecht unseres Grundgesetzes wurde die Überzeugung manifestiert, dass die Trennung von Staat und Kirche gleichermaßen Distanz und Kooperation gebietet. Dies geschah in Würdigung der Bedeutung, die christlicher Glaube, kirchliches Leben und diakonischer Dienst auch im religiös neutralen Staat für das Gemeinwohl und den Gemeinsinn der Bürgerinnen und Bürger haben. Das änderte sich eben auch nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, denn zumindest in der Bundesrepublik herrschte die Überzeugung vor, dass die Kirchen und viel mehr noch der christliche Glaube eine mögliche moralische Grundlage bzw. institutionelles Fundament zu sein hätten, um nach der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus Deutschland neu aufzubauen.

Insofern kann man mit Fug und Recht sagen, dass die bestehenden völkerrechtlichen Verträge zwischen Staat und Kirche eine klare Sprache sprechen. In verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen – vom Militär bis hin zu den Bildungseinrichtungen – werden die Kirchen als Akteure gebraucht und nehmen Aufgaben wahr, die von Seiten des Staates nicht erledigt werden können. Doch die Antwort auf die Frage, ob unsere Gesellschaft die Kirchen braucht, erschließt sich ja nicht aus dem rechtlichen Rahmen. Zumal es dabei bleibt, dass das Kreuz das Zeichen Christi ist und kein staatliches Symbol.

Unabhängig von dem gegründeten Verhältnis von Kirchen und Staat ist festzuhalten, dass wir zwar ein säkularer Staat sind, aber eben weit davon entfernt, eine säkulare Bürgergesellschaft zu sein. Jürgen Habermas hat darauf in seinen Gedanken zu Politik und Religion hingewiesen. Daraus entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Staat, religiösen Bürgern und nicht religiösen Bürgern. Unsere Verfassung garantiert allen Religionsgemeinschaften den gleichen Freiraum, den diese freilich durch historische, kulturelle Prägung unserer Gesellschaft und auf der Grundlage ihrer eigenen Verfasstheit unterschiedlich ausfüllen. Während der Staat im Verhältnis zu den Kirchen auf ein tradiertes Miteinander setzt, steht er mit Blick auf „neue“ Religionen wie den Islam, die zudem keine den christlichen Kirchen vergleichbare Verfasstheit haben, vor neuen Herausforderungen. Doch zurück zu den Kirchen und ihrer Rolle in der Gesellschaft und zurück zu Habermas.

Der berühmte deutsche Soziologe weist darauf hin, dass der Staat viel von seinen religiösen Bürgern, von den Christen, verlangt. Er schreibt den Religionsgemeinschaften, den Kirchen eine „vitale Rolle in der Bürgergesellschaft“ und damit in „der politischen Öffentlichkeit“ zu.[1] Er fordert sie geradezu auf, ihre in religiöser Überzeugung wurzelnde Haltung zu moralisch komplexen Fragen wie „Abtreibung, Sterbehilfe, vorgeburtliche Eingriffe in das Erbgut“ einzubringen. Zugleich müssen religiöse Bürger aber im säkularen Staat akzeptieren, dass „der politisch relevante Gehalt sich in einem von Glaubensautorität unabhängigen Diskurs behaupten“ muss (und das oft nicht kann).[2] Ein Beispiel hierfür ist die Debatte um den Schutz des Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende. Die christliche Prägung unserer Gesellschaft manifestiert sich eben nicht im Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden, sondern viel mehr in der gesetzlichen Regelung zur aktiven Sterbehilfe.

Der liberale Staat mutet Christen zu, dass auf philosophische Vernunft gestützte Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat Grundlage staatlichen Handelns sind, und nicht göttliche Wahrheit. Christen müssen also den „objektiven Vorrang, den politische Entscheidungen im Einzelfall gegenüber religiösen Grundüberzeugungen behaupten, mit dem subjektiven Vorrang ihrer existentiellen, für sie selbst letztlich ausschlaggebenden Glaubensüberzeugungen in Einklang bringen können“, so Habermas.[3]

Das beschriebene Spannungsverhältnis ist nicht einseitig. Noch einmal Jürgen Habermas: „Der liberale Staat muss auch den säkularen Bürgern zumuten, religiöse Mitbürger, die ihnen in der politischen Öffentlichkeit begegnen, nicht nur als Person zu achten, sondern als Teilnehmer an der gemeinsamen Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauchs von Staatsbürgern ernst zu nehmen. Die Zumutung besteht darin, dass säkulare Bürger sich nicht der Möglichkeit verschließen sollten, in der artikulierten Sprache religiöser Stellungnahmen und Äußerungen gegebenenfalls Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wiederzuerkennen, darin als potentielle Wahrheitsgehalte zu entdecken, die in eine öffentliche, religiös ungebundene Argumentation eingebracht werden können.“[4]

Christen sind also ein Ärgernis für manch einen im öffentlichen Diskurs, denn sie treten für ihre Werte und Überzeugungen ein. Und der Diskurs ist oft ein Ärgernis für Christen, denn längst nicht mehr in jeder Frage kann man davon sprechen, dass christliche Positionen die Deutungshoheit für sich beanspruchen können. Erinnern wir uns: Schon der Apostel Paulus wusste, dass die Botschaft des Mannes aus Nazareth, die Botschaft des Kreuzes, ein „Ärgernis“ ist.

Insofern stelle ich mir die Frage, wie sich Politik und Kirche beeinflussen, nicht in erster Linie als Politiker und gewählter Volksvertreter. Ich stelle sie mir als gläubiger Christ, der erwartungsvoll und hoffnungsfroh darauf angewiesen ist, was die Kirche für ihn bereithält und was Kirche in unserer Gemeinschaft leisten kann, ja auch muss, denn ich mit meiner Stimme alleine dringe kaum durch. Ich brauche die Kirchen und die Gemeinde an meiner Seite.

Was heißt das nun konkret mit Blick auf die Bedeutung der Kirchen in unserer Gesellschaft? Rufen wir uns eine jüngst in den Medien und in den sozialen Netzwerken breit und sehr emotional geführte Debatte in Erinnerung: Offensichtlich empfand Ulf Poschardt, Chefredakteur einer wichtigen deutschen Tageszeitung, die Botschaft des Kreuzes bei seinem letzten Gottesdienstbesuch am Weihnachtsfest 2017 ebenfalls als ein Ärgernis, denn er schimpfte in einer veröffentlichten Polemik über kirchliche Einmischung in Politik. Gerade aus dem rechtspopulistischen und dem kirchenkritischen Umfeld erhielt er, der selbst als Liberaler gelten kann, großen Zuspruch.

Poschardts Kritik entlarvt ihn selbst, denn offensichtlich hat er ein klares Bild, was Aufgabe der Kirche ist: Verkündung des Glaubens ohne Bezug zu den Ereignissen unserer Zeit. Gerade das Gegenteil ist aber Auftrag der Kirche in unserer Welt. Wer nur noch zur Christmette am Heiligabend einen Gottesdienst besucht, der hat wohl bestimmte Erwartungen: Kerzen, traditionelle Lieder, eine Unterstützung des fühligen, friedvollen und familiären Moments, der Weihnachten umweht, Krippenspiel und die Lesung der Weihnachtsgeschichte. Manch ein Pfarrer wagt dann aber doch, genau das zu tun, was er sonntäglich auch sonst zum Gegenstand seiner Predigt macht: Neben der Verkündigung der frohen Botschaft eine Übersetzung auf das jetzt und hier.

Mit seiner Kritik, er habe bei vielen Predigten eher das Gefühl, bei einer linken politischen Veranstaltung zu sein, als einem christlichen Gottesdienst beizuwohnen, löste Poschardt eine Debatte aus, die leider schon wieder verebbt ist. Das ist schade, denn so falsch seine Kritik an einer politischen Kirche ist, so richtig ist es, die Rolle der Kirche in einer pluralistischen und vielerorts entchristlichten Gesellschaft zu diskutieren. Kirche darf und soll nicht parteipolitisch agieren. Und eine Predigt, die sich allein an den Ereignissen von Fukushima abarbeitet oder den Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft thematisiert, ohne den Gegenstand der Predigt in einen christlichen Kontext einzubetten, ist eben keine Predigt, sondern eine politische Rede und hat auf der Kanzel nichts zu suchen. Doch darum geht es nicht. Wenn Kirche nicht parteipolitisch agieren soll, so kann sie doch gar nicht anders, als politisch zu sein. In einer pluralistischen Gesellschaft leistet sie damit zugleich einen Beitrag zur Orientierung. Dafür braucht es Kirche.

Die Kirche auf die zeitlose und gegenwartsfreie Verkündigung der Heiligen Schrift reduzieren zu wollen, wie es Poschardt offensichtlich vorschwebt, ist deshalb falsch. Kirche muss immer Partei ergreifen. Das ist vor allem für die evangelische Kirche, niedergeschrieben im Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945, die Lehre aus dem Versagen von Christen während des Nationalsozialismus. Treuer beten, brennender lieben, fröhlicher glauben und vor allem mutiger bekennen: das ist es, was Christen sich seitdem zum Ziel gesetzt haben. Ein ebenso eindrucksvolles Beispiel ist der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder im Jahre 1965, der ein erster Schritt zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen nach dem zweiten Weltkrieg war. Und heute gibt es immer wieder neue Fragen für und an die Kirchen. So ist der Einzug einer rechtsextremen Partei in den Deutschen Bundestag deshalb eine neue Herausforderung. Es bleibt spannend zu beobachten, ob sie ihrer Aufgabe als moralischer Kompass gerecht werden können.

Hauptsächlich stört mich an der Kritik einer politischen Kirche, dass sie ahistorisch ist und verkennt, was christlicher Auftrag ist. Trotzdem können wir Poschardt und seinesgleichen für ihre Provokation dankbar sein, denn über die Frage, was die Predigt eines Gottesdienstes leisten soll und was unter einer politischen Kirche zu verstehen ist, können wir uns aus meiner Sicht auch der Antwort auf die Frage annähern, warum unsere Gesellschaft und damit auch die „Politik“ die Kirche braucht.

Der regelmäßige Kirchgänger und Gottesdienstbesucher weiß, dass die Predigt ein zentraler Moment des (evangelischen) Gottesdienstes ist. Sie ist aber kein theologisches Proseminar, keine Fortsetzung des Konfirmandenunterrichts und keine Einweisung in Luthers Katechismus. Eine gute Predigt stellt anhand einer Stelle aus der Heiligen Schrift einen Gegenwartsbezug her und hilft uns, darüber nachzudenken, ob uns das Wort Gottes Orientierung und Hilfe bei den Problemen unserer Zeit ist – nicht nur für uns selbst, sondern auch im Miteinander mit unserem Nächsten.

Seinen Glauben zu finden und zu leben kann nicht bedeuten, sich auszusuchen, was einem gut gefällt, und bei dem zu bleiben, was irgendwie guttut. Die Kirchen kämen ansonsten nicht mehr über die Funktion eines Serviceunternehmens hinaus. Nein, Glaube bringt auch Konsequenzen mit sich. Nun mag manch einer einwenden, dass hierfür zunächst einmal eine religiöse Erziehung erforderlich sei, die von den hauptamtlichen Verantwortungsträgern durchzuführen sei. Natürlich tragen Bischöfe, Priester und Diakone Verantwortung, es ist aber falsch, dass der Pfarrer vor allem dazu da ist, Grundregeln des christlichen Glaubens zu erklären und zu vermitteln. Das wäre so, als wenn ich ernsthaft behaupte, der Koch sei dafür da, den Gästen im Restaurant zu zeigen, wie man mit Messer und Gabel isst.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist bei dieser Frage deutlich, wenn es die Selbstverantwortung der Gläubigen in den Mittelpunkt rückt. Danach gehört es zu den Aufgaben eines Christen, seinen Glauben zu pflegen und zu vertiefen. Man könnte nun beklagen, dass das Bewusstsein für die Verantwortung des Einzelnen verlorengegangen sei, um im gleichen Atemzug die Verantwortung beim Pfarrer abzuladen. Doch Glaube darf nie bequem sein. In gleicher Weise, wie er uns Mut und Freude macht, muss er fordern und uns zweifeln, ja auch manchmal verzweifeln lassen an den Aufgaben und der „Radikalität“ der frohen Botschaft. Auch darin manifestiert sich die Aufgabe der Kirche in unserer Gesellschaft.

Es muss also die Frage gestellt werden, mit welcher Haltung man Christ sein möchte. Mache ich es mir bequem im Glauben? Hängt mein Glauben eher von meinen Vorlieben, ja meinen politischen Vorstellungen ab? Ist mein Glaube, meine Frömmigkeit nur ein Schmuckstück, das ich bei passenden Anlässen wie eine Monstranz vor mir hertrage, weil es momentan in meine Biographie passt? In dem Fall stände Glauben dann in einer Reihe mit der Mitgliedschaft in einem Fußballclub oder der Passion für schnelle Autos. Mit der christlichen Botschaft und Kirche hat das allerdings nicht mehr viel zu tun. Denn es ist egal, ob die Fahne von Bayern München oder das Kreuz da hängt.

Christsein fordert uns immer wieder neu. Die Botschaft von Liebe und Versöhnung verlangt, das eigene Handeln daran auszurichten und zwar in aller Konsequenz. Doch welche Konsequenzen sind das? Sind wir uns sicher? Können wir das sein? Glauben bedeutet, sich stets zu hinterfragen. Martin Werlen, Mönch des Klosters Einsiedeln, erinnert uns daran, dass „eine Kirche, in der alles klar ist, (…) nicht katholisch“[5] ist. Kirche ist also nicht nur für säkulare Bürger, sondern auch für christliche Bürger manchmal ein Ärgernis, mindestens anstrengend. Kirche hat übrigens die Kraft, uns immer wieder zu überraschen. Wer hätte gedacht, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Deutscher auf dem Stuhle Petri Platz nimmt? Und dies nicht nur gut 500 Jahre nach der Reformation, sondern auch nach dem nicht einmal ein Menschenalter zurückliegenden Schrecken des Nationalsozialismus. Und noch besser: Benedikt XVI. verzichtete von sich aus auf das Amt und machte Platz für den ersten Jesuiten, der den Namen Franziskus wählte und seitdem nicht nur katholische Christen, sondern auch den Rest der Welt immer wieder überrascht.  Auch das ist Aufgabe der Kirche in unserer Gesellschaft – zu überraschen, Perspektiven zu ändern.

Wieso empört es manche, wenn die Kirche Partei ergreift? Sicher nicht nur, weil kirchliche Würdenträger damit unsere private Komfortzone hinterfragen. Offensichtlich lässt öffentliche Kritik aus der Kirche auch die nicht kalt, die ihr vermeintlich fernstehen. Woran liegt das? Eine Antwort kann die in Deutschland auch durch Luthers Lehre von den zwei Reichen besonders ausgeprägte Vorstellung sein, religiöses Bekenntnis und weltlichen Alltag müsse man voneinander trennen. Luther prägt bis heute unser Denken über das Verhältnis von Staat und Religion. Auf der einen Seite steht das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott und auf der anderen Seite sein Verhalten in der weltlichen Gemeinschaft, die er zu stützen und zu stärken den Auftrag hat.

Hier ist Vorsicht geboten! Unabhängig von der Frage der Richtigkeit von Luthers Lehre ist es falsch, daraus abzuleiten, dass Kritik an weltlichen Zuständen aus der Reihe der Kirche unbotmäßig sei. Das Gegenteil ist nach den Erfahrungen zweier Diktaturen mit Blick auf das Verhalten der Kirche in dieser Zeit richtig. Wohlgemerkt: Eine politische Kirche ist gefragt, keine parteipolitische. Als evangelischer Christ und Christdemokrat sei der Einschub erlaubt, dass die Kritik, dass manche Mitarbeiter und Pfarrer der evangelischen Kirche in ihrem Dienst am Herrn eine dezidiert linke parteipolitische Orientierung nicht nur durchscheinen lassen, durchaus ihre Berechtigung hat. Doch dies ist nicht der entscheidende Punkt, sondern es geht um das Grundlegende.

Und noch ein persönlicher Einschub sei gestattet: Mit Blick auf die so genannten C-Parteien gibt es ja ebenfalls ein Spannungsfeld. So verbunden sich Christdemokraten und Christsoziale den Kirchen fühlen, so deutlich wird dann eben auch in politischen Debatte, wo dem Verweis auf die christliche Lehre Realpolitik gegenübersteht. Doch gerade die Parteien mit dem C im Namen würden ohne die Kirchen einen wesentlichen Resonanzboden verlieren, der sie orientierungslos machen würde. Konrad Adenauer hat dieses Spannungsverhältnis zwischen Kirche, Christdemokraten, christlich und säkular geprägten Bürgern so zusammengefasst: „Die Christen müssen sich engagieren. Viele andere müssen uns wählen. Vor allem müssen Christen führen.“[6] Das geht wieder nicht ohne die Kirchen.

Das bis hierhin Gesagte kritisch überprüfend, hilft ein Perspektivwechsel. Eine Kritik an der Kirche, weil sie Positionen einnimmt, die nicht den eigenen Auffassungen entsprechen, ist wohlfeil. Denn vielleicht ist es gar nicht die Kirche, die parteipolitisch wertet, sondern wir! Ruft die Kirche dazu auf, gegen staatliches Unrecht in einer tyrannischen Diktatur vorzugehen, agiert sie politisch, ohne kritisiert zu werden. Verteidigt sie hingegen das Kirchenasyl, so sehen darin gerade Konservative eine Grenzüberschreitung. Unterstützt sie friedliche Demonstrationen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, agiert sie politisch, ohne kritisiert zu werden. Verteidigen kirchliche Würdenträger das ungeborene Leben, ergießt sich eine Hetzkanonade der politischen Linken über die Bischöfe. Aber Kirche muss sich gerade deshalb zu allen Themen äußern. Wollen wir christliche Werte, die uns Kompass in allen Lebenslagen sind, in entscheidenden Fragen auf stumm schalten?

Ein Christentum, das nur noch im Privaten stattfindet, mag das zwischenmenschliche Miteinander fördern, aber es taugt nicht mehr als Widerstandskraft gegen das Schlechte in der Gesellschaft. Es braucht auch hier die Kirche als Stimme im öffentlichen Diskurs.

Die drei wesentlichen Aufgaben der Kirche und eines Christen sind es, den Glauben zu bezeugen (Martyria), den Glauben zu feiern (Liturgia) und dem Glauben dienen (Diakonia). Voraussetzung für Martyria und Diakonia ist stets die Gemeinschaft (Koinonia), also gerade nicht das Wirken im Privaten.

Darum ging es auch Paulus. An erster Stelle stand bei ihm die Botschaft, Christus zu erkennen, zu begegnen. An der Botschaft von Liebe und Versöhnung hatte sich dann das Handeln auszurichten. Die Frage, wie man mit Notleidenden, Kranken und Behinderten umgeht, leitet sich unweigerlich daraus ab. Sollen Pfarrer über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter predigen, ohne unseren Umgang mit Menschen in Not, mit Flüchtlingen zu thematisieren? Lauschen wir der Geschichte der Sintflut, ohne über die Folgen des Klimawandels nachzudenken? Hören wir die Bergpredigt, ohne darüber zu sprechen, wo es unserer Gesellschaft an Rücksicht, an Empathie, an Miteinander fehlt?

Die beiden wohl berühmtesten christlichen deutschen Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer, haben uns deutlich gemacht, dass die Predigt eben genau das sein muss, was Poschardt und andere kritisieren: Konkret auf uns und unsere Lebenswelt bezogen. Alfred Delp mahnt: „Man wird uns die Botschaft vom Heile nicht glauben, wenn wir nicht alles tun für die Heilung des gegenwärtigen Lebens!“[7] Und Bonhoeffer macht klar, dass das Christsein sich eben nicht in der Vorbereitung auf das ewige Leben nach dem Tode erschöpft: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen. Vorher aber nicht.“[8]

Christen und die Kirchen haben also einen Gestaltungsanspruch. Klar muss dabei gleichwohl sein, dass die politische nie ohne die frohe Botschaft stehen kann. Eine Predigt auf die politische Botschaft zu reduzieren, schwächt die geistliche Autorität der Verkündiger des Evangeliums und reduziert das Evangelium auf ein schmückendes Beiwerk in der politischen Auseinandersetzung. Gesetze und Moral folgen aus der Begegnung mit Jesus Christus. Das Evangelium ist der tragende, ja der letzte Grund.

Religion braucht und hat ihren Platz in unserer modernen Gesellschaft. Unser Land, unsere Geschichte sind geprägt vom Spannungsverhältnis zwischen dem politischen und religiösen Feld. Staat und Kirche mögen sich institutionell trennen lassen, nicht jedoch die Botschaften. Religion ist kein Selbstzweck, sondern will in die Gesellschaft hineinwirken. Deswegen muss auf der Kanzel über den Klimawandel, Kriege und Waffenexporte, den Umgang mit den Schwachen in unserer Gesellschaft, den maßlosen Reichtum unserer Zeit, über Medien, die für Schlagzeilen die Würde von Menschen mit Füßen treten, selbstgerechte Politiker und falsche Vorbilder gesprochen werden. Das ist gewollt. Andernfalls überlassen wir einer Ethik ohne religiöses Fundament das Feld, ja wir verzichten im Zweifel auf jede Ethik und Moral. Die Folgen für eine Gesellschaft, die sich zunehmend von Tugenden und moralischen Ansprüchen loslöst, sind an den grundlegenden politischen, ökonomischen und sozialen Problemen abzulesen.

Ernst-Wolfgang Böckenförde hat festgestellt, dass „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen (lebt), die er selbst nicht garantieren kann.“[9] Jürgen Habermas springt Böckenförde bei. Für ihn ist zweifelhaft, dass die philosophisch hergeleitete „Vernunftmoral“, auf die sich die verfassungsrechtliche Integration weitgehend säkularisierter Gesellschaften in letzter Instanz stützt, ausreichend ist. In meinen Worten: Es kann nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein, beispielsweise „Nächstenliebe“ oder „Barmherzigkeit“ zu definieren und durchzusetzen. Unsere Verfassung und die im Grundgesetz niedergelegten Werte sowie unsere Rechtsordnung leben deshalb von der Existenz der Kirchen, des Christentums und seiner unsere Gesellschaft nach wie vor prägenden Kraft. Als Christen wissen wir, dass Bergpredigt und die zehn Gebote im Gegensatz zum „anything goes“ des heutigen Zeitgeistes stehen. Und Luther hat uns gemahnt: „Ich beschwöre dich, wenn du recht vom Evangelium denkst, glaube nur nicht, seine Sache könne ohne Lärmen, ohne Ärgernis und Aufruhr betrieben werden.“ Da ist es wieder, das Ärgernis, von dem auch Paulus sprach.

Es ist Aufgabe der Kirche, den Hass gegenüber Flüchtlingen, das moralische Versagen von so genannten Eliten, die Verrohung der Sprache im öffentlichen Diskurs, die Ausweglosigkeit mancher in Armut lebender Menschen oder die Gottlosigkeit und Religionsfeindlichkeit manch eines Zeitgenossen zu thematisieren und im weiteren Schritt das geistliche Fundament unseres Staates zu festigen. Das geschieht in der Kirche, im Gottesdienst. Und natürlich soll man frohgemut mit Liebe und Hoffnung und im Glauben gestärkt aus dem Gottesdienst gehen, aber nicht mit dem wohligen Gefühl, das man nach dem Genuss des Weihnachtsbratens hat. Dietrich Bonhoeffer hat erkannt: „Die Predigt des Wortes Gottes ist die einzige ernsthafte Bedrohung einer stolz gewordenen Menschheit.“[10]

Vielleicht ist es gerade das, was die Kritiker an einer politischen Kirche unserer Zeit stört. Wenn zum Beispiel die Kirchen im Zuge der Flüchtlingspolitik daran erinnert haben, im Flüchtling stets den Nächsten zu sehen, dann war immer klar, dass auch Christen in der Politik an dem absoluten Anspruch der christlichen Botschaft scheitern werden, denn natürlich waren und sind die Möglichkeiten unserer Gesellschaft angesichts des weltweit millionenfach verursachten Leides durch Krieg und Flucht begrenzt. Sonst hätte Angela Merkel ja nicht trotz aller Hilfsbereitschaft im Herbst 2015 sofort Maßnahmen ergriffen, um die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, zu reduzieren, ohne die Augen vor dem Leid zu verschließen, und Milliarden für die Flüchtlingshilfe vor Ort zur Verfügung zu stellen. Wer geglaubt hat, die Kirchen hätten gefordert, auf geeignete Maßnahmen zur Bekämpfung von Fluchtursachen oder schnellere Asylverfahren zu verzichten, der hat sie aber nicht verstanden. Die Kirchen müssen uns daran erinnern, was Gottes Gebot ist, und uns zugleich demütig werden lassen, weil wir nicht nur an dieser Stelle, sondern auch allzu oft sonst in unserem Alltag daran scheitern, seine Gebote zu erfüllen.

Die Kirche zerstört deshalb die Selbstverliebtheit und den Stolz vieler Zeitgenossen – gerade im politischen Berlin, in den Medien, wo zu viele für sich in Anspruch nehmen, sie hätten verstanden und wüssten, was nun zu tun ist. Demut ist keine Tugend, die man in der Hauptstadt häufig antrifft. Die von der Kirche vorgetragene Kritik, die gerade auch dieses Establishment stört, da sie deren Wahrheiten anzweifelt und ihnen „die eine Wahrheit“ gegenüberstellt, offenbart, dass die im öffentlichen Diskurs oft zynisch vorgetragene Kritik an den Zuständen in Wahrheit eine tiefe persönliche Unsicherheit verdeckt und keine dringend notwendige Selbstkritik darstellt. Sie führt all denen, die sonst vieles besser wissen und die auf alles eine Antwort haben, eins vor Augen: Erlösung gibt es nur durch Jesus Christus. Das erfährt man als Christ, darin wird man im Gottesdienst bestärkt, wenn man sonntags in die Kirche geht.  

Martin Werlen erinnert uns an das von Augustinus aufgegriffene Wort Jesu, das er seinem eigenen Leben vorangestellt hat: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen.“[11] Wir brauchen als Christen kein neues Feuer. Wir müssen nur die Glut unter der Asche entdecken. Und dann kann das Feuer des Glaubens ausgehend von den Kirchen in unsere Gesellschaft hinein hell brennen – nicht gefährlich, sondern leuchtend, Hoffnung weckend und Wärme gebend. Es kommt auf die Glieder Jesu Christi an, wie andere auf dieses Feuer schauen.

Zum Schluss gebe ich Martin Werlen das Wort: „Nehmen wir uns ein Beispiel an den Heiligen. Niemand wurde heiliggesprochen, weil er oder sie sitzen geblieben ist oder der vergangenen Zeit nachgetrauert hat. Heilige stellen sich der Situation, die sie ärgert und provoziert, suchen darin Gottes Willen und finden die Glut des Glaubens.“[12] Jetzt bin ich sicher kein Heiliger. Aber es gibt sie, diese heiligen Männer und Frauen in der Kirche. Das ist ein gutes Gefühl. Und auch deshalb braucht es Kirche in unserer Gesellschaft.


[1] Habermas, Politik und Religion, in: Politik und Religion: Zur Diagnose der Gegenwart, hg. v. Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier, 2017, S. 289.

[2] Habermas, Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates?, in: Habermas, Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung: Über Vernunft und Religion, hg. v. Florian Schuller, 2005, S. 36.

[3] Habermas, Politik und Religion, in: Politik und Religion: Zur Diagnose der Gegenwart, hg. v. Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier, 2017, S. 291

[4] Habermas, Politik und Religion, in: Politik und Religion: Zur Diagnose der Gegenwart, hg. v. Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier, 2017, S. 293.

[5] Werlen, Heute im Blick, 2017, S. 6.

[6] Püttmann, Gesellschaft ohne Gott, 2011, S. 269.

[7] Bleistein, Alfred Delp: Geschichte eines Zeugen, 1989, S. 216.

[8] Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 36.

[9] Böckenförde, Staat, Gesellschaft, Freiheit, 1976, S. 60.

[10] Bonhoeffer, Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937-1940, DBW Band 15, Seite 534.

[11] Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift (Stuttgart 2016), Evangelium nach Lukas 12, 49.

[12] Werlen, Heute im Blick, 2015, S. 41. 

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