SCHWARZER PETER

20 Jahre Deutsche Einheit

Bei meiner Terminplanung habe ich vor einigen Wochen überlegt. Was mache ich denn am 3. Oktober? Soll ich mir diesen Tag freihalten, um an den offiziellen Feierlichkeiten teilzunehmen oder wie in den vergangenen Jahren auch bei Festen und Veranstaltungen im Main-Kinzig-Kreis unterwegs zu sein? Immerhin ist dieses Jahr der 20. Jahrestag unseres „neuen“ Nationalfeiertags. Und nachdem die Bundesrepublik ihren Gründungstag nie so recht gefeiert hat (obwohl das vom Wetter her besser passt) und der 17. Juni, der Tag des Arbeiteraufstands in der DDR, ja nun wahrlich kein fröhlicher Anlass war, haben wir also unter mehrfachen Gesichtspunkten allen Grund, uns als Deutsche zu freuen und eben auch mal zu feiern.

Was für uns heute selbstverständlich scheint, war nicht nur 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, sondern auch noch im Frühjahr 1989 eine unglaubliche Utopie. Der Politiker, der sich zum Jahreswechsel für ein Europa ohne Grenzen ausgesprochen hätte, wäre wahrscheinlich verlacht worden. Nun hatten die Menschen in der DDR im Herbst 1989 endgültig genug von einem Staat, der ihnen die Freiheit zu reisen und vor allem die Freiheit laut zu denken verwehrte. Neben der bedrückenden Angst vor einem allgegenwärtigen Geheimdienst, der eine Ausübung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung unmöglich machte, mussten die Menschen aber auch erleben, dass ihr Fleiß und ihre Arbeit nicht entsprechend belohnt wurden.  Die materielle Not und der Mangel an Gütern des täglichen Bedarfs, sowie eine vor dem Kollaps stehende Wirtschaftsordnung taten ihr Übriges. Die Menschen warfen mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ das Joch der Diktatur ab. Der Unrechtsstaat DDR war Geschichte. Dass sich Helmut Kohl mit viel Werben um Verständnis im richtigen Moment bei Freunden und Verbündeten im Westen, aber auch in der auseinanderbrechenden Sowjetunion für die Deutsche Einheit einsetzte, bleibt ein Glücksfall in der Geschichte unseres Volkes.  Während in Rumänien eine blutige Revolution das Regime hinwegfegte, überraschten die Deutschen die Welt mit einer friedlichen Revolution und einer klugen und besonnenen Politik.

Ohne die Deutsche Einheit wäre auch die europäische Einigung nicht möglich gewesen. Das dürfen wir nicht vergessen. Unser Land ist trotz aller Probleme weder in alte Großmannssucht zurückgefallen, noch an den materiellen Kosten der Einheit zerbrochen. Wir haben vielleicht nur einen Fehler gemacht und nicht auf Willy Brandt gehört, der mit Blick auf die Wiedervereinigung den klugen Satz gesagt hat: „Zu viele fragen nach den Kosten, aber zu wenige nach dem Wert.“ Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk. Sie war Grundvoraussetzung und Beitrag für eine Welt, in der unser Land alle Chancen hat, wenn es sich anstrengt. Deutschland ist nach wie vor eine wichtige Industrienation. Wir sind umzingelt von Freunden und ein geachteter Partner in allen Teilen der Welt. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes hätten wahrscheinlich Tränen in den Augen, so unvorstellbar war das, was für uns heute selbstverständlich ist, im Jahr 1945 nach einem schrecklichen Krieg für die meisten Deutschen. Ich weiß, dass Feiern nicht jedermanns Sache ist. Dazu meckern die Deutschen – ich inklusive – viel zu gern. Aber vielleicht würde es uns gut zu Gesicht stehen, sich am 3. Oktober einfach mal zu freuen. Dass kann jeder auf seine Weise tun. Der eine ein bisschen lauter mit dem Singen der Nationalhymne, der andere ein bisschen leiser, indem er vielleicht eine Kerze anzündet. Nur freuen sollten wir uns als Deutsche. Gemeckert werden darf dann wieder aus vollster Überzeugung am 4. Oktober!

4 Kommentare zu “20 Jahre Deutsche Einheit

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Tauber,

    jedes Wort Ihrer Stellungnahme zum 3. Oktober habe ich in Gedanken UNTERSTRICHEN !

    Das Wort von Willy Brand war mir nicht geläufig – und ich dachte immer, dass ich recht gut in unserer politischen Nachkriegsgeschichte Bescheid wüsste. Danke für das Zitat.

    Über das Meckern der Deutschen nach zu denken lohnt sich, weil es vielleicht eine der Ursachen Deutschen Fortschritts ist. Gewissermaßen Antrieb für Viele, die NICHT BEMECKERT werden wollen !? – Das Ergebnis nennt man dann Fortschritt.

    Und was HELMUT KOHL betrifft: Nur wer ein OFFENES FENSTER zum Luft holen – und zum Erkennen dessen benutzt, was vor der Türe geschieht, wird diese Erkenntnisse nutzen ! – Andere finden nur, „dass es zieht“

    So, Herr Abgeordneter, der Liebe Gott feiert unser 20 Jähriges Jubiläum mit und schickt uns einen sonnigen Sonntag – und ich werde mich in Wilhelmsbad mit hoffentlich vielen Hanauer Bürgern zum FEDERWEIßEN treffen, der dem endlich begonnenen Wiederauferstehen des KARUSSELLS gewidmet ist.

    Freundlichst, Ihr EAH

  2. Endlich mal ein positiver Artikel zur deutschen Einheit. Wenn man sich die letzten Tage so umgeschaut hat, dann wurde nur gemeckert: was die Einheit alles gekostet hat, wer alles dabei was verloren hat, usw. Dabei sollten wir alle froh sein, solch ein Ereignisse dürfte einmalig in der Geschichte sein.

  3. Wie der Herr Bundespräsident seine Gedanken zur INTEGRATION gemeint hat, wenn er sagte: „Der Islam gehört zu Deutschland“, ist nachvollziehbar. Ob es allerdings auch bei der Mehrheit genau so verstanden wird – ist sehr fraglich. Zumindest wird die, sich aus dem Text ergebende GLEICHRANGIGKEIT zwischen dem Islam und den Christlichen Religionen zu Irritationen führen – und zwar zu Recht !
    Akzeptanz und Gleichrangigkeit ist NICHT das Gleiche ! – Und der Weg zur Akzeptanz ist nicht einmal begonnen !

    Auch wenn diese Passage ich der Deutschlandrede des Bundespräsidenten „taktisch“ gemeint war oder sein sollte, wird sie nicht nur „Befriedung“ auslösen. Leider.

    Freundlichst, EAH

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