{"id":652,"date":"2011-12-23T20:39:32","date_gmt":"2011-12-23T19:39:32","guid":{"rendered":"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/?p=652"},"modified":"2021-12-21T14:48:57","modified_gmt":"2021-12-21T13:48:57","slug":"das-weihnachtswunder-im-ersten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=652","title":{"rendered":"Das Weihnachtswunder im Ersten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>In der kleinen Stadt Messines erinnert heute ein Denkmal an ein kleines Weihnachtswunder im Gro\u00dfen Krieg. Das Denkmal zeigt zwei Soldaten, die sich die H\u00e4nde reichen. Zwischen ihnen liegt ein Fu\u00dfball. Was wie eine wunderbare Weihnachtslegende klingt ist historische Wirklichkeit gewesen. Weihnachten 1914 h\u00f6rte an verschiedenen Stellen entlang der Westfront das Schie\u00dfen auf. Soldaten beider Seite stiegen aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben und gingen aufeinander zu. Und sie spielten auch Fu\u00dfball. Was brachte diese M\u00e4nner dazu?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-3938\" src=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/IMG_8656.jpg\" alt=\"\" width=\"513\" height=\"365\" \/><\/p>\n<p>Sie waren ins Feld gezogen, um f\u00fcr Kaiser und Reich den Sieg zu erringen, die jungen deutschen Soldaten aus der Uckermarck, aus dem Vogelsberg, aus Pommern und Sachsen. Was mit Jubel und klingendem Spiel begann sollte bis Weihnachten siegreich beendet sein. Auf der anderen Seite dachten die franz\u00f6sischen und britischen jungen M\u00e4nner genauso. Auch sie hatten beim Abschied ihren Familien fest versprochen, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Den verdammten Hunnen, so wurden die Deutschen von ihren Kriegsgegnern genannt, werde man es schon zeigen. Nun stand das Weihnachtsfest 1914 vor der T\u00fcr. Ein Sieg und der Frieden waren in weite Ferne ger\u00fcckt. Und auf beiden Seiten entlang der Front im Westen, die sich inzwischen in die gefrorene Erde gekrallt hatte, sa\u00dfen die Soldaten frierend in ihren Stellungen und schrieben Briefe nach Hause. Wenngleich sie nicht daran zweifelten f\u00fcr die richtige Sache zu k\u00e4mpfen und am Ende doch siegreich zu bleiben, so war doch das Heimweh an Weihnachten noch st\u00e4rker als sonst. Auf beiden Seite hatte man Feldpost heran gekarrt. Es gab Sonderrationen an Schokolade. Bei den Briten den beliebten Plum Pudding. Bei den Deutschen Lebkuchen und Christstollen. Die Feldgeistlichen bereiteten die Gottesdienste am Weihnachtstage vor. Walter Flex schrieb auf deutsche Seite mit dem &#8222;Weihnachtsm\u00e4rchen des 50. Regiments&#8220; eine eigene Geschichte, die w\u00e4hrend des Krieges immer wieder an Weihnachten in den Kompanien vorgelesen werden sollte. Den Krieg konnten die M\u00e4nner nicht vergessen oder verdr\u00e4ngen, aber sie konnten sich an das Erinnern, was sie an zur\u00fcckliegenden Weihnachtsfesten erlebt hatte. Unbeschwerte Freude mit der Familie, mit Freunden. In der Heimat.<\/p>\n<p>Schnee bedeckte am Heiligen Abend die Stellungen entlang der Westfront. Trotz vereinzelter Schusswechsel war es ruhig an der Front. Eine Atempause. An manchen Abschnitten, wo die feindlichen Gr\u00e4ben oft nur wenige Meter auseinander lagen, hatten die Soldaten eine Art Waffenstillstand geschlossen. Teilweise wussten die Offiziere davon, teilweise nicht. Im Niemandsland lagen die Toten beider Seiten friedlich nebeneinander. Als es dunkel wurde fingen die englischen Soldaten an zu singen. Die Weihnachtslieder schallten auch zu den deutschen Stellungen hin\u00fcber. In einer Pause erwiderten die deutschen Soldaten den Gesang. Nach dem Ende eines Liedes kam Applaus von der anderen Seite. Und es folgte die Aufforderung, noch ein Lied zu singen. Anderenorts bauten die deutschen Soldaten die dienstlich gelieferten kleinen Tannenb\u00e4ume mit den Lichtern zusammen. Bis in den vordersten Graben wurden diese B\u00e4ume gebracht. Eine unwirkliche Situation, aber sie spendeten mit ihrem Licht doch so viel Trost und Hoffnung und k\u00fcndeten von der Geburt des kleinen Jesuskindes. Einige f\u00fcrwitzige Soldaten kamen auf die Idee, die B\u00e4ume auf die Br\u00fcstung der Sch\u00fctzengr\u00e4ben zu stellen, damit sie etwas von der deutschen Weihnacht hin\u00fcbertrugen zu den \u201eTommies\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-663\" src=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-2.jpg\" alt=\"\" width=\"529\" height=\"384\" \/><\/p>\n<p>Irgendwann passierte es dann. Und zwar nicht nur an einer, sondern an unz\u00e4hligen Stellen an der Front. Die Soldaten kletterten aus ihren Gr\u00e4ben. Wer als erster so mutig war, ist kaum zu sagen. Aber den Satz aus der Weihnachtsgeschichte &#8222;F\u00fcrchtet Euch nicht!&#8220;, den nahmen viele jetzt w\u00f6rtlich. Pl\u00f6tzlich standen sie sich gegen\u00fcber. Die Sachsen und die Schotten, die Preu\u00dfen und die Engl\u00e4nder. Vor noch nicht einmal 24 Stunden hatten sie einander nach dem Leben getrachtet und jetzt \u2013 nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern \u2013 tauschten sie unter Lachen die Weihnachtsrationen. Lebkuchen gegen Corned Beef. Familienfotos von den Liebsten zu Hause wurden herumgereicht. Eintr\u00e4chtig stand man beisammen. Die Offiziere entweder mitten unter ihren M\u00e4nnern oder fernab in den Quartieren in der Etappe. Es war ein wirklich denkw\u00fcrdiger Heiliger Abend. Doch damit nicht genug. Noch ein Wunder geschah. Man verabredete sich f\u00fcr den Weihnachtsmorgen. Der Friede sollte weiterreichen. Wahrscheinlich war man auch neugierig aufeinander. Im Dunkel der Weihnacht hatte man einander ja kaum richtig betrachten k\u00f6nnen. Und was kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte, passierte. Am n\u00e4chsten Tag trafen sich die M\u00e4nner wieder. An mehreren Stellen der Front hatten vor allem die Engl\u00e4nder Fu\u00dfb\u00e4lle mitgebracht. Spontan wurden Fu\u00dfballspiele organisiert. Fotoapparate wurden gez\u00fcckt und es entstanden gemeinsame Bilder, die sogar den Weg in die englischen Zeitungen finden.<\/p>\n<p>Was so unwirklich klingt, ist Weihnachten 1914 tats\u00e4chlich passiert. In Gro\u00dfbritannien ist dieses Weihnachtswunder unter dem Begriff \u201echristmas truce\u201c ein fester Begriff, so wie dort der Gro\u00dfe Krieg im kollektiven Ged\u00e4chtnis noch tiefer verankert ist, als der Zweite Weltkrieg \u2013 vielleicht auch, weil der britische Blutzoll in diesem Krieg gr\u00f6\u00dfer war als im Zweiten Weltkrieg. In Deutschland geriet dieser Weihnachtsfrieden leider in Vergessenheit. Im Rahmen meiner Doktorarbeit bin ich in verschiedenen Quellen immer wieder auf die Fu\u00dfballspiele zwischen Briten und Deutschen gesto\u00dfen. Mich haben die verschiedenen Berichte und Bilder tief ber\u00fchrt. Darum wollte ich sie hier mit Euch teilen.<\/p>\n<p>Wer mehr dar\u00fcber wissen m\u00f6chte, dem empfehle ich das Buch \u201eDer kleine Frieden im Gro\u00dfen Krieg: Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten\u201c von Michael J\u00fcrgs, erschienen 2005 bei Goldmann, zur Lekt\u00fcre. Es gibt auch eine Graphic Novel von Michael Foreman mit dem Titel &#8222;War Game&#8220;, die ebenfalls \u00fcber den Buchhandel erh\u00e4ltlich ist. Auch ein deutscher Film mit dem Titel &#8222;Merry Christmas&#8220; mit Benno F\u00dchrmann, Daniel Br\u00fchl und Diana Kruger in den Hauptrollen ist 2005 entstanden, der sehenswert ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-662\" src=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-3.jpg\" alt=\"\" width=\"670\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-3.jpg 800w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-3-420x255.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-3-744x451.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/2011-12-21-das-weihnachtswunder-bild-3-768x466.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><\/p>\n<p>Was bleibt vom Weihnachtswunder 1914? Ist das mehr als eine bewegende Geschichte aus einem Krieg, der mehr als 100 Jahre zur\u00fcck liegt? Ich glaube schon. Max von Schenkendorf, einer der wichtigsten deutschen Lyriker der Freiheitskriege, hat in seinem Weihnachtsgedicht &#8222;Brich an du sch\u00f6nes Morgenlicht&#8220; folgende Zeilen verfasst:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Himmel ist jetzt nimmer weit,<br \/>\nEs naht die sel&#8217;ge Gotteszeit,<br \/>\nDer Freiheit und der Liebe.<br \/>\nWohlauf, du frohe Christenheit!<br \/>\nDass Jeder sich nach langem Streit<br \/>\nIn Friedenswerken \u00fcbe.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche uns, dass wir \u00e4hnlich wie die Soldaten 1914 an Weihnachten solche Friedenswerke \u00fcben. Unsere Zeit braucht davon wahrlich mehr. Bleibt beh\u00fctet und gesegnet. Frohe Weihnachten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>In der kleinen Stadt Messines erinnert heute ein Denkmal an ein kleines Weihnachtswunder im Gro\u00dfen Krieg. 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