{"id":417,"date":"2011-05-10T14:28:52","date_gmt":"2011-05-10T13:28:52","guid":{"rendered":"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/?p=417"},"modified":"2021-04-26T23:44:17","modified_gmt":"2021-04-26T22:44:17","slug":"misericordias-domini-laienpredigt-von-peter-tauber-in-langendiebach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=417","title":{"rendered":"Misericordias Domini &#8211; Laienpredigt von Peter Tauber in Langendiebach"},"content":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes, 10.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Br\u00fcder und Schwestern,<br \/>\nJesus als der gute Hirte, der sein Leben f\u00fcr die Schafe gibt. Dieses Bild ist uns vertraut. Es ber\u00fchrt uns, es beruhigt uns. Es gibt wesentliche Elemente unseres Glaubens wieder, beginnend mit der christlichen N\u00e4chstenliebe. Die Bereitschaft, sich zu opfern, f\u00fcr andere einzustehen, zu helfen \u2013 ohne gleich zu fragen, welchen Nutzen ich davon habe.<\/p>\n<p>Jesus redet aber nicht nur von sich selbst. Er meint damit auch Vater und Mutter, die Verantwortung f\u00fcr ihre Kinder \u00fcbernehmen. Oder vielleicht den Unternehmer, der auch in der Krise seine Mitarbeiter nicht entl\u00e4sst. Oder B\u00fcrger, die bereit sind, mehr zu tun f\u00fcr unser Land, als nur ihre Steuern zu zahlen \u2013 indem sie sich ehrenamtlich engagieren.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite also Jesus, der f\u00fcr uns alle als Hirte geworden ist und auf der anderen Seite die vielen guten Hirten, die uns t\u00e4glich begegnen, wenn wir nur hinschauen. Halt! Ist das wirklich ein Unterschied? Leben diese Menschen von denen ich gerade sprach nicht wissentlich oder unwissentlich nach dem Vorbild Jesu? Werden sie seinem Bilde nicht gerecht? Ganz unspektakul\u00e4r, ohne dass es gro\u00dfe Schlagzeilen gibt oder alle Welt staunend inneh\u00e4lt. Ich glaube schon. Sie begegnen uns n\u00e4mlich t\u00e4glich, die guten Hirten. Das ist doch eine beruhigende Botschaft.<\/p>\n<p>So \u201ebequem\u201c wie sie auf den ersten Blick wirkt, ist die Geschichte aber nicht. Nur auf den ersten Blick geht es um die Geborgenheit, die wir als Schafe finden. Denn Jesus spricht nicht nur von der wunderbaren und sorgenfrei machenden Aufgabe des Hirten, die dazu f\u00fchrt, dass die Schafe beruhigt schlafen k\u00f6nnen. Er spricht auch von dem Mietling, der kein guter Hirte sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wer f\u00fchlt sich da angesprochen? An wen denken wir dabei? An den Hedgefonds-Manager, der nur auf die Zahlen schaut und dem die Betriebe, die er kauft und verkauft und die dort arbeitenden Menschen egal sind? Die Mutter, die mit der knapp bemessenen Sozialhilfe vorrangig den eigenen Bedarf bedient und nicht mit der notwendigen Sorgfalt auf die ihr anvertrauten Kinder achtet? Der Jugendbetreuer, der seine p\u00e4dophilen Neigungen an seinen Sch\u00fctzlingen unbemerkt von anderen befriedigt? All diese Menschen w\u00fcrden wir sicherlich als der Aufgabe des guten Hirten nicht gewachsen beschreiben.<\/p>\n<p>Und damit sind wir bei einer f\u00fcr mich besonders wichtigen Aussage dieser Bibelstelle. Jesus ist das gute Beispiel, ja mehr noch, er nimmt die Aufgabe des guten Hirten bis zur letzten Konsequenz an und gibt sogar sein Leben f\u00fcr die Schafe. F\u00fcr Martin Luther markiert das den zentralen Unterschied. Luther sagt dazu: \u201eChristus allein (ist) der rechte Hirte, der f\u00fcr seine Schafe stirbt, und sonst niemand. Denn zu diesem Werk, darum Christus f\u00fcr uns stirbt, ist kein Mensch t\u00fcchtig gewesen, dass er den Menschen h\u00e4tte frei machen k\u00f6nnen. Dieses ist dieses Hirten Werk, dass ihm niemand nachtun kann.\u201c<\/p>\n<p>Jesus hat hier \u2013 um es modern zu formulieren \u2013 ein Alleinstellungsmerkmal. Ihm in der Rolle des guten Hirten bis zur letzten Konsequenz nachfolgen zu wollen, h\u00e4lt Luther f\u00fcr unm\u00f6glich und er hat sicherlich recht. Wie passt das zusammen, wenn wir eben noch geh\u00f6rt haben, dass Jesus uns Vorbild sein will? Hat Luther also unrecht? Nein. Er macht nur den Unterschied deutlich. Wir k\u00f6nnen nicht wie Jesus die \u201eS\u00fcnd der Welt\u201c tragen. Aber Jesus formuliert dennoch einen Anspruch! Der Beliebigkeit des \u201eMietlings\u201c, der bei den ersten Problemen die Segel streicht, davonl\u00e4uft, erteilt er eine deutliche Absage.<\/p>\n<p>Luther hat das erkannt und erkl\u00e4rt Jesus zum Vorbild f\u00fcr uns: \u201eSo wie Christus f\u00fcr uns gestorben ist, dass er uns errette durch sein ei-gen Werk, ohne unser Zutun, von S\u00fcnden und ewigen Tod: also sollen wir auch einer dem anderen dienen.\u201c Das ist es also, worum es Jesus f\u00fcr uns geht: um Verantwortung \u2013 nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und Verantwortung, dass kann eine gro\u00dfe B\u00fcrde sein, unter der Menschen schwer tragen, ja verzweifeln, sogar zusammenbrechen.<\/p>\n<p>Wer tr\u00e4gt Verantwortung als Hirte f\u00fcr die Schafe? Mir kommen zwei Gedanken in den Sinn: Wer w\u00fcrde sich hier freiwillig in die Rolle des Schafes f\u00fcgen? Wohl niemand. Es entspricht nicht unserem Selbstverst\u00e4ndnis. Wir wollen selbst frei entscheiden, was f\u00fcr uns gut ist. Wir wollen selbst Verantwortung f\u00fcr uns \u00fcbernehmen. Ein selbstbestimmtes Leben f\u00fchren, das ist unser Ziel. Alle M\u00f6glichkeiten sollen uns offen stehen \u2013 beruflich aber auch privat.<\/p>\n<p>Doch ist das wirklich so? Ist es gut so? Gerade in schwierigen Situationen w\u00fcnschen wir uns da nicht doch zumindest heimlich in die Rolle des Schafes? Rufen wir dann nicht nach jemandem, der uns diese Verantwortung f\u00fcr uns selbst abnimmt? Sind dann an der eigenen Situation nicht allzu oft Andere schuld?<br \/>\n\u00dcbertragen auf die Politik wird daraus die Frage, welchen Staat wir wollen. Wollen wir einen paternalistischen Staat, der uns f\u00fchrt und leitet, uns Verantwortung abnimmt, f\u00fcr uns sorgt, uns aber auch vorschreibt, was gut f\u00fcr uns ist und f\u00fcr uns entscheidet? Oder wollen wir einen Staat, der uns Freir\u00e4ume er\u00f6ffnet? Der uns Chancen gibt, aber uns bei Schwierigkeiten nicht alleine l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Und wie ist das mit den Mietlingen in unserer Gesellschaft, denen sich viele Menschen hilflos ausgeliefert f\u00fchlen? Wie kommt es, dass viele Menschen unseren Staat als nicht mehr gerecht empfinden \u2013 und das, obwohl wir noch nie vorher so viel Geld f\u00fcr den Sozialstaat ausgegeben haben wie derzeit?<br \/>\nEs ist wahr: viele Menschen sp\u00fcren in unserem Land eine gewisse Ohnmacht. Wir verlieren uns in einer immer un\u00fcbersichtlicher werdenden Welt. Naturkatastrophen, von Menschen gemachte Katastrophen und Kriege wie in Fukushima und Libyen oder schwierige politische Entscheidungen von der Euro-Rettung bis hin zum Sparpaket.<\/p>\n<p>Ganz oft h\u00f6re ich S\u00e4tze wie: \u201eWas die da oben entscheiden, darauf habe ich doch eh keinen Einfluss.\u201c oder \u201eDie wissen doch gar nicht mehr, wie das normale Leben aussieht und sind total abgehoben.\u201c Es mangelt am Vertrauen in die guten Hirten. Die Menschen haben \u2013 um im Bild zu bleiben \u2013 Angst, dass ihr Schicksal Mietlingen anvertraut ist.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich empfinde diese Sorge als oft nicht begr\u00fcndet \u2013 das sage ich ganz offen. Ich erlebe nicht nur in Berlin, sondern auch in Wiesbaden oder hier bei uns im Main-Kinzig-Kreis viele Menschen, die politische Verantwortung haben, die im wahrsten Sinne des Wortes schwer daran tragen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es dies, was jede \u00f6ffentliche Pers\u00f6nlichkeit, jeder \u00f6ffentliche Diener \u2013 jeder Politiker, Pfarrer, Lehrer, Arzt und Unternehmer &#8211; kennt: Ein guter Hirte zu sein, ist eine schwere Last, es ist der Preis f\u00fcr ein Amt und eine Aufgabe, die Gott uns anvertraut hat. Es ist ein Gef\u00fchl, dass jeder kennt, der f\u00fcr andere Verantwortung \u00fcbernommen hat!<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich hilft mein Glaube bei dieser Aufgabe. Bismarck hat das einmal etwas provokant so formuliert: \u201eGott hilft mir tragen, und mit Ihm bin ich der Sache besser gewachsen als die meisten unserer Politiker ohne Ihn. Ich werde mein Amt tun; dass Gott mir den Verstand dazu gibt, ist Seine Sache.\u201c<br \/>\nDer Satz ist deswegen spannend, weil er darauf verweist, dass wir als Hirten immer auch Gott verpflichtet sind. Denn manchmal muss der Hirte den Schafen den Weg zur vermeintlich gr\u00fcnen Weide verweigern, wenn der Strom, den es auf dem Weg zu \u00fcberqueren gilt, rei\u00dfend und gef\u00e4hrlich ist. Die Aufgabe des Hirten, die Schafe vor Unheil zu bewahren, st\u00f6\u00dft selbst bei den Schafen nicht immer auf Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Das meint keineswegs nur das Verh\u00e4ltnis von Politikern und B\u00fcrgern. Das gilt genauso f\u00fcr die Mutter, die f\u00fcrsorglich ihre Kinder begleitet und auch einmal Grenzen aufzeigt. Dies gilt f\u00fcr den Meister, der seinem Lehrling etwas zumutet, f\u00fcr den Trainer der seiner Mannschaft im Training etwas abverlangt. Wir Menschen sind so, dass wir manchmal auch jemanden brauchen, der uns den Kopf zurechtr\u00fcckt, uns an das Wesentliche erinnert. Auch diese Aufgaben \u00fcbernimmt Jesus f\u00fcr uns als guter Hirte. Jesus wendet sich an alle Christen, egal welche Stellung sie innehaben!<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt zu der Frage, ob das immer so klar zu trennen ist, ob wir Schafe oder Hirten sind. Und es f\u00fchrt weiter zu der Frage, ob wir Hirten oder Mietlinge sind, wenn wir in Verantwortung f\u00fcr andere stehen. So klar werden wir das wohl nicht definieren k\u00f6nnen. Keiner ist ganz &#8222;guter Hirte&#8220; und niemand ganz &#8222;Mietling&#8220;. Und &#8211; Gott sei Dank &#8211; das ist auch nicht ein f\u00fcr allemal festgelegt. Wir k\u00f6nnen uns \u00e4ndern und wir stehen jeden Morgen neu vor der Entscheidung, was wir sein wollen und k\u00f6nnen. Das ist gut!<\/p>\n<p>Und dann f\u00e4llt mir noch etwas auf: in den Medien, aber leider auch in unseren tagt\u00e4glichen Gespr\u00e4chen in der Familie und mit Freunden geht es doch meist um das Schlechte in der Welt. Wer hat wen verlassen, wer ist wo betrogen worden, hat seinen Arbeitsplatz verloren, hat seine Kinder geschlagen oder ist mit der Vereinskasse durchgebrannt.<\/p>\n<p>Viel zu selten erz\u00e4hlen wir von den bemerkenswerten Dingen, von den \u201eguten Hirten\u201c die uns tagt\u00e4glich begegnen. Jesus hat uns immer wieder dazu aufgefordert, im nachzufolgen. Wir als Christen sind trotz unserer Unzul\u00e4nglichkeiten bem\u00fcht, seinem Beispiel zu folgen, weil wir der \u00dcberzeugung sind, dass dadurch unsere Welt ein bisschen gerechter und menschlicher wird.<\/p>\n<p>Wenn wir andere ermutigen wollen, selbst Hirten zu sein, dann sollten wir ihnen von den guten Beispielen erz\u00e4hlen. Wenn wir dabei gleich mit Jesus beginnen, dann schreckt das vielleicht ab \u2013 Menschen, die nicht zu ihm gefunden haben, aber auch Br\u00fcder und Schwestern, die dieses Vorbild f\u00fcr unerreichbar halten. Reden wir doch von den guten Hirten in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie \u2013 und irgendwann werden wir zwangsl\u00e4ufig darauf zu sprechen kommen, dass es einen guten Hirten gibt, der sich um uns alle sorgt.<\/p>\n<p>Ich will von zwei dieser guten Hirten berichten, von denen ich viele kennenlernen durfte: G\u00fcnter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderlich viel miteinander. Der eine ist \u00fcberzeugter Christdemokrat, der andere eingefleischter Sozi. Doch beide haben etwas getan, was sie von vielen anderen unterscheidet. Sie haben nicht nur \u00fcber Not und Armut in der Gesellschaft geredet. Sie haben gemeinsam angepackt. Beide haben die Gelnh\u00e4user Tafel gegr\u00fcndet und damit eine Institution im mittleren Kinzigtal geschaffen, die t\u00e4glich Zeugnis ablegt von dem, was man echten B\u00fcrgergeist nennen kann und muss. M\u00e4nner und Frauen, denen es gut geht, helfen und \u00fcbernehmen Verantwortung f\u00fcr die Schwachen in der Gesellschaft. Sie tun dies auf eine Art und Weise, die mit den Worten christliche N\u00e4chstenliebe und Menschlichkeit wunderbar umschrieben ist. Und es ist schwer vorstellbar, dass der Staat sich diesen Menschen so individuell und einf\u00fchlsam n\u00e4hern kann, wie es die flei\u00dfigen Helfer der Gelnh\u00e4user Tafel tun. Michael Frischkorn und G\u00fcnter Rams machen nicht viel Aufheben um ihr Tun. Und 1.200 Menschen im Altkreis Gelnhausen erfahren immer wieder, dass sie nicht \u201eegal\u201c sind.<\/p>\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zur Politik. Wenn von Politik die Rede ist, dann werden sofort eine Menge Negativbeispiele bem\u00fcht: Partikularinteresseren einzelner gesellschaftlicher Gruppen oder gar Unternehmen, unn\u00f6tiger Streit und unertr\u00e4gliche Polemik und als Beispiel daf\u00fcr wird immer wieder \u00fcber Menschen geredet, die den eigenen Vorteil nutzen, auch wenn sie wissen, sie tun dies auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit. Da sind sie wieder. Die Mietlinge.<\/p>\n<p>Ich glaube, man macht Politik nicht f\u00fcr Zahlen, Daten und Statistiken. Man macht Politik f\u00fcr Menschen \u2013 und nicht f\u00fcr die Menschen, die immer nur meckern und fordern \u2013, sondern f\u00fcr die, die Hilfe brauchen sowie f\u00fcr die mit eigenen Ideen und einer positiven Einstellung ihr Leben gestalten und damit automatisch Gutes f\u00fcr andere tun. Sie sind die guten Hirten. Sie sind die Motivation f\u00fcr mich, Politik zu machen. Darum sollte uns allen bewusst sein: Der wahre Reichtum dieses Landes sind seine Menschen.<\/p>\n<p>Deswegen entscheiden wir selbst jeden Tag, ob wir Hirte, Schaf oder am Ende Mietling sind. Jesus erwartet von uns diese Entscheidung und er will sie uns nicht abnehmen. Es ist sein pers\u00f6nlicher Auftrag f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Predigt zu Johannes, 10. 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