{"id":3961,"date":"2022-11-07T19:24:35","date_gmt":"2022-11-07T18:24:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3961"},"modified":"2022-11-07T19:24:35","modified_gmt":"2022-11-07T18:24:35","slug":"mehr-ueber-kriege-und-konflikte-nachdenken-damit-man-sie-nicht-erleben-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3961","title":{"rendered":"Mehr \u00fcber Kriege und Konflikte nachdenken, damit man sie nicht erleben muss."},"content":{"rendered":"\n<p>General Klaus Naumann, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, bezeichnet das Buch <strong>\u201eFuture War \u2013 Bedrohung und Verteidigung Europas\u201c<\/strong> als ein \u201eAlarmsignal\u201c, weil es die Vers\u00e4umnisse der letzten Jahrzehnte in der deutschen und europ\u00e4ischen Sicherheitspolitik offenbart. Das Buch will nach Aussage der Autoren \u201eeinen Beitrag leisten, dass sich Europa wieder auf strategischen Realismus und Verantwortung besinnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht erst seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine bitter n\u00f6tig. Wir sind uns als Deutsche und in Europa nicht bewusst, das \u201eChina und Russland bereits einen gro\u00dffl\u00e4chigen Cyberkrieg gegen die Europ\u00e4er\u201c f\u00fchren, so zumindest die Autoren. Zum Gl\u00fcck gibt es neben \u201eFuture War\u201c \u2013 wir werden auf das Buch noch einmal ausf\u00fchrlich zu sprechen kommen \u2013 auch andere Publikationen, die sich den Fehlern und m\u00f6glichen Schlussfolgerungen f\u00fcr die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik zuwenden. Neben \u201eFuture War\u201c seien hier zwei weitere B\u00fccher zur Lekt\u00fcre empfohlen:<\/p>\n\n\n\n<p>Auch <strong>Carlo Masala<\/strong>, der in vielen Medien nicht nur meinungsstark, sondern gut verst\u00e4ndlich komplexe sicherheitspolitische Sachverhalte einer seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine aufgewachten deutschen \u00d6ffentlichkeit n\u00e4herbringt, hat in einer aktualisierten Auflage seines Buches <strong>\u201eWeltunordnung. Die globalen Krisen und die Illusionen des Westens\u201c <\/strong>die Fehlentwicklungen deutscher und europ\u00e4ischer Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik pointiert dargestellt. In seinem Buch analysiert er im ersten Teil sehr offen, wie wenig der Westen den eigenen Werten gem\u00e4\u00df gehandelt hat und wie illusorisch die Annahme war, der Rest der Welt werde sich bereitwillig unsere Vorstellung von gesellschaftlicher Ordnung und politischen Prozessen zu eigen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Versuch, die Welt zu verwestlichen \u2013 so die zentrale These Masalas \u2013, m\u00fcsse als gescheitert angesehen werden. Und gerade deshalb m\u00fcsse der Westen nun bereit sein, f\u00fcr seine Interessen einzutreten und diese im Zweifel durchsetzen. Daf\u00fcr bed\u00fcrfe es einsatzbereiter Streitkr\u00e4fte sowie resilienter Gesellschaften und einer Politik, die bereit sei, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und Entscheidungen zu treffen. Masala beschreibt die verschiedenen Herausforderungen, vor denen der Westen und somit auch Deutschland stehen: der Zerfall von Staaten auf der einen und ein Erstarken des Nationalismus auf der anderen Seite, der Klimawandel und Epidemien, Migration, Digitalisierung und der Terrorismus. Er mahnt, man m\u00fcsse endlich aus der \u201eKassandra-Falle\u201c ausbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich den schlechten Botschaften und unbequemen Wahrheiten verschlie\u00dfe, der werde kaum in der Lage sein, die nun notwendigen Entschl\u00fcsse zu treffen. Und diese Entschl\u00fcsse, so das Pl\u00e4doyer von Masala, m\u00fcssten auf dem Boden der Realpolitik getroffen werden. Schlagworte wie \u201eWandel durch Handel\u201c h\u00e4tten sich genauso als Trugschluss herausgestellt wie der Glaube an eine stetig voranschreitende Verrechtlichung der Politik. Die Machtpolitik sei zur\u00fcck und Europa m\u00fcsse sich dem Stellen \u2013 und auch die deutsche Bundesregierung. Fazit von mir: Ein gut lesbares Buch mit klaren Botschaften. Kein Geheimnis: Ich mag Masala. Aber auch wer ihn nicht mag, der sollte ihn lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast gleichlautend titelt das Buch von <strong>Peter R. Neumann<\/strong> <strong>\u201eDie neue Weltunordnung. Wie sich der Westen selbst zerst\u00f6rt\u201c<\/strong>. Neumann, Professor am King\u2019s College in London, kommt in seiner Analyse zu \u00e4hnlichen Ergebnissen wie Masala. Er konstatiert eine gewisse Hybris des Westens. Anders als Masala verteidigt er die Errungenschaften des Westens und ihren globalen Anspruch: Die Gesellschaften des Westens sind freier, gerechter, wohlhabender und friedlicher \u2013 auch in der Quersumme dieser Aspekte \u2013 als andere Gesellschaften. F\u00fcr Neumann r\u00e4cht sich aktuell eine falsche Politik gegen\u00fcber China und Russland, aber auch ein nicht eingehegter Exzess der M\u00e4rkte, der zu einer Delegitimierung des Westens beigetragen habe. Hinzu kommen f\u00fcr ihn Fehleinsch\u00e4tzungen wie die Folgen des arabischen Fr\u00fchlings oder die bis vor kurzem mehr auf Hoffnung als auf Analyse basierende Annahme, dass Handel auch zu Wandel und Ann\u00e4herung f\u00fchre.<\/p>\n\n\n\n<p>Neumann w\u00e4hlt f\u00fcr seine Analyse zun\u00e4chst eine historische Perspektive, um dann f\u00fcr eine R\u00fcckbesinnung des Westens auf seine St\u00e4rken zu werben. Er spielt f\u00fcr die Leserinnen und Leser verschiedene Szenarien durch. Danach bleibt das Gef\u00fchl, dass die Politik nun zum Handeln aufgefordert sei, ja man selbst am liebsten direkt bei Olaf Scholz anrufen m\u00f6chte. Doch was sagt man dem Kanzler dann? Als Antwort formuliert Neumann \u201eLeitideen f\u00fcr eine nachhaltige Moderne\u201c, die der Westen pr\u00e4gen und repr\u00e4sentieren k\u00f6nne. Allerdings bedarf es mehr Ehrlichkeit und ein Bewusstsein der eigenen Defizite, mahnt der Autor. Ein inhaltlich starkes und trotz der Komplexit\u00e4t gut geschriebenes und verst\u00e4ndliches Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem schon eingangs genannten \u201e <strong>Future War \u2013 Bedrohung und Verteidigung Europas\u201c<\/strong> nehmen die drei Autoren <strong>Julian Lindley-French<\/strong>, <strong>John R. Allen<\/strong> und <strong>Frederick Ben Hodges<\/strong> im Gegensatz zu Masala und Neumann, die zwar auch zwischen europ\u00e4ischem und us-amerikanischem Blickwinkel unterscheiden, eine schonungslose Erwartungshaltung der USA gegen\u00fcber Europa ein und konfrontieren die europ\u00e4ische Leserschaft mit den daraus folgenden Konsequenzen. Das Buch beginnt und endet mit einem szenischen Einstieg, der romanhaft die Annahmen der Autoren umsetzt. Aus meiner Sicht sind es die st\u00e4rksten Passagen des Buches, weil hier die teilweise fast zu komplizierten Sachverhalte leicht verst\u00e4ndlich \u201e\u00fcbersetzt\u201c werden. Man ist auf einmal mitten im Geschehen. Und es f\u00fchlt sich nicht gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>Europa werde sich zu den Megatrends Klimawandel, Demographie, Ressourcenknappheit und der globalen Machtverschiebung verhalten m\u00fcssen, so die drei Autoren, allesamt erfahrene Milit\u00e4rs, die dem Anspruch des gebildeten Offiziers a la Clausewitz durchaus entsprechen. Alle drei folgen in ihrer Analyse der Annahme, dass Sicherheit und Frieden auf dem Konzept der Abschreckung basieren. Europa m\u00fcsse also eine Verteidigungspolitik betreiben, die m\u00f6gliche Gegner auf Distanz halte. Die Frage, ob Russland in der Ukraine einmarschiert w\u00e4re, wenn vorher das Ausma\u00df der europ\u00e4ischen und amerikanischen Unterst\u00fctzung klar gewesen w\u00e4re, ist berechtigt. Erkennbar hat die Abschreckung nicht funktioniert, weil es keine gab. Die Europ\u00e4er wirken, als ob sie permanent um sich selbst kreisen und zudem nicht bereit sind, die aus der Analyse der Bedrohungslage folgenden Ressourcen aufzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein k\u00fcnftig starkes und freies Europa seien aus Sicht der Autoren acht Faktoren ausschlaggebend: eine Strategie, die F\u00e4higkeit zur Abschreckung, politischer Zusammenhalt, Lastenteilung, die Nutzung innovativer Technologie, die eigene Strategie offen kommunizieren, als Demokratien dialogf\u00e4hig bleiben sowie b\u00fcndnisf\u00e4hig zu sein. Dazu geh\u00f6re auch, das B\u00fcndnis, die NATO, handlungsf\u00e4hig zu machen. Die NATO m\u00fcsse \u201eden Charakter des Krieges der Zukunft besser verstehen lernen\u201c und zudem in der Lage, seine Entscheidungen schnell zu treffen sowie weitaus st\u00e4rker auf Kompatibilit\u00e4t zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist ein Europa, dass zumindest aus amerikanischer Perspektive \u201evon gegenseitiger Eifersucht gepr\u00e4gt\u201c und erhebliche Defizite mit Blick auf die kollektive Handlungsf\u00e4higkeit hat, \u00fcberhaupt in der Lage, angemessen zu reagieren? Historisch, so zeigen es die Autoren, waren Europa und die in der EU zusammengefassten Nationen zu solchen Ver\u00e4nderungen nur w\u00e4hrend eines Krieges in der Lage. \u201eZum Gl\u00fcck befindet sich Europa heute nicht im Krieg \u2013 aber auch nicht im Frieden\u201c, konstatieren die Autoren. Und es stimmt. Genauso, wie die Tatsache, dass man letzteres geflissentlich zu ignorieren scheint in vielen deutschen Debatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Szenarien, die die Autoren durchspielen, wird man mindestens nachdenklich. Was passiert, wenn Russland seine Interessen im Osten Europas mit milit\u00e4rischer Gewalt durchsetzt und parallel eine massive Destabilisierung Nordafrikas ins Werk setzt? Wohl gemerkt erschien das Buch kurz vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine.&nbsp; Was tun wir, wenn Chinas wirtschaftlicher Einfluss so stark ist, dass Europa nicht mehr handlungsf\u00e4hig ist? Sofort kommt einem der Deal im Hamburger Hafen in den Sinn, von dem damals auch noch nicht die Rede war. Und wer sch\u00fctzt Europa, wenn die USA durch einen Konflikt, mit dem immer mehr raumgreifenden China dazu schlichtweg nicht mehr in der Lage sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4er und auch die Deutschen sowie die NATO haben reagiert in den letzten Jahren. Das ist die gute Nachricht. Es wird viel Geld investiert, Strukturen \u00fcberpr\u00fcft, man wendet sich modernen Technologien zu. Doch die schlechte Nachricht ist: Es ist von allem zu wenig. \u00dcberall. So zumindest nach Meinung der Autoren.<\/p>\n\n\n\n<p>So spannend der Blick auf uns in Europa und Deutschland durch die drei Autoren ist: Die Frage, die sich mir am Ende stellt, ist die Frage nach unserer Antwort. Ist es ratsam, uns die Kritik zu eigen zu machen oder ist es nicht vielmehr so, dass wir einen eigenen Blick und eigene Interessen haben, die es durchzusetzen, mindestens aber einzubringen gilt. Wie m\u00fcssen deutsche Streitkr\u00e4fte, die Bundeswehr k\u00fcnftig aufgestellt sein? Was muss unsere Gesellschaft an Resilienz entwickeln, um in einer Krise, einem Konflikt oder gar einem Krieg zu bestehen? Das Buch fehlt noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>General Klaus Naumann, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, bezeichnet das Buch \u201eFuture War \u2013 Bedrohung und Verteidigung Europas\u201c als ein \u201eAlarmsignal\u201c,&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3961\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Mehr \u00fcber Kriege und Konflikte nachdenken, damit man sie nicht erleben muss.&rdquo;<\/span>&hellip;\t<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3962,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[825,89,785],"tags":[889,210,30,887,884,894,892,571,891,863,572,886,574,865,570,885,882,893],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/IMG_0362-scaled.jpg","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p35WCI-11T","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3961"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3963,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions\/3963"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}