{"id":3955,"date":"2022-11-20T11:01:56","date_gmt":"2022-11-20T10:01:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3955"},"modified":"2022-11-20T11:01:56","modified_gmt":"2022-11-20T10:01:56","slug":"fussball-im-nahen-osten-ein-tiefer-blick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3955","title":{"rendered":"Fu\u00dfball im Nahen Osten. Ein tiefer Blick."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Jan Busse\/Ren\u00e9 Wildangel (Hrsg.), Das rebellische Spiel. Die Macht des Fu\u00dfballs im Nahen Osten und die Katar-WM, Bielefeld 2022<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jan Busse und Ren\u00e9 Wildangel haben einen Sammelband zur Geschichte des Fu\u00dfballs im Nahen Osten und zur WM in Katar vorgelegt, der sich wohltuend von den meisten zu lesen und h\u00f6renden Stellungnahmen zur Fu\u00dfballweltmeisterschaft in diesem arabischen Land unterscheidet. Wohltuend, weil differenziert argumentiert wird, weil Fakten benannt werden, die entweder unbekannt sind oder ausgeblendet werden und weil die Autorinnen und Autoren uns Perspektiven einnehmen lassen, die mindestens ein Denkansto\u00df sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist dabei zu sagen, dass die allgemeine Kritik an der Ausbeutung von Arbeitern oder den eingeschr\u00e4nkten Rechten der Frau, aber auch die Umst\u00e4nde der Vergabe der WM an das Emirat deutlich benannt werden. Diese Kritik teile ich pers\u00f6nlich ausdr\u00fccklich. Und diese Kritik ist mehr als berechtigt. Egal was Katar tut: In den freien Gesellschaften des Westens werden die negativen Begleitumst\u00e4nde dieser WM auch w\u00e4hrend des Turniers sicherlich thematisiert werden &#8211; nicht nur wegen mancher \u00c4u\u00dferung der Offiziellen. Und auch das vorliegende Buch spart nicht mit kritischen Analysen: Robert Kempe spie\u00dft noch einmal die Rolle der FIFA und Fragen der Korruption auf. In den Beitr\u00e4gen von Marlon Saadi, Guido Steinberg, Cinzia Bianco und Sebastian Sons wird uns gezeigt, dass der Fu\u00dfball vor allem eins nicht ist: unpolitisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Im arabischen Raum war und ist der Fu\u00dfball ein wichtiges Element der Nationswerdung und der Identit\u00e4tspolitik. Dies beginnt mit der Rolle des Spiels w\u00e4hrend des Unabh\u00e4ngigkeitskriegs Algeriens, geht weiter \u00fcber die Aufnahme Pal\u00e4stinas in die FIFA, der mehr L\u00e4nder angeh\u00f6ren als den Vereinten Nationen, und reicht bis Katar, dass sportliche Gro\u00dfereignisse auch nutzt, um Sicherheit f\u00fcr das eigene Land zu generieren. Die internationale Aufmerksamkeit f\u00fcr das Land wird als Schutz vor den die Konfrontation nicht scheuenden Nachbarstaaten gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man merkt beim Lesen: Fu\u00dfball hat etwas mit Politik zu tun, auch wenn man leider von deutschen Sportfunktion\u00e4ren immer wieder den irritierenden Satz h\u00f6rt, der Sport sei unpolitisch. Das ist und war er nie \u2013 weder mit Blick auf gesellschaftliche Debatten in Deutschland noch im internationalen Sportverkehr. Sportturniere werden auch k\u00fcnftig nicht nur in den westlichen Demokratien stattfinden. Aber sie sind f\u00fcr uns eine Chance, uns Normen und Werte in anderen Teilen der Welt bewusst zu machen \u2013 und f\u00fcr unsere einzutreten. Das geht nur, wenn man \u201emitspielt\u201c und nicht mit einem Boykott.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesenswert ist auch der Beitrag von Anna Reuss, die das Beziehungsgeflecht von Fu\u00dfball, Macht und Frauenrechten unter die Lupe nimmt. Sie beschreibt dabei das Ph\u00e4nomen des \u201esportswashing\u201c, also die Selbstinszenierung durch den Sport unter Besch\u00f6nigung oder Ausblendung von gesellschaftlichen Problemen oder restriktivem staatlichen Handeln. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verkennen, dass die erste Fu\u00dfballweltmeisterschaft in einem arabischen Land auch Ausdruck des Anspruchs ist, gleichberechtigt mit den Nationen des Westens und anderen Teilen der Welt gesehen zu werden. Sie hat eine geopolitische Bedeutung. Und die WM ist f\u00fcr viele Menschen auch mit der Hoffnung auf Ver\u00e4nderung verbunden! Katar will international anerkannt werden. Darum hat es sich f\u00fcr Reformen ge\u00f6ffnet. Zaghaft vielleicht, manche werden auch nur z\u00f6gerlich umgesetzt. Aber niemand kann ernsthaft behaupten, dass sich nichts tut. Und die Tatsache, dass wir offen Probleme sehen und auch \u00fcber m\u00f6gliche Menschenrechtsverletzungen reden, ist genau daf\u00fcr ein Beleg! Hinzuschauen, wenn das Spektakel der WM vorbei ist und ob es dann weitergeht, das ist Aufgabe der Politik.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich gilt: Die Gesellschaften im Nahen Osten ver\u00e4ndern sich. Die Proteste im Iran zeigen das. Der Arabische Fr\u00fchling war auch ein Zeichen der Ver\u00e4nderung. Damals waren die Ultras in \u00c4gypten \u00fcbrigens ma\u00dfgebliche Tr\u00e4ger und Organisatoren des Protests \u2013 mehr noch als die Muslimbr\u00fcder, denen viele nicht vertrauten. Philip Malzahn gew\u00e4hrt in seinem Beitrag interessante Einblicke in die Geschichte des \u00e4gyptischen Fu\u00dfballs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band macht zudem deutlich: Ver\u00e4nderungen erfolgen oft nicht linear und brauchen Zeit. Es ist \u00fcbrigens kein Menschenleben her, da galten in unserem Land Werte und Normen, die uns heute Gott sei Dank v\u00f6llig fremd sind. Auch wir haben von 1848 \u00fcber 1919 bis 1949 drei Anl\u00e4ufe gebraucht, um in unserem Land die Demokratie und den Parlamentarismus einzuf\u00fchren! Der erste Versuch liegt 175 Jahre zur\u00fcck! Und da erwarten wir, dass Ver\u00e4nderungen nach unseren Vorstellungen binnen Jahresfrist vonstatten gehen? Mir zumindest haben sich beim Lesen solche Gedanken aufgedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Gesellschaften im Nahen Osten im Kern konservativ sind: Es findet Wandel statt. Immer mehr Frauen sind erwerbst\u00e4tig. Immer mehr Frauen wollen teilhaben. Die VAE haben 2021 die erste arabische Frau als Astronautin f\u00fcr das Raumfahrtprogramm des Landes ernannt. Das ist mehr als Symbolpolitik nach au\u00dfen, sondern wirkt auch nach innen in die Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Fakt ist: Obwohl uns diese Gesellschaften und ihre Werte und Normen oft fremd erscheinen und sind, ist die Begeisterung f\u00fcr den Fu\u00dfball dort nicht nur bei jungen Menschen mindestens so gro\u00df wie bei uns. Die Beitr\u00e4ge von Ronny Blaschke zum Fu\u00dfball in den vom Krieg gebeutelten L\u00e4ndern Syrien, Irak und Jemen sowie von Houchang E. Chehabi \u00fcber den Fu\u00dfball im Iran zeigen das augenf\u00e4llig. Christoph Becker richtet unseren Blick dann vor allem auf die Bedeutung des Fu\u00dfballs f\u00fcr die Frauen \u2013 ob als Spielerinnen oder als Fans. Die Frage der Frauenrechte entz\u00fcndet sich an den Debatten um das Recht, Fu\u00dfballspiele in Stadien zu schauen. Und selbst zu spielen. &nbsp;Aus unserer Sicht ist es nat\u00fcrlich schwer nachzuvollziehen, dass man darum k\u00e4mpfen muss, aber es zeigt eben auch, dass sich etwas ver\u00e4ndert, das alte Werte ins Wanken geraten. \u00dcbrigens: 1923 \u2013 also vor 100 Jahren \u2013 da durften erstmals Frauen an einem Deutschen Turnfest teilnehmen. In M\u00fcnchen war das. Das war Ihnen seit dem ersten Turnfest 1860 immer verweigert worden. 1903 hatte erstmals eine Frau protestiert. Es dauert noch 20 Jahre, bis die Frauen aktiv dabei waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der im Buch beschriebenen positiven Beispiele f\u00fcr eine \u201eFu\u00dfball-Diplomatie\u201c ist die gemeinsame Aktion von Israel, Bahrein und VAE unter der \u00dcberschrift \u201eFootball Can Unite Us \u2013 Let\u2019s Play!\u201c Gemeinsam haben die drei Nationen eine entsprechende Kampagne in den sozialen Medien gestartet. Ob eine solche Kampagne tr\u00e4gt und die Menschen erreicht, das wird zu diskutieren sein. Aber dass es sie \u00fcberhaupt gibt, das ist ein gutes Zeichen. Man stelle sich vor, Deutschland und Frankreich h\u00e4tten sich unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg im Sport mit einer so vers\u00f6hnenden \u00dcberschrift die H\u00e4nde gereicht? Das war zumindest damals unvorstellbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia Roth, die sicher nicht im Verdacht steht, unkritisch gegen\u00fcber der Politik der Golfstaaten zu sein, schreibt in ihrem Vorwort des Bandes: \u201eDer Fu\u00dfball ist die Folie, auf der sich viele Konflikte und wichtige Debatten unserer Zeit abspielen. Im besten Fall kann der Fu\u00dfball einen Beitrag zu Fortschritten erzielen und sogar ein Beispiel f\u00fcr gelebte Solidarit\u00e4t darstellen. (&#8230;) Wahr ist auch, dass diese Weltmeisterschaft eine Chance f\u00fcr Reformen sein kann \u2013 allerdings nur dann, wenn der Druck auf positive Ver\u00e4nderungen auch nach dem sportlichen Wettkampf aufrechterhalten wird. (&#8230;) Der Fu\u00dfball kann dann ein \u201erebellisches Spiel\u201c im besten Sinne sein, das seine gesellschaftliche und kulturelle Kraft entfalten kann, die weit \u00fcber den Sport hinausreicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt bleiben sollen die kurzweiligen Portraits der Fu\u00dfballhelden aus dem Nahen Osten, die in der Regel bei europ\u00e4ischen Spitzenclubs Karriere gemacht haben. Den einen oder anderen Namen der M\u00e4nner, die in ihrer Heimat oft Volkshelden sind, kennen wir auch aus der Bundesliga.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan Busse und Ren\u00e9 Wildangel ist es gelungen, einen kurzweiligen, informativen und sehr lesenswerten Band zusammenzustellen. Wer nicht nur meinungsstark, sondern faktenreich argumentieren will, wenn in der Halbzeit \u00fcber die WM diskutiert wird, der kommt an diesem Band nicht vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Jan Busse\/Ren\u00e9 Wildangel (Hrsg.), Das rebellische Spiel. 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