{"id":3302,"date":"2018-04-08T15:04:36","date_gmt":"2018-04-08T15:04:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3302"},"modified":"2018-04-09T08:07:45","modified_gmt":"2018-04-09T08:07:45","slug":"preussen-bauen-leben-erleiden-und-schreiben-vier-preussische-biographien-von-heinz-ohff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3302","title":{"rendered":"Preu\u00dfen bauen, leben, erleiden und schreiben \u2013 Vier preu\u00dfische Biographien von Heinz Ohff"},"content":{"rendered":"<p>Preu\u00dfen ist nicht mehr. Zumindest ist es kein politisches Gebilde, kein Staat mehr. Trotzdem bewegt es die Gem\u00fcter. Man achtet oder liebt es \u2013 oder man hasst es und h\u00e4lt es f\u00fcr den Ursprung allen \u00dcbels. Nicht umsonst sind die preu\u00dfischen Farben schwarz und wei\u00df. Wer die von Heinz Ohff skizzierten preu\u00dfischen Pers\u00f6nlichkeiten kennenlernt, der muss freilich zu einem anderen, zu einem differenzierten und doch am Ende wohlmeinenden Urteil kommen. Ohffs besondere Gabe, fast im Plauderton die Br\u00fcche, die H\u00f6hen und Tiefen sowie das Besondere der vom ihm beschriebenen Gestalten aufzuzeigen, nimmt den Leser mit in ein Preu\u00dfen, das idealisiert erscheinen mag, dass nicht mehr ist, aber doch so war.<\/p>\n<p>Wenngleich ihm immer auch das andere Preu\u00dfen bewusst ist und er es nicht au\u00dfen vor l\u00e4sst, er als ein ehrlicher Chronist wirkt, so ergreift er doch zugleich Partei oder l\u00e4sst vielmehr seine Protagonisten f\u00fcr ein Preu\u00dfen sprechen, das vielen nicht kennen und das doch der Erinnerung wert ist.<\/p>\n<p>Manch einer hat zu Schulzeiten die Effi Briest von Theodor Fontane gelesen, den Zerbrochenen Krug von Heinrich von Kleist auf der B\u00fchne gesehen, Karl Friedrich Schinkels Neue Wache in Berlin bestaunt und das nach dem F\u00fcrsten Hermann von P\u00fcckler-Muskau benannte F\u00fcrst-P\u00fcckler-Eis genossen. \u00a0Die Vielgestalt Preu\u00dfens fernab der Klischees repr\u00e4sentieren wohl nur wenige so gut, wie das von Heinz Ohff beschriebene Quartett. Alle zusammen, aber auch jedes Buch f\u00fcr sich ist lesenswert.<\/p>\n<p><strong>Heinz Ohff, Karl Friedrich Schinkel oder Die Sch\u00f6nheit in Preu\u00dfen, M\u00fcnchen 2000. <\/strong><\/p>\n<p>Wenn jemand Preu\u00dfen eine Gestalt, ein Antlitz gab, dann war es Karl Friedrich Schinkel. Aber Sch\u00f6nheit und Preu\u00dfen? Die beiden Begriffe assoziieren sicher nur die wenigsten miteinander. Heinz Ohff bringt uns n\u00e4her, warum Schinkel der Sch\u00f6nheit Preu\u00dfens eine eigene \u00c4sthetik, ein eigenes Abbild gegeben hat, dessen man nicht nur gewahr wird, wenn man vor der neuen Wache steht. Auch das von Schinkel entworfene B\u00fchnenbild zu Mozarts Zauberfl\u00f6te sucht bis heute seinesgleichen \u2013 und man kann es \u00fcbrigens in Berlin immer noch bewundern, wenn das St\u00fcck dort aufgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Ohff schildert Schinkel nicht als jemanden, der seinen Weg erst suchen muss. Von Beginn an scheint klar, dass der junge Karl Friedrich sich seinen musischen Interessen und auch Begabungen hingibt. Ganz den K\u00fcnsten verschrieben ist er dabei niemand, den Klassen- und Standesschranken pr\u00e4gen, im Gegenteil. Und als sein Bruder stirbt, da muss er selbstbewusst und konsequent \u2013 nicht unbedingt seine St\u00e4rken \u2013 eine Entscheidung treffen: Er beendet die Schule und studiert Architektur beim renommierten Stadtbaurat Gilly. Dass aus dem Jungen aus Neuruppin ein begeisterter Berliner wird, liegt freilich auch daran, dass dieses Berlin eine Seite entwickelt, die bisher kaum aufgefallen ist. Die Stadt wird zu einer Stadt des Geistes und der Kultur. Doch bevor Schinkel ihr seine Pr\u00e4gekraft hinzuf\u00fcgt, geht er nach Italien auf \u201egrand tour\u201c, nicht un\u00fcblich f\u00fcr einen jungen Mann seiner Zeit. Sein quasi fotografisches Ged\u00e4chtnis wird im sp\u00e4ter zu Gute kommen. Auf der Reise selbst entstehen viele wunderbare Zeichnungen. Malen kann Schinkel auch.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgekehrt holt ihn, den Musensohn, die harte Realit\u00e4t ein. Preu\u00dfen hat den Krieg gegen Frankreich verloren. Er wechselt in den Staatsdienst. Es sind die Jahre der preu\u00dfischen Reformen und Schinkel schafft das Symbol dieses wiederauferstandenen Staates: das Eiserne Kreuz. Selbst die Nazis haben es nicht geschafft, dieses \u201eurpreu\u00dfischste\u201c aller Symbole vollst\u00e4ndig zu diskreditieren. Es ist heute noch das Hoheitsabzeichen der deutschen Streitkr\u00e4fte. Damals schuf Schinkel eine geniale Ikonographie, ein Logo f\u00fcr eine Marke w\u00fcrde man heute sagen, f\u00fcr das neue Preu\u00dfen, dass sich auf sich selbst besann. Der neue Orden war nicht aus kostbarem Edelmetall, sondern aus schlichtem Eisen. Wie die Zeiten damals. Er wurde unabh\u00e4ngig von Stand und Dienstgrad f\u00fcr milit\u00e4rische Leistungen verliehen. Demokratischer ging es nicht.<\/p>\n<p>Ohff l\u00e4\u00dft die unheimliche Schaffenskraft Schinkels vor Augen treten. Und zeigt uns die Eigenarten dieses Architekten Preu\u00dfens. Geb\u00e4ude, bei deren Planungen die Auftraggeber zu sehr in die Pl\u00e4ne Schinkels eingriffen, strich dieser kurzerhand aus der Liste seiner Werke; so geschehen beim Schloss Babelsberg, das nach einem Entwurf Schinkels gebaut, aber auf Wunsch der preu\u00dfischen Hoheiten entsprechend abge\u00e4ndert worden war. Ob es um die Vollendung des K\u00f6lner Doms oder den Erwerb bedeutender Kunstsammlungen durch den preu\u00dfischen Staat ging: Immer war der Beamte der preu\u00dfischen Oberbaudirektion engagiert, oft vor Ort, plante, entwarf, verwarf und musste erleben, dass nur ein Bruchteil seiner Ideen Wirklichkeit wurden.<\/p>\n<p>Wenn dieser Tage das Berliner Stadtschloss neu ersteht und damit diesem Teil Berlins seine klassische Anmutung zur\u00fcckgibt, dann geh\u00f6rt zur Wahrheit dazu, dass ohne die Neue Wache, das Meisterwerk Schinkels, aber auch das von ihm entworfene Schauspielhaus, die genialistische Bauakademie, die ebenfalls wiederaufgebaut werden soll, und das Neue Museum, das heute als Altes Museum fungiert, Berlins Mitte \u00fcberhaupt erst diese Bezeichnung verdient. Sie verk\u00f6rpert dann das hauptst\u00e4dtische Berlin. Und seltsam genug: Das Ensemble wird nach der Fertigstellung viel eher als der neu bebaute Potsdamer Platz Berlin repr\u00e4sentieren. Auch weil die Geb\u00e4ude Schinkels eine gewisse Zeitlosigkeit zeitigen. Schinkel verfolgt all diese Baut\u00e4tigkeiten nicht immer direkt. Er arbeitet viel, aber ist auch viel auf Reisen: wieder Italien, Gro\u00dfbritannien. Andere beaufsichtigen die Bauarbeiten nach seinen Pl\u00e4nen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er immer wieder neue Pl\u00e4ne schmiedet und sich weiterentwickelt, bleibt Kritik nicht aus. Gerade die Bauakademie, die man getrost als ein Vorl\u00e4ufer des Bauhauses bezeichnen kann, gefiel den Berlinern nicht. Und Schinkel entwickelt nicht nur das Neue. Von der rationalen Bauakademie ist es ein weiter Weg hin zum romantischen Charlottenhof in Potsdam, einem der Meisterwerke Schinkels, das ihn mit dem K\u00f6nig auf besondere Art und Weise verbindet. Dort wird die Sch\u00f6nheit Preu\u00dfens besonders lebendig. Heinz Ohff hat Schinkel und der Sch\u00f6nheit Preu\u00dfens mit seinem Buch ein kleines Denkmal gesetzt. Schinkel stellt er dabei nicht, wie es bis in die Zeit des K\u00fcnstlers hinein \u00fcblich war, in griechischer Pose auf einem Podest, sondern er holt ihn in seine Zeit und bis zu uns her\u00fcber, denn die Sch\u00f6nheit seiner Werke erfreuen uns noch heute.<\/p>\n<p>Neben die Sch\u00f6nheit tritt dabei die Vielgestaltigkeit, die Preu\u00dfen kennzeichnet und daf\u00fcr Sorge tr\u00e4gt, dass uns Schinkel heute noch ber\u00fchrt und sein gesamtes Werk die Menschen ber\u00fchrt. Denn niemand vertritt Preu\u00dfisches so konsequent in der Kunst wie Schinkel. Preu\u00dfisches im Sinne von Liberalit\u00e4t und Freiheit, nicht im Sinne dessen, was die Nazis, die selbst alles waren, nur keine Preu\u00dfen, im Staate des Eisernen Kreuzes Schinkels sahen. In dem f\u00fcr seine Familie aufgeschriebenen Wahlspruch schreibt Schinkel: \u201eJeder freie Moment ist ein seliger.\u201c Aber Freiheit ist f\u00fcr ihn nicht schrankenlos. F\u00fcr ihn \u201eerscheint die Freiheit des Geistes bei jeder Selbst\u00fcberwindung, bei jedem Widerstand gegen \u00e4u\u00dfere Lockung, bei jeder Pflichterf\u00fcllung, bei jedem Streben nach dem Besseren und bei jeder Wegr\u00e4umung eines Hindernisses zu diesem Zweck.\u201c Schinkel hat die preu\u00dfische Freiheit, die ein letztes Mal im Tun der M\u00e4nner des 20. Juli vor unser Auge trat, in Stein gemei\u00dfelt. Wer den Menschen Schinkel kennenlernen will, der muss das Buch von Ohff lesen.<\/p>\n<p><strong>Heinz Ohff, Der gr\u00fcne F\u00fcrst. Das abenteuerliche Leben des Hermann P\u00fcckler-Muskau, M\u00fcnchen 2002.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcrst Hermann Ludwig Heinrich von P\u00fcckler auf Muskau ist das, was man einen Lebemann nennt, ein Abenteurer und ein Gelehrter. Heinz Ohff schildert ihn als preu\u00dfischen Casanova und bisweilen beschleicht einen beim Lesen der Verdacht, dass der gute Casanova im Vergleich zum \u201egr\u00fcnen F\u00fcrsten\u201c doch eher ein Waisenknabe war. Er durchquert Afrika und bringt sich eine Geliebte mit zur\u00fcck, die er auf dem Sklavenmarkt erstanden hat. Seine geschiedene Frau, mit der er immer noch zusammenlebt, akzeptiert es. Die Blicke und das Getuschel der anderen sind ihm egal.<\/p>\n<p>Seine Figur ist Heinz Ohff sichtbar ans Herz gewachsen. P\u00fcckler ist voller Gegens\u00e4tze und sicherlich eine in der deutschen Kulturgeschichte einzigartige Pers\u00f6nlichkeit. Seine gro\u00dfe Leidenschaft und seine au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung mit Blick auf die \u201eLandschaftsg\u00e4rtnerei\u201c tritt dabei hinter ein wechselvolles Leben zur\u00fcck, das aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen darf, dass man sein Werk und Schaffen in diesem Bereich ohne Untertreibung als dem gro\u00dfen Peter Joseph Lenn\u00e9 ebenb\u00fcrtig bezeichnen darf.<\/p>\n<p>P\u00fcckler ist ein preu\u00dfischer Weltb\u00fcrger, er duelliert sich mehrfach, h\u00e4lt es kaum lange an einem Ort aus und schafft es laut Ohff sogar, Vielweiberei und Monogamie unter einen Hut zu bringen. In der Tat lohnt es sich wohl kaum, sich die Namen seiner Liebschaften einzupr\u00e4gen, wenngleich er mit vielen einen Leben lang in Kontakt bleibt. Erw\u00e4hnt werden sollte aber doch, dass er \u201ezwischendurch\u201c zum katholischen Glauben \u00fcbertritt. Neben seiner afrikanischen \u201eZweitfrau\u201c Machbuba, die ihm in die Lausitz folgt, h\u00e4ngt er doch zeitlebens an seiner ersten Ehefrau, mit der er stets in einem engen Briefkontakt bleibt, wenn er nicht in Muskau weilt. Er schreibt also st\u00e4ndig, denn zuhause ist er selten. Was seine \u201eSchnucke\u201c, wie er seine Frau oder Exfrau liebevoll nennt, von seinen Abenteuern h\u00e4lt, bleibt im Dunkeln. Mit Machbuba hat sie sich offensichtlich arrangiert, zumal P\u00fcckler ihr den \u201ezwergw\u00fcchsigen Mohren Joladour\u201c mitgebracht hat. Dieser bleibt ein treuer Begleiter auf Schlo\u00df Muskau. Scheiden lie\u00df P\u00fcckler sich \u00fcbrigens nur, um seine finanziellen Probleme zu l\u00f6sen \u2013 in der Hoffnung eine reiche Frau f\u00fcr eine zweite Ehe zu gewinnen, um des angeh\u00e4uften Schuldenbergs Herr zu werden. Sogar nach England reist er derenthalben, allerdings ergebnislos. Auch seine schriftstellerischen Erfolge k\u00f6nnen die finanziellen N\u00f6te nur zeitweilig lindern.<\/p>\n<p>All dies Unstete in seinem Lebenswandel darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass er bei Hofe einflussreich ist. Er geh\u00f6rt zu denjenigen, die direkten Zugang zum K\u00f6nig haben und verkehrt zugleich mit Pers\u00f6nlichkeiten wie Goethe und Heine. Mit seinen politischen Vorstellungen ist er seiner Zeit weit voraus und gepr\u00e4gt hat ihn sicherlich seine Anglophilie. So geht sein Patriotismus \u00fcber Preu\u00dfen, ja Deutschland hinaus. Er formuliert so etwas wie die Idee eines geeinten Europas, dass neben den deutschen Landen auch Frankreich und \u00d6sterreich-Ungarn umfasst. Seine demokratischen und freiheitlichen Ideen gehen allerdings mit dem Scheitern der Revolution unter und die Politik verfolgt er nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die Damenwelt oder die G\u00e4rtnerei.<\/p>\n<p>Heinz Ohff erschafft das Bild eines zu Unrecht in Vergessenheit geratenen gro\u00dfen Preu\u00dfen, den viel mehr ausmacht als das ber\u00fchmte Eis, mit dem der Namensgeber selbst nicht viel zu tun hatte. Es ist die Erfindung eines findigen Konditors. Welch gro\u00dfen Geist es zu entdecken gilt, wird einem Gewahr, wenn man den noch heute sehenswerten Landschaftsgarten in Muskau in Augenschein nimmt \u2013 oder das Buch von Heinz Ohff liest.<\/p>\n<p><strong>Heinz Ohff, Heinrich von Kleist. Ein preu\u00dfisches Schicksal, M\u00fcnchen 2004.<\/strong><\/p>\n<p>Die preu\u00dfische K\u00f6nigin Luise war f\u00fcr Heinrich von Kleist der \u201eStern in Wetterwolken\u201c, der umso heller leuchtet, je finsterer die Welt um ihn herum ist. Und finster erscheint Kleist die Welt um ihn herum zeitlebens bis zu seinem Freitod. Wenn der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm I. Menschen als den gr\u00f6\u00dften Reichtum seines K\u00f6nigreichs erachtet, dann geh\u00f6rt Kleist sicherlich zu den Edelsteinen. Heinz Ohff setzt dem gro\u00dfen Sohn Preu\u00dfens, der doch an seinem geliebten Vaterland litt und zerbrach, mit seiner Biographie ein literarisches Denkmal.<\/p>\n<p>Kleist ist mehr als nur der Dichter Preu\u00dfens. Er ist vor allem ein Suchender. Er sucht seinen Platz in der Welt. Als Soldat, als Ehemann \u2013 zwischenzeitlich will er sogar Bauer werden \u2013 und auch als Dichter findet er keine Erf\u00fcllung, keine innere Ruhe, um nicht von Frieden zu sprechen. Gleichwohl verdankt die deutsche Literatur ihm einige wunderbare Werke, die bis heute wirkungsm\u00e4chtig sind. \u201eDer zerbrochene Krug\u201c geh\u00f6rt sicherlich zu den popul\u00e4rsten seiner B\u00fchnenst\u00fccke. Das K\u00e4thchen von Heilbronn, die Hermannschlacht oder der Prinz von Homburg sind bis heute nicht minder bekannt.<\/p>\n<p>Ohff gelingt es, das Unverst\u00e4ndliche, vielleicht auch Geheimnisvolle in Kleists Pers\u00f6nlichkeit zutage zu f\u00f6rdern, ohne dass der Dichter uns irritiert oder verst\u00f6rt zur\u00fcckl\u00e4sst. Im Gegenteil: Wir f\u00fchlen mit ihm. Einzige Ausnahme ist wohl sein Hass auf Frankreich. Als Kind der Freiheitskriege ist dieser aus heutiger Sicht verst\u00f6rend, aber man muss ihn in seiner Zeit lesen \u2013 alles andere ist ahistorisch. Und Frankreich ist Besatzungsmacht, Napoleon ein Tyrann, ein Feind der Freiheit, die Kleist f\u00fcr Preu\u00dfen und Deutschland ertr\u00e4umt und vertritt. Eine Freiheit Preu\u00dfens, f\u00fcr die die von ihm so verehrte K\u00f6nigin zur Symbolfigur wird. Ohff setzt zur Ehrenrettung des Dichters an und verweist darauf, dass Moli\u00e9re der Lieblingsautor Kleists war. Es bleibt dabei, dass man \u00fcber diese Facette in Kleists Pers\u00f6nlichkeit sicher am trefflichsten zu streiten vermag. Und es bleibt nicht die einzige Stelle im Buch, die uns wundert. So ist auch die Fr\u00f6hlichkeit, die fast freudige Erwartung, mit der Kleist aus dem Leben scheidet, verst\u00f6rend. Da hilft es, sich dem zuzuwenden, was von ihm bleibt.<\/p>\n<p>Kleists Werke versinnbildlichen ein wohlverstandenes Preu\u00dfentum. So ist die Geschichte des Rossh\u00e4ndlers Michael Kohlhaas, dem ein Unrecht geschieht und der daraufhin zur Selbstjustiz greift, ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Rechtsstaat, dessen friedensstiftende Kraft auch dann wirkt, wenn Recht nicht zwingend Gerechtigkeit bedeutet. Die Novelle ist in Zeiten, in denen wieder vom \u201egesunden Volksempfinden\u201c die Rede ist, aktueller denn je. So f\u00fchlt sich Kohlhaas ungerecht behandelt und akzeptiert den Richterspruch nicht. In der Tat ist ihm \u00fcbel mitgespielt worden. Er greift zu unlauteren Mitteln, um sich zu nehmen, was ihm vermeintlich zusteht. Nach langem Hin und Her kommt es erneut zum Prozess. Kohlhaas wird das erlittene Unrecht vergolten, aber da er nicht bereit war, sich dem Rechtssystem zu beugen, wird er wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt. Das Recht kann man nicht in die eigene Hand nehmen. Dabei bleibt es. Besser als Heinz Ohff kann man es nicht formulieren: \u201eDa aber Recht nicht Sache des pers\u00f6nlichen Gef\u00fchls sein kann, sondern auf der Anerkennung allgemeiner Regeln, die Rechte und Pflichten der Mitglieder eines Gemeinwesens verbindlich begr\u00fcnden, beruht, verliert er (Michael Kohlhaas) seinen Kopf unter dem Beil des Scharfrichters.\u201c Michael Kohlhaas sollte in Zeiten des postfaktischen Populismus in der Schule Pflichtlekt\u00fcre sein.<\/p>\n<p>Die preu\u00dfischste aller Geschichten ist aber wohl der Prinz von Homburg. Dieser greift bei Fehrbellin den Feind ohne Befehl an, erringt so den Sieg und wird dennoch wegen Ungehorsams zum Tode verurteilt. All das mutet sehr preu\u00dfisch an, wie denn auch der Sieg der Vernunft, also die Aufhebung des Todesurteils. Die Geschichte findet ihr Vorbild in der Konvention von Tauroggen, als York ohne Befehl des K\u00f6nigs ein B\u00fcndnis mit Russland schlie\u00dft und in anderen Episoden preu\u00dfisch-deutscher Milit\u00e4rgeschichte, die auch heute noch traditionsw\u00fcrdig f\u00fcr deutsche Soldaten sind. Der Prinz von Homburg ist die Aufforderung nicht nur an Soldaten, einer Sache, Werten und \u00dcberzeugungen zu dienen und im Zweifel diese Loyalit\u00e4t h\u00f6her zu gewichten als die gegen\u00fcber dem Befehl oder einer Person. Nicht nur mit dieser Geschichte ist Kleist nicht nur einer der erfolgreichsten, sondern auch ein zeitloser deutscher Autor.<\/p>\n<p><strong>Hein Ohff, Theodor Fontane. Leben und Werk, M\u00fcnchen 1995.<\/strong><\/p>\n<p>Seinen Namen sprach Fontane stets franz\u00f6sisch aus. Die einen sahen darin eine Reminiszenz an seine hugenottischen Wurzeln, die anderen meinen sich durch die Aussprache \u201evon Tann\u201c an einen altpreu\u00dfischen Namen erinnert. F\u00fcr einen der gr\u00f6\u00dften deutschen Schriftsteller, sicher auch einer der flei\u00dfigsten, war beides pr\u00e4gend \u2013 seine franz\u00f6sischen Wurzeln als Glaubensfl\u00fcchtling, aber auch seine Liebe zu einem Preu\u00dfen, dass, als er seine bedeutendsten Werke publizierte, schon l\u00e4ngst in Deutschland aufgegangen war. Das f\u00fchrt uns zu einem der pr\u00e4genden Charaktereigenschaften, die Heinz Ohff immer wieder herausarbeitet: Er l\u00e4sst sich nur schwer vereinnahmen f\u00fcr eine Seite. Ein entschiedenes \u201esowohl als auch\u201c ist seine Sache. Selbst in seiner vorbehaltlosen Liebe zu Preu\u00dfen entdecken wir immer wieder Kritik am Junkertum, wie im Stechlin skizziert. Doch gerade so macht er sich zum entschiedensten F\u00fcrsprecher Preu\u00dfens unter den Literaten, einen Platz, um den er bestenfalls mit dem lange vor ihm lebenden und an seiner Liebe zu Preu\u00dfen zugrunde gegangenen Heinrich von Kleist ringt.<\/p>\n<p>Heinz Ohff nimmt uns mit, wenn Fontane seiner Begeisterung f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Freiheiten und die Demokratie in England fr\u00f6nt. Einen Widerspruch zu seiner Liebe zu Preu\u00dfen sieht Fontane darin nicht. Genauso wenig, wie der Schriftsteller ein Problem darin erkennt, zun\u00e4chst an der Seite der Revolution\u00e4re 1848 auf den Berliner Barrikaden zu stehen und dann sp\u00e4ter f\u00fcr die erzkonservative Kreuz-Zeitung zu schreiben und in staatlichen Diensten f\u00fcr das Pressewesen t\u00e4tig zu sein. Aus dieser unsteten Phase seines Lebens stammen auch seine zwei trotz einer fr\u00fchen Verlobung unehelichen Kinder, \u00fcber die wenig bekannt ist \u2013 inklusive ihrer M\u00fctter. Die Konstante ist das Schreiben.<\/p>\n<p>Der Weg zum Schriftsteller ist f\u00fcr Theodor Fontane steinig und doch strebt er ein Leben lang danach, von der Schreiberei leben zu k\u00f6nnen. Obwohl er eitel und wehleidig ist \u2013 Ohff schreibt im zudem hypochondrische Z\u00fcge zu \u2013 ist er sich nicht zu schade, das zu schreiben, was gef\u00e4llt. Manuskripte und Texte, deren Ver\u00f6ffentlichung kein Geld bringt, wandern kurzerhand in die Schublade. Fontane dient als Soldat und nach eigenem Bekunden diente er gerne und h\u00e4lt dennoch in seinem Gedicht \u201eAls Grenadier\u201c seine negativen Eindr\u00fccke vom Kommiss fest. Den Sohn motivierte er dann aber trotzdem, das Soldatenhandwerk zu lernen. Sein eigener Brotberuf war der eines Apothekers, und er wandelte hier in den Fu\u00dfspuren seines Vaters. Erst sp\u00e4t setzte er ganz auf das Schreiben, was nicht ohne Konflikte in der Familie vonstatten geht, denn ein sicheres Auskommen hatte die Familie lange nicht. \u00dcberhaupt ist ihm die Familie ein wichtiger R\u00fcckhalt. Seine Tochter liebt er, und im Gegensatz zu den S\u00f6hnen pflegt er zu ihr ein inniges Verh\u00e4ltnis. Seine Frau sorgt daf\u00fcr, dass seine niedergeschriebenen Novellen, Balladen und Kritiken auch den Weg in die Redaktionen finden. Sie verwandelt seine unleserliche Handschrift in lesbare Texte.<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt seine Texte. Heinz Ohff zeigt ganz plastisch, dass das Schreiben f\u00fcr Fontane ein Handwerk, harte Arbeit ist. Immer sitzt er an mehreren Schriften gleichzeitig, oft \u00e4ndert er, nimmt er einen neuen Anlauf. Und auch wenn deutsche Penn\u00e4ler heute meist Effi Briest lesen, so sind doch seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg das erste Werk, dass ihm Aufmerksamkeit verschafft. Die f\u00fcnf B\u00e4nde sind mehr als eine Charakterisierung von Land und Leuten vergangener Zeiten. Wohl wenige haben der eigenen Heimat ein solches Denkmal gesetzt \u2013 ohne Pathos und Ideologie, ohne \u201eBlut und Boden\u201c. In Zeiten, in denen Heimat eine Renaissance erlebt \u2013 von der politischen Debatte um ein Heimatministerium bis hin zum auflagenstarken Zeitungen wie \u201eLandlust\u201c sollten die Wanderungen Fontanes ein Lehrst\u00fcck sein. Und lesenswert sind sie heute noch. Seine zudem so einfache wie kluge Definition des Konservativen gereicht auch heute mancher Diskussion unserer Zeit zur Ehre. Fontane schreibt im Stechlin, einem seiner besten B\u00fccher: \u201eAlles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber f\u00fcr das Neue sollen wir recht eigentlich leben.\u201c Gleiches gilt f\u00fcr seine Kritik am \u201e\u00dcberpatriotismus\u201c. Auch da wirkt er zeitlos.<\/p>\n<p>Doch genug. Manche behaupten, Fontane schreibe langatmig. Ich habe mich hier zugegebenerma\u00dfen an ihm orientiert. Und es gebe noch so viel zu erw\u00e4hnen: den modernen Theaterkritiker etwa oder sein Werk \u201eVor dem Sturm\u201c, ein deutsches \u201eKrieg und Frieden\u201c, dass den Vergleich mit Tolstoi wagt. Wir wollen es dabei belassen. Wer den Kriegsberichterstatter und Schlachtenbummler, den Dichter von Gelegenheitsversen, den gescheiterten Akademiesekret\u00e4r, kurz den literarischen \u201eHans Dampf in allen Gassen\u201c kennenlernen will, der sollte das Buch von Heinz Ohff in die Hand nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Preu\u00dfen ist nicht mehr. Zumindest ist es kein politisches Gebilde, kein Staat mehr. Trotzdem bewegt es die Gem\u00fcter. Man achtet&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3302\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Preu\u00dfen bauen, leben, erleiden und schreiben \u2013 Vier preu\u00dfische Biographien von Heinz Ohff&rdquo;<\/span>&hellip;\t<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3304,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[89],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/IMG_0457_z.jpg","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p35WCI-Rg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3302"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3302"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3305,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3302\/revisions\/3305"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3304"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}