{"id":3083,"date":"2017-06-19T13:37:42","date_gmt":"2017-06-19T13:37:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3083"},"modified":"2017-06-19T13:37:42","modified_gmt":"2017-06-19T13:37:42","slug":"im-fernsehen-kam-immer-helmut-kohl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=3083","title":{"rendered":"Im Fernsehen kam immer Helmut Kohl"},"content":{"rendered":"<p>Als ich die letzten Buntstifte aus meiner Schult\u00fcte aufgebraucht hatte, da war Helmut Kohl schon eine ganze Weile Bundeskanzler. Als meine Fu\u00dfballkarriere in der D-Jugend kl\u00e4glich scheiterte, regierte er immer noch. Als ich konfirmiert wurde, hie\u00df der Kanzler Helmut Kohl. Als ich 1994 die Hochschulreife erlangte, zog Helmut Kohl mit der CDU in die Bundestagswahl und wurde wiedergew\u00e4hlt. W\u00e4hrend meines Wehrdienstes trug ich \u201edes Kanzlers Rock\u201c, wie wir in Anspielung an die wilhelminische Zeiten flachsten; denn es schien mir und anderen nur schwer vorstellbar, in einer Republik zu leben, in der der Kanzler nicht Helmut Kohl hie\u00df. Und als ich an meiner Alma Mater in Frankfurt zur Zwischenpr\u00fcfung antrat, wer war da Kanzler? Genau: Helmut Kohl.<\/p>\n<p>Zwischendurch war die Mauer gefallen, die deutsche Einheit Wirklichkeit geworden. Menschen, die sich lachend und weinend in den Armen lagen, einfach, weil sie frei waren. Frei. Und wir waren wieder ein Deutschland, eine Nation. Wir durften erleben, was Sch\u00fcler heute in den Schulb\u00fcchern nachlesen m\u00fcssen. Ich war im so genannten Zonenrandgebiet, im Fulda Gap, gro\u00df geworden. Die Sprengsch\u00e4chte auf den Landstra\u00dfen, die amerikanischen Panzer im Herbst auf den Feldern waren Teil unserer Lebenswirklichkeit. Die Schilder \u201eAtomwaffenfreie Zone W\u00e4chtersbach\u201c hatten wir nach einer hitzigen kommunalpolitischen Debatte dann Mitte der 1990er-Jahre abgeschraubt, sie waren aus der Zeit gefallen. Man sp\u00fcrte, dass nicht nur wir, sondern mit der Einheit, der europ\u00e4ischen Einigung und mit diesem Kanzler auch unsere Republik langsam erwachsen wurde. Krieg auf dem Balkan, Fl\u00fcchtlinge in Deutschland, \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c sowie Rechtsextremismus im Osten und 1993 durch den Vertrag von Maastricht die Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Union. Man kann wahrlich nicht behaupten, dass wir in einer ereignislosen Zeit lebten.<\/p>\n<p>Dann kam die Bundestagswahl 1998. Helmut Kohl wollte es noch einmal wissen. Und ich war schon l\u00e4ngst Mitglied der Jungen Union und der CDU geworden. Auch wegen Helmut Kohl. \u201eKeep Kohl\u201c war unser Motto: Der Elefant im Wolfgangsee \u2013 das war f\u00fcr damalige Zeiten ein ungew\u00f6hnlich freches und selbstironisches Plakat. Wir fanden das cool. Und wir reagierten trotzig, wenn wir sp\u00fcrten, dass sich die Republik nach Ver\u00e4nderung sehnte. Oskar Lafontaine und die SPD verhinderten geschickt alle notwendigen Reformen im Bundesrat. Und der CDU fehlte die Kraft, sich aus dieser Blockade zu befreien. Als am Wahlabend Gerhard Schr\u00f6der triumphierte und versprach, nicht alles anders, aber vieles besser zu machen, da habe ich mich ernsthaft f\u00fcr einen Moment gefragt, ob das das Ende der Bundesrepublik bedeuten w\u00fcrde \u2013 und ich war nicht 15, sondern fast Mitte 20. So sehr hatte Helmut Kohl mich und meine Generation gepr\u00e4gt. <\/p>\n<p>Freilich war ich mit meiner Verehrung f\u00fcr den \u201eDicken\u201c aus Oggersheim nicht ein typischer Vertreter meiner Generation. Viele junge Leute konnten mit der CDU und ihm nichts anfangen. Viele von ihnen sind heute schlauer. Helmut Kohl hatte linken Demonstranten auf Wahlkampfkundgebungen immer zugerufen, sie sollten was Ordentliches lernen und studieren. Wenn sie Steuern zahlen, dann w\u00fcrden sie sp\u00e4ter auch CDU w\u00e4hlen. Dass manch einer, der damals gegen ihn demonstrierte, heute CDU w\u00e4hlt, liegt aber wohl eher daran, dass wir gerade in Tagen wie diesen wertsch\u00e4tzen, was dieser Mann f\u00fcr unser Land und f\u00fcr Europa getan hat. Die Verwirklichung der Deutschen Einheit und die Europ\u00e4ische Einigung sind f\u00fcr die Geschichte unseres Volkes Sternstunden des zur\u00fcckliegenden 20. Jahrhunderts, und sie sind untrennbar mit Helmut Kohl verbunden.<\/p>\n<p>Florian Illies hat das Gro\u00dfwerden meiner Generation in seinem Buch \u201eGeneration Golf\u201c wunderbar beschrieben. \u201eWetten, dass\u201c mit Frank Elstner am Samstag, jede Woche die Bundesliga mit der Sportschau in der ARD und Erdnussflips. Unser Alltag war genauso wie die Welt durch den Kalten Krieg und die Aufteilung in Ost und West \u00fcbersichtlich und strukturiert. Wie wir die Welt \u00fcbers Fernsehen wahrnahmen, fasst Illies in einem Satz wunderbar zusammen. Es war \u00fcbrigens eine Welt ohne Privatfernsehen und Internet. Er schreibt: \u201eUnd im Fernsehen kam immer Helmut Kohl.\u201c Helmut Kohl war immer da. Und selbst denen, die sich \u00fcber ihn \u00e4rgerten und politisch anderer Meinung waren, gab das wahrscheinlich ein Gef\u00fchl von Sicherheit. So hat Illies in dieser ansonsten so meisterhaften Beschreibung meiner Generation nur einen Fehler gemacht: Er hat den falschen Titel gew\u00e4hlt. In Wahrheit sind wir die \u201eGeneration Kohl\u201c.<\/p>\n<p>Lange war es still geworden um den Kanzler der Einheit. Er hatte sein Leben ganz der Politik und dem Dienst am Vaterland verschrieben und untergeordnet. Das forderte seinen Tribut. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Und im Fernsehen wird an ihn und sein politisches Leben, das nicht frei ist von Br\u00fcchen und Konflikten wie der Spendenaff\u00e4re der CDU, erinnert. Wenn man jetzt einschaltet, dann ist es f\u00fcr einen kurzen Moment wie fr\u00fcher. Da ist immer Helmut Kohl. Aber nat\u00fcrlich ist es anders. Denn es ist ein Abschied. Und nicht nur ich bin deswegen sehr traurig. <\/p>\n<p>Es werden nun viele kluge und nachdenkliche, manche auch pflichtschuldigst kritische Kommentare geschrieben und gesprochen. An die meisten wird man sich schon morgen nicht mehr erinnern. Aber Helmut Kohl, der zweite gro\u00dfe Kanzler dieser Republik nach Konrad Adenauer, wird nicht vergessen werden. Das liegt daran, dass die wesentlichen Entscheidungen seiner Kanzlerschaft unserem Volk die Richtung im 21. Jahrhundert aufgezeigt haben. Wir sind einem geeinten, starken, weltoffenen und patriotischen Deutschland in einem geeinten und freien Europa verpflichtet. Das ist eine Aufgabe, die unsere ganze Kraft fordert. Aber wir sind es Helmut Kohl schuldig, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Zum Abschied kann ich ihm nur sagen: Danke Helmut Kohl. F\u00fcr die Einheit. F\u00fcr Europa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Als ich die letzten Buntstifte aus meiner Schult\u00fcte aufgebraucht hatte, da war Helmut Kohl schon eine ganze Weile Bundeskanzler. 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