{"id":294,"date":"2010-12-20T10:10:07","date_gmt":"2010-12-20T09:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/?p=294"},"modified":"2010-12-20T10:10:07","modified_gmt":"2010-12-20T09:10:07","slug":"der-wahre-reichtum-dieses-landes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=294","title":{"rendered":"Der wahre Reichtum dieses Landes"},"content":{"rendered":"<p>G\u00fcnter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderl<a href=\"http:\/\/tauber.he-webpack.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium  wp-image-297\" title=\"brandenburger Tor\" src=\"http:\/\/tauber.he-webpack.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1.jpg?w=300\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1.jpg 2592w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1-420x314.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1-744x556.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1-768x574.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/brandenburger-tor1-1200x896.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>ich viel miteinander. Der eine ist\u00a0 \u00fcberzeugter Christdemokrat, der andere eingefleischter Sozi. Doch beide haben etwas getan, was sie von vielen anderen unterscheidet. Sie haben nicht nur \u00fcber Not und Armut in der Gesellschaft philosophiert und anklagende Worte gegen\u00fcber der Politik formuliert. Sie haben gemeinsam \u00a0angepackt. Beide haben die Gelnh\u00e4user Tafel zu einer anerkannten und effektiven Institution im mittleren Kinzigtal gemacht, die einerseits der \u00d6ffentlichkeit die Not, die es auch in einer wirtschaftlich starken Region, in der ansonsten \u201edie Welt noch in Ordnung ist\u201c, vor Augen f\u00fchrt und andererseits t\u00e4glich Zeugnis ablegt von dem, was man echten B\u00fcrgergeist nennen kann und muss. M\u00e4nner und Frauen, denen es gut geht, die ein sorgenloses Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, helfen und \u00fcbernehmen Verantwortung f\u00fcr die Schwachen in der Gesellschaft. Sie tun dies auf eine Art und Weise, die mit den Worten &#8222;christliche N\u00e4chstenliebe&#8220; und &#8222;Menschlichkeit&#8220; gut umschrieben ist. Und es ist schwer vorstellbar, dass der Staat sich diesen Menschen so individuell und einf\u00fchlsam n\u00e4hern kann, wie es die flei\u00dfigen Helfer der Gelnh\u00e4user Tafel tun. Sie alle haben ein Denkmal verdient, aber wahr ist auch, dass es jemanden braucht, der sie anspricht, antreibt und motiviert. Und ohne Michael Frischkorn und G\u00fcnter Rams, das kann man wohl mit Fug und Recht sagen, w\u00e4re die Gelnh\u00e4user Tafel nicht das, was sie ist. Beide machen nicht viel Aufheben um ihr Tun. Und 1.200 Menschen im Altkreis Gelnhausen erfahren immer wieder, dass sie nicht \u201eegal\u201c sind. Das ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass unsere Gesellschaft l\u00e4ngst nicht so kalt ist, wie manche es immer wieder glauben machen.<\/p>\n<p>Jedes Mal, wenn ich nun an einem Blumenladen vorbeikomme, dann denke ich unwillk\u00fcrlich: \u201eWie lange es den wohl noch gibt?\u201c Denn manchmal geht das ganz schnell. Auf einmal ist er nicht mehr da, der kleine Laden an der Ecke. Der Laden, an dem man doch so oft vorbeigegangen ist, den man selten genug betreten hatte, um etwas zu kaufen, selbst wenn man im Gespr\u00e4ch mit Freunden allzu oft dar\u00fcber philosophierte, dass mit der Umstrukturierung des Einzelhandels hin zu mehreren gro\u00dfen Ketten auf der gr\u00fcnen Wiese und der Ver\u00f6dung der Innenst\u00e4dte ein St\u00fcck Lebenskultur verloren gehe. \u00c4hnlich war das auch bei dem kleinen Blumenladen in Berlin. Auch hier drohte die Schlie\u00dfung. Und sicherlich h\u00e4tte das Sachar Kriwoj nicht weiter gest\u00f6rt, wenn es nicht \u2013 wie er selbst sagt \u2013 \u201eder Blumenladen seiner Freundin\u201c gewesen w\u00e4re, die ihn wohl nicht gerade begeistert von der bevorstehenden Schlie\u00dfung berichtet hatte. Sachar Kriwoj geh\u00f6rt zu den Menschen, f\u00fcr die das Internet ein, wenn nicht der bestimmende Teil, seines Lebens ist. Manche w\u00fcrden ihn daher als Netzavantgarde, andere als Nerd bezeichnen. Auf jeden Fall hat er etwas getan, dass nicht nur die M\u00f6glichkeiten des Internets aufzeigt: Er hat \u00fcber das Internet, seinen Blog und die sozialen Netzwerke zur Rettung des kleinen Blumenladens aufgerufen, dem das n\u00f6tige Geld fehlte, um nach einer Erkrankung des Eigent\u00fcmers weiterzumachen. Er hat damit Menschen zum Nachdenken \u00fcber ihr eigenes Konsumverhalten gebracht. Und nach kurzer Zeit haben auch Zeitungen und regionale Rundfunk- und Fernsehsender \u00fcber den Laden und die \u201eRettungsaktion\u201c \u00a0berichtet. Den Laden gibt es heute noch. Er gibt dem Kiez in Berlin, in dem er sich befindet, ein individuelles Gesicht. Und Sachar Kriwoj, der ansonsten mit und f\u00fcr das Internet lebt, kann jetzt dort weiter f\u00fcr seine Freundin Blumen kaufen, anstelle sie im Netz zu bestellen. Wie viele andere Berliner auch.<\/p>\n<p>Am Ortseingang hielt auf einmal ein Auto neben uns: \u201eSeid ihr \u00a0Pilger? Wollt ihr in die Kirche?\u201c Wir nickten. \u201eKlar!\u201c \u201eGut. Ich hab den Schl\u00fcssel. Ich fahr vor und schlie\u00df euch auf.\u201c Sprach\u2019s und fuhr davon. Wir schleppten unsere schon recht m\u00fcden Beine die gut 1,5 Kilometer bis zur Kirche hinterher. Auch oder gerade ein Mann Gottes hatte offensichtlich kein Einsehen mit uns oder er wollte uns schlicht und einfach nicht in Versuchung f\u00fchren. Das alte Gotteshaus in Flatow in der Mark Brandenburg auf dem Weg nach Bad Wilsnack war eine Offenbarung. Die kleine Kirche aus dem 15. Jahrhundert hatte nicht zuletzt dank des Einsatzes von Karlheinz Sandow, so hie\u00df unser Mann Gottes, die DDR mit nur wenigen Blessuren \u00fcberstanden. Mit wie viel Begeisterung und Herzblut der er von \u201eseiner\u201c Kirche und ihrer Geschichte sprach, faszinierte uns. \u00a0Nach einem halbst\u00fcndigen Vortrag und einem Stempel in unserem Buch lie\u00df er uns dann kurz zum Gebet am Altar, den er selbst renoviert hat, allein. Inzwischen war n\u00e4mlich ein weiterer Pilger eingetroffen und der sollte schlie\u00dflich auch alles \u00fcber das Kirchlein erfahren. Karlheinz Sandow ist einer der Menschen, die in der Dunkelheit ein Licht anz\u00fcnden, die Zuversicht verbreiten. Mit welcher Inbrunst er von der Bew\u00e4ltigung aktueller Probleme beim Denkmalschutz berichtete oder von den Winkelz\u00fcgen erz\u00e4hlte, mit denen er der DDR-Staatsf\u00fchrung ein Schnippchen schlug, um wieder Material zur Kirchensanierung zu erhalten, das lie\u00df uns stumm zuh\u00f6ren. Und wie fr\u00f6hlich er von der gestiegenen Zahl der Kinder berichtete, die nun zur Christenlehre in der Gemeinde gehen w\u00fcrde. Man kann nur schwer beschreiben, wie wir uns f\u00fchlten, als wir ihn verlie\u00dfen. Jugendliche w\u00fcrden vielleicht sagen, wir waren \u201egeflasht\u201c. Nach weiteren 8 Kilometern kamen wir im Storchendorf Linum an. Im dortigen Landgasthof bezogen wir Quartier. Und als wir von Karlheinz Sandow in Flatow berichteten war die Freude doppelt gro\u00df. Den kannten auch hier n\u00e4mlich alle.<\/p>\n<p>Man konnte sehen, dass alle gut gelaunt waren. Die Klasse hatte offensichtlich Spa\u00df auf ihrer Abschlussfahrt nach Berlin. Dazu geh\u00f6rte dann wohl oder \u00fcbel auch der Besuch des Bundestages und ein Gespr\u00e4ch mit einem Politiker. Angesichts dieser Aussichten und des \u00fcbrigen Programms war es in der Tat erstaunlich, wie fr\u00f6hlich und aufmerksam die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler waren, als ich ihre Klasse in der Otto-Hahn-Schule in Hanau besuchte. \u00a0Alle waren geb\u00fcrtig aus Hanau, doch ihre Eltern sind aus aller Herren L\u00e4nder in die Stadt am Main \u00f6stlich von Frankfurt gekommen. Alle verbindet, dass sie eine so genannte SchuB-Klasse besuchen. Mit diesem neuen bildungspolitischen Konzept sollen junge Menschen, die aus verschiedensten Gr\u00fcnden Probleme haben, einen Schulabschluss zu erreichen und einen Ausbildungsplatz zu finden, auf die Zeit nach der Schule vorbereitet werden. Viele betonen in \u00f6ffentlichen Reden die Notwendigkeit, sich dieser Gruppe junger Menschen besonders anzunehmen. Hinter vorgehaltener Hand haben aber leider Viele die Jungen und M\u00e4dchen bereits aufgegeben. Nicht so ihre Lehrerin und ihre Sozialp\u00e4dagogin. Es war beeindruckend, mit welcher \u00dcberzeugung beide an die F\u00e4higkeiten ihrer \u201eZ\u00f6glinge\u201c glaubten, aber zugleich realistisch deren Chancen erkannten, diese sind nicht rosarot \u2013 trotz dieses guten Programms und des damit verbundenen Aufwands. Aber darum geht es nicht allein. Man merkte den jungen Menschen an, dass sie sich ernst genommen f\u00fchlten \u2013 eine f\u00fcr sie wahrscheinlich neue Erfahrung. Wie viel Kraft und Aufwand notwendig sind, und dass doch jeder dieser M\u00e4dchen und Jungen die M\u00fche wert ist, habe ich dann bei meinem zweiten Zusammentreffen mit der Klasse gesp\u00fcrt. Dabei kann man \u00fcber schlechte Rahmenbedingungen, falsche bildungspolitische Weichenstellungen in den letzten Jahrzehnten und andere Dinge klagen. Doch viel wichtiger war, den jungen Leuten deutlich zu machen, dass sie selbst ihre Chancen erkennen und ergreifen m\u00fcssen. Und darum sind diese Menschen so wichtig. Jemand muss denen, die sich selbst oft f\u00fcr chancenlos halten, zeigen, dass sie erfolgreich sein k\u00f6nnen, wenn sie sich anstrengen, an sich glauben und vielleicht auch noch das notwendige Qu\u00e4ntchen Gl\u00fcck haben. Beide stellen mit ihrem Tun nicht die Statistik auf dem Kopf. Auch in dieser Klasse finden nicht alle einen Ausbildungsplatz oder haben erkannt, dass es einer eigenen Anstrengung bedarf. Aber beide Frauen vermitteln den Eindruck, dass ihr Beruf mehr Berufung als reiner Broterwerb ist. Man w\u00fcnscht sich mehr Menschen, die ihren Job mit so viel Herzblut tun und das andere sp\u00fcren lassen.<\/p>\n<p>Manchmal fragt man sich, was Politik erreichen kann und erreichen soll. Man fragt sich (oder wird gefragt), warum man Politik macht, warum es wichtig ist, sich zu engagieren und f\u00fcr wen man das eigentlich tut. Wenn von Politik die Rede ist, dann werden sofort eine Menge Negativbeispiele bem\u00fcht: Partikularinteresseren einzelner gesellschaftlicher Gruppen oder gar Unternehmen, unn\u00f6tiger Streit und unertr\u00e4gliche Polemik und als Beispiel daf\u00fcr wird immer wieder \u00fcber \u00a0Menschen geredet, die den eigenen Vorteil nutzen, auch wenn sie wissen, sie tun dies auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit. Ganz oft reden Politiker bei solchen grunds\u00e4tzlichen Fragen dann von Wirtschaftsdaten, Arbeitslosenzahlen, Statistiken oder noch schlimmer ideologisch gepr\u00e4gten Weltbilder, wie die Menschen und die sie umgebende Welt bittesch\u00f6n zu sein hat.<\/p>\n<p>Ich habe von sechs Menschen erz\u00e4hlt. Und ich h\u00e4tte noch von so vielen mehr berichten k\u00f6nnen, die ich immer wieder treffe oder gerade in den letzten neun Monaten getroffen und kennengelernt habe. Auf den ersten Blick haben sie alle mit den letzten Gedanken zur Politik nicht viel zu tun. Und wie so oft im Leben lohnt sich auch hier ein zweiter, ein genauerer Blick. Denn man macht Politik nicht f\u00fcr Zahlen, Daten und Statistiken. Man macht Politik f\u00fcr Menschen \u2013 und nicht f\u00fcr die Menschen, die immer nur meckern und fordern \u2013 , sondern f\u00fcr die, die mit eigenen Ideen, Kreativit\u00e4t und einer positiven Einstellung ihr Leben gestalten und damit automatisch Gutes f\u00fcr andere tun. Sie sind die wahren Helden dieses Landes. Sie sind die Motivation f\u00fcr mich, Politik zu machen. Darum sollte uns allen bewusst sein: Der wahre Reichtum dieses Landes sind seine Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>G\u00fcnter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderlich viel miteinander. 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