{"id":278,"date":"2010-12-08T15:53:13","date_gmt":"2010-12-08T14:53:13","guid":{"rendered":"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/?p=278"},"modified":"2010-12-08T15:53:13","modified_gmt":"2010-12-08T14:53:13","slug":"macht-wikileaks-die-welt-wirklich-transparenter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=278","title":{"rendered":"Macht Wikileaks die Welt wirklich transparenter?"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle freiheitlichen Demokratien und f\u00fcr alle wirklichen Demokraten sollte ein Satz des in K\u00f6nigsberg geborenen gro\u00dfen deutschen Philosophen Immanuel Kant gelten, der da lautet: \u201eAlle auf das Recht anderer Menschen bezogenen Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publizit\u00e4t vertr\u00e4gt, sind Unrecht. Denn eine Maxime, die ich nicht <em>darf laut<\/em> werden lassen, ohne dadurch meine eigene Absicht zugleich zu vereiteln, die durchaus <em>verheimlicht<\/em> werden muss, wenn sie gelingen soll, und zu der ich mich nicht <em>\u00f6ffentlich bekennen<\/em> kann, ohne dass dadurch unausweichlich der Widerstand Aller gegen meinen Vorsatz gereizt werde, kann diese notwendige und allgemeine, mithin a priori einzusehende, Gegenbearbeitung aller gegen mich nirgend wovon anders, als von der Ungerechtigkeit her haben, womit sie jedermann bedroht.\u201c<\/p>\n<p>Wer diesen nicht ganz leichten Satz versteht, ja wer ihm zustimmt, der wird nicht umhin k\u00f6nnen, das Internet als ein verhei\u00dfungsvolles Instrument zu sehen, dass es nicht nur erm\u00f6glicht, die von Kant geforderte Transparenz zu schaffen, sondern sie im Zweifel auch gegen den Willen desjenigen, der nicht im Kantschen Sinne handelt, herzustellen. Womit wir beim aktuellen Thema Wikileaks sind. Die Anh\u00e4nger von Julian Assange, dem spiritus rector von Wikileaks, \u00a0halten ihn und seine Mitstreiter f\u00fcr K\u00e4mpfer f\u00fcr eine gute Sache. Das Internet und Wikileaks k\u00f6nnten Immanuel Kants Forderung nach der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen, ja absoluten Transparenz staatlichen Handelns zu neuer Aktualit\u00e4t verhelfen. So weit, so gut. Doch schon die Geheimniskr\u00e4merei \u00fcber die Hintergr\u00fcnde, die Finanzierung und die Mitarbeiter von Wikileaks, die man nicht einfach mit dem Hinweis auf die Gef\u00e4hrdung durch Geheimdienste und obskure Gegner des Projekts abtun kann, macht deutlich, dass Wikileaks selbst gegen das von Kant formulierte Prinzip massiv verst\u00f6\u00dft. Vielleicht ist das auch ein Grund daf\u00fcr, dass sich ehemalige Weggef\u00e4hrten von Assange, dem offensichtlich die Macht, die ihm die Medien zubilligen oder die er zu sp\u00fcren meint, zu Kopf gestiegen ist, abwenden und eigene Projekte planen. (<a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/38pvnwp\">http:\/\/tinyurl.com\/38pvnwp<\/a>)<\/p>\n<p>Wikileaks, so mag nun mancher sagen, hat aber doch einen Ansto\u00df gegeben, dass die M\u00e4chtigen dieser Welt sich f\u00fcr ihr Handeln dank des Internets nun verst\u00e4rkt einer kritischen \u00d6ffentlichkeit stellen m\u00fcssen. Das ist an sich eine gute Sache. Im Falle der \u00fcber den Afghanistankrieg ver\u00f6ffentlichten Dokumente stimmt dies sogar. Nichts spricht dagegen, die Wirklichkeit des Krieges der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen, wenngleich dies auch nur eingeschr\u00e4nkt oder gar nicht f\u00fcr Diktaturen in Asien, S\u00fcdamerika und Afrika gelten mag, denn dort erreichen die Daten, Bilder und Dokumente die Menschen eben nicht. Wohl helfen die Ver\u00f6ffentlichungen aber, den Handlungsdruck auf die Regierungen der westlichen Welt zu erh\u00f6hen, um beispielsweise in Afghanistan erfolgreich zu sein oder streng auf die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts sowie des Kriegsrechts zu achten. Auch das ist zun\u00e4chst nicht negativ zu bewerten, denn es erinnert uns daran, dass wir stets bem\u00fcht sein m\u00fcssen, unseren eigenen Wertma\u00dfst\u00e4ben gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Wikileaks-Gr\u00fcnder Assange zeigt jedoch schon ein erstaunliches Ma\u00df an Hybris oder auch an Naivit\u00e4t, wenn er in einem Interview sinngem\u00e4\u00df \u00e4u\u00dfert, die Ver\u00f6ffentlichung k\u00f6nne Kriege schneller beenden. Wenn er darauf spekuliert, dass die harte Wirklichkeit des Krieges in den westlichen Gesellschaften die Bereitschaft unterminiert, sich denjenigen in den Weg zu stellen, die \u2013 ob bei uns zu Hause oder in anderen Teilen der Welt \u2013 daran arbeiten, unsere Lebensweise in Frage zu stellen und zu zerst\u00f6ren, dann w\u00fcrde er nicht nur fahrl\u00e4ssig handeln, sondern dann entlarvt er sich selbst. Dann w\u00e4re sein Ziel nicht die Information der Menschen, damit sich diese als m\u00fcndige B\u00fcrger selbst eine Meinung bilden, sondern dann w\u00e4re sein Ziel eine gezielte politische Beeinflussung. \u00a0Au\u00dferdem ignorieren Assange und seine Mitstreiter geflissentlich, dass sie mit ihrer Zielsetzung die Menschen in totalit\u00e4ren Regimen nicht erreichen, sondern in Kauf nehmen, dass unter Umst\u00e4nden gerade diese politischen Systeme von den Ver\u00f6ffentlichungen in der freien westlichen Welt profitieren.<\/p>\n<p>Daher w\u00e4re es spannend, zu erfahren, wie weit der Arm von Wikileaks reicht. Haben die Macher den Mut, auch Dokumente aus China oder Russland zu ver\u00f6ffentlichen? Geheime Papiere aus den USA, die vor allem mit Blick auf die Bewertung europ\u00e4ischer Politiker so geheim nicht sind (oder war jemand von der Beurteilung des italienischen Staatschefs Berlusconis wirklich \u00fcberrascht?), m\u00f6gen der US-Administration unangenehm sein. Sie bedienen aber doch vor allem die Boulevardmedien und offensichtlich auch eine gewissen Eitelkeit von Assange. Au\u00dferdem entsprachen gerade diese Dokumente nicht dem Grundsatze Kants, denn sie dokumentierten Einsch\u00e4tzungen und Meinungen, keineswegs staatliches Handeln oder gar politische Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich halte eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Transparenz staatlichen Handelns f\u00fcr geboten, ja f\u00fcr notwendig. Daraus l\u00e4sst sich aber eben nicht der Zwang, das Recht oder die Notwendigkeit ableiten, jede Absicht und jede Entscheidung bis ins letzte Detail \u00f6ffentlich zu dokumentieren. Nat\u00fcrlich kann es Interessen und Grundrechte geben, die dem entgegenstehen \u2013 und dies beginnt beim Schutz von Pers\u00f6nlichkeitsrechten, betrifft aber eben auch die Sicherheit und Integrit\u00e4t von Personen und Gemeinwesen. Niemand kann beispielsweise ein Interesse daran haben, vertrauliche Dokumente \u00fcber Kernkraftwerke oder milit\u00e4rische Anlagen im Internet kursieren zu lassen.<\/p>\n<p>Assange selbst ist wohl ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass Macht der Kontrolle bedarf. Diese fehlende Kontrolle f\u00fchrt offensichtlich dazu, dass die mit Macht oft einhergehende Korruption noch schneller erfolgt als in vielen anderen F\u00e4llen \u2013 auch hierf\u00fcr ist Assange offensichtlich ein Beleg. Es ist zu w\u00fcnschen, dass Wikileaks und andere vergleichbare Initiativen effektive Instrumente der Selbstkontrolle entwickeln. Und die Politik muss sich fragen, ob sie durch ein gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliches Ma\u00df an Transparenz Menschen wie Assange nicht die \u201eSpielwiese\u201c entzieht.<\/p>\n<p>Das Ziel oder der Traum einer besseren Welt durch Offenheit und Transparenz wird alleine auf diesem Wege aber wohl nicht erreicht werden. Friedrich Schiller hat dies erkannt: \u201eNur der Charakter der B\u00fcrger erschafft und erh\u00e4lt den Staat und macht politische und b\u00fcrgerliche Freiheit m\u00f6glich. Denn wenn die Weisheit selbst in Person vom Olymp herabstiege und die vollkommenste Verfassung einf\u00fchrte, so m\u00fcsste sie ja doch Menschen die Ausf\u00fchrung \u00fcbergeben\u201c, schreibt Schiller am 13. Juli 1793 an den Erbprinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein. Der \u201eCharakter der Menschheit\u201c m\u00fcsse zuerst \u201evon seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben worden\u201c sein \u2013 \u201eeine Arbeit f\u00fcr mehr als ein Jahrhundert!\u201c \u2013, ehe der \u201eVersuch einer Staatsverbesserung aus Prinzipien\u201c gelingen k\u00f6nne. Zumindest Julian Assange wird also weder dem Anspruch Kants, noch dem Anspruch Schillers gerecht. Und wir sollten uns in unserem Tun als B\u00fcrger und Politiker, die wir im Sinne Max Webers alle sind, durchaus \u00f6fters kritisch selbst hinterfragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>F\u00fcr alle freiheitlichen Demokratien und f\u00fcr alle wirklichen Demokraten sollte ein Satz des in K\u00f6nigsberg geborenen gro\u00dfen deutschen Philosophen Immanuel&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=278\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Macht Wikileaks die Welt wirklich transparenter?&rdquo;<\/span>&hellip;\t<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[6],"tags":[92,138,173],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p35WCI-4u","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/278"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/278\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}