{"id":2720,"date":"2016-03-30T16:26:33","date_gmt":"2016-03-30T16:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2720"},"modified":"2017-02-16T09:21:36","modified_gmt":"2017-02-16T09:21:36","slug":"erstaufnahme-von-fluechtlingen-in-buedingen-ein-besuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2720","title":{"rendered":"Erstaufnahme von Fl\u00fcchtlingen in B\u00fcdingen &#8211; ein Besuch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1.jpg\" alt=\"2016-03-23 AE Bu\u0308dingen1\" width=\"3888\" height=\"2592\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2722\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1.jpg 3888w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1-420x280.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1-744x496.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 3888px) 100vw, 3888px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Oktober 2015 war ich ein Wochenende lang freiwillig als Helfer in einer Fl\u00fcchtlingseinrichtung in Offenbach im Einsatz. \u00dcber meine Erfahrungen, die selbstverst\u00e4ndlich keinen Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit erheben, sondern meine subjektive Gef\u00fchlslage widerspiegeln, habe ich ausf\u00fchrlich auf meinem Blog berichtet; nachzulesen <a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2544\" target=\"_blank\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2554\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2558\" target=\"_blank\">hier<\/a>. 17.203 Fl\u00fcchtlinge wurden im Oktober 2015 in Hessen registriert; nur im November 2015 waren es mehr (19.041).<\/p>\n<p>Nicht nur die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Vertreibung zu uns gekommen sind, haben damals Grenzen \u00fcberschritten; auch die unz\u00e4hligen Helfer in den Fl\u00fcchtlingseinrichtungen haben das getan \u2013 wenn auch \u201enur\u201c im sprichw\u00f6rtlichen Sinne. Ich war \u2013 und bin es immer noch \u2013 beeindruckt, wie sehr die Mitarbeiter der Hilfsdienste, die Kameraden der Bundeswehr, die vielen freiwilligen Helfer, aber auch die Mitarbeiter in der Verwaltung landauf, landab in den vergangenen Monaten \u00fcber sich hinausgewachsen sind. An dieser Stelle sei auch die Frage erlaubt, was aus all den Kassandra-Rufern von damals geworden ist? Ihre Schwarzmalerei zielte ins Leere: Bis heute stellen Zivilgesellschaft und Verwaltung die Leistungsf\u00e4higkeit unseres Landes eindrucksvoll unter Beweis. Darauf k\u00f6nnen alle Beteiligten, darauf kann unser Land stolz sein.<\/p>\n<p>Wenn ich an diese zwei Tage in Offenbach zur\u00fcckdenke, kommen mir die Begegnungen mit den Menschen in den Sinn, kurze Gespr\u00e4che, ein dankbarer Blick. Aber auch die r\u00e4umliche Enge in der Unterkunft, der Geruch der entsteht, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben; V\u00e4ter und M\u00fctter, die versuchen ihren Familien mit Hilfe von Bettlaken wenigstens einen Hauch von gef\u00fchlter Privatsph\u00e4re zu schaffen.<br \/>\nVor wenigen Tagen habe ich wieder eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft besucht; diesmal als Gast. In der B\u00fcdinger Erstaufnahmeeinrichtung, einer Au\u00dfenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Gie\u00dfen und fr\u00fcher St\u00fctzpunkt der US-Army, finden 800 Menschen Platz \u2013 in der Theorie, denn derzeit ist nicht einmal die H\u00e4lfte der Pl\u00e4tze in der Einrichtung belegt. Im Dezember kamen 12.000 Menschen nach Hessen, im Januar waren es 7000 \u2013 Tendenz sinkend. Momentan werden pro Tag durchschnittlich nur noch knapp 100 Neuank\u00f6mmlinge erfasst \u2013 bundesweit, wohlgemerkt.<\/p>\n<p>Regierungspr\u00e4sident Dr. Christoph Ullrich und Heiko Merz, kommissarischer Leiter der EA B\u00fcdingen, f\u00fchren mich gemeinsam mit einigen Kollegen sowie mit Vertretern der Hilfsdienste \u00fcber das Gel\u00e4nde. Ich werfe einen Blick in die ehemalige Turnhalle der GIs, in der sich heute der Speisesaal befindet. Noch liefert ein Caterer das fertige Essen; in wenigen Wochen, wenn der Umbau der K\u00fcche im Nachbargeb\u00e4ude fertig gestellt ist, sollen die Mahlzeiten frisch vor Ort zubereitet werden. <\/p>\n<p>Im hinteren Teil des Saals stehen einige Stuhlreihen in Reih und Glied; hier finden regelm\u00e4\u00dfig Informationsveranstaltungen zum Thema Grundrechte und Wertevermittlung statt, die sehr gut angenommen werden, wie mir der Regierungspr\u00e4sident berichtet. Auch Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen zu den Themen Salafismus oder Rechtsradikalismus stehen auf dem Programm und \u2013 Dank der Unterst\u00fctzung der B\u00fcdinger Ehrenamtsagentur &#8211;  Deutschkurse, wenn auch auf niedrigem Level, weil die Fl\u00fcchtlinge nur kurze Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung verweilen. \u201eRegistrieren, untersuchen, Antrag stellen, weiterleiten\u201c, fasst Dr. Ullrich das Prinzip zusammen. Mindestens sechs Wochen, aber maximal sechs Monate verbringen die Fl\u00fcchtlinge hier. Dann geht es weiter in die Kommunen. <\/p>\n<p>Seitdem die Balkanstaaten Ende vergangenen Jahres zu sicheren Herkunftsstaaten erkl\u00e4rt wurden und die L\u00e4nder konsequenter abschieben, ist die Zahl der freiwilligen Ausreisen rapide angestiegen. Die Menschen wollen sich die M\u00f6glichkeit einer legalen Wiedereinreise mit einem regul\u00e4ren Arbeitsvisum nicht verbauen. Im Fall einer freiwilligen Ausreise zahlt der deutsche Staat das R\u00fcckflugticket; auch das angesparte Taschengeld darf mit nach Hause genommen werden; ebenso wie ein zus\u00e4tzlicher Koffer mit pers\u00f6nlichen Habseligkeiten. <\/p>\n<p>Die Kosten einer Abschiebung hingegen tragen die Betroffenen selbst, hinzu kommt eine zehnj\u00e4hrige Sperrfrist f\u00fcr eine R\u00fcckkehr nach Deutschland.<\/p>\n<p>Ich werfe einen Blick in die \u201eKrankenstation\u201c, momentan noch ein recht karges Untersuchungszimmer, das dennoch mit allem notwendigen medizinischen Equipment ausgestattet ist. \u201eWir haben hier keine Probleme. Auch die M\u00e4nner lassen sich anstandslos von mir untersuchen\u201c, berichtet mir die diensthabende \u00c4rztin, die eigentlich Gyn\u00e4kologin ist. \u201eDas hier mache ich in meiner Freizeit, quasi zum Spa\u00df\u201c, sagt sie und strahlt dabei so eine Freude und innere Gelassenheit aus, dass ich ihr spontan f\u00fcr Ihren Dienst danke. W\u00e4hrend wir uns unterhalten, sitzen drau\u00dfen auf dem Flur M\u00e4nner, Frauen und Kinder bunt gemischt und unterhalten sich. \u201eManche kommen auch einfach vorbei, weil sie ein Schw\u00e4tzchen mit den \u00c4rzten oder den Helferinnen halten wollen\u201c, erfahre ich. Das kommt mir bekannt vor, wenn ich an meine Wartezimmererlebnisse in Gelnhausen oder anderswo denke.<\/p>\n<p>Wie die Fl\u00fcchtlinge untergebracht werden, sehe ich nur wenige Meter weiter: Ein quadratischer Raum, darin zwei Stockbetten, ein Spind pro Person, ein Tisch, vier St\u00fchle, darauf Teller, Besteck und vier Trinkbecher. Und das Wichtigste nicht zu vergessen: Ruhe. Frieden. <\/p>\n<p>Bei unserem Rundgang durch die Anlage berichten mir Heiko Merz und seine Kollegen viel aus ihrem Berufsalltag. Ich erfahre, wo es hakt, wo wir noch besser werden k\u00f6nnen, wo die Politik nachsteuern oder ganz neue L\u00f6sungen finden muss. Der Deutsche an sich verwaltet gerne und sehr gut. In den vergangenen Monaten haben wir gelernt, das Auge an der einen oder anderen Stelle zuzudr\u00fccken. Unb\u00fcrokratisches Handeln war gefragt. Mittlerweile wiehert der Amtsschimmel wieder h\u00e4ufiger \u2013 ein Zeichen, dass es aufw\u00e4rts geht, wenn man so will. Dennoch: ein gutes St\u00fcck dieser neu erlernten Flexibilit\u00e4t sollten wir uns f\u00fcr die Zukunft bewahren, unserem Land hat genau das in den vergangenen Monaten an vielen Stellen gut getan. Und ich sehe wie gut wir \u2013 und damit meine ich ausdr\u00fccklich all die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Einsatzkr\u00e4fte vor Ort \u2013 schon sind. Ein Mitarbeiter der Malteser berichtet mir von der gro\u00dfen inneren Zufriedenheit, die er aus seiner Arbeit zieht, allem Stress zum Trotz. <\/p>\n<p>\u201eDas Land versinkt im Chaos, alles bricht zusammen, die Verwaltungen kollabieren.\u201c Wie oft habe ich diesen Satz von Oktober bis Dezember 2015 geh\u00f6rt. Die Wahrheit ist: Nichts von alledem ist passiert. Konsequenterweise sind viele negativen Stimmen inzwischen nahezu verstummt. Doch nat\u00fcrlich gibt es immer Menschen, die sich neue vermeintliche Risiken suchen, an denen wir angeblich scheitern werden. So ist das eben im Leben: Die einen packen an, die anderen sind ins Scheitern verliebt. Doch durch das blo\u00dfe Beschreiben von Problemen l\u00f6st man kein einziges davon.<\/p>\n<p>Ja, hinter uns liegen schwere, anstrengende Monate. Weder die Fl\u00fcchtlingskrise, noch die damit verbundenen Konsequenzen werden sich in absehbarer Zeit in Luft aufl\u00f6sen. 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht,  Terroranschl\u00e4ge halten die Welt in Atem. Auch der Klimawandel und die daraus resultierenden Wanderungsbewegungen werden uns in Zukunft vor neue Herausforderungen stellen. Und doch hat mir dieser Besuch in B\u00fcdingen einmal mehr gezeigt: Es gibt keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Deutschland ist ein reiches Land. Reich an Menschen, die dieses Land durch ihren unerm\u00fcdlichen Einsatz zu dem machen, was es heute ist. Menschen, die \u2013 egal, ob sie einer Kirche angeh\u00f6ren oder nicht \u2013 den Begriffen \u201echristliche N\u00e4chstenliebe\u201c und \u201eBarmherzigkeit\u201c ein Gesicht geben. Die auf unterschiedlichste Art und Weise und jeder an seinem Platz ihren Dienst f\u00fcr unser Land und alle, die hier in Frieden leben wollen, tun.<\/p>\n<p>Mein tiefempfundener Dank geht an all diese stillen Helden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Im Oktober 2015 war ich ein Wochenende lang freiwillig als Helfer in einer Fl\u00fcchtlingseinrichtung in Offenbach im Einsatz. \u00dcber meine&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2720\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Erstaufnahme von Fl\u00fcchtlingen in B\u00fcdingen &#8211; ein Besuch&rdquo;<\/span>&hellip;\t<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2722,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[785,1,6],"tags":[194,745,744,703,746],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2016-03-23-AE-Bu\u0308dingen1.jpg","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p35WCI-HS","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2720"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2724,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720\/revisions\/2724"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2722"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}