{"id":2673,"date":"2016-05-06T06:29:24","date_gmt":"2016-05-06T06:29:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2673"},"modified":"2016-05-06T06:29:31","modified_gmt":"2016-05-06T06:29:31","slug":"buchrezension-nachhaltigkeit-fuer-eine-politik-aus-christlicher-grundueberzeugung-von-matthias-zimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2673","title":{"rendered":"Buchrezension: &#8222;Nachhaltigkeit! F\u00fcr eine Politik aus christlicher Grund\u00fcberzeugung&#8220; von Matthias Zimmer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Zimmer_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2674\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Zimmer_Cover-620x1024.jpg\" alt=\"Zimmer_Cover\" width=\"620\" height=\"1024\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vor kurzem hatte ich die Ehre und das Vergn\u00fcgen, das Buch \u201eNachhaltigkeit! F\u00fcr eine Politik aus christlicher Grund\u00fcberzeugung\u201c meines gesch\u00e4tzten Bundestagskollegen Matthias Zimmer in Berlin vorzustellen. Der Titel greift ein Thema auf, das derzeit \u201een vogue\u201c ist. Aber so wie es Zimmer beschreibt geht es ihm eben gerade nicht darum, einem Trend nachzusp\u00fcren &#8211; und damit hebt er sich schon einmal wohltuend von anderen Publikationen zu diesem Thema ab. Kein Wunder, denn bereits w\u00e4hrend der vergangenen Legislaturperiode hat er sich intensiv mit Fragen des Wachstums und der Nachhaltigkeit in der Enquete- Kommission \u201eWachstum, Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t\u201c besch\u00e4ftigt. Die Ergebnisse dieser Arbeit finden auch Niederschlag in seinem Buch.<\/p>\n<p>Fortschritt wird heute nicht mehr zwangsl\u00e4ufig positiv bewertet, aber es ist doch auff\u00e4llig, wie grundlegend sich unter Leben durch Innovationen ver\u00e4ndert hat und weiter permanent ver\u00e4ndert. Das beste Beispiel mag die Revolution der Kommunikation sein. Aber auch die Entwicklung von Luft- und Raumfahrt, Mobilit\u00e4t, Medizin oder die aus der politischen Stabilit\u00e4t der Demokratie resultierende Innovation gesellschaftlicher Strukturen sind augenf\u00e4llige Belege hierf\u00fcr.<\/p>\n<p>Wie wir diesen Fortschritt gestalten, ist eine der wichtigsten Fragen \u00fcberhaupt. Damit hat sich Matthias Zimmer intensiv in seinem Buch auseinander gesetzt. Ich durfte sein Buch vorstellen \u2013 und m\u00f6chte es auf diesem Wege nochmals hier auf meinem Blog tun. Denn ich glaube, dass die Diskussion um Nachhaltigkeit eine viel gr\u00f6\u00dfere Rolle einnehmen muss \u2013 eben weil sie in so vielen anderen politischen Feldern von Bedeutung ist: von der Asyl- und Fl\u00fcchtlingspolitik mit Blick auf die Fluchtursachen bis hin zur Umweltpolitik und damit verbunden dem Klimawandel. Uns als Christdemokraten kommt dabei eine besondere Rolle zu \u2013 gerade wenn wir wie aktuell in der Verantwortung stehen.<\/p>\n<p>Zimmer besch\u00e4ftigt sich intensiv und kritisch mit der Frage, wie wir als Christdemokraten mit dem umgehen, was uns anvertraut wurde. Am Ende steht sein Pl\u00e4doyer: Der Handlungsimperativ Nachhaltigkeit f\u00fcr eine gerechtere Welt. Und so kann man nahezu alle Politikfelder unter diesem Gesichtspunkt betrachten.<\/p>\n<p>Er w\u00e4hlt dabei zudem einen Ansatz, der relativ neu in der Nachhaltigkeitsdebatte ist und sich erkennbar von anderen unterscheidet: Markt und Nachhaltigkeit sind keine Gegens\u00e4tze f\u00fcr Zimmer, sondern untrennbar miteinander verbunden. Fakt ist: Auf unserem r\u00e4umlich begrenzten Planeten ist kein unbegrenztes Wachstum m\u00f6glich. Wenn wir weiter so machen wie bisher br\u00e4uchten wir bereits 1,5 Erden. Zimmer wirbt daher f\u00fcr eine Wirtschaftsordnung, die weder auf Kosten anderer L\u00e4nder lebt, noch auf Kosten k\u00fcnftiger Generationen.<\/p>\n<p>Die ersten beiden Kapitel des Buchs besch\u00e4ftigen sich mit dem g\u00e4ngigen Verst\u00e4ndnis von Fortschritt und Wachstum. Zimmer spielt dabei ein Gedankenexperiment mit dem Leser durch: Man stelle sich vor, wir Menschen h\u00e4tten vor rund 150 Jahren Besuch von Au\u00dferirdischen bekommen und von ihnen folgendes Angebot erhalten: <em>\u201eWir bieten euch eine Technologie an, die wird euer Leben um vieles angenehmer machen, euren Lebensstandard deutlich erh\u00f6hen; sie wird euer Leben verbessern. Als Gegenleistung fordern wir lediglich pro Jahr einige tausend Menschenleben.\u201c<\/em> <em>\u201eH\u00e4tten wir emp\u00f6rt abgelehnt?\u201c <\/em>fragt der Autor. <em>\u201eVermutlich. Keine Technologie ist es uns wert, Menschen daf\u00fcr zu opfern. Dann kam das Auto, das noch heute j\u00e4hrlich f\u00fcr weit \u00fcber 10.000 Tote alleine in Europa verantwortlich ist.\u201c<\/em> Gewollt hat das niemand. Gro\u00dfes Aufsehen erregen diese Zahlen heute allerdings nicht mehr. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass wir uns in vielerlei Hinsicht in Zust\u00e4nde hineinbewegen, die wir abstrakt nicht bereit w\u00e4ren hinzunehmen, die wir in der Realit\u00e4t aber akzeptieren \u2013 der Prozess dahin hat sich allerdings verselbst\u00e4ndigt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Fortschritt wird vielfach noch gleichgesetzt mit stetem Wachstum \u2013 und darin liegt ein Problem. Zimmer formuliert dazu einige Thesen:<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, die alles im \u00dcberfluss hat, kennt keine Probleme mit Nachhaltigkeit \u2013 Wo allerdings mit knappen Ressourcen gewirtschaftet wird, kommt die Frage nach der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens schnell an die Tagesordnung. In einer begrenzten Welt kann es kein unbegrenztes Wachstum geben. Wenn sich die Gesellschaften weltweit auf einen Wachstumskurs begeben, welche Folgen hat das f\u00fcr unsere Ressourcen? Leben wir dann nicht heute auf Kosten der n\u00e4chsten Generationen und schr\u00e4nken ihre M\u00f6glichkeiten ein?<\/p>\n<p>Neu ist der bewusste Bezug zur christlichen Werteordnung als Grundlage f\u00fcr nachhaltiges Handeln, wenngleich f\u00fcr Christdemokraten die Bewahrung der Sch\u00f6pfung von jeher einen Zugang zum Thema bot. Aus der j\u00fcdisch-christlichen Tradition lassen sich Leitplanken f\u00fcr ein verantwortliches, nachhaltiges Wirtschaften formulieren.<\/p>\n<p><u>Dem erhobenen Zeigefinger erteilt Zimmer dabei eine klare Absage:<\/u> Nachhaltigkeit l\u00e4sst sich f\u00fcr ihn nicht ohne einen Bezug zur Idee des guten Lebens begr\u00fcnden. Im Klartext: Wir Menschen m\u00fcssen merken, dass wir davon profitieren, nachhaltig zu handeln. Sonst werden wir nachhaltige Handlungsmuster nie durchgehend aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit ist daher kein rein technisches Problem, das durch verbesserte Technologien und Innovationen alle Probleme l\u00f6st. Es bedarf vielmehr eines Grundverst\u00e4ndnisses, auf dessen Basis man die Frage nach dem guten Leben beantwortet. Gutes Leben hei\u00dft eben nicht nur, konsumieren zu k\u00f6nnen oder einen immer h\u00f6heren Lebensstandard zu erreichen. Gutes Leben hat einen Bezug zur Sinnfrage. Es fragt nach h\u00f6heren Werten, denen sich Menschen verpflichtet f\u00fchlen und die dem Begriff der W\u00fcrde des Menschen \u00fcberhaupt erst seine Bedeutung verleihen.<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit ist damit f\u00fcr Zimmer im Grunde eine urchristliche Frage &#8211; wie gehen wir mit der uns anvertrauten Sch\u00f6pfung um? Und wie verantwortungsvoll bereiten wir sie f\u00fcr unsere Nachkommen vor? Zimmer schaut dabei in die Heilige Schrift selbst, l\u00e4sst aber auch andere Geistesgr\u00f6\u00dfen wie Albert Schweitzer zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Die wohl wichtigste Erkenntnis ist: <em>\u201eEs gibt zwar einen Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t, aber dieser Zusammenhang ist keine strenge Regelfunktion, nach der ein Mehr an Wachstum automatisch zu mehr Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t f\u00fchrt.\u201c<\/em> Qualit\u00e4t \u00fcber Quantit\u00e4t- eigentlich kein neuer Gedanke. Genauso wichtig ist der Pragmatismus. Es geht nicht darum, unser bestehendes System komplett \u00fcber Bord zu werfe, sondern um das verantwortungsbewusste Verwalten und Weiterentwickeln der Welt, die uns anvertraut wurde &#8211; und das bedeutet auch die Suche nach Sicherheit. Wie wird mit den knappen Ressourcen umgegangen? Was passiert, wenn Gefahren auftreten? Politik hat die Chance zu gestalten &#8211; auch bei gef\u00e4hrlichen Entwicklungen. Viele erinnern sich an die wissenschaftlichen Durchbr\u00fcche in der Forschung um das Ozonloch &#8211; und die Reglementierungen, die danach in Produkten mit Treibgas (FCKW) Anteilen vorgenommen wurden. Das Ozonloch ist dank dieser Entscheidung der Politik heute Geschichte. Die Ozonschicht hat sich erneuert.<\/p>\n<p>Das Bestehende bewahren &#8211; und trotzdem \u00fcber uns hinauswachsen. Wie das aussehen k\u00f6nnte, veranschaulicht der Autor anhand eines Exkurses in das Star Trek Universum, der mir ausgesprochen gut gef\u00e4llt. Dort leben viele Kulturen respektvoll miteinander im Einklang. Erkenntnis ist wichtiger als Wohlstand, und Wachstum bzw. Ressourcenknappheit spielen keine Rolle, da nachhaltige L\u00f6sungen durch Innovation gefunden worden sind. Angesichts der Tatsache, dass vor 200 Jahren niemand den Fortschritt erahnen konnte, der heute f\u00fcr uns Alltag ist, scheint es nicht unrealistisch, in gro\u00dfen Bildern zu denken und nach dem Besten f\u00fcr uns alle und die, die auf uns folgen werden zu streben &#8211; und sich sinnvollen Neuerungen nicht zu verschlie\u00dfen. Denn es bleibt klar: endloses Wachstum ist schlicht nicht m\u00f6glich &#8211; und endlosen Raubbau an unserem Planeten zu betreiben und uns damit selbst zu schaden ist keine Option. Ich finde Matthias Zimmers Grundoptimismus, der sich durch das ganze Buch zieht, fantastisch. Es ist die Weisheit des Jean Luc Picards, die in dem Satz <em>\u201eDas ist es, was den Menschen ausmacht: Mehr aus sich zu machen als er ist.\u201c<\/em>zum Ausdruck kommt. Und es ist die Aufgabe von uns Christdemokraten, nach den pragmatischen L\u00f6sungen zu suchen und die zu unterst\u00fctzen und zu f\u00f6rdern, die uns in diese gerechtere Zukunft begleiten werden. Ein lesenswertes und bedenkenswertes Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Vor kurzem hatte ich die Ehre und das Vergn\u00fcgen, das Buch \u201eNachhaltigkeit! F\u00fcr eine Politik aus christlicher Grund\u00fcberzeugung\u201c meines gesch\u00e4tzten&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2673\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Buchrezension: &#8222;Nachhaltigkeit! 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