{"id":2554,"date":"2015-12-28T08:34:54","date_gmt":"2015-12-28T08:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2554"},"modified":"2017-02-16T09:21:39","modified_gmt":"2017-02-16T09:21:39","slug":"eindruecke-aus-zwei-tagen-in-einer-fluechtlingseinrichtung-in-offenbach-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2554","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke aus zwei Tagen in einer Fl\u00fcchtlingseinrichtung in Offenbach II"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Einsatz. Meine Eindr\u00fccke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein g\u00fcltigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog ver\u00f6ffentliche ich meine Erfahrungen.<\/em><\/p>\n<p>Was sind die zehn wichtigsten deutschen S\u00e4tze?<\/p>\n<p>Die Getr\u00e4nkeausgabestelle ist ein Ort, um ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Wenn man durch die Halle geht, dann wird man nur angesprochen, wenn die Fl\u00fcchtlinge ein konkretes Anliegen haben. Gut 120 sind \u00fcbrigens in der kleinen Turnhalle untergebracht, doch noch einmal gut 30 sollen zus\u00e4tzlich aufgenommen werden. Wenn sie vorne bei uns stehen, um sich einen Tee zu holen, dann versuchen manche so etwas wie eine Unterhaltung, in der Regel auf Englisch. Ein paar k\u00f6nnen bereits auf Deutsch z\u00e4hlen und beginnen vor unseren Augen die Bananen zu z\u00e4hlen. Als einer die Br\u00f6tchen z\u00e4hlt und diese dabei in die Hand nimmt, m\u00fcssen wir ihm erkl\u00e4ren, dass das nicht geht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er das mit der Hygienevorschrift verstanden hat. Schlie\u00dflich steht ein junger Mann mit einem wei\u00dfen Zettel vor uns. Er fragt uns, ob wir ihm die zehn wichtigsten deutschen S\u00e4tze beibringen k\u00f6nnen. Da m\u00fcssen wir selbst \u00fcberlegen. \u201eBitte ein Bier!\u201c ist wichtig, aber ob er davon jemals Gebrauch machen wird, wissen wir nicht. Wir schreiben ihm dann noch die Wochentage und die Monate auf. Z\u00e4hlen kann er ja bereits. Das hat er uns demonstriert. Er freut sich und strahlt \u00fcbers ganze Gesicht.<\/p>\n<p>Am Abend verteile ich in Kaiserlei wieder \u201eErstausstattungen\u201c und lege sie den Fl\u00fcchtlingen auf die Feldbetten. Als ich einer jungen Afghanin mit vielen Narben im Gesicht den Plastiksack hinlege sagt sie zu mir: \u201eDanke. Das habe ich schon.\u201c Gedankenverloren antworte ich: \u201eAh. Okay. Dann nehme ich es mit.\u201c Erst zwei Feldbetten weiter macht es bei mir klick. Ich gehe zur\u00fcck und frage sie: \u201eSie k\u00f6nnen deutsch?\u201c Und in der Tat, sie spricht nicht nur passabel, sondern recht gut deutsch, wenngleich ich ihre leise Stimme nur schwer verstehe. Sie habe schon in Afghanistan deutsch gelernt, sagt sie. Und sie wolle jetzt weiterlernen. Sie strahlt mich an. Von Deutschland hat sie wahrscheinlich noch nicht viel gesehen und kennt es nur aus dem Sprachkurs und vielleicht aus B\u00fcchern oder dem Internet. Ich frage sie noch, ob Deutschland so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie nickt heftig. \u201eJa\u201c, antwortet sie. Es sei so gut hier. Ich schaue mich um. Gut? Naja. Aber ihr L\u00e4cheln will ich erwidern. Da ist so viel Hoffnung in den Augen. Ein \u201eNa, dann herzlich willkommen!\u201c f\u00e4llt mir noch ein. Mehr leider nicht. Sp\u00e4ter \u00e4rgere ich mich, dass ich keine Zeit hatte, l\u00e4nger mit ihr zu sprechen.<\/p>\n<p>Wichtig sind die Sprachmittler, die \u00fcberall mit Hilfe des Roten Kreuzes im Einsatz sind. Fast alle sind Deutsche mit Einwanderungsgeschichte. Manche sind selbst als Fl\u00fcchtlinge erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen. Ich treffe in der Edith-Stein-Schule einen jungen Pal\u00e4stinenser aus Syrien und eine junge Deutsche mit t\u00fcrkischen Wurzeln. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht aber perfekt deutsch. Seine Geschwister w\u00fcrden inzwischen zu Hause nur deutsch reden, was seine Mutter \u00e4rgere, erz\u00e4hlt er mir. Vor allem die deutschen Schimpfw\u00f6rter, die seine Mutter nicht versteht, h\u00e4tten es seinen kleinen Geschwistern angetan. Auch eine Form der Integration, erst mal die Schimpfw\u00f6rter zu lernen, denke ich mir. Aber wenn sie alle so gut deutsch sprechen wie er: Respekt. Die junge Frau arbeitet bei einer Bank in Frankfurt und hat vier Wochen Urlaub. Die verbringt sie jetzt komplett in der Edith-Stein-Schule.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2556\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13.jpg\" alt=\"Fl\u00fcchtlinge 13\" width=\"2448\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13.jpg 2448w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13-420x420.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13-744x744.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13-768x768.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-13-1200x1200.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2448px) 100vw, 2448px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In Kaiserlei treffe ich ebenfalls eine Deutsche mit t\u00fcrkischen Wurzeln. Sie schlichtet gerade einen Streit mit einer syrischen Familie und regt sich auf. Wir stehen dabei und verstehen naturgem\u00e4\u00df kein Wort. \u201eAlte syrische Frauen sind die schlimmsten\u201c, zetert sie. \u201eDie wollen alle wie die K\u00f6niginnen behandelt werden.\u201c Offensichtlich will die Familie nur ungern neue Feldbetten in ihren \u201eBereich\u201c gestellt bekommen. Von Privatsph\u00e4re kann man hier sowieso nicht sprechen, aber wenigstens die Absperrgitter signalisieren eine Art Grenze. In einem anderen Bereich hatte sich eine Gruppe junger M\u00e4nner eingerichtet. Wir m\u00fcssen, um die notwendigen Kapazit\u00e4ten zu schaffen und die Rettungswege freizuhalten, die Betten teilweise verstellen. Um keinen Streit zu provozieren soll erst eine Sprachmittlerin kommen, die den jungen M\u00e4nnern die Situation erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Doch diesmal warten wir vergebens. Entweder hat sie keiner geholt, oder sie hat keine Zeit. Irgendwann schieben wir bestimmt, aber freundlich die Betten an den richtigen Platz. Meist sind die \u201eInhaber\u201c gerade nicht da. Die anderen schauen zu. Sie beobachten uns neugierig. Streit oder Widerstand gibt es keinen. Die Verst\u00e4ndigung scheint auch ohne Sprache zu funktionieren. Und nicht nur da. Ab und an hat man eine Minute um sich die Menschen anzuschauen. Wenige Alte, viele junge M\u00e4nner, so wie man es aus dem Fernsehen kennt, aber auch unheimlich viele Familien und immer wieder Kinder. Das ist auch nicht verwunderlich. Ist uns bewusst, dass diese L\u00e4nder eben auch eine andere Bev\u00f6lkerungspyramide haben als wir und es deutlich mehr junge Menschen als alte gibt.<\/p>\n<p>Zum Personal geh\u00f6ren auch Sicherheitskr\u00e4fte. Fast keiner von ihnen ist ein geb\u00fcrtiger Deutscher. Es sind Menschen aus aller Herren L\u00e4nder, sie sprechen nicht alle gut deutsch. Mag sein, dass f\u00fcr sie der Dienst dort lediglich ein weiterer Job ist und sie sich f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge nicht interessieren, aber nat\u00fcrlich senden sie ein Signal aus: Wenn Du flei\u00dfig bist und arbeiten willst, dann kannst du das in Deutschland schaffen. Auch das ist eine Botschaft an die Fl\u00fcchtlinge, die nonverbal funktioniert. Einer von den Einsatzkr\u00e4ften hat mich darauf aufmerksam gemacht; die Fl\u00fcchtlinge alles um sich herum ganz ge-nau und kommen auch mit den Sicherheitskr\u00e4ften ins Gespr\u00e4ch. Sie merken, dass diese keine geb\u00fcrtigen Deutschen sind.<\/p>\n<p>Wenn sich die Blicke treffen, dann wird auch ein L\u00e4cheln verstanden. Es wurde mir gegen\u00fcber immer erwidert. Einmal stand ich an einem Absperrgitter. Mein Blick fiel auf einen Mann. Er stand dort einfach nur. Als er meinen Blick bemerkte, schaute er mich an. Ich l\u00e4chelte ihm zu. Er legte die Hand aufs Herz, nickte mit dem Kopf und schenkte mir ein scheues L\u00e4cheln, w\u00e4hrend seine Augen voller Dankbarkeit waren. Allein f\u00fcr diese Geste hat sich der Einsatz die zwei Tage gelohnt.<\/p>\n<p>Kaiserlei: schlimme Erwartungen, viele Erfahrungen.<\/p>\n<p>Bevor wir nach Kaiserlei verlegen, bin ich \u201evorgewarnt\u201c. Ein Feuerwehrmann hat zu mir mit Blick auf die Edith-Stein-Schule gesagt: \u201eHier ist das ja noch halbwegs in Ordnung. Aber da unten wirst du das B\u00f6se sehen, die hinterh\u00e4ltigen Blicke, eine feindliche Stimmung.\u201c Kameraden hatten berichtet, dass die Luft im Geb\u00e4ude und der Gestank &#8211; freundlich formuliert &#8211; unangenehm seien. In der Tat: Als ich am zweiten Tag morgens durch die Hallen gehe, ist die Luft zum Schneiden. Es riecht nach Schwei\u00df und K\u00f6rperausd\u00fcnstungen. Es sind mitten in der Nacht \u00fcber 350 Fl\u00fcchtlinge angekommen, davon \u00fcberproportional viele Frauen und Kinder. Sie schlafen teilweise noch. Duschen oder sich waschen konnten auch nur die wenigsten. Angesichts der Tatsache, dass mehrere hundert Menschen hier schlafen, hatte ich mir das aber noch schlimmer vorgestellt.<\/p>\n<p>Eine Eskalation, Streitereien oder gar Gewalt habe ich an den zwei Tagen nicht beobachten. Dies lag sicher auch daran, dass die Einsatzkr\u00e4fte und auch das Sicherheitspersonal in hohem Ma\u00dfe engagiert waren, um m\u00f6gliche Konfliktsituation zu entsch\u00e4rfen. \u201eGib den Fl\u00fcchtlingen was sie brauchen, dann hast Du Ruhe\u201c, hat ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz zu mir gesagt. Am meisten ge\u00e4rgert hat uns wohl, dass die m\u00fchsam nach deutscher Norm und im Abstand von 30 Zentimetern aufgestellten Feldbetten und Liegen nach kurzer Zeit nicht mehr so akkurat standen, wie von uns ausgerichtet.<\/p>\n<p>Bereits am Nachmittag des ersten Tages waren Kameraden und ich zur Unterst\u00fctzung des Aufbaus nach Kaiserlei verlegt worden. Ziel war es, bis zum Ende der Tagschicht zus\u00e4tzliche Aufnahmekapazit\u00e4ten zu schaffen, denn f\u00fcr den Abend bzw. die Nacht war die Ankunft von circa 400 Fl\u00fcchtlingen angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>In einem ersten Schritt musste dazu eine Gruppe aus der gro\u00dfen Halle in den ersten Stock verlegt werden. Die Fl\u00fcchtlinge d\u00fcrfen ihre Betten nicht selbst tragen \u2013 und ihre Habe eigentlich auch nicht. Um die Betten nicht nochmals reinigen zu m\u00fcssen, sollte eigentlich immer ein Soldat und ein Sprachmittler mit dem \u201eBesitzer\u201c des Bettes und dem Bett nach oben gehen. Zwar war die Sprachmittlerin da, aber das Vorhaben scheiterte. Zu viel deutsche Gr\u00fcndlichkeit. Wir haben dann die Betten einfach nach oben getragen und die Mitglieder der Gruppe, offensichtlich eine oder mehrere Familien, haben die Betten untereinander verteilt. Danach waren noch einige Habseligkeiten unten. Diese Menschen haben nichts, verst\u00e4ndlich, dass sie ihre wenigen Besitzt\u00fcmer horten. In Pappkartons oder Umzugskisten liegen dann angebrochene Nahrungsmittel neben schmutziger W\u00e4sche und gebrauchten Taschent\u00fcchern. Wir w\u00fcrden eine solche Kiste komplett in den M\u00fcll werfen. Ich habe zwei Kisten einer alten Frau nach oben getragen. Mein Einwand, diese m\u00fcssten sortiert und der Inhalt teilweise weggeschmissen werden, wurde zur\u00fcckgewiesen. Die Frau wollte ihre Kisten, und mir half schlie\u00dflich ein Mann aus der Gruppe beim Tragen. Bei der Arbeit haben wir alle Mundschutz getragen, und direkt danach habe ich mir die H\u00e4nde und die Handschuhe desinfiziert. Das Desinfektionsmittel haben wir alle st\u00e4ndig benutzt \u2013 im Prinzip nach jedem Arbeitsvorgang be-nutzt.<\/p>\n<p>Wie ist die Unterbringung organisiert? Kaiserlei ist eine gro\u00dfe Gewerbeimmobilie mit weiten Hallen im Erdgeschoss. Rettungswege und G\u00e4nge bleiben frei. Ansonsten hat man die verschiedenen gro\u00dfen R\u00e4ume behelfsm\u00e4\u00dfig mit Absperrgittern in Quadrate oder Rechtecke eingeteilt. An einigen Stellen stehen statt der h\u00fcfthohen Absperrgitter auch Bauzaunelemente, die mit einer schwarzen Plane als Sichtschutz bespannt sind. Die gibt es aber nicht \u00fcberall. In den einzelnen Planquadraten stehen zwischen 30 und 60 Feld-betten oder Liegen. Privatsph\u00e4re gibt es nicht.<\/p>\n<p>Als wir die neuen Bettenkapazit\u00e4ten aufbauen sollen, stellen wir fest: Es gibt auch keine Feldbetten mehr. Wer die Feldbetten der Bundeswehr kennt, der wei\u00df, dass sie schlicht und einfach sind, man aber durchaus gut darauf schlafen kann. Nun haben wir Liegest\u00fchle geliefert bekommen, die zwar ein h\u00f6henverstellbares Kopf- und Fu\u00dfteil haben, aber so instabil sind, dass wir schon beim Aufbauen fluchen. Wie soll ein Mensch darauf schlafen? In der Tat werden wir nach der ersten Nacht gleich eine gro\u00dfe Zahl wieder aussortieren, weil sie defekt sind. Es hilft aber nichts. Wir bauen also die hellblauen Liegest\u00fchle auf und r\u00fccken die Absperrgitter zurecht. Wir kommen gut voran. Bis zum Abend werden die gut 400 Liegest\u00fchle aufgebaut sein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2550\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920.jpg\" alt=\"Fl\u00fcchtlinge 06\" width=\"2448\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920.jpg 2448w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920-420x420.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920-744x744.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920-768x768.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-06-e1445078289920-1200x1200.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2448px) 100vw, 2448px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ab und an ist unter den hellblauen Liegest\u00fchlen auch welche in gelber oder in roter Farbe. Ich habe in meiner Kiste gerade wieder so einen \u201eGl\u00fccksgriff\u201c und ziehe eine rote Liege aus dem Karton. Ich versuche gerade verzweifelt sie aufzubauen, als ein kleines braunhaariges M\u00e4dchen mir an der Uniformhose zieht. Sie schaut mich aus gro\u00dfen Augen an, zeigt auf die rote Liege und dann auf den n\u00e4chstgelegenen Bereich, in dem sie mit ihrer Familie wohl untergebracht ist. Ganz offensichtlich m\u00f6chte sie gerne eine solche rote Liege haben. Ich bin hin- und hergerissen. Es hie\u00df ganz klar: Keine Extraw\u00fcnsche erf\u00fcllen, gleiche Regeln f\u00fcr alle. Wenn wir mehr Material ausgeben als n\u00f6tig, dann kommen alle und wollen mehr oder haben ebenfalls W\u00fcnsche, die sie vorbringen. Ich sch\u00fcttele also den Kopf und erkl\u00e4re ihr auf Deutsch, dass sie die Liege nicht haben kann. Dabei komme ich mir bl\u00f6d vor, weil ich mich vor dem Kind rechtfertige. Aber wahrscheinlich habe ich einfach das Gef\u00fchl, dass an dieser Stelle die Regel albern ist. Soll sie doch eine rote Liege bekommen. Am Ende bin ich dann wahrscheinlich aber doch zu deutsch und zu sehr Soldat: Die rote Liege bleibt an ihrem Platz. Wenig sp\u00e4ter, als wir den Bereich, in dem das M\u00e4dchen \u201ewohnt\u201c, mit zus\u00e4tzlichen Liegen auff\u00fcllen, kommt das Kind zu seinem Recht. Ich ziehe wieder eine rote Liege aus dem Karton. Diese ist genauso instabil und untauglich wie die anderen, aber sie strahlt \u00fcbers ganze Gesicht, als ich sie ihr hinstelle.<\/p>\n<p>Nachdem wir fertig sind, beschaue ich mir die Kleiderkammer in Kaiserlei, in der auch Kameraden aus unserer Kompanie Dienst tun. Dort treffe ich einen Mann vom DRK aus Offenbach. Er war schon in Frankfurt im Einsatz und erz\u00e4hlt uns von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Man merkt, dass er seine Aufgabe mit unheimlich viel Leidenschaft aus\u00fcbt. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er berichtet. Eine Geschichte folgt auf die n\u00e4chste. So erz\u00e4hlt er von dem Streit mit dem Caterer. Vier Tage in Folge h\u00e4tte es K\u00e4senudeln gegeben. Angeblich w\u00e4re die K\u00fcche nicht in der Lage gewesen, f\u00fcr eine so gro\u00dfe Zahl an Menschen verschiedene Speisefolgen bereitzustellen, so die Ausrede. Wahrscheinlich hat der Caterer mit den K\u00e4senudeln aber nicht nur am wenigsten Arbeit, sondern auch noch am meisten verdient. Entsprechend war die Stimmung in der Einrichtung unter den Fl\u00fcchtlingen am vierten Tag. Er habe sich, so der Mann vom Roten Kreuz, so deutlich beschwert, dass am Ende das Rathaus in Offenbach bei ihm angerufen habe. Es l\u00e4ge eine Beschwerde \u00fcber ihn vor. Nach Schilderung des Sachverhalts h\u00e4tte es dann besseres und vor allem abwechslungsreiches Essen gegeben.<\/p>\n<p>Mich hatten bereits bei meinem ersten Rundgang durch Kaiserlei die vielen, von Kindern gemalten Bilder beeindruckt. Der DRK-Mann erz\u00e4hlt uns, dass sie eigentlich vorhatten, das Jugendrotkreuz mit den Kindern in den Einrichtungen malen zu lassen. Sie haben dann davon Abstand genommen, nachdem anhand der Bilder deutlich geworden ist, wie schwer traumatisiert offenbar viele Kinder sind. Waffen, untergehende Schiffe, abgetrennte K\u00f6rperteile sind auf vielen Bildern zu sehen \u2013 und eben nicht nur fr\u00f6hlich flatternde Deutschlandfahnen. Man bekomme eine Ahnung davon, so meinte er, was diese Kinder erlebt haben. Dies sei wiederum auch f\u00fcr die deutschen Kinder nicht ohne Risiko, und darum m\u00fcsse man dringend \u00fcberlegen, wie man den Fl\u00fcchtlingskindern helfen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wie alle anderen auch ist er mit seiner Mannschaft bis zur Belastungsgrenze beansprucht. Wie jeder, der regelm\u00e4\u00dfig hilft, erz\u00e4hlt er Geschichten von 36-Stunden-Schichten und komplett verschlafenen freien Tagen. Trotzdem strahlt er einen Willen und eine Klarheit aus, so dass ich ihm noch lange h\u00e4tte zuh\u00f6ren k\u00f6nnen. Dann kommen aber die n\u00e4chsten Fl\u00fcchtlinge in die Kleiderkammer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Einsatz. Meine Eindr\u00fccke sind Momentaufnahmen und subjektiv. 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