{"id":2544,"date":"2015-12-28T08:34:30","date_gmt":"2015-12-28T08:34:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2544"},"modified":"2017-02-16T09:21:41","modified_gmt":"2017-02-16T09:21:41","slug":"eindruecke-aus-zwei-tagen-in-einer-fluechtlingseinrichtung-in-offenbach-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2544","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke aus zwei Tagen in einer Fl\u00fcchtlingseinrichtung in Offenbach I"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Einsatz. Meine Eindr\u00fccke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein g\u00fcltigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog ver\u00f6ffentliche ich meine Erfahrungen.<\/em><\/p>\n<p>Einschleusung und Dienstbeginn.<\/p>\n<p>Ich schlage am Freitag fr\u00fch beim Gefechtsstand der RSU-Kompanie S\u00fcdhessen auf, der in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Rumpenheim untergebracht ist. Die \u00fcber 40 Kameraden sind bereits im Einsatz. Die Kompanie stellt zwei Z\u00fcge und wechselt sich in zwei Schichten mit der \u201eNord\u201c ab, wie wir die RSU-Kompanie Nordhessen kurz nennen. Derzeit sind in zwei Schulturnhallen und in einer gro\u00dfen Gewerbeimmobilie Fl\u00fcchtlinge untergebracht. Der Auftrag f\u00fcr den Tag lautet: R\u00e4umung der Schulturnhalle der Anne-Frank-Schule, die ab Montag wieder dem Schulbetrieb zur Verf\u00fcgung stehen soll, Verlegung der Fl\u00fcchtlinge nach Kaiserlei und dort Aufbau weiterer Kapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die Kameraden berichten, in der Schulturnhalle sei \u201eein ganzes afghanisches Dorf\u201c mit 80 Personen untergebracht. Diese sollten zusammen bleiben. Es seien Familien und viele Kinder. Die M\u00e4nner, die in der Nacht bereits Dienst getan haben, bekommen zwei Stunden Ruhe, um dann um 12.30 Uhr in die Schule aufzubrechen, um die R\u00e4umung durchzuf\u00fchren. Bis dahin w\u00fcrden Busse die Fl\u00fcchtlinge nach Kaiserlei bringen. Ein Trupp, dem ich zugeteilt bin, verlegt direkt in die Schulen, die sich in unmittelbarer N\u00e4-he zueinander befinden. Dort sind auch Kr\u00e4fte des THW, der Feuerwehr und des DRK vor Ort. Hinzu kommen Reinigungspersonal und ehrenamtliche Sprachmittler, die vom DRK koordiniert werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2548\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04.jpg\" alt=\"Fl\u00fcchtlinge 04\" width=\"844\" height=\"844\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04.jpg 844w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04-420x420.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04-744x744.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Fl\u00fcchtlinge-04-768x768.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 844px) 100vw, 844px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir erhalten eine Einweisung. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden wird befohlen, die Namensschilder abzunehmen. Au\u00dferdem erh\u00e4lt jeder zus\u00e4tzliche Desinfektionsmittel, um sich regelm\u00e4\u00dfig H\u00e4nde und Handschuhe zu desinfizieren. Ich habe keine entsprechende Impfung bzw. auch keinen ATN (Ausbildungs- und T\u00e4tigkeitsnachweis) f\u00fcr den K\u00fcchendienst und kann daher nicht bei der Essensausgabe eingesetzt werden. Der Spie\u00df bereitet uns auf ein unklares Lagebild vor Ort vor. Man wisse nicht, woher die Fl\u00fcchtlinge kommen und wann sie eintreffen. Bis zum Abend m\u00fcsse aber in Kaiserlei die geforderte Aufnahmekapazit\u00e4t bereitstehen.<\/p>\n<p>Aufsitzen. Wir verlegen an die Schulen. Die Turnhalle der Anne-Frank-Schule wird bereits ger\u00e4umt. Einige verbliebene Fl\u00fcchtlinge stehen mit ihren wenigen Habseligkeiten, die sie mal in einem Koffer, mal nur in einem blauen M\u00fcllsack bei sich tragen, an der Bushaltestelle und warten. Auch Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler warten auf den Schulbus. Fast alle haben eine Einwanderungsgeschichte, manche M\u00e4dchen tragen Kopftuch. Was wissen die einheimischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u00fcber die Namensgeberin der Schule, die ja selbst ein Fl\u00fcchtling war? Nur an der Kleidung und weil sie getrennt voneinander stehen und die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Fl\u00fcchtlinge neugierig be\u00e4ugen kann man einen Unterschied erkennen.<\/p>\n<p>In der Turnhalle h\u00e4ngen noch von den Kindern gezeichnete Bilder an der Wand. Viele Kinder haben Deutschlandfahnen gemalt. Ich glaube kaum, dass deutsche Kinder so oft unsere Farben malen. Was denken sich diese Kinder dabei? Was verbinden sie mit Deutschland? Was haben ihre Eltern ihnen erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Wir beseitigen die Unordnung, die sich allerdings in Grenzen h\u00e4lt. Es sind Reste der dort ausgegebenen Hygiene-Mittel, Kleidung und Getr\u00e4nke so wie Lebensmittel im K\u00fchl-wagen. Alles wird in die Schulturnhalle der Edith-Stein-Schule schr\u00e4g gegen\u00fcber gebracht. Das ist der erste Auftrag. Dann kommen die Kameraden hinzu, die nur zwei Stunden Ruhe hatten. Sie tragen die Feldbetten hinaus, desinfizieren sie, rei\u00dfen die Plastikplanen mit denen der Hallenboden abgeklebt war, hinaus, damit die Putzkolonne ans Werk kann. Jemand von der Berufsfeuerwehr Offenbach hat die Leitung \u00fcbernommen. Die Kameraden sollen danach eigentlich noch nach Kaiserlei, um dort beim Aufbau zu unterst\u00fctzen. Doch die Leitung entscheidet anders und schickt sie zur\u00fcck in die Unterkunft, damit sie ausschlafen. Ein Teil unseres Zuges \u00fcbernimmt. Ich werde sp\u00e4ter gemeinsam mit drei Kameraden zur Unterst\u00fctzung nach Kaiserlei abr\u00fccken. W\u00e4hrend die M\u00e4nner die Halle wieder so herrichten, dass sie ihrem urspr\u00fcnglichen Zweck dienen kann, bringe ich gemeinsam mit einigen Kameraden das Material und die Lebensmittel in die benachbarte Halle.<\/p>\n<p>\u201eMilch und Zucker. Dann haben wir Frieden.\u201c<\/p>\n<p>In der Turnhalle der Edith-Stein-Schule ist gerade die Ausgabe des Fr\u00fchst\u00fccks beendet. Von 8 bis 10 Uhr k\u00f6nnen die Fl\u00fcchtlinge fr\u00fchst\u00fccken. Ich begr\u00fc\u00dfe die Kameraden. Bis jetzt klappt alles ganz gut. Ich laufe \u201enormal\u201c mit und es gibt keinen \u201ePolitikerstatus\u201c. So habe ich das gewollt, und das geht in der Bundeswehr besser als anderenorts. Die Uni-form und der Dienstgrad sortieren mich ein. Au\u00dferdem merkt man schnell, dass jede Hand vor Ort gebraucht wird. Es ist keine Zeit vorhanden, um Bilder zu stellen, wie das so oft geschieht, wenn man als Politiker vor Ort die Lage \u201einspiziert\u201c. Ein Offizier schimpft deswegen auch. Er habe geh\u00f6rt, was man alles unternommen habe, bevor Gabriel die HEAE Gie\u00dfen besuchte. Ein realistisches Bild habe Gabriel auf jeden Fall nicht vermittelt bekommen. Es stellt sich die Frage, ob man das dem SPD-Vorsitzenden vor-werfen kann. Auf jeden Fall hat mir der Offizierskamerad recht deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir erwartet: Einreihen, anpacken. Darum bin ich hier.<\/p>\n<p>Vor Ort merkt man: Die Abl\u00e4ufe sind eingespielt. Die Abl\u00f6sungen weisen sich gegenseitig ein. Es gibt auch keine \u201eReibereien\u201c zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und der Bundeswehr. Im Einsatz funktioniert die Zusammenarbeit. Ich stelle fest, dass unter den Kameraden auch zwei CDU-Mitglieder aus Hessen sind. Beide dienen in der RSU-Kompanie und machen nun hier Dienst anstelle der geplanten milit\u00e4rischen \u00dcbung. Einen weiteren Kameraden kenne ich von der Universit\u00e4t. Er hat bei mir studiert. Wir freuen uns \u00fcber das unerwartete Wiedersehen. Auch mit den anderen Kameraden ist es unkompliziert. Manche waren schon im Auslandseinsatz, andere sind schon lange als Reservisten engagiert und der Bundeswehr verbunden. Sie helfen also nicht nur angesichts der Not der Fl\u00fcchtlinge. Sie helfen, weil die Bundeswehr sie braucht.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge haben alle ein buntes Armband mit einer Nummer bekommen. Anhand des Armbandes wird festgestellt, wer verpflegt wurde. Das ist offensichtlich die einzige Liste, die wir f\u00fchren. Eine Registrierung der Fl\u00fcchtlinge erfolgt hier nicht. Ich habe zwar in den zwei Tagen in Kaiserlei auch Mitarbeiter des Regierungspr\u00e4sidiums gesehen, aber ob und wann die Fl\u00fcchtlinge ordnungsgem\u00e4\u00df erfasst wurden kann, ich nicht sagen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Registrierung stattfindet. Aber offensichtlich ist geplant, Kaiserlei zu einer Au\u00dfenstelle der HEAE Gie\u00dfen zu machen und dort dann auch Mitarbeiter des BAMF zur Registrierung der Fl\u00fcchtlinge einzusetzen. So h\u00f6rt man es zumindest. Die Einsatzkr\u00e4fte haben aber auch so schon alle H\u00e4nde voll zu tun, um nur den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten wollen: Es geht um die Unterbringung, die Versorgung mit dem Notwendigsten.<\/p>\n<p>Auch wir konzentrieren uns auch auf unseren Auftrag. So erhalten die Fl\u00fcchtlinge in der Edith-Stein-Schule aus einer improvisierten Kleiderkammer bei Bedarf ein neues Paar Socken, ein Handtuch oder andere Kleidungsst\u00fccke. Wir betreuen diese Kammer, die in einem Nebenraum der Turnhalle untergebracht ist. \u00d6ffnet man dort die T\u00fcr, dann kann man sicher sein, dass sich sofort in eine Traube von Menschen bildet. Jeder fragt nach etwas anderem. Bei den Socken sind vor allem wei\u00dfe Socken gefragt. Das scheint eine Geschmacksfrage zu sein. Die Fl\u00fcchtlinge besitzen wirklich nur die Dinge, die sie am Leibe tragen. Manche haben einen Rucksack. Feste Schuhe haben nur die wenigsten. Viele sind mit Flipflops unterwegs. Wie sie den Weg zur\u00fcckgelegt haben ist schwer vorstellbar. Bei Ankunft erhalten sie neben einem medizinischen Check, den das Rote Kreuz durchf\u00fchrt, auch eine \u201eErstausstattung\u201c. Das ist ein Plastiksack, in dem einige wenige Dinge enthalten sind: u.a. eine Rolle Klopapier, ein Handtuch, eine d\u00fcnne Decke, Hygieneartikel. Es ist nicht viel.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber sitzen die Familien und die Gruppen beieinander. Die Kinder fragen immer wieder nach B\u00e4llen. Manche haben Stofftiere. Drau\u00dfen vor der Halle spielen einige Fu\u00df-ball. St\u00e4ndig belagert sind die Steckdosen, an denen alle ihre Smartphone aufladen. Und st\u00e4ndig wird telefoniert. Eine Sprachmittlerin hat mir erz\u00e4hlt, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht nur Kontakt mit Verwandten halten, sondern es auch darum geht, herauszufinden, wo welche Unterk\u00fcnfte vorhanden sind, in welchem Zustand diese sind, wie das Essen ist und \u2013 ganz wichtig \u2013 wo man registriert werden kann. Denn offensichtlich wollen viele sich ordnungsgem\u00e4\u00df registrieren lassen. Sie haben verstanden, dass das die Grundlage f\u00fcr ihren Aufenthalt und geordnete Verh\u00e4ltnisse in Deutschland ist. Andere, die weiter wollen, verzichten genau aus diesem Grund auf eine Registrierung, bzw. versuchen, dieser aus dem Weg zu gehen.<\/p>\n<p>Zwischen den festen Essenszeiten gibt es Kaffee und Tee sowie Wasser und Milch f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge. Wir f\u00fcllen regelm\u00e4\u00dfig auf. W\u00fcrfelzucker ist besonders gefragt. Wir k\u00f6nnen gar nicht so viel Zucker nachlegen wie genommen wird. \u201eSolange genug Milch und Zucker da sind, haben wir hier Frieden\u201c, lacht ein Kamerad. Und in der Tat. Die Kinder kommen und werfen sich drei St\u00fcck Zucker in ihre Milch. Manche M\u00e4nner nehmen auch einfach einige Zuckerw\u00fcrfel und schieben sich diese grinsend in den Mund. Und wieder legen wir eine Packung nach, denn die vorherige ist nach nicht mal einer Viertelstunde leer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Einsatz. Meine Eindr\u00fccke sind Momentaufnahmen und subjektiv. 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