{"id":2532,"date":"2015-09-25T16:20:30","date_gmt":"2015-09-25T16:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2532"},"modified":"2018-03-09T09:47:53","modified_gmt":"2018-03-09T09:47:53","slug":"zeitgeschichte-als-betriebsanleitung-die-tagebuecher-von-kurt-biedenkopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2532","title":{"rendered":"Zeitgeschichte als &#8222;Betriebsanleitung&#8220; Die Tageb\u00fccher von Kurt Biedenkopf"},"content":{"rendered":"<p>Insgesamt 1 500 Seiten umfassen die jetzt ver\u00f6ffentlichten Tageb\u00fccher Kurt Biedenkopfs f\u00fcr die Zeit von 1989 bis 1994. Schon allein dieser Umfang beschreibt die unglaubliche Dynamik und F\u00fclle dieser Zeitenwende (und eine ungek\u00fcrzte Fassung wird erst demn\u00e4chst online publiziert). Ich selbst war w\u00e4hrend des Falls der Mauer Sch\u00fcler. Aber auch ich habe damals gesp\u00fcrt, dass es besondere Zeiten waren, die wir erlebten. Kurt Biedenkopf hatte das Gl\u00fcck diese Zeit mitgestaltet. Wer seine Tageb\u00fccher liest, der sp\u00fcrt: Es war nicht nur eine spannende Aufgabe f\u00fcr ihn, es war ihm eine Berufung.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Vierzigj\u00e4hrigen in unserem Land geh\u00f6ren nicht zu den initiativreichsten und risikofreudigsten Menschen\u201c,<\/em> schreibt Kurt Biedenkopf am 6. Februar 1990 (Band 1, S. 98). Mit heute 41 Jahren habe ich dennoch sehr gerne das \u201eRisiko\u201c auf mich genommen, in dieser Woche die Tageb\u00fccher eines meiner Vorg\u00e4nger im Amt des Generalsekret\u00e4rs der CDU vorzustellen. Auf jeden Fall ist es eine Ehre f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Diese Tageb\u00fccher sind nicht nur eine Chronik der Arbeit und des Lebens von Kurt Biedenkopf, sie sind im 25.\u00a0Jahr der Deutschen Einheit auch ein Dokument der Zeitgeschichte. Es ist aber auch eine \u201eAnleitung\u201c f\u00fcr Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, die er schon vor 25 Jahren beeindruckend klar beschrieben hat \u2013 von der Einwanderung bis zur Globalisierung.<\/p>\n<p>Und die Tageb\u00fccher sind eine ungemein kurzweilige Lekt\u00fcre. Dass Kurt Biedenkopf 1991 Pfeifenraucher des Jahres war, dass er im August 1990 noch Staatsb\u00fcrger der DDR wurde, \u201ePretty Woman\u201c offensichtlich zu seinen Lieblingsfilmen geh\u00f6rt oder dass er sich als Ministerpr\u00e4sident mit der Fahrt im F\u00fchrerstand der Kleinbahn in Dippoldiswalde einen Kindheitstraum erf\u00fcllte, wussten vermutlich nur die Wenigsten. In den Tageb\u00fcchern finden diese Facetten Platz, auch weil der Autor bewundernswert detailliert berichtet. Allein der Eintrag vom 22. September 1990 umfasst 22 Seiten. Schnell stellt sich die Frage, wann Kurt Biedenkopf die Zeit gefunden hat, all das aufzuschreiben. \u201eNachts!\u201c, rief seine Frau Ingrid bei der Buchvorstellung aus der ersten Reihe. So etwas hatte ich schon vermutet.<\/p>\n<p>Volker Kauder hat einmal zu mir gesagt: \u201eEinmal Generalsekret\u00e4r, immer Generalsekret\u00e4r.\u201c Dass daran etwas Wahres ist, merkt man dem Tagebuch an. Den ehemaligen Generalsekret\u00e4r Kurt Biedenkopf l\u00e4sst seine Partei, seine CDU, nicht los. Der Aufbau einer neuen Parteistruktur in Sachsen nahm Biedenkopf ebenso in Anspruch wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ost-CDU. Er geht sensibel mit den verschiedenen Pers\u00f6nlichkeiten und Geschichten um. Er l\u00e4sst sich darauf ein, ist neugierig und aufgeschlossen gegen\u00fcber neuen Gedanken und neuen Gesichtern. Zu diesen geh\u00f6rte im Jahr 1991 auch Angela Merkel:<\/p>\n<p><em>Schlie\u00dflich wurden Frau Merkel und Frau Lieberknecht als stellvertretende Vorsitzende und Mitglied des Pr\u00e4sidiums gew\u00e4hlt. Zwei junge Frauen, die sich hervorragend vorstellten und ein Ausdruck der Verj\u00fcngung und Erneuerung der Partei sind, wie man ihn sich nicht sch\u00f6ner vorstellen kann.\u201c (Band\u00a0 2, S. 283)<\/em><\/p>\n<p>Es sind dar\u00fcber hinaus immer wieder Parallelen zu den Herausforderungen heute zu entdecken. Die Debatte um die Republikaner in dieser Zeit erinnert stark an die Auseinandersetzung mit der heutigen AfD. Und die Partei stellte sich auch 1993 schon die Frage, wie sie die Jugend besser erreichen k\u00f6nne. Deutlich werden diese Debatten in der CDU vor allem dank Biedenkopfs Mitschriften aus den Bundesvorstands- und Pr\u00e4sidiumssitzungen. Diese \u201eLeaks\u201c aus den Gremiensitzungen sind hochinteressant. W\u00e4hrend man heute am n\u00e4chsten Tage Details der Sitzungen in den Zeitungen nachlesen kann, sind die Einblicke in die Debatten der Gremien und hinter die verschlossenen T\u00fcren vor 25 Jahren ein wirklicher Mehrwert.<\/p>\n<p>Ein zentrales Thema der B\u00fccher ist die Deutsche Einheit und die (erneute) Gr\u00fcndung des Freistaats Sachsen. Am 20. November 1989 besch\u00e4ftigt sich Kurt Biedenkopf zum ersten Mal mit dem Gedanken, was er pers\u00f6nlich zur Gesundung der DDR beitragen k\u00f6nne. Die \u201eGr\u00f6\u00dfe der Aufgabe\u201c war ihm schnell klar. Im Umbruch sah er auch f\u00fcr den Westen eine gro\u00dfe Chance, um einen Aufbruch zu wagen. Die Chance, Pfr\u00fcnde und Mittelm\u00e4\u00dfigkeit abzusch\u00fctteln, sieht Biedenkopf sp\u00e4ter verpasst. Der Mut zur Ver\u00e4nderung habe im Westen weniger geherrscht als im Osten.<\/p>\n<p>Mutig waren die Menschen in Sachsen, wo Biedenkopf \u2013 wie er selbst schreibt \u2013 seine Bestimmung fand:<\/p>\n<p><em>\u201eNach vier Wochen Wahlkampfreise und Besuch fast aller Landkreise und kreisfreien St\u00e4dten in Sachsen sehe ich das Land mit anderen Augen. Was noch vor Monaten tr\u00fcb und grau erschien, beginnt zu leuchten. Ich kann erkennen, wie die D\u00f6rfer und St\u00e4dte in f\u00fcnf Jahren aussehen werden. \u00dcberall beginnt es zu sprie\u00dfen. Kleine L\u00e4den werden neu eingerichtet, an den H\u00e4usern erscheinen Ger\u00fcste, erste Baustellen entstehen. Eine gro\u00dfe Gesch\u00e4ftigkeit hat weite Teile des Landes erfasst.\u201c (Band 1, S. 376)<\/em><\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze verk\u00f6rpern Zuversicht, Aufbruchsstimmung und Selbstbewusstsein. Zu Recht, wie sich beim grandiosen Wahlsieg und bei der Wahl zum Ministerpr\u00e4sidenten am 27. Oktober 1990 zeigte. 32 Stimmen kamen gar aus den Reihen der Opposition. Ein herausragendes Ergebnis f\u00fcr einen fulminanten Wahlkampf. Man muss sich vor Augen f\u00fchren: Zwischen dem ersten Gedanken daran, als Ministerpr\u00e4sident in Sachsen zu kandidieren und dem Tag der Wahl durch den s\u00e4chsischen Landtag, lagen ganze 166 Tage.<\/p>\n<p>\u201eEin neues Land entsteht\u201c, ist der zweite Band der Tageb\u00fccher \u00fcberschrieben. Das ist w\u00f6rtlich zu verstehen. Eine neue Verfassung des Freistaats musste her, Kreisgebietsreform, Neuordnung des Wirtschaftslebens und des Arbeitsmarktes, Probleme mit der Treuhand \u2013 an Aufgaben herrschte kein Mangel. Auch heute noch sind viele der Fragen von damals \u201eungewollt\u201c aktuell:<\/p>\n<p><em>\u201eDen Stra\u00dfenverkehr will Kohl unter dem Einfluss von[G\u00fcnther] Krause durch die Ausgabe von Vignetten, also durch Stra\u00dfenbenutzungsgeb\u00fchren, verteuern. (&#8230;) Man will die Holl\u00e4nder und alle anderen Nachbarn f\u00fcr die Nutzung unserer Autobahnen zur Kasse bitten, um damit auch die Wettbewerbsnachteile auszugleichen, unter denen heute die deutschen Transporteure leiden.\u201c (Band 3, S. 136)<\/em><\/p>\n<p>Weitere Beispiele sind die Perspektive schwarz-gr\u00fcner Koalitionen, die geopolitische Lage der Ukraine, die Notwendigkeit einer wirtschaftspolitischen Flankierung des Euro und die Lage im Nahen Osten. Biedenkopf thematisiert messerscharf die Erwartungshaltung in der DDR gegen\u00fcber dem westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Er bef\u00fcrchtete eine aus Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber den Neuerungen erwachsene Passivit\u00e4t. Eine Haltung, die auch heute eine erfolgreiche Integration zu behindern droht:<\/p>\n<p><em>\u201eDen meisten ist die freiheitliche Ordnung ebenso ein Buch mit sieben Siegeln wie das Fernsehger\u00e4t, das sie t\u00e4glich benutzen, oder das Auto, mit dem sie zur Arbeit fahren. Sie wissen, wie man diese komplexen Systeme gebraucht. Aber sie wissen nicht, wie sie funktionieren. Bei der Technik reicht die Kenntnis von der Handhabung der Systeme aus. Bei den gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen, in die man sich einbringt, reicht sie im Grunde nicht. Jedenfalls reicht sie nicht f\u00fcr denjenigen, der nicht in der freien Gesellschaft aufgewachsen ist, sondern mit ihr erst als Erwachsener konfrontiert wird. Er muss wissen, wie sie funktioniert, denn er muss wissen, in was er sich einbringt.\u201c (Band 1, S. 145)<\/em><\/p>\n<p>Wichtig war Kurt Biedenkopf neben den institutionellen und wirtschaftspolitischen Neuerungen die Stiftung von Identit\u00e4t. Wie sehr er sich den Sachsen verbunden f\u00fchlte, zeigt exemplarisch sein Einsatz f\u00fcr die Sanierung der Altstadt in G\u00f6rlitz und f\u00fcr die Porzellanmanufaktur in Mei\u00dfen. Mehr noch als eine Verfassung bedeuten Denkm\u00e4ler, Geb\u00e4ude und regionale Produkte Heimat. Sie ber\u00fchren das Herz. Dieses Identit\u00e4tsbewusstsein war f\u00fcr Biedenkopf eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den er allerdings gef\u00e4hrdet sah:<\/p>\n<p><em>\u201eSo kommt der Zusammenhalt des Ganzen, der ein geistiger Zusammenhalt sein muss, in Gefahr, verlorenzugehen. Wir haben unseren einmaligen Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten erarbeiten k\u00f6nnen, weil wir bereit waren, alle Kr\u00e4fte des Einzelnen freizusetzen. Auf soziale Bindungen, wie R\u00fccksichtnahme, personale Zuwendung, N\u00e4chstenliebe, Bereitschaft zur Begrenzung zugunsten des Schw\u00e4cheren, personale Solidarit\u00e4t, haben wir im Zuge der Emanzipation [des Einzelnen] weitgehend verzichtet.\u201c (Band 2, S. 405)<\/em><\/p>\n<p>Diese Themen besch\u00e4ftigen uns auch heute ganz aktuell. \u201eDann ist das nicht mein Land!\u201c, sagt unsere Bundeskanzlerin und meint die Abwesenheit der hier aufgef\u00fchrten Werte. Sie sind ein Angebot an die Menschen, die zu uns kommen, gleichzeitig aber auch eine klare Aussage dar\u00fcber, was unser Land zusammenh\u00e4lt. Und so lesen sich viele Passagen der Tageb\u00fccher wie Beschreibungen der Herausforderungen, derer wir heute gewahr werden. Viele Gedanken und S\u00e4tze, sind heute noch ebenso richtig und wichtig wie vor 25 Jahren.<\/p>\n<p>Die Tageb\u00fccher Kurt Biedenkopfs empfehle ich auch aus diesem Grund dringend zur Lekt\u00fcre. Vor allem aber, weil das Eintauchen in die spannende Zeit vor 25 Jahre viel Freude bereitet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2535\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie.jpg\" alt=\"_5106 Kopie\" width=\"1500\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie.jpg 1500w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie-420x280.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie-744x496.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/5106-Kopie-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><\/p>\n<ul>\n<li>Band 1, \u201eVon Bonn nach Dresden\u201c &#8211; Aus meinem Tagebuch. Juni 1989 bis November 1990, M\u00fcnchen 2015.<\/li>\n<li>Band 2, \u201eEin neues Land entsteht\u201c \u2013 Aus meinem Tagebuch. November 1990 bis August 1992, M\u00fcnchen 2015.<\/li>\n<li>Band 3, \u201eRingen um die innere Einheit\u201c \u2013 Aus meinem Tagebuch. August 1992 bis September 1994, M\u00fcnchen 2015.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Die Bilder stammen von Petra Schulz, S\u00e4chsische Landesvertretung. Danke!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Insgesamt 1 500 Seiten umfassen die jetzt ver\u00f6ffentlichten Tageb\u00fccher Kurt Biedenkopfs f\u00fcr die Zeit von 1989 bis 1994. 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