{"id":2508,"date":"2015-08-30T13:03:47","date_gmt":"2015-08-30T13:03:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2508"},"modified":"2015-08-30T13:03:47","modified_gmt":"2015-08-30T13:03:47","slug":"vergessene-kriegsschicksale-drei-lesenswerte-buecher-und-ein-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2508","title":{"rendered":"Vergessene Kriegsschicksale &#8211; drei lesenswerte B\u00fccher und ein Film"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703.jpg\" alt=\"IMG_0651\" width=\"2448\" height=\"2448\" class=\"alignright size-full wp-image-2509\" srcset=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703.jpg 2448w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703-420x420.jpg 420w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703-744x744.jpg 744w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703-768x768.jpg 768w, https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0651-e1440837711703-1200x1200.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2448px) 100vw, 2448px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Deutschland und Europa waren vom Nationalsozialismus befreit. W\u00e4hrend viele Deutsche unter unterschiedlichen Voraussetzungen in den drei westlichen Besatzungszonen und der SBZ den Blick nach vorne richteten, lie\u00df der Krieg hunderttausende Menschen, vor allem viele Frauen, nicht los \u2013 teilweise bis heute. Das Leiden dieser Menschen wurde teils tabuisiert und ging unter in einer Gesellschaft, die sich der Vergangenheit nicht stellen wollte, die mit dem Wiederaufbau besch\u00e4ftigt war und in der jeder seine eigenen Sorgen und N\u00f6te zu bew\u00e4ltigen hatte.<\/p>\n<p>Die Zahl derjenigen, die schon ein Weiterleben \u00fcber das Kriegsende hinaus aus unvorstellbar f\u00fcr sich sahen, ist bis heute nicht zu ermitteln. Florian Huber geht in seinem Buch \u201eKind, versprich mir, dass du dich erschie\u00dft. Der Untergang der kleinen Leute 1945\u201c dem im untergehenden Dritten Reich verbreiteten Ph\u00e4nomen des Massenselbstmordes nach. Er spricht von zehntausenden Selbstmorden und schildert eine F\u00fclle von Fallbeispielen detailliert. So kann man getrost von einer Massenpsychose sprechen, wenn sich in Orten wie Demmin, Neustrelitz oder Malchin jeweils mehrere hundert Menschen unmittelbar w\u00e4hrend und kurz nach dem Einmarsch auf die unterschiedlichste Art und Weise das Leben nahmen, sich erh\u00e4ngten, ins Wasser gingen, vergifteten. V\u00e4ter t\u00f6teten zun\u00e4chst ihre Kinder, ihre Frau und dann sich selbst richteten. Der Handel mit Gift und das Gespr\u00e4ch \u00fcber die verschiedensten Weisen, sich zu t\u00f6ten, wurde \u201enormal\u201c. <\/p>\n<p>Doch Florian Huber bel\u00e4sst es nicht bei einer deskriptiven Beschreibung, sondern stellt die Frage, warum diese Menschen den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten, der sich in der Endphase des Krieges auch gegen das eigene Volk richtete, im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib nachvollzogen. Huber sucht die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr nicht allein in der unmittelbaren Situation des Untergangs, in der Verzweiflung und der Not des Zusammenbruchs, sondern zeichnet ein Psychogramm, das die latente Gewaltbereitschaft der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ebenso einbezieht, wie die Perspektive der individuellen Schuld und Verstrickung. Es ist ein wirklich lesenswertes Buch \u00fcber ein all zu lang verdr\u00e4ngtes Kapitel deutscher Zeitgeschichte.<\/p>\n<p>Von den drei hier genannten hat mich das Buch von Miriam Gebhardt \u201eAls die Soldaten kamen\u201c \u00fcber das Schicksal der vergewaltigten Frauen bei Kriegsende und in den ersten Jahren der Besatzungszeit besonders ber\u00fchrt. Unabh\u00e4ngig davon, ob man Gebhardts Zahlen von rund 900.000 vergewaltigten Frauen f\u00fcr korrekt h\u00e4lt oder von wie in anderen Arbeiten erw\u00e4hnt von gut 2 Millionen vergewaltigten Frauen ausgeht, r\u00fcckt das Buch ein Thema in den Blickpunkt, dass definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient \u2013 und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt historischer Aufarbeitung. Beeindruckt hat mich vor allem die herausgearbeitete Tatsache, dass die Frauen erstens l\u00e4ngst nicht nur an der Ostfront und unmittelbar in der Zeit des Zusammenbruchs Opfer von sexueller Gewalt wurden, sondern diese sich auch auf die drei Westzonen erstreckte. So geht die Autorin davon aus, dass gut 200.000 Frauen in der amerikanischen Besatzungszone Opfer einer Vergewaltigung wurden und \u00fcber 40.000 Frauen durch franz\u00f6sische Soldaten vergewaltigt wurden. Eine entsprechende Dunkelziffer \u2013 darauf weist Gebhardt hin \u2013 erschwert eine genaue Ermittlung, so wie man sich au\u00dferdem bewusst machen muss, dass viele Frauen mehrfach vergewaltigt wurden. Diese Aspekte der Massenvergewaltigung sind nicht Bestandteil der Kriegserinnerung der Deutschen, w\u00e4hrend die Vergewaltigungen in Berlin bei Kriegsende und die Sch\u00e4ndungen durch Soldaten der Roten Armee im Osten schon allein aufgrund des dann folgenden Kalten Krieges eine andere Wahrnehmung erfuhren. <\/p>\n<p>Es ist unbestreitbar ein gro\u00dfes Verdienst der Autorin, dies aufzubrechen. Doch damit nicht genug. Viele der Frauen blieben Opfer: Beh\u00f6rdenwillk\u00fcr, keine Anerkennung der Vergewaltigung, gesellschaftliche Stigmatisierung: all das waren Erfahrungen die viele der Frauen in der Bundesrepublik und der DDR machen mussten. Auch heute noch wenden sich Wissenschaft und Gesellschaft dem Thema nicht im notwendigen Umfange zu. So kann es passieren, dass die betroffenen Frauen in Alten- und Pflegeheimen erneut traumatisiert werden \u2013 ohne dass es jemand bemerkt oder die Reaktionen richtig deutet. Nur wenige wie die Altenpflegerin und Traumatherapeutin Martina B\u00f6hmer, die Gebhardt erw\u00e4hnt, engagieren sich in dieser Frage. <\/p>\n<p>Der Umgang mit den T\u00e4tern durch die Besatzungsm\u00e4chte war nicht stringent. Gab es einerseits eine Reihe von Todesurteilen gerade gegen Kriegsende, so sch\u00fctzten die Armeen ihre Soldaten andererseits durch eine R\u00fcckversetzung in die Heimat vor der Strafermittlung durch deutsche Zivilstellen, die teilweise sowieso eine entsprechende Zur\u00fcckhaltung und Hilflosigkeit gegen\u00fcber den Besatzungstruppen zeigten. Die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46172639.html\" target=\"_blank\">Konflikte zwischen den fremden Soldaten und der deutschen Bev\u00f6lkerung<\/a> wurde zumindest in der Bundesrepublik durch die Medien durchaus thematisiert. <\/p>\n<p>Dabei sahen sich die Frauen aber durchaus auch mit Vorw\u00fcrfen konfrontiert. Den Opfern wurde all zu oft ein unpassender Lebenswandel unterstellt. Daher ist es begr\u00fc\u00dfenswert, dass die Autorin den Folgen breiten Raum zuteilwerden l\u00e4sst. Nur die wenigsten Frauen offenbarten ihr Martyrium und k\u00e4mpften gar um eine Entsch\u00e4digung oder finanzielle Unterst\u00fctzung. Gebhardt kritisiert denn auch, dass die Frauenbewegung \u2013 wohl auch aufgrund ihrer N\u00e4he zur politischen Linken \u2013 in den 1970er Jahren die Chance verpasste, die Massenvergewaltigungen an ihrer eigenen M\u00fcttergeneration entsprechend zu thematisieren. Durch den Ost-West-Konflikt und die Pr\u00e4gung des Themas als vor allem die Rote Armee und damit die Sowjetunion betreffend schien ein Aufgreifen nicht opportun. So ist das Thema bei weitem nicht nur ein historisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches.<\/p>\n<p>Viele Frauen schwiegen zu dem erfahrenen Leid wohl auch, weil sie Verantwortung f\u00fcr ihre Kinder hatten und damit besch\u00e4ftigt waren, das t\u00e4gliche \u00dcberleben sicherzustellen. Tausende Kinder und Jugendliche wurden jedoch n den letzten Wochen und Tagen des Krieges und nach Kriegsende ihrer M\u00fctter beraubt und so zu Opfern des Krieges. Durch Flucht und Vertreibung aus dem Osten verloren viele ihre Gro\u00dfeltern und Eltern durch Vergewaltigung, Ermordung, Hunger oder sie wurden in den Wirren dieser Tage schlichtweg voneinander getrennt und fanden sich nicht wieder. Diese so genannten \u201eWolfskinder\u201c geh\u00f6ren zu den Vergessenen des Krieges. <\/p>\n<p>Durch B\u00fccher wie das von Sonya Winterberg oder auch den Film Wolfskinder von Rick Ostermann r\u00fcckte ihr Schicksal wieder ins \u00f6ffentliche Bewusstsein. Wie viele Kinder ihrer Identit\u00e4t beraubt nach Kriegsende noch starben oder schlie\u00dflich in die DDR oder die Bundesrepublik gebracht wurden, wenn ihnen nicht die von vielen angestrebte Flucht nach Litauen gelang, l\u00e4sst sich heute kaum noch sagen. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges bestand f\u00fcr viele dieser Menschen \u00fcberhaupt erstmals die M\u00f6glichkeit, sich mit der eigenen Identit\u00e4t und Geschichte auseinanderzusetzen. Lange mussten sie um Anerkennung und Unterst\u00fctzung durch deutsche staatliche Stellen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Versehen mit einem Vorwort von Rita S\u00fc\u00dfmuth gelingt es der Autorin anhand von ausgew\u00e4hlten Lebensgeschichten nicht nur die Zeit kurz vor der Flucht, die verlorene Heimat, sondern auch das Chaos und die Irrungen von Flucht und Vertreibung aus Sicht der betroffenen Wolfskinder nachzuzeichnen. So entstand ein Sachbuch, dass doch so stark und emotional ist, dass das Schicksal der Kinder, der Verlust ihrer Identit\u00e4t, der Familie und der Heimat viel besser verstehen l\u00e4sst, was Flucht und Vertreibung f\u00fcr 15 Millionen Deutsche bei Kriegsende bedeuteten, als es die blo\u00dfen Zahlen und Landkarten zu zeigen verm\u00f6gen. <\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr den bildreichen <a href=\"http:\/\/www.wolfskinder-derfilm.de\/\" target=\"_blank\">Film von Rick Ostermann<\/a>, der mit eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und starken Bildern anhand des Schicksals zweier Br\u00fcder alle auch im Buch dokumentierten Erfahrungen der Wolfskinder b\u00fcndelt und aufzeigt. Der Film lebt dabei von kurzen aber starken Dialogen und einer intensiven Bildsprache. Das Schicksal der Wolfskinder hat inzwischen eine <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/zweiter-weltkrieg-ein-leben-lang-wolfskind.1769.de.html?dram:article_id=295883\" target=\"_blank\">breitere mediale Aufmerksamkeit<\/a> gefunden und das Buch von Sonya Winterberg ist absolut empfehlenswert.<\/p>\n<p>Drei lesenswerte B\u00fccher, die einen Einblick in das geben, was die Deutschen, ob wir es wollen oder nicht, bis heute pr\u00e4gt. Und es zeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch f\u00fcr uns selbst nicht beendet ist. <\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus stellt sich die Frage, wie sehr diese Erfahrungen uns als Deutsche bis heute beeinflussen. Miriam Gebhardt beschreibt, dass der Psychoanalytiker Uwe Langendorf festgestellt habe, dass \u00fcber ein Drittel seiner Patienten einen Vertriebenenhintergrund hat, nachdem er anfing, sich mit m\u00f6glichen Kriegstraumata zu besch\u00e4ftigen. <\/p>\n<p>Zwei Fragen lassen sich also stellen: Mit Blick auf uns selbst sollten wir uns damit auseinandersetzen, ob wir uns wirklich befreit haben von dem was der Nationalsozialismus in die K\u00f6pfe der Menschen gepflanzt hat und den dunklen Gef\u00fchlen, die er aktivieren wollte. Sind wir uns bewusst, dass jeder f\u00fcnfte Deutsche in seiner Familie ein Flucht- und Vertriebenenschicksal hat? Sind wir eine mitf\u00fchlende Gesellschaft, die den einzelnen in den Blick nimmt und die notwendige Empathie aufbringt \u2013 auch f\u00fcr das selbst erfahrene Leid.<\/p>\n<p>Und mit Blick auf die vielen Fl\u00fcchtlinge und Hilfesuchenden, die derzeit in Deutschland sind oder zu uns kommen: Haben wir auch nur den Hauch einer Ahnung, wie schwer das Gep\u00e4ck ist, dass diese Menschen an Erfahrungen und Leid mit sich herumtragen, selbst wenn sie nur mit dem was sie am Leibe tragen bei uns ankommen? Wir k\u00f6nnen von unserer eigenen Geschichte so viel lernen, wenn wir sie denn kennen.<\/p>\n<p>Miriam Gebhardt, Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges, M\u00fcnchen 2015.<\/p>\n<p>Florian Huber, Kind, versprich mir bitte, dass du dich erschie\u00dft. Der Untergang der kleinen Leute 1945, Berlin 2015.<\/p>\n<p>Sonya Winterberg, Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreu\u00dfen, M\u00fcnchen 2014.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Deutschland und Europa waren vom Nationalsozialismus befreit. 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