{"id":2438,"date":"2015-06-21T14:25:04","date_gmt":"2015-06-21T14:25:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2438"},"modified":"2018-03-02T10:29:54","modified_gmt":"2018-03-02T10:29:54","slug":"ich-wollte-es-ware-nacht-oder-die-preusen-kamen-200-jahre-schlacht-von-waterloo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2438","title":{"rendered":"&#8222;Ich wollte es w\u00e4re Nacht oder die Preu\u00dfen k\u00e4men&#8220; 200 Jahre Schlacht von Waterloo"},"content":{"rendered":"<p><b>Warum uns Waterloo heute interessieren sollte<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Das Jahr 2015 ist reich an Gedenktagen. Wenn da nicht tagt\u00e4glich Herausforderungen vor uns liegen w\u00fcrden, die uns besch\u00e4ftigen, dann best\u00fcnde auf eine ganz andere Art und Weise die M\u00f6glichkeit, sich anl\u00e4sslich dieser vielen historischen Jahrestage mit den Ursachen und Folgen sowie den Konsequenzen f\u00fcr heute zu besch\u00e4ftigen: 25 Jahre deutsche Einheit, 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges und 200 Jahre Schlacht von Waterloo.<\/p>\n<p>Waterloo? Ist das nicht dieses Lied von Abba? Ja da gibt es ein Lied und das <a href=\" http:\/\/www.welt.de\/kultur\/history\/article13652918\/Aus-Waterloo-waere-fast-Belle-Alliance-geworden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Feuilleton der WELT<\/a> klagt zurecht dar\u00fcber, dass das vielfach h\u00f6rbare Bem\u00fchen, den Namen des belgischen Ortes m\u00f6glichst in \u201ebreitem Amerikanisch\u201c auszusprechen, den R\u00fcckschluss zul\u00e4sst, dass die meisten Menschen eher den Popklassiker der schwedischen Eurovision Song Contest Gewinner von 1974 erinnern als die Schlacht, ihren Hergang und ihre Bedeutung selbst.<\/p>\n<p>Manch einer kann hingegen mit dem Schulwissen aus dem Geschichtsunterricht gl\u00e4nzen und wirft jetzt ein: Da war doch Napoleon, seine spektakul\u00e4re R\u00fcckkehr f\u00fcr hundert Tage von Elba nach der ersten gro\u00dfen Niederlage in der V\u00f6lkerschlacht bei Leipzig.\u00a0 Und dann die Koalition aller europ\u00e4ischen M\u00e4chte um den Kaiser der Franzosen endg\u00fcltig zu bezwingen. Seine Verbannung nach Elba und die Restauration einer europ\u00e4ischen Ordnung, die auf der Macht der F\u00fcrsten gr\u00fcndete. Warum aber sollte uns in Deutschland oder Europa dieser Jahrestag, die Erinnerung an eine au\u00dfergew\u00f6hnliche blutige Schlacht heute noch besch\u00e4ftigen? Wir leben schlie\u00dflich in einem vereinten Europa! Das ist lange her und hat keine Bedeutung f\u00fcr heute.<\/p>\n<p>Zumindest der Geschichtswissenschaft ist dieses Jubil\u00e4um zahlreiche Auseinandersetzungen und Publikationen wert. Die deutschen Verlage habe eine F\u00fclle unterschiedlicher Titel publiziert und es gibt zahlreiche popul\u00e4rwissenschaftliche Darstellungen. Einige will ich hier gerne zur Lekt\u00fcre empfehlen.<\/p>\n<p>Damit nicht genug. Wer dem Pulverdampf nachempfinden will, der ist vor Ort oder wenigstens <a href=\"https:\/\/www.waterloo2015.org\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">im Netz<\/a> dabei: 5.000 Darsteller, 300 Pferde und 100 Kanonen stellen wesentliche Elemente der Schlacht vor Ort nach. \u201e<a href=\" http:\/\/www.dailymail.co.uk\/video\/news\/video-1193511\/Battle-Waterloo-reenactment-marks-200th-anniversary.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reenactment<\/a>\u201c lautet das Stichwort. Gleichwohl kommt dieses Spektakel, bei dem man auch eine Reproduktion von Napoleons Hut erstehen kann, dem Schrecken in keiner Weise nahe, sieht man vielleicht von der Farbenpracht der Uniformen einmal ab. \u00dcber 20.000 M\u00e4nner bezahlten f\u00fcr die Gro\u00dfmachtfantasien des kleinen Korsen und den von Briten und Preu\u00dfen angef\u00fchrten Widerstand mit dem Leben oder wurden verwundet.<\/p>\n<p>Etwas harmloser kommt da die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article142456753\/Vierhundert-Hannoveraner-entschieden-Waterloo.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lego-Ausstellung zur Schlacht<\/a> daher, die kleinen aber auch gro\u00dfen Kindern einen Zugang zu den historischen Ereignissen vermittelt. <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article142456753\/Vierhundert-Hannoveraner-entschieden-Waterloo.html\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p>Was ist geblieben bis heute? Nur bei genauem Hinschauen entdeckt man Elemente der Erinnerungskultur an diese Schlacht in deutschen St\u00e4dten. F\u00fcr das preu\u00dfische <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/belle-alliance-waterloo-und-berlin-napoleons-letzte-schlacht-spurensuche-in-kreuzberg\/11931330.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berlin<\/a> hat der Tagesspiegel einmal recherchiert, wie damals der Schlacht im Stadtbild gedacht wurde \u2013 und wie man versucht hat, die Erinnerung an die Schlacht nach dem Zweiten Weltkrieg zu tilgen.<\/p>\n<p>Mit dem Sieg bei Waterloo, in der deutschen Geschichtsschreibung bis ins 20. Jahrhundert <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/history\/article13652918\/Aus-Waterloo-waere-fast-Belle-Alliance-geworden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schlacht von Belle Alliance<\/a> genannt, w\u00e4hrend die Franzosen die Schlacht nach dem Ort Mont Saint-Jean nannten, wurde die auf dem Wiener Kongress gefundene europ\u00e4ische Friedensordnung gefestigt. Noch einmal restaurierten die F\u00fcrsten ihre Macht bevor endg\u00fcltig die \u00c4ra der Nationalstaaten anbrach.<\/p>\n<p><strong>Kann man etwas lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Wie steht es nun um die Lehren aus der Geschichte? Die Schlacht ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie sehr Geschichte aus dem jeweiligen Zeitbezug betrachtet wird. Zum 200. Jahrestag der Schlacht stellen sich daher andere Fragen als noch 1915, ein Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, als deutsche Truppen das historische Schlachtfeld erobert hatten und diverse Gedenkfeiern, u.a. in Hannover stattfanden. Besonders lesenswert finde ich das Buch \u201eDer l\u00e4ngste Nachmittag\u201c des britischen Historikers Brendan Simms. Simms konzentriert sich auf ein Detail der Schlacht: das Gefecht um den Meierhof bei La Haye Sainte. Dort behaupte das 2. Bataillon der K\u00f6niglich Deutschen Legion \u2013 ungef\u00e4hr 400 Mann \u2013 gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Feind solange die Stellung, dass Napoleons Truppen der entscheidende Durchbruch in Wellingtons Zentrum nicht gelang \u2013 und die Preu\u00dfen kamen. Neben den anhand von Tageb\u00fcchern und Aufzeichnungen akribisch nachgezeichneten Abl\u00e4ufen an diesem Nachmittag sind aber vor allem Simms Analyse und seine Interpretation bedenkenswert. Er beschreibt, warum diese Schlacht und auch das Handeln der Soldaten der K\u00f6niglich Deutschen Legion traditionsbildend f\u00fcr die Bundeswehr aber auch f\u00fcr das Europa von Heute sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schon Zeitgenossen haben den Kampf zu einer \u201eSache Europas\u201c stilisiert. Widerspruch fanden sie nicht \u2013 im Gegenteil. General-Major Carl von Alten, der Kommandeur der K\u00f6niglich Deutschen Legion, wurde als \u201eSoldat Europas\u201c bezeichnet. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/jahre-schlacht-von-waterloo-wie-hollywood-aber-trotzdem-wahr-1.2526734\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brendan Simms<\/a> verweist darauf, dass der deutsche Befehlshaber des 2. Bataillons, Georg Baring, sp\u00e4ter geadelt, eine soldatischen Tradition begr\u00fcndete, die sich vom \u201epreu\u00dfisch-\u00f6sterreichischen Kampf um die Vormacht im Reich, der Kleinstaaterei der deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer, (&#8230;) des Kaisers oder der Wehrmacht grunds\u00e4tzlich\u201c unterschied. Die Soldaten k\u00e4mpften tapfer buchst\u00e4blich bis zur letzten Patrone, aber sie opferten nicht ihr Leben, sondern zogen sich schlie\u00dflich zur\u00fcck als die \u00dcbermacht erdr\u00fcckend wurde. Die Verluste blieben relativ gering und dennoch ist aus Simms Sicht dieser Teil der Schlacht entscheidend f\u00fcr den Sieg. Die Offiziere handelten zudem verantwortlich f\u00fcr ihre M\u00e4nner, so Simms. Eine spannende Passage des Buches und f\u00fcr eine Armee wie die Bundeswehr, die sicherlich inzwischen ihre eigene Tradition begr\u00fcndet hat, aber durchaus nach Traditionslinien in der langen deutschen Milit\u00e4rgeschichte schauen sollte, bedenkenswert.<\/p>\n<p>Wer den schnellen kurzen \u00dcberblick liebt, der sollte die Zusammenfassung von Marian F\u00fcssel lesen. In der Reihe des Beck-Verlags erschienen findet man eine historische Einordnung, eine Beschreibung des Ablaufs der einzelnen Gefechte die sich zur Schlacht zusammenf\u00fcgen und Einblicke in die Alltagserfahrungen der Soldaten. F\u00fcssel weist zu recht darauf hin, dass 2015 erstmals ein historisches Erinnern an die Schlacht fernab von Ressentiments m\u00f6glich sei. \u00a0Die vielen Ans\u00e4tze und Aspekte, die er wenigstens erw\u00e4hnt, machen das B\u00fcchlein zu einer kurzweiligen Lekt\u00fcre. Allein seine Negierung des preu\u00dfischen Beitrags zum Schlachterfolg irritiert etwas.<\/p>\n<p>Davon kann in der epischen Darstellung des britischen Autors Bernhard Cornwell keine Rede sein. Wenigstens er zitiert den Wellington in den Mund gelegten Ausspruch: \u201eIch w\u00fcnschte es w\u00e4re Nacht oder die Preu\u00dfen k\u00e4men.\u201c Die Preu\u00dfen kamen in den sp\u00e4ten Stunden des Nachmittags. Napoleon hatte so lange gez\u00f6gert, dass auch seine Garde das Blatt nicht mehr wenden konnte. Der Autor verkn\u00fcpft die unterschiedlichen Abl\u00e4ufe und Phasen der Schlacht mit dem Erleben durch die Soldaten und entwickelt so ein Szenario, dass So beschreibt Cornwell die Schlacht auch als eine Verkettung von Zuf\u00e4llen und Fehlern, die dazu f\u00fchrten, dass eine europ\u00e4ische Armee unter britischer F\u00fchrung dem Hegemoniestreben Napoleons und Frankreichs im 19. Jahrhundert ein Ende setze.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die Lehre aus dem blutigen Ende der napoleonischen \u00c4ra auch, dass Europa nur gemeinsam stark sein kann. Es brauchte auch auf deutscher Seite noch zwei Weltkriege, um das, was damals schon augenf\u00e4llig war, zu verstehen und zu verinnerlichen. Sich dessen angesichts der Krisen in und um Europa bewusst zu werden, scheint notwendiger denn je. Unabh\u00e4ngig solcher weiter f\u00fchrender Gedanken: Spannend sind die Ereignisse der Schlacht sowie ihre Folgen f\u00fcr die deutsche Geschichte allemal.<\/p>\n<p><strong>Lesetipps<\/strong><\/p>\n<p>Bernhard Cornwell, Waterloo. Eine Schlacht ver\u00e4ndert Europa, Reinbek bei Hamburg 2015.<\/p>\n<p>Marian F\u00fcssel, Waterloo 1815, M\u00fcnchen 2015.<\/p>\n<p>Brendan Simms, Der l\u00e4ngste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo, M\u00fcnchen 2014.<\/p>\n<p>Johannes Willms, Waterloo. Napoleons letzte Schlacht, M\u00fcnchen 2015.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Warum uns Waterloo heute interessieren sollte Das Jahr 2015 ist reich an Gedenktagen. 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