{"id":2221,"date":"2014-09-26T20:01:17","date_gmt":"2014-09-26T20:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2221"},"modified":"2014-09-26T20:01:17","modified_gmt":"2014-09-26T20:01:17","slug":"wir-wollen-euch-scheitern-sehen-von-alexander-gorlach-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=2221","title":{"rendered":"&#8222;Wir wollen euch scheitern sehen&#8220; von Alexander G\u00f6rlach (Buchbesprechung)"},"content":{"rendered":"<p>Schlie\u00dflich sprach nicht nur die ganze Stadt dar\u00fcber, sondern auch die BILD sowie die Radiosender griffen die Geschichte auf. In einem Ort in meinem Wahlkreis musste eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung abgebrochen werden, weil der B\u00fcrgermeister angeblich total betrunken war. Viele, die dar\u00fcber nun reden, meinen zu wissen, dass Sie den B\u00fcrgermeister schon anderenorts im alkoholisierten Zustand getroffen haben, was f\u00fcr sich genommen kein Skandal ist, denn B\u00fcrgermeister besuchen auch Volksfeste in ihrer Stadt und trinken dann oft nicht nur Wasser. In den Kontext gesetzt wird so aber schnell ein Ger\u00fccht daraus. Der Mann k\u00f6nnte ein Problem haben. Es wird geraunt und gemutma\u00dft. Niemand wei\u00df etwas, aber jeder redet dar\u00fcber. Wehren kann sich der B\u00fcrgermeister nicht, denn nat\u00fcrlich geschieht dies nie in seiner Gegenwart. Und keiner stellt die Frage, ob der Mann, der sicherlich einen stressigen Job hat, wie viele andere die zur Bew\u00e4ltigung ihres Stresses Alkohol trinken, vielleicht Hilfe braucht, weil er das Ma\u00df verloren haben k\u00f6nnte. Es geht denen, die dar\u00fcber reden gar nicht um den Menschen, es geht um die Verfehlung, den vermeintlichen Skandal und die H\u00e4me.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/9783593500423.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2223\" alt=\"G\u00f6rlach.indd\" src=\"http:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/9783593500423-659x1024.jpg\" width=\"620\" height=\"963\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>Wer sich abhebt wird zurechtgestutzt<\/b><\/p>\n<p>Alexander G\u00f6rlach hat ein Buch dar\u00fcber geschrieben, wie wir als Gesellschaft mit unseren Repr\u00e4sentanten, er nennt sie etwas \u00fcberzogen \u201eHelden\u201c, umgehen. Wie schaut unsere Gesellschaft auf Politiker, K\u00fcnstler, Schauspieler, Sportler und Personen des \u00f6ffentlichen Lebens? \u201eWir wollen euch scheitern sehen!\u201c hei\u00dft sein Buch. Er stellt nicht nur die Frage, inwieweit unser Blick auf \u00f6ffentliche Personen und deren Fall(en) \u2013 von Uli Hoene\u00df bis Christian Wulff \u2013 ein Abbild f\u00fcr den Umgang miteinander in unserer Gesellschaft ist. Er stellt die Gretchenfrage: Wer will in einer solchen Gesellschaft noch Verantwortung \u00fcbernehmen und sich \u00f6ffentlich exponieren? Wahrscheinlich die wenigsten.<\/p>\n<p>\u201eNeid muss man sich verdienen.\u201c lautet ein gefl\u00fcgeltes Wort. Neid ist eine Tods\u00fcnde. Und in der Tat neiden wir anderen den Erfolg. Wir unterstellen all zu oft, dass dieser nicht mit harter Arbeit erreicht wurde, sondern das Ergebnis von Zuf\u00e4llen, im schlimmsten Fall sogar von \u201eMauscheleien\u201c und Intrigen ist. Mindestens aber unverdient. Das hindert uns nicht daran, uns selbst gegenseitig stets zu versichern, wie tolerant und gerecht wir doch sind. Mindestens aber selbstgerecht.<\/p>\n<p>Wenn also jemand f\u00e4llt \u2013 egal ob der Grund das Fallen rechtfertigt wie beim Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy oder nicht &#8211; wie beim k\u00fcnstlichen Skandal um Rainer Br\u00fcderles \u201eHerrenwitze\u201c -, dann kann derjenige in unserer Gesellschaft nicht mit Mitleid oder Barmherzigkeit rechnen. Er muss erst zerschmettert aufschlagen. Das ist das Mindeste. Dann ist aber meist trotzdem niemand da, der ihm aufhilft. Die zertr\u00fcmmerten Gliedma\u00dfen mag ein anderer auflesen. G\u00f6rlach benennt nur den Fall von Margot K\u00e4\u00dfmann, der ihre Verfehlung (das Autofahren unter Alkoholeinfluss) \u00f6ffentlich verziehen worden sei und die nach einer kurzen Bu\u00dfe heute wieder eine akzeptierte Autorit\u00e4t ist. Mir f\u00e4llt auch kein anderes Beispiel ein, muss ich zugeben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0So machen wir keine Lust auf Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p>G\u00f6rlachs These ist, dass wir bei Verfehlungen von Personen, die in der \u00d6ffentlichkeit stehen, immer die Ursache in der Pers\u00f6nlichkeit des Betroffenen suchen, f\u00fcr uns aber stets in Anspruch nehmen, dass es \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde waren, die f\u00fcr unser eigenes Fehlverhalten ausschlaggebend waren. Ob das so ist, mag der geneigte Leser selbst beurteilen. So richtig widersprechen mag man G\u00f6rlach aber wohl nicht. Das Messen mit zweierlei Ma\u00df ist weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Den Splitter im Auge unseres gegen\u00fcber sehen wir gleich. Den Balken im eigenen Auge? Nicht der Rede wert.<\/p>\n<p>Als ungute Mischung beschreibt G\u00f6rlach die exorbitant hohen moralischen Anspr\u00fcche der Gesellschaft an \u00f6ffentliche Personen verbunden mit der Aufk\u00fcndigung der Unschuldsvermutung. Das ist nur folgerichtig, denn ich der Tat ist es kaum vorstellbar, dass es jemanden gibt, der diesen nicht nur moralisch hohen, sondern eher moralisierenden Anspr\u00fcchen gerechten werden k\u00f6nne. Wenn wir ehrlich sind, dann sind die formulierten Anspr\u00fcche so hoch, dass das Scheitern zwangsl\u00e4ufig ist. Die Frage ist nur wann und durch welchen Anlass. Aber kann das gut sein?<\/p>\n<p>F\u00fcr G\u00f6rlach ist das nicht nur eine Frage der Empathie einer Gesellschaft, sondern damit verbunden fragt er, wer in einer solchen Gesellschaft noch bereit ist, sich zu exponieren und Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Denn \u2013 so G\u00f6rlach weiter \u2013 nicht die Ideen und Themen st\u00fcnden im Mittelpunkt von Debatten, sondern die Pers\u00f6nlichkeiten, die sie vortragen verbunden mit der Suche nach unvermeidlichen Br\u00fcchen und Widerspr\u00fcchen zur vorgetragenen Idee. G\u00f6rlachs Kritik zielt auch darauf ab, dass die sich entz\u00fcndende Emp\u00f6rung keine echte Wirkung hat. Sie f\u00fchrt nicht zum Wandel, zum Ansto\u00df von Ver\u00e4nderungen, sondern sie bedient die Lust am Scheitern, das Zurechtstutzen von Menschen, die oft von uns selbst zuerst auf ein Podest gestellt worden sind. Sie redet so dem Mittelma\u00df das Wort.<\/p>\n<p>Die Gedanken des Autors springen manchmal. Von Augustinus bis Luther und aktuellen F\u00e4llen wirft es uns S\u00e4tze zu, die man schnell liest, aber nicht \u00fcberlesen sollte. Manche kommen ganz unvermittelt und lohnen doch ein Verweilen und Nachdenken. Einer dieser S\u00e4tze lautet: \u201eDer Mit-Mensch hat Mit-Leid verdient und den Respekt, also jenen Abstand, mit dem wir auf sein Leben schauen und uns ein vorschnelles Urteil verkneifen.\u201c Nicht nur aufgrund von Twitter und Facebook ist man mit dem vorschnellen Urteil in der Tat schnell bei der Hand. Mir geht das selbst so.<\/p>\n<p>Sind die Analogien und Bilder des Autors so vielseitig, dass es mir manchmal etwas zu schnell geht und ich gerne noch bei einem Aspekt verweilen w\u00fcrde, so findet doch jeder Leser etwas, das ihn zum Nachdenken einl\u00e4dt. Gut gefallen mir die \u00dcberlegungen G\u00f6rlachs zum Verh\u00e4ltnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Denn in der Tat geht es bei der Gerechtigkeit darum, einen Ausgleich zu schaffen. Nicht von ungef\u00e4hr verwendet G\u00f6rlach daf\u00fcr den Begriff des \u201eAlgorithmus\u201c, der diesen Ausgleich herbeif\u00fchren soll. Der Barmherzigkeit ist dieses Denken fremd. Und sie ist die Grundlage f\u00fcr Empathie und den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Darin stimme ich mit G\u00f6rlach \u00fcberein.<\/p>\n<p>Der Autor konfrontiert uns mit seiner These, dass aber genau das in unserer Gesellschaft wenn nicht verloren, so doch auf dem R\u00fcckzug sei. Der offene Diskurs sei ersetzt durch Vorurteile und Tabus. Das gegenseitige Belauern und die Suche nach Fehlern bei anderen stehe dem freien Denken und der Entwicklung neuer Ideen entgegen. \u00dcbersetzt: Wir sind eine Gesellschaft, die nicht nach dem Gelingen sucht, sondern darauf wartet, dass andere scheitern. Wenn das stimmt, dann m\u00fcssen wir dagegen etwas tun.<\/p>\n<p><b>Das Gegenmodell<\/b><\/p>\n<p>Als Antwort wie man dem Befund G\u00f6rlachs begegnen kann, gibt der Autor uns\u00a0 zwei Tugenden an die Hand: die Solidarit\u00e4t und die Sympathie. Auch diese seien rational nicht fassbar, aber die passende Antwort auf eine um sich greifende H\u00e4me. Die \u201eLiebe zur res publica\u201c, Ungleichheit nicht nur akzeptieren, sondern als Chance zu sehen und\u00a0 sowie \u201eMilde gegen den S\u00fcnder\u201c walten zu lassen sind nur drei von mehreren Ratschl\u00e4gen, die der Autor dem Leser mit auf den Weg gibt. Gerade dieser Teil gef\u00e4llt mir besonders gut.<\/p>\n<p>Das Gegenmodell ist eine Gesellschaft, in der man etwas erreichen kann, wenn man sich anstrengt. Und in der wir akzeptieren und es sogar als richtig empfinden, das K\u00f6nnen und Gl\u00fcck in einer freien Gesellschaft Unterschiede hervorbringen, wie es Alexander G\u00f6rlach richtig formuliert. Er erinnert uns an Martin Luther, der uns vor Augen gef\u00fchrt hat, dass der Mensch immer zugleich ein S\u00fcnder und ein Gerechter ist. Hei\u00dft das, dass es keine Helden geben kann? Nein. Es hei\u00dft, dass auch Helden Fehler machen. Und es hei\u00dft, dass jeder von uns ein Held sein kann. Und das ist ein sch\u00f6ner Gedanke.<\/p>\n<p>Das Lesen des Buches und vor allem das Nachdenken dar\u00fcber ist lohnenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Schlie\u00dflich sprach nicht nur die ganze Stadt dar\u00fcber, sondern auch die BILD sowie die Radiosender griffen die Geschichte auf. 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