{"id":1410,"date":"2012-12-10T10:36:27","date_gmt":"2012-12-10T09:36:27","guid":{"rendered":"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/?p=1410"},"modified":"2017-02-16T09:31:25","modified_gmt":"2017-02-16T09:31:25","slug":"ein-spiegelbild-fur-nerds-und-internetausdrucker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=1410","title":{"rendered":"Ein Spiegelbild f\u00fcr Nerds und Internetausdrucker"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze gerade im Zug nach einer wirklich anstrengenden Sitzungswoche. Auch wenn die Entscheidung \u00fcber eine Neujustierung der Griechenlandhilfe sicher die wichtigste Entscheidung war rege ich mich noch \u00fcber die Debatte zum so genannten Leistungsschutzrecht auf. Warum und was mich \u00e4rgert, ist <a href=\"http:\/\/petertauber.wordpress.com\/2012\/12\/03\/das-leistungsschutzrecht-seufz\/\" title=\"Das Leistungsschutzrecht #seufz\" target=\"_blank\">eine andere Geschichte<\/a>. F\u00fcr die Fahrt habe ich mir Lekt\u00fcre mitgenommen und nun endlich das Buch \u201eInternet. Segen oder Fluch\u201c von Sascha Lobo und Kathrin Passig zu Ende gelesen. Danke! Das Buch ist f\u00fcr mich eines der lesenswertesten B\u00fccher des Jahres 2012 und wohltuend sachlich, unaufgeregt und zugleich witzig. So kann man also \u00fcber Netzpolitik auch nachdenken und schreiben.<\/p>\n<p>Sascha Lobo und Kathrin Passig muss man eigentlich nicht vorstellen. Halt! Doch muss man, denn ein Teil der Leser, an die sich das Buch richtet, kennen die beiden vielleicht noch gar nicht. Also hier mal ein paar Infos zum Nachlesen \u00fcber <a href=\"http:\/\/saschalobo.com\/\" title=\"Sascha Lobo\" target=\"_blank\">Lobo<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.kathrin.passig.de\/pages\/uebersicht.html\" title=\"Kathrin Passig\" target=\"_blank\">Passig<\/a>. Das ist aus meiner Sicht \u00fcbrigens die St\u00e4rke des Buches: Es ist nicht nur eine Selbstreflexion f\u00fcr alle Nerds, Piraten und Mitgliedern der \u201eNetzgemeinde\u201c, die sich von Lobo noch einmal bescheinigen lassen wollen, dass sie im Gegensatz zu Unternehmern, Politikern, Lehrern und eigentlich allen anderen das Netz verstanden haben. <\/p>\n<p>Das Buch ist f\u00fcr alle, die noch nicht so recht wissen, ob sie das Internet jetzt lieben sollen oder nicht. Auch die Internetausdrucker d\u00fcrften bei der Lekt\u00fcre Spa\u00df haben. Keinen Spa\u00df hat, wer nicht offen ist und gar keine wirkliche Diskussion \u00fcber die Folgen des Netzes f\u00fcr unsere Gesellschaft sucht. Eine gute Gelegenheit, mal mein Lieblingszitat zu platzieren. \u201eEine Diskussion ist unm\u00f6glich mit jemandem, der vorgibt, die Wahrheit nicht zu suchen, sondern schon zu besitzen\u201c, hat Romain Rolland einmal gesagt. Wer sein eigenes Weltbild nicht hinterfragt sehen will, der liest das Buch also besser nicht (und das gilt explizit f\u00fcr beide Seite \u2013 also f\u00fcr die Markus Beckedahls und Hans-Peter Uhls). Das Buch will eine Diskussion und l\u00e4sst dabei immer beide Seiten zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber Passig und Lobo allerdings nicht mehr streiten ist die Feststellung, dass das Netz inzwischen zu so etwas wie einem \u201eGesellschaftsbetriebssystem\u201c geworden ist. Und auch die erkl\u00e4rten Skeptiker kommen ja nicht umhin, zuzugeben, dass diese Einsch\u00e4tzung stimmt. Das merkt man schon daran, dass ich bis jetzt wenig Mitstreiter f\u00fcr meine Forderung gefunden habe, das Internet einmal auszudrucken und dann abzuschalten. Ich bin durch das Buch allerdings mehr als vers\u00f6hnt, denn als Historiker schlug mein Herz bei der Lekt\u00fcre auch deswegen h\u00f6her, weil es gespickt ist mit historischen Vergleichen und Anekdoten, die uns erahnen lassen, wie k\u00fcnftige Generationen \u00fcber manche heute mit heiligem Ernst vorgetragenen Wortbeitr\u00e4ge oder geschriebene Namensartikel denken werden. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/tauber.he-webpack.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/internet_segen_oder_fluch.png?w=183\" alt=\"internet_segen_oder_fluch\" width=\"183\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1415\" \/><\/p>\n<p>Die aufs Heute \u00fcbertragenen Beispiele werden nicht jedem gefallen, aber sie halten uns nicht nur einen Spiegel vor, sondern machen die Lekt\u00fcre extrem kurzweilig. Man muss erst mal drauf kommen, die 1989 von Ronald Reagan, dem personifizierten kalten Krieger, gemachte \u00c4u\u00dferung: \u201eDer Goliath des Totalitarismus wird besiegt werden durch den David Mikrochip.\u201c in Kontext zu setzen mit der Technikgl\u00e4ubigkeit mancher Piraten, die im Netz automatisch den n\u00e4chsten Quantensprung f\u00fcr mehr Demokratie sehen. Der Einwurf der Autoren, dass Technik zwar neue Perspektiven er\u00f6ffne, aber Reagans Glaube, dass die moderne Technik den Kommunismus besiegen werde genauso wie die Haltung vieler Piraten, das Internet heute automatisch Freiheit und Demokratie st\u00e4rke, ein Optimismus \u201egegen\u00fcber der Technik, bei dem die Weltverbesserung automatisch ab Werk eingebaut\u201c sei, der doch recht blau\u00e4ugig anmutet. Beide erinnern an den jeweiligen Passagen des Buches, an denen diese Zukunftsoffenheit angesprochen wird, immer wieder daran, dass es an uns liegt, ob die Entwicklung positiv verlaufen wird. Sie tun das dann ohne den sonst so oft erhobenen Zeigefinger. Auch das macht das Lesen angenehm. <\/p>\n<p>Mein absoluter Lieblingssatz r\u00e4umt mit dem Hype rund um die Bedeutung der sozialen Netzwerke f\u00fcr den arabischen Fr\u00fchling auf. Unabh\u00e4ngig davon, dass wir noch gar nicht wissen, ob dieses Aufbegehren gegen Machthaber wirklich zu mehr Freiheit oder nicht zu islamischen Gottesstaaten f\u00fchren wird, waren manche sich nicht zu bl\u00f6d, den Ausbruch der Revolutionen sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook zuzuschreiben. Lobo und Passig versteigen sich zu der These: \u201eIntensive Hintergrundrecherchen f\u00fcr dieses Buch ergaben jedoch, dass es auch schon vor Facebook und Twitter zu Revolutionen gekommen sein soll.\u201c Das musste mal gesagt werden. <\/p>\n<p>Inhaltlich wird nahezu alles geboten. Mir hat der kritische Blick auf die Kulturflatrate ebenso gut gefallen, wie die Beschreibung der verschiedenen Szenarien zur Neufassung des Urheberrechts. Lobo und Passig trauen sich dabei nicht nur, unvoreingenommen alle M\u00f6glichkeiten auszuloten, sondern geben auch noch eine Prognose ab, wie realistisch die einzelnen Szenarien sind. <\/p>\n<p>Andere Themen sind Datenschutz,  Partizipationsm\u00f6glichkeiten und die Regulierung des Netzes. Nat\u00fcrlich geht es auch um das st\u00e4ndige Abw\u00e4gen von Sicherheit und Freiheit. Sie relativieren des Wehklagen \u00fcber die Selbstentm\u00fcndigung des Menschen durch den personalisierten Algorithmus ebenso wie sie uns daran erinnern, dass die Dinge, die wir im Internet finden, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sind und eben nicht durch das Netz \u201egemacht\u201c.  <\/p>\n<p>Auch auf den (vermeintlichen) Widerspruch, dass \u201elibert\u00e4re Netzfreunde\u201c nicht mehr grunds\u00e4tzlich staatliche Regulierung ablehnen \u2013 zum Beispiel beim Thema Netzneutralit\u00e4t \u2013 verweisen die Autoren.  Gut ist au\u00dferdem, wie Passig und Lobo kritisch mit der Hysterie rund um die Filterbubble umgehen und hier relativieren ohne blau\u00e4ugig zu sein. Viele kluge Gedanken also.<\/p>\n<p>Besonders gut hat mir auch die Stelle mit dem toten Eichh\u00f6rnchen gefallen. Nein ich bin kein Tierqu\u00e4ler und ich finde, dass Eichh\u00f6rnchen nette Tierchen sind (aber ohne Chance im Vergleich zum Biber). Aber da sind wir schon beim Punkt.  Ob a) andere diese Einsch\u00e4tzung teilen oder es b) \u00fcberhaupt f\u00fcr relevant halten, sich mit dieser Frage zu besch\u00e4ftigen, entscheide nicht ich. Und genau auf diesen Punkt gehen die Autoren ausf\u00fchrlich ein. Aus meiner Sicht ist es die entscheidende Frage, denn nicht nur mit Blick auf das Internet sollten wir akzeptieren, dass die Meinungen dar\u00fcber, was wirklich wichtig ist, weit auseinandergehen.  Mehr Gelassenheit, weniger schnelle Emp\u00f6rung, mehr Offenheit f\u00fcr Sichtweisen anderer \u2013 das ist f\u00fcr mich der rote Faden, der sich durch das Buch zieht.<\/p>\n<p>Die Liste der Punkte, die ich noch erw\u00e4hnenswert finde, ist so lang, dass ich aufpassen muss, hier nicht den Rahmen zu sprengen. Darum h\u00f6re ich an der Stelle mal auf und kann nur sagen: Lest selbst! Hurra!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\"><p>Ich sitze gerade im Zug nach einer wirklich anstrengenden Sitzungswoche. Auch wenn die Entscheidung \u00fcber eine Neujustierung der Griechenlandhilfe sicher&hellip;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\">\n\t<a href=\"https:\/\/blog.petertauber.de\/?p=1410\" class=\"more-link\">\n\t\tWeiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Ein Spiegelbild f\u00fcr Nerds und Internetausdrucker&rdquo;<\/span>&hellip;\t<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1414,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[785,121,7],"tags":[206,250,265,92,301,120,777,349,350,351,356],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/blog.petertauber.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/img_0344_s.jpg","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p35WCI-mK","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1410"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1410"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1410\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3004,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1410\/revisions\/3004"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1414"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.petertauber.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}