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Medienkompetenz und Verantwortung, frei nach Yoda: „Viel zu lernen du noch hast!“

Digitale Souveränität ist ein Begriff geworden – seit wir die digitale Welt fest in unseren Alltag integriert haben. Wie genau wir diese Souveränität aber erlangen können – darüber wird weniger gesprochen. Das Stichwort lautet Medienkompetenz.
Was diese umfasst, sind die individuell erlangten Antworten auf eine ganze Reihe von wichtigen Fragen: Wie gehen wir selbst – also jeder einzelne von uns – mit digitalen Medien um? Sind wir beispielsweise sensibel genug mit unseren Daten? Wie sieht überhaupt der digital souveräne Nutzer aus? Was kann Medienkompetenz hier leisten? Wie können wir insbesondere unsere Kinder und Jugendlichen kompetent und souverän auf die digitale Welt vorbereiten? Nutzen unsere Schulen und Universitäten schon alle Möglichkeiten, um junge Leute auf die digitale Welt vorzubereiten? Wo muss der Staat helfend eingreifen – Stichwort Jugendschutz und Jugendmedienschutz.
Die Relevanz dieser Fragen ist offensichtlich. 75-95% der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 13 Jahren sind online, über 50% der älteren täglich. Es nützt also nichts, die digitale Welt „abgetrennt“ von der Realität zu vermitteln. Für Kinder und Jugendliche ist sie nämlich schon Alltag.

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Die Politik kann hierzu das Fundament legen, durch gesetzliche Vorgaben für den Jugend- und Jugendmedienschutz. Allerdings greifen diese allein zu kurz. Die Eltern und Schulen stehen in der Verantwortung, ihren Kindern den bewussten Umgang mit der digitalen Welt zu vermitteln. Gleichzeitig müssen die Lehrenden den aktuellen Stand vermittelt bekommen. Das sind langfristige Prozesse, die sich durch konstanten Austausch bereichern müssen. Online-Mobbing, Gewaltdarstellungen und fragwürdige Inhalte – das sind stets neue Herausforderungen, denen Eltern mangels Hintergrundwissen oft überfordert gegenüberstehen. Deshalb ist es so wichtig, dass zwischen allen Beteiligten – Schule, Eltern und Jugendlichen- Austausch stattfindet. Dazu unterstützende Strukturen zu schaffen ist die Aufgabe der Beteiligten.
Ein digital-souveräner Mensch ist also jemand, der die Chancen der Informations- und Kommunikationstechnologie nutzt und gleichzeitig um die Risiken weiß, sodass er die angemessenen Entscheidungen treffen kann.
Peter Bisa und Mike Friedrichsen haben zu diesem Themenkomplex ein Buch veröffentlicht, das sich explizit mit der digitalen Souveränität und den von ihr aufgeworfenen Fragen beschäftigt. Die Beiträge spannen einen Bogen zwischen politischer, wirtschaftlicher, juristischer und kultureller Ebene. Und so wird deutlich, dass die Auseinandersetzung über die Verantwortung im digitalen Raum auch in den kommenden Jahren an Bedeutung nur gewinnen wird. Ich empfehle dieses Buch gern jedem, der sich in dieser Hinsicht informieren möchte.

Koalitionsvertrag: So viel Digitales war noch nie!

Sigmar Garbiel (l.), Angela Merkel und Horst Seehofer (r.) präsentieren am Mittwoch den unterschriebenen Koalitionsvertrag auf der Fraktionsebene im Reichstag.

Sigmar Garbiel (l.), Angela Merkel und Horst Seehofer (r.) präsentieren am Mittwoch den unterschriebenen Koalitionsvertrag auf der Fraktionsebene im Reichstag. Foto: Tobias Koch/tobiaskoch.net

Nun liegt der Koalitionsvertrag vor. Hier findet man als kleinen Service einen mit Zeilennummern versehenen Koalitionsvertrag zum Download, in dem die Bereiche markiert sind, die sich mit Fragen der Digitalisierung beschäftigen. Ich bin der Meinung: So viel Digitales war noch nie. Die Unterarbeitsgruppe Digitale Agenda, der ich angehört habe, hat nicht nur ein eigenes Kapitel zu verantworten, sondern wir haben auch Bausteine für andere Stellen des Vertrags geliefert. Darum findet man quer durch das ganze Papier Vorhaben, Ziele und Prüfaufträge, die einen Bezug zur Netzpolitik haben. Ich finde, das ist eine gute Arbeitsgrundlage für die nächsten vier Jahre – sollte die Basis der SPD zustimmen.

Koalitionsvertrag Digitale Agenda CDU CSU SPD 27 11 2013

Babette und #kürschnergate


Wenn man der Presse Glauben schenken durfte, dann legte eine Wahlkreismitarbeiterin einer Grünen-Bundestagsabgeordneten das „E-Mail-System“ des Deutschen Bundestages lahm. Die Berichte lesen sich hochdramatisch und die Meldung schaffte es beispielweise bei der „Berliner Morgenpost“ auf Seite 1. Aber eigentlich ist nichts passiert – außer, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abgeordneten sich an einem in der Regel stressigen Tag in einer Sitzungswoche gemeinsam einen Spaß machten.

Was war passiert? Die Mitarbeiterin Babette hatte eigentlich nur statt auf „Antworten“ auf „Allen Antworten“ geklickt und ihre Antwort an das Büro ihrer Abgeordneten in Berlin abgesetzt. Nicht so schlimm. Wem ist noch kein E-Mail-Patzer passiert? Erst zwei Stunden später ging das E-Mail-Stürmchen allerdings los und wurde eigentlich nur durch ein paar Spaßbremsen gestört, die über „Allen Antworten“ mitteilten, dass man sie doch aus dem Verteiler nehmen solle. Alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter amüsierten sich königlich.

Und dann ging es los: Gut 180 E-Mails an Alle, das sind bei ca. 4.000 Adressen 720.000 E-Mails. Das hat aber weder die Arbeit für den ganzen Tag behindert oder gar lahm gelegt, noch sind 180 E-Mails am Tag in einem Abgeordnetenbüro ungewöhnlich. Alle haben köstlich gelacht und sind gut gelaunt in die Mittagspause gegangen. Hier ist nichts zusammengebrochen und E-Mails sind ganz normal und ohne merkbaren Verzug zugestellt worden.

Viel schlimmer war es hingegen für die Büros übrigens am 27. September 2011, als man über 800 E-Mails zum ESM-Vertrag über abgeordnetencheck.de zugesandt bekam. Diese Flut von Kampagnen-Massen-SPAM-Mails hat die Arbeit wirklich behindert und war weder lustig, noch ein wirklich inhaltlicher Beitrag zu dem schwierigen Thema ESM.

#kürschnergate war gestern für ein paar Stunden eine nette Episode und wird eine schöne erinnerungswerte Anekdote unter den Mitarbeitern bleiben. Aber es ist mitnichten so, dass der Bundestag den ganzen Tag lahm gelegt war. Das ist einfach Unsinn.

Aber: Es hat Spaß gemacht und das ist das wichtigste. Nun – um eine Anekdote reicher – sitzen auch meine Mitarbeiter wieder am Schreibtisch, schmunzeln noch ein wenig über die schönen überzogenen Zeitungsberichte und freuen sich, dass sie dabei waren. Danke Babette! Der Spaß sei Ihnen gegönnt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen keinen 08/15-Job, sondern bringen einen hohen und auch zeitintensiven Einsatz, der über eine klassische 40-Stunden-Woche oft hinausgeht. Also auch ein Dank an alle motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die wir Abgeordneten aufgeschmissen wären.

Der Regulierer im eigenen Haus erspart das Gesetz

Nach dem gescheiterten Jugendmedienschutzstaatsvertrag gibt es nun diverse Anläufe, dass Thema Jugendschutz im Internet neu auf die Tagesordnung zu setzen. Das Ansinnen ist löblich, denn in der Tat gilt es Kinder und Heranwachsende davor zu bewahren, sich das eine oder andere „Unschöne“ im Netz anzusehen oder damit konfrontiert zu werden. Die Frage ist aber zunächst einmal, mit welchem Ziel das geschieht. Wenn der Anspruch ist, Kinder und Jugendliche von allem fern zu halten, was einen schlechten Einfluss ausüben könnte, dann wird diese Form des Jugendschutzes kläglich scheitern. Trotz aller Gewaltprävention lässt sich schließlich auch nicht jede Schulhofschlägerei verhindern und ganz ehrlich – Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass es im Leben nun mal oft nicht gerecht zu geht, sondern dass es Unbill und Ärgernisse gibt, denen man sich stellen muss – auch das ist etwas, dass Kinder lernen müssen. Entscheidend ist also nicht, Kinder von der Lebenswirklichkeit abzuschotten (und das gilt auch für das Internet), sondern sie dabei zu begleiten, wenn sie das Internet für sich entdecken.

Das hierzu notwendige Stichwort ist „Medienkompetenz“. Es ist daher wichtig, dass die Enquete-Kommission diesem Thema eine eigene Projektgruppe unter der Leitung von Thomas Jarzombek gewidmet hat. Deutlich ist bei den konstruktiven Diskussionen geworden, dass Medienkompetenz unter dem speziellen Gesichtspunkt des Internets eine Querschnittsaufgabe ist. Keineswegs geht es nur darum, Heranwachsende zu begleiten und ihnen das Handwerkszeug zu vermitteln, um sich im Netz sicher und selbstbestimmt bewegen zu können. Gleiches gilt nämlich für Pädagogen aber vor allem auch für Eltern. (Nebenbei bemerkt: auch politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger müssen ein Mindestmaß an Medienkompetenz mitbringen, wenn sie sich mit netzpolitischen Fragen befassen.) Daraus folgt, dass Medienkompetenz auch eine permanente Aufgabe ist und man mit Blick auf den Jugendschutz nur schwerlich einen Zustand erreichen wird, bei dem Politiker ein Gesetz machen und man sich dann entspannt zurück lehnen kann. So wird das nicht funktionieren.

Unter dem Gesichtspunkt des Jugendschutzes springt daher aus meiner Sicht der Ruf nach gesetzli-chen Regelungen viel zu kurz. Auch die Selbstregulierung von Inhalteanbietern im Netz, die analog zur Filmindustrie diskutiert wird, kann nur ein weiterer Baustein sein. Das Internet führt uns hier deutlich die Begrenztheit staatlicher Eingriffsmöglichkeiten vor Augen, wenn wir in einem Abwä-gungsprozess von Jugendschutz und staatlicher Regulierungsmöglichkeiten nicht Freiheitsrechte im Internet beschneiden wollen. Meine Position ist klar: ich will das nicht und bin deswegen auch ein erklärter Gegner von Netzsperren (was natürlich nicht einem Freibrief zur Verbreitung illegaler Inhalte im Netz gleichkommt).

Wenn man von der unzureichenden Möglichkeit staatlicher Regulierung im Jugendschutz mit Blick auf das Internet überzeugt ist, dann muss der Blick zweifelsfrei auf die Eigenverantwortung des Einzelnen fallen. Es ist bezeichnend, dass viele Eltern nach der Politik rufen, um unliebsame Inhalte aus dem Internet zu verbannen, aber viel zu wenige Mamis und Papis sich einmal daheim hinsetzen, um die oft kostenlose Jugendschutzsoftware auf dem heimischen Rechner zu installieren. Und es wäre fahrlässig, wenn die Politik weiter den Eindruck vermittelt, sie könne dieses Problem den Eltern abnehmen. Das entledigt den Staat nicht einer gewissen Fürsorge, die aber nur darin bestehen kann, Eltern und Pädagogen das notwendige Werkzeug in die Hand zu geben, um den Jugendschutz zu gewährleisten. Darauf haben Eltern und Pädagogen durchaus einen Anspruch. Dann sind sie aber auch selbst gefragt! Neben der Frage guter Software im Bereich des Jugendschutzes sind Eltern nämlich aufgefordert, mit den Sprösslingen das Gespräch zu suchen und darüber zu reden, was sie da im Internet gesehen haben. Machen wir uns nichts vor: es gibt sicherlich angenehmere Gespräche als mit dem eigenen Nachwuchs über Pornografie und Gewalt sowie politischen Extremismus im Netz zu sprechen. Auch hier kann der Staat ihnen die Erziehungskompetenz kaum abnehmen, sondern allenfalls durch geschultes Personal in Betreuungseinrichtungen und Schule Hilfestellungen geben. Ansätze gibt es vielfältige – wie beispielsweise die Schulungsmaßnahmen der Heraeus-Bildungsstiftung im Bereich social media für Lehrerinnen und Lehrer.
Ich bleibe aber bei der Überzeugung: Der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen zu Hause geht den Staat aber nichts an. Hier sind die Eltern gefragt. Und wer wieder nach staatlicher Regulie-rung ruft: jedes Kind hat zwei Regulierer zu Hause. Ein so hohes Maß an staatlicher Aufsicht wäre gar nicht zu leisten.

Ein Laptop für jeden Schüler!

Nicht nur als Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags haben mich die folgenden Zahlen besonders beeindruckt: Nach einer Recherche des britischen Beratungsunternehmens „Pingdom“ wurden im vergangenen Jahr ca. 36 Milliarden Bilder auf Facebook hochgeladen und pro Tag 2 Milliarden Videos auf Youtube angeklickt. Dazu wurden nach einer Schätzung weltweit 107 Billionen E-Mails versendet. Um das zu verdeutlichen und anschaulich zu machen, möchte ich diese Zahl einmal ausschreiben: 107.000.000.000.000 E-Mails. Unvorstellbar oder?

Schon als die Shell-Jugendstudie 2010 erschienen ist, haben mich die neuen Erkenntnisse zum Thema Internet und Jugend positiv überrascht. Danach verfügen 96 % der Jugendlichen in Deutschland über einen Internetanschluss und nutzen diesen ca. 15 Stunden pro Woche für unterschiedlichste Interessen. Ganz oben im Kurs steht dabei die Nutzung sozialer Netzwerke. Über die Hälfte der Jugendlichen gaben an, mehrmals am Tag soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. zu benutzen. Dabei bewegen sich viele – und nicht nur Jugendliche, sondern auch Eltern und andere – auf einem schmalen Grad zwischen Spaß und Nutzen aber eben auch zwischen Gefahren und Risiken. Eine ganz offensichtliche „Gefahr“, die aber vielen anscheinend nicht bewusst ist, ist das Preisgeben von persönlichen Daten. Bei der Studie gaben über die Hälfte der Jugendlichen an, die Privacy-Option, die ermöglicht, den Kreis der Menschen zu reduzieren, die Zugriff auf die hinterlegten Informationen haben, nicht zu nutzen. Es ist anzunehmen, dass die Zahlen bei den Erwachsenen entsprechend gleich hoch sind. Aber woher soll ich diese Funktion kennen? Und warum ist sie für mich überhaupt wichtig? Diese Frage kann nur beantworten, wer über das verfügt, was wir Medienkompetenz nennen.

Wir leben heute in einer Welt, in der wir ständig von Medien umgeben sind. Wir nutzen Medien und mediale Inhalte um uns zu informieren, um zu kommunizieren und um uns zu präsentieren. Dabei sind vor allem die elektronischen Medien zu einem zentralen Bestandteil unseres Lebens geworden, denn diese eröffnen uns ein völlig neues Spektrum an kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe. Aber diese Medienwelt befindet sich wie nie zuvor in einem ständigen Wandel und bringt täglich neue Herausforderungen mit sich. Diese Herausforderungen zu erkennen und mit ihnen umgehen zu können, aber auch das kritische Reflektieren von Angeboten und Inhalten, beschreibt unter anderem den Begriff der Medienkompetenz. Diese Kompetenz soll darüber hinaus auch ein allgemeines, grundlegendes Wissen verschaffen; beispielweise die Bedienung von Geräten oder das strukturelle Arbeiten mit dem Internet soll Teil des Wissens über Medien beinhalten.

Aktuell suchen viele Experten der Medienbranche eine Antwort auf die Frage, wie man denn Medienkompetenz am besten erlernt? Ich persönlich glaube, dass ein wesentliches Element der selbstverständliche Umgang mit dem Computer ist. Ein wichtiger Schritt nach vorne wäre es daher, wenn alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland (und natürlich die Lehrerinnen und Lehrer) einen Laptop zur Verfügung gestellt bekommen. In anderen Ländern gibt es solche Projekte bereits – und die Erfolge können sich sehen lassen. Neuseeland beispielsweise stellt allen Pädagogen einen Rechner zur Verfügung. So wird nicht nur gespielt, sondern Schülerinnen und Schüler können ihre Hausaufgaben und Rückfragen zur Klausurvorbereitung per Email an den Lehrer schicken. Eine tolle Sache. Die SPD hat im Zuge der Diskussion um die Hartz-IV-Reform gefordert, 7.500 Schulsozialarbeiter in die Schulen zu schicken. Für das Geld könnte man auch alle Schülerinnen und Schüler mit einem Laptop ausstatten. Eine durchaus sinnvollere Alternative zum Vorschlag der SPD wäre das und mit den 2,7 Milliarden Euro – die die Schulsozialarbeiter jährlich kosten würden – ohne weiteres mögliches.

Die Schulen haben wie keine andere Institution die Möglichkeit, Kinder von klein an schrittweise den Umgang mit Medien zu vermitteln und ihnen dabei theoretisches und praktisches Wissen im allgemeinen Lernprozess der Schule beizubringen. Hier sind aber auch die Eltern gefragt. Die Kinder können zu Hause Vieles lernen, das über den Unterricht in der Schule hinausgeht. Außerdem ist es wichtig, dass die Kinder Spaß an der Sache haben. Auch hier können die Eltern ihre Kinder unterstützen, sie aber auch bewusst vor gefährlichen Inhalten schützen und ganz nebenbei noch etwas für sich selbst über Medien lernen.

Ich denke, dass man anhand der 25 Milliarden Tweets und den 107 Billionen E-Mails die im Jahr 2010 verschickt wurden, sehen kann, dass es eine große Nachfrage nach medialer Teilhabe in der Gesellschaft gibt. Ob nun alt oder jung, erfahren oder unerfahren: jeder kann sich in der Welt der Medien zurechtfinden und seinen ganz persönlichen Nutzen daraus ziehen. Es ist Aufgabe der Politik und Verantwortung von Eltern und Pädagogen, dass die junge Generation auf diesem Weg selbstbestimmt voranschreitet und wir sie ermutigen und daran teilhaben und nicht skeptisch und ablehnend daneben stehen. Für die Zukunft unserer Demokratie und Volkswirtschaft hängt viel davon ab.

Offline nichts verpasst?

Manche Bücher möchte man gerne lesen, kauft sie und dann liegen sie ewig auf dem langsam wachsenden Stapel. Ganz oft hält einem das Surfen (und lesen) im Internet davon ab, ein gedrucktes Buch in die Hand zu nehmen, sich in Ruhe hinzusetzen und einfach eine Stunde am Stück zu lesen. Vielleicht war es aufgrund des Titels bei mir diesmal anders. Als ich das Buch „Ich bin dann mal offline“ von Christoph Koch geschenkt bekommen habe, fielen mir sofort die vielen Abende ein, in denen ich mir vorgenommen hatte, ein Buch zu lesen und in denen ich das nicht geschafft habe, weil ich mich nicht von meinem Emailpostfach, Twitter und meinem Facebookprofil sowie Focus online trennen konnte. Ich war neugierig auf den „Selbstversuch“ von Christoph Koch, der ein „Leben ohne Internet und Handy“ – zumindest für vier Wochen – versucht hat.

Was zunächst einmal wie eine unterhaltsame Reminiszenz an unsere durch das Internet revolutionierte Medienwelt, die sich vollständig veränderte persönliche Kommunikation bzw. an die gute alte analoge Zeit wirkt, führt letztlich dazu, einmal persönlich über die eigene Internetnutzung zu reflektieren. Nicht nur Technikkritiker und Freunde der alten gelben Post beschleicht ja ab und an das Gefühl, das die neuen Medien eben nicht immer zu einer Effizienzsteigerung in unserer täglichen Arbeit mit Blackberry, iPhone und Laptop führen. Unter dem stark strapazierten Stichwort „Medienkompetenz“ wird ja landauf landab darüber gesprochen, was man tun kann, um den Verlockungen des weltweiten Netzes nicht willenlos zu erliegen.

Christoph Koch beschreibt nun sehr eindringlich die fast schon körperlichen Schmerzen zu Beginn seines kalten Entzugs. Jeder der einmal sein Smartphone im Taxi liegen gelassen hat (wie ich) oder für mehrere Stunden kein Ladegerät griffbereit hatte, wird schon erahnen können, wie nackt und unbeholfen man sich da fühlt. Und man denkt unwillkürlich: „Oh mein Gott! Der arme Kerl!“ Interessanterweise habe ich Christoph Kochs Selbstversuch nachvollzogen, indem ich mich während der Lektüre nicht zwischendurch durch einen Blick auf mein iPhone unterbrochen habe, so wie ich das sonst oft tue. Das lag schlicht daran, dass das Buch gut und flüssig zu lesen ist. Wie in einem Tagebuch berichtet Koch von unterschiedlichen Erlebnissen in einer Welt ohne Handy und Internet, die zumindest bei älteren Lesern Gedanken wie „Tja, so war das damals“ auslösen werden.

Dass er dabei nicht nur von den Schwierigkeiten, verbindliche Verabredungen zu treffen, berichtet und dabei zwangsläufig viele unterhaltsame Anekdoten entstehen (hier empfehle ich die Stelle, wo er in einem Café voller Internetuser mit Laptops einen wildfremden Mann a la Facebook im real Life „anstupst“), sondern sich immer wieder mit aktuellen Forschungen und den sich aus der Nutzung des Internets ergebenden Veränderungen für unsere Berufs- und Arbeitswelt auseinandersetzt, macht das Buch zusätzlich lesenswert. Es ist eben nicht nur kurzweilig und unterhaltend, sondern hält durchaus zahlreiche Denkanstöße bereit.

Wer wie ich im Internet vor allem auch die Chancen für politische Kommunikation sieht und bereits nutzt, der merkt ja auch hier, wo Grenzen gesetzt sind (Ich persönlich empfehle die Leserkommentare bei Spiegelonline. Es ist erschreckend, auf welchem Niveau dort sehr oft von den vermeintlich gebildeten Lesern dieses online-Magazins diskutiert wird). Zwei der von Koch wiedergegebenen „Gesetze des Internets“ haben mir daher so gut gefallen, dass ich sie als weiteren Denkanstoß für die politische Kultur im Netz gerne zitieren möchte: Godwins Gesetz „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins.“ Auch Poes Gesetz: „Ohne eine Zwinkersmiley oder andere deutliche Hinweise ist es unmöglich, religiösen Fundamentalismus so zu parodieren, dass sich niemand findet, der die Parodie fälschlicherweise für real hält.“ (beide Seite 60) verweist darauf, dass sachliche und offene Diskussionen im Netz oft schwierig sind, weil die vermeintliche Anonymität dazu verleitet, normale „Umgangsformen“ in der Diskussion zu vergessen.

Wer das Buch noch nicht gelesen hat, der sollte es sich vielleicht zu Weihnachten unter den Gabentisch legen. Und er tut gut daran, dem Autor zu folgen, indem er vielleicht in der so genannten „stillen Zeit“ des Jahres das Handy mal ein oder zwei Tage abschaltet und nicht alle zwei Stunden nachschaut, ob jemand bei Facebook oder per Email frohe Weihnachten gewünscht hat. Der Satz von Kierkegard: „Wenn die Stille einkehrt, passiert am meisten.“, den Christoph Koch ebenfalls zitiert, passt da ganz wunderbar.

Jugend in Deutschland ist online!

In Berlin wurde heute die Shell-Jugendstudie 2010 vorgestellt. Zwei zentrale Botschaften sind, dass die Jugend in Deutschland wieder positiver in die Zukunft schaut. 59 Prozent bewerten ihre eigenen Zukunftsaussichten als positiv und auch der Wunsch, später eine Familie zu gründen und Kinder zu haben, hat wieder zugenommen. Schon das ist ein nicht nur angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise, die den aktuellen Erfahrungshorizont der Jugendlichen prägte, gutes Signal der Studie.

Besonders interessant dürfte nicht nur für die Arbeit der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft aber das Kapitel zum Thema „Internet“ sein. Während 2002 knapp zwei Drittel aller Jugendlichen online waren und man eine entlang sozialer Schichten verlaufende Schere beobachten konnte, hat sich dieses Bild fundamental gewandelt: 96 Prozent und damit nahezu alle Jugendlichen haben einen Internetzugang! Dies ist eine erfreuliches Ergebnis, weil in der Tat die Frage, ob und wie man gerade auch in der jungen Generation eine digitale Spaltung verhindern könne, breiten Raum in der politischen Debatte und auch in ersten Gesprächen in der Enquete-Kommission einnahm. Auch in der Projektgruppe Netzneutralität war dieser Aspekt bereits angeklungen. Man kann also konstatieren, dass die gesellschaftliche Teilhabe aller Jugendlichen zumindest im Internet bereits Realität ist!

Angesichts der Tatsache, dass faktisch alle Jugendlichen online sind, lohnt aber ein genauerer Blick: Was machen junge Leute, wenn sie online sind? Wer nutzt die Zeit im Netz „effektiv“? Für wen reduziert sich das Internet auf die Freizeitgestaltung? Wer surft nicht nur drauflos, sondern lernt und arbeitet mit dem Internet? Auch hier sind die vorgelegten Ergebnisse spannend:  13 Stunden pro Woche verbringen Jugendliche online. Im Vergleich zum Jahr 2002 hat sich damit die Internetnutzung nahezu verdoppelt. Breiten Raum nehmen dabei die Aktivitäten in den sozialen Netzwerken ein. Immerhin für 29 Prozent stehen dabei die Information über das Geschehen in der Welt und politische Ereignisse im Vordergrund.

Die Studie skizziert zudem vier Nutzertypen: Der erste Typ wird als „Gamer“ bezeichnet. Rund 24 Prozent der vor allem männlichen Jugendlichen mit dem Schwerpunkt aus der Unterschicht spielt also vor allem, wenn er online ist. Die „digitalen Netzwerker“ hingegen sind mit 25 Prozent vor allem jüngere weibliche User, die surfen und die sozialen Netzwerke bespielen. Ebenfalls mehrheitlich weiblich wenn auch etwas älter sind die „Funktionsuser“, die das Netz zur Information, zum Nachrichtenaustausch und zum Einkaufen nutzen. Und die vierte Gruppe sind mit 34 Prozent eher ältere männliche User aus den oberen sozialen Schichten, die bei der Internetnutzung einen Schwerpunkt auf der gezielten Informationssuche und den sozialen Perspektiven erkennen lassen. Es zeigt sich also, dass trotz der allgemeinen Chance, das Internet zu nutzen, soziale Herkunft, Alter und Geschlecht wesentliche Merkmale dafür sind, was Mann und Frau im Internet tun. Dies muss auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kein Problem darstellen, selbst wenn es engagierten Anhängern von gender mainstreaming Kopfzerbrechen bereiten könnte. Mit Blick auf die sozialen Unterschiede ist aber in der Tat zu fragen, wie man auch den bildungsfernen (und meist unteren sozialen) Schichten das Internet als eine Chance begreifbar machen kann, die ihnen berufliche Perspektiven und damit sozialen Aufstieg ermöglicht. Das ist aus meiner Sicht eine wichtige Aufgabe und eng mit der Frage der individuellen Medienkompetenz verknüpft.

Dass die Enquete-Kommission sich in einer neu eingesetzten Projektgruppe der Medienkompetenz zuwenden will, ist daher konsequent. Auch die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie zeigen Handlungsperspektiven im Bildungs- und Erziehungsbereich auf. Es bleibt abzuwarten, ob Sachverständige und Politiker hier auf der Höhe der Zeit diskutieren oder am Ende wie der zwar stets bemühte, aber doch hoffnungslos überforderte Informatiklehrer in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts der aktuellen Entwicklung hinterherlaufen. Die Einbeziehung der Shell-Jugendstudie in die weitere Arbeit kann helfen, eine solche Entwicklung zu verhindern.