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Meine Predigt zur „Speisung der Fünftausend“

Am 26. Oktober 2014 hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau in der Wiesbadener Marktkirche eine Predigt zu halten. Den Predigttext findet man im Matthäus-Evangelium, Kapitel 14, Verse 13-21. Es geht um die bekannte Geschichte der Speisung der Fünftausend. Wer wissen will, warum diese Geschichte keine Ankündigung des allumfassenden Sozialstaates ist oder warum es ganz gut ist, dass die Jünger damals nicht verbeamtet wurden, der mag den Predigttext hier nachlesen:

Marktkirche in Wiesbaden

Am Ende des Gottesdienstes in der Marktkirche in Wiesbaden.

Liebe Brüder und Schwestern,

„Und sie aßen alle und wurden satt und hoben auf, was übrigblieb von Brocken, zwölf Körbe voll.“ So heißt es bei Matthäus. Ein schönes Happy End. Da wird am Anfang ein Mangel beschrieben, eine Herausforderung, eine Notlage – und dann kommt der Held, und am Ende ist alles gut.

Eigentlich eine schöne Vorlage für Hollywood oder von mir aus auch für die deutsche Filmförderung. Aber kennen Sie das nicht auch? Wenn man ins Kino geht und wenn dann der Film so wunderschön endet – dann sinkt man vielleicht zufrieden in den Sessel, aber irgendwie sagt man dann auch: „Eigentlich zu schön, um wahr zu sein.“

Daher ist das heutige Evangelium vielleicht doch keine geeignete Filmvorlage – denn die Erzählung von Jesus ist wahr! Vielleicht anders wahr, als wir uns heute eine naturwissenschaftlich-überprüfbare Wahrheit vorstellen. Aber dennoch: Ich glaube daran, dass diese Geschichte wahr ist. Doch was sagt uns diese Geschichte? Anstelle von 5000 will ich heute drei Gedanken mit Ihnen und Euch teilen:

Das Wunder der Gemeinschaft in Christus

Erstens: Jesus schenkt sich uns in der Gemeinschaft. Das Erleben von Gemeinschaft in Jesus schenkt uns einen Mehrwert. Ein technisches Wort, das so viel mehr meint – Frieden, Glück und Geborgenheit. Das Gefühl als Mensch angenommen und angekommen zu sein. Er lässt uns in Überfülle zurück.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Diese Zusage Jesu erleben wir Christen in jedem Gottesdienst; am deutlichsten bei der Feier des Abendmahles. Und nichts anderes nimmt die Erzählung von der Speisung der Fünftausend vorweg, denn auch hier heißt es: „Er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel und dankte und brach´s und gab die Brote den Jüngern.“ – Nehmen, danken, brechen und geben: all dies kennen wir vom Abendmahl.

Genau hierin liegt für mich eine tiefere Wahrheit der Geschichte. Es geht nicht einfach nur um eine Ethik des Teilens. Es geht durchaus um eine spezifisch christliche Ethik. Es geht um unseren Glauben an die durch Christus gestiftete Gemeinschaft. Denn ohne Jesus, ohne seine Vorwegnahme des Abendmahls wäre die Geschichte tatsächlich nur eine Filmvorlage. Dann wäre die Geschichte tatsächlich eine säkulare Wundergeschichte. Erst durch den Bezug zu Jesus wird diese Geschichte für uns Christen wahr.

Wenn wir also in Christus zusammenkommen, dann werden wir beschenkt, dann erfahren wir Überfülle – die Geschichte spricht von zwölf Körben, die am Ende übrig bleiben. Er macht uns satt. Nicht im buchstäblichen, aber übertragenden Sinne. Unsere Seele findet im Vertrauen auf Gottes Liebe und im Erleben christlicher Gemeinschaft Ruhe. Wir können fröhlich sein.

Sie wissen alle, dass diese Zahl kein Zufall ist: Denken Sie nur an die zwölf Apostel oder die zwölf Stämme Israels. Oder nehmen Sie die zwölf zum Quadrat, dann bekommen Sie 144 – laut Offenbarung des Johannes werden 144 000 gerettet werden. Zahlen haben in der Bibel immer Bedeutung.

Wofür stehen aber die zwölf Körbe? Zwölf ist das Produkt aus Drei und Vier. Drei ist die göttliche Zahl – Stichwort Dreifaltigkeit. Vier ist die menschliche Zahl oder die Zahl der irdischen Welt – vier Himmelsrichtungen, vier Elemente. Damit steht Zwölf für die Verbindung von Himmel und Erde, von Gott mit den Menschen. In der Zahl Zwölf berühren sich also Himmel und Erde.

Auch bei Lukas können wir von einer weiteren Speisenvermehrung lesen, der sogenannten Speisung der Viertausend. Dort bleiben am Ende sieben Körbe übrig. Diese Zahl ist nichts anderes als die Zwölf, da sie zwar nicht das Produkt, aber die Summe aus Drei und Vier ist.

So viel zur Zahlenspielerei: Am Ende bleibt die Botschaft, Gott und Mensch begegnen sich in dieser Geschichte. Sie begegnen sich jedoch nicht irgendwo, sondern in Christus.

Und das ist ja auch die Botschaft des gesamten Evangeliums: Jesus predigt stets vom Reich Gottes. Aber er predigt nicht nur vom Reich Gottes; er selbst als Person und auch sein Handeln sind ebenfalls immer ein Verweis auf dieses Reich Gottes.

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Mit Pfarrer Dr. Jeffrey Myers an der Kirchentür.

Brotvermehrung als Vorwegnahme des Himmelreiches

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Die Brotvermehrung als Vorwegnahme des Himmelreiches. Die Erzählung verführt, sie als politisches Programm und als Auftrag für unser Leben im Hier und Jetzt auszulegen. Das klingt verlockend und nach einer einfachen „Übersetzung“; geht aber an ihrem eigentlichen Kern vorbei. Auf den Verweischarakter von Jesus – auf die darstellende, übertragene Bedeutung, Bilder und Geschichten, die uns einen tieferen Sinn aufzeigen sollen – habe ich bereits hingewiesen. Werfen wir aber noch einen Blick auf den Ort des Geschehens:

Matthäus und Lukas sprechen von einer „Wüste“, Markus von einer „wüsten Stätte“. Die Einheitsübersetzung übersetzt mit „einsame Gegend“ oder „einsamer Ort“. Egal, welcher Übersetzung man folgt: Es handelt sich stets um einen Ort außerhalb der ‚zivilisierten‘ Welt – Jesus selbst entrückt dieses Geschehen unserer Welt; er verweist nicht auf das Hier und Jetzt, sondern auf das kommende Reich Gottes.

Das mag für den einen oder anderen von Ihnen zunächst einmal befremdlich klingen. Aber rufen Sie sich einmal die vielen guten Taten Jesu in Erinnerung, von der die Evangelien erzählen. Mir ist kein Fall einer Heilung bekannt, in deren Nachgang Jesus sagen würde: So, jetzt kannst Du wieder arbeiten gehen, Geld verdienen und Deine Familie durchbringen – am besten natürlich noch Steuern zahlen, damit das ganze Gemeinwesen gut funktioniert.

Jesu Wirken in der Welt war immer ein Wirken, das über das Hier und Jetzt hinauswies; es geht bei diesem Wirken immer um den Erlösungsgedanken; denken Sie nur an einen Satz wie: „Dein Glaube hat Dir geholfen.“

All das bedeutet, dass wir Jesus und die Erzählungen von seinem Wirken nicht missverstehen dürfen als praktischen Aktionsplan für die Bewältigung des täglichen Lebens. Natürlich schenkt uns Jesus, schenkt uns seine Botschaft Orientierung für unser eigenes Leben. Natürlich sind wir als Christen aufgerufen, bereits hier auf Erden am Reich Gottes mitzubauen. Wir würden uns aber übernehmen und uns selbst überfordern, wenn wir glaubten, wir selbst könnten diese Welt erlösen.

Die Geschichte von der Brotvermehrung verweist auf das Reich Gottes, auf unsere Erlösung, auf die Erlösung der ganzen Welt.

Die Grenzen des Politischen

Damit bin ich bei meinem dritten und letzten Punkt: Denn mit dem Verweis auf das Reich Gottes beschreibt die Geschichte auch die Grenzen des Politischen.

Als Politiker erliegt man ja oft der Versuchung, für alle Probleme eine Lösung parat haben und jederzeit Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen zu müssen. Umschrieben wird das häufig mit dem schrecklich klingenden Wort ‚Problemlösungskompetenz‘.

Auf die Spitze treiben wir Politiker diese Versuchung in der aberwitzigen Vorstellung, die Welt retten – oder in anderen Worten: die Welt erlösen zu können. Dieser Anspruch ist an Hybris und Selbstüberschätzung wahrscheinlich kaum zu übertreffen.

Aber – dieser Einschub sei mir erlaubt – eine solche Selbstüberschätzung hat ja ihren Ursprung nicht bei den Politikern alleine. Auch Wählerinnen und Wähler, Medien, Interessenvertreter treten mit dieser Erwartung an Politik heran.

Schauen wir uns doch nochmal kurz die Erzählung an: Da gibt es ein Problem, mit dem die Jünger Jesus konfrontieren. Der Ort ist öde, die Menschen hungrig. Und fünf Brote und zwei Fische sind für die Masse der Menschen – nach logischem Menschenverstand – eigentlich nicht genug. Eine typische Ausgangsposition eines Politikers.

In meiner Welt würde es jetzt erst richtig losgehen. Da würden einige Jünger ein erstes Konzept erarbeiten; Mehrheiten werden gesucht; Gegenkonzepte erstellt; Kompromisslinien gesucht; Petitionen eingereicht und so weiter und so fort.

Am Ende würde vielleicht ein Kompromiss stehen, der erst einmal berücksichtigt, wer von den vielen Menschen überhaupt bedürftig ist. Denn es ist doch nicht gerecht, wenn ein reicher Kaufmann unter den Zuhörern genauso behandelt werden würde wie ein arbeitsloser Fischer. Dann müsste aber natürlich auch Bedürftigkeit definiert werden und die Bedürftigen müssten ihre Bedürftigkeit nachweisen.

Am Ende muss das Ganze überwacht werden – mir käme da eine mögliche Verbeamtung der Apostel in den Sinn.

Stellen wir uns dies alles einmal vor: Glauben wir tatsächlich, dass am Ende noch zwölf Körbe übrig bleiben würden?! Das ganz vernünftig sogar eine Rücklage gebildet wurde? Nein, die Brotvermehrung ist keine Parabel auf das Politische, das ist nicht der Entwurf des allumsorgenden Sozialstaates.

Jesus geht es nicht einfach um das Stillen materieller Bedürfnisse – denken Sie nur an den Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Es geht um Bedürfnisse, die über das Materielle hinausgehen; um Bedürfnisse, die das Geistige in den Blick nehmen, das Bedürfnis nach Erlösung.

Wir werden – so hoffen wir – Erlösung im Jenseits erwarten dürfen. Aber eine Ahnung dieser Erlösung können wir bereits im Hier und Jetzt bekommen.

Es ist eine Erlösung, die auf das Miteinander bezogen ist. Eine Erlösung in der Gemeinschaft – Gemeinschaft in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, aber auch im gesellschaftlichen Miteinander. Hier sehe ich eine zentrale Aufgabe von Politik. Das lehrt uns das Gleichnis wieder: Sie muss für einen starken Zusammenhalt sorgen, für ein gelingendes Miteinander, für mit Leben gefüllte Solidarität.

Am Anfang dessen steht der Gedanke an die Freiheit des Einzelnen. Denn Freiheit steht am Beginn der christlichen Botschaft. Wenn man die Schöpfungsgeschichte liest, gerade auch die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies, dann wird deutlich: Gott hat uns Menschen als freie Wesen geschaffen. Gott wollte keine Marionetten oder Roboter, die einfach tun, was er sagt.

Daher heißt es auch bei Paulus im Galaterbrief – ich zitiere: „Ihr aber seid zur Freiheit berufen.“ (Gal 5,13)

Und wenige Tage vor dem Reformationstag erinnere ich auch gerne daran, dass eine der wichtigsten Flugschriften von Martin Luther den Titel trägt: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Hier beschreibt Luther treffend den scheinbaren Widerspruch der Freiheit: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Freiheit ist ein Schlüsselbegriff für uns Christen. Und gerade Politiker sind hieran fest gebunden. Die Freiheit zu achten, ist Auftrag der Politik. Gleichzeitig muss Politik die eigenen Grenzen kennen. Politik hat nicht die Aufgabe, die Welt zu retten; aber sie kann dabei helfen, dass Menschen im Miteinander und im Zusammenhalt eine Ahnung davon erfahren dürfen, was Erlösung und Begegnung mit Gott bedeuten kann.

Auch für diesen Gedanken steht die Erzählung von der Speisung der Fünftausend.

Schluss

Lassen Sie mich meine drei Punkte in drei Zitaten zusammenfassen. Mein erster Gedanke bezog sich auf die Gemeinschaft, deren Erleben ein Geschenk ist. Hierzu ein Zitat eines protestantischen Märtyrers. Klaus Bonhoeffer, der ältere Bruder Dietrich Bonhoeffers, ebenfalls von den Nationalsozialisten hingerichtet, schreibt in seinem Abschiedsbrief: „Wer aber herzlich dankbar annimmt, gibt oft mehr.“

Meinen zweiten Gedanken – die Brotvermehrung als Vorgriff auf das Himmelreich – möchte ich unter einen Ausspruch stellen, der auf den Philosophen Karl Popper zurückgeht; er heißt: „Wer den Himmel auf Erden will, schafft die Hölle auf Erden!“. Oder wie Bundespräsident Joachim Gauck einmal sagte: „Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.“

Schließlich noch ein Zitat zu den Aufgaben des Politikers. Das Zitat stammt von Papst Benedikt, und ich finde, dass man fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers auch einen Papst in einer evangelischen Kirche zitieren darf. Vor dem Deutschen Bundestag sagte Benedikt: „Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute können wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Genau diese Bitte möchte ich auch heute äußern. Und ich möchte Sie bitten, mich und alle Verantwortungsträger unseres Landes in diesem Sinne in Ihr Gebet zu nehmen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Ewigkeit. Amen!

Vor dem Besuch des Papstes

Ich freue mich auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin und seine Rede im Deutschen Bundestag. Bereits im April hatte ich die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater in Rom am Rande einer Generalaudienz. Obwohl ich evangelischer Christ bin, war ich doch von dem Gespräch aber vor allem auch von der Generalaudienz auf dem überfüllten Petersplatz mehr als beeindruckt. Wer das einmal miterlebt hat, der muss erkennen, dass die katholische Kirche als weltweite Organisation vor allem auch eine sehr junge Bewegung ist. Der große Teil der Menschen, die dem Papst zugejubelt haben, waren Jugendliche aus allen Teilen der Welt. Wir sollten uns daher vor Augen führen, dass der Papst eben nicht nur für die Millionen katholischer deutscher Christen, sondern weltweit für mehr als eine Milliarde Menschen spricht.

Und ich persönlich bin fernab von theologischen Auseinandersetzungen der Überzeugung, dass es sich sehr wohl lohnt, ihm zuzuhören. Wer seine Bücher gelesen hat, der weiß, dass er ein außergewöhnlich kluger Mann ist und dass er Erfurt als bedeutende Stätte der Reformation besucht, empfinde ich persönlich als ein gutes Zeichen für die Ökumene. Auch deshalb bin ich auf seine Rede gespannt. Papst Benedikt XVI. hat in den letzten Jahren in vielen wichtigen Debatten mahnend die Stimme erhoben: ob beim Friedensprozess im Nahen Osten oder bei der Regulierung der nahezu entfesselten Finanzmärkte. Er und seine Vorgänger haben immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit, für die Bekämpfung der Armut und die Würde des Menschen die Stimme erhoben.

Den Kollegen, die der Rede fernbleiben wollen, sei gesagt: es ist kleinkariert, Ergebenheitsadressen an Fidel Castro zu schicken, noch 2001 begeistert Wladimir Putin zu beklatschen und nun einem der großen Denker unserer Zeit nicht einmal Gehör schenken zu wollen. Der Papst wird weltweit als moralische Instanz geschätzt und zitiert. Selbst Joschka Fischer eilte vor dem Irak-Krieg 2003 in den Vatikan, um nach dem Gespräch unter einem großen Madonnenbild zu erklären, dass er und der Heilige Vater um den Weltfrieden besorgt seien. Auch er kannte damals die päpstliche Sexualmoral. Von der Trennung von Staat und Kirche war damals auch nicht die Rede. Hören wir also auf, uns aufgrund von parteipolitischen Opportunitäten zu streiten, sondern hören wir lieber einmal zu, so wie es vermutlich alle Fraktionen geschlossen bei einem Besuch des Dalai Lama getan hätten. Zuhören tun Politiker vielleicht eh zu selten. Der Papst hat uns nämlich etwas zu sagen – egal, ob wir Christen sind oder nicht.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil III

Kirchen, Kirchen, Kirchen

Angeblich 1.000 Kirchen gibt es in Rom, so hat es uns zumindest unsere italienische Reisebegleitung erklärt. Ich habe das nicht überprüft, aber wenn man das Stadtbild in Augenschein nimmt, ist man sofort bereit, dieser Zahl Glauben zu schenken. So stand der zweite Tag eher im Zeichen der geistlichen Erbauung, der Kunst- und Kirchengeschichte sowie einer Diskussionsrunde der Konrad-Adenauer-Stiftung – aber selbst diese fand in historischen kirchlichen Gemäuern statt.

Den Morgen begannen wir mit dem Feiern eines Gottesdienstes an einem durchaus außergewöhnlichen Ort. In einer im 4. Jahrhundert über den Domitilla-Katakomben erbauten Basilika hatte das „Großer Gott wir loben Dich“ doch einen ganz besonderen Klang. Für mich als Historiker war natürlich der anschließende Besuch der Katakomben selbst besonders spannend. Die Domitilla-Katakomben sind die größte unter diesen mehr als 60 frühchristlichen Grabstätten in Rom. Über fünf Stockwerke auf einer Länge von mehr als 15 Kilometern gruben die Menschen in die Erde, um ihre Toten zu bestatten. Neben christlichen Märtyrern ist hier angeblich auch die Tochter des Petrus, Petronella, bestattet worden.

Nach diesem Ausflug in das antike Rom ging es in die zweite Kirche an diesem Tag: die Basilika St. Paul vor den Mauern, dem Ort wo Paulus begraben liegt. Im Jahr 1823 abgebrannt, aufgebaut als Zeichen der Einheit der Christenheit mit Gastgeschenken und Unterstützungen aus Russland, England und anderen Nationen und christlichen Kirchen beherbergt sie nicht nur das Grab des Paulus, sondern auch eine Galerie aller Päpste. Um alle Besonderheiten des Kirchenbaus zu entdecken hätten wir uns wohl deutlich mehr Zeit nehmen müssen als zur Verfügung stand.

Unterbrochen wurde der Besuchsreigen der Gotteshäuser durch das Mittagsgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung u.a. mit Prof. Dr. Rocco Buttiglione, Vizepräsident der italienischen Abgeordnetenkammer, und Klaus Schmitz, Präsident von Thyssen-Krupp Italia. Es ging um das Verhältnis Deutschlands und Italiens, Fragen zur italienischen Politik und vor allem zum Blick auf Deutschland, den künftigen EZB-Präsidenten und die Euro-Krise. Ort des Gesprächs war das Päpstliche Institut von Santa Maria dell‘ Anima, einer Kirche, die seit 1444 zur Seelsorge an deutschen Pilgern und Armen bestimmt wurde und neben dem Campo Santo Teutonico das zweite deutschsprachige Priesterseminar. Noch heute möchte die Kirche den deutsch sprechenden Christen ein Stück Heimat sein. Die Kirche beherbergt auch das Grab des bis zur Wahl Paul Johannes II. letzten Nichtitalieners auf dem Heiligen Stuhl, Papst Hadrian VI, der in Utrecht geboren nach damaligen Begriffen ein Deutscher war. Er hatte das Pontifikat allerdings nur 13 Monate inne und starb im September 1523.

Die Papstkapelle Sancta Sanctorum.Der weitere Nachmittag führte uns zunächst in die Laterankirche, dem ursprünglichen Sitz der Päpste bis zu ihrem Gang nach Avignon. Nach der Rückkehr von dort siedelten die Päpste in den Vatikan über. Im Lateran erhielten wir Eingang in die Papstkapelle Sancta Sanctorum. Die Kapelle diente als Hauskapelle der Päpste und war zugleich Aufbewahrungsort der wichtigsten Reliquien der Christenheit. So befanden sich hier die angeblichen Häupter der Heiligen Petrus und Paulus ursprünglich hier. Hauptreliquien waren neben den Apostelköpfen vor allem Reliquien Christi, Mariens, Johannes des Evangelisten und Johannes des Täufers. Die Bedeutung der Kapelle wird durch eine Inschrift auf dem Altar hervorgehoben: „NON EST IN TOTO SANCTIOR ORBE LOCUS – Kein Ort ist heiliger als dieser auf dem ganzen Erdkreis.“ Bemerkenswert ist auch das Christusbild, dass bereits im 5. Jahrhundert entstanden sein soll und das im Laufe der Jahrhunderte zunächst mit Tüchern abgedeckt und schließlich mit großen handgefertigten und verzierten Silberplatten geschützt, die nur das Antlitz Christi sichtbar lassen. Wir hatten das große Glück, dass uns das Sancta Sanctorum aufgeschlossen wurde und wir die Mosaiken und Bildnisse unmittelbar in Augenschein nehmen konnten. Die meisten Pilger betrachten diesen besonderen Ort der Christenheit durch eine Glasscheibe, nachdem sie auf Knien die Heilige Stiege hinauf sind – so wie es auch Luther auf seiner Romreise 1511 getan hatte. Auch während unseres Besuchs waren viele Pilger vor Ort. Die Stufen stammen angeblich aus dem Praetorium des Pilatus und wurden auf Geheiß der Kaiserin Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, nach Rom gebracht.
Auch die Basilika Santa Maria Maggiore, einer der sieben Pilgerkirchen in Rom und der Legende nach dort erbaut, wo nach einer Erscheinung Mariens der römische Kaufmann Johannes und der römische Bischof Liberius einen mit Schnee bedeckten Platz vorfanden. Sieben Päpste sind hier begraben und besonders sehenswert sind die Mosaiken aus dem 5. Jahrhundert. Auch zu diesem Kirchenbau gäbe es noch unendlich viel zu berichten. Doch neben den kunstgeschichtlichen Ausführungen zum Gebäude und den historischen Ereignissen lohnt sich es auch, einfach zu verweilen und diesen besonderen Ort auf sich wirken zu lassen, so wie ich es getan habe.

Mit Eintritt drohen, nicht mit Austritt

Nun hat er seine Arbeit aufgenommen, der Runde Tisch gegen Kindesmissbrauch, an dem Experten aller relevanten gesellschaftlichen Organisationen zusammenkommen. Ein Thema, dass in der Öffentlichkeit bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, soll dort auch auf die Tagesordnung. Der Kindesmissbrauch in der DDR. In den 474 staatlichen Kinderheimen herrschte ein staatlich legitimiertes Regime der Willkür. Grund für Einlieferung waren beispielsweise die Republikflucht der Eltern oder Schulschwänzen. Es gab Dunkelzellen, als Strafe mussten Kinder Putzen bis zur Erschöpfung. Es gab Arrest und Demütigungen – staatlich angeordnet, um die Individualität der Jugendlichen zu brechen. Diese Opfer hatten nicht einmal theoretisch die Chance, zur Polizei zu gehen, auf ein rechtsstaatliches Gerichtsfahren gegen die Peiniger zu hoffen, einen Journalisten zu finden, der den Fall aufdeckt und bekannt macht. Umso wichtiger ist es, auch ihnen die Chance zu geben, über ihr Leiden zu sprechen.
Der Präsident Boliviens Evo Morales hat die Bürger seines Landes vor dem Verzehr von Hühnerfleisch gewarnt, da dies zu „sexuellen Abweichungen“ bei Männern führe. Junge Mädchen würden vorzeitig Brüste wachsen und in Europa sei der Verzehr von Huhn verantwortlich für die „verbreitete Kahlköpfigkeit“. Nun gibt es Streit in Südamerika. Die argentinische Präsidentin wird nämlich mit der Aussage zitiert, dass sie den Genuss von Hühnchenfleisch unbedingt empfehle: „Vielleicht läßt uns Hühnerfleisch sogar fliegen“, sagte sie. Vor dem Hintergrund solcher Sätze lernt man doch die Aussagen zahlreicher deutscher Politiker ganz anders zu schätzen oder? Und ich weiß, was sie jetzt denken: Nein. Ich habe mit Blick auf die „verbreitete Kahlköpfigkeit“ nicht nur Brathähnchen in meiner Kindheit und Jugend gegessen. Ich war mehr für Fischstäbchen zu haben. Ein besonders guter Schwimmer bin ich trotzdem nicht geworden. Schade.
Angeblich denken 25 Prozent aller Katholiken aufgrund der aktuellen Skandale bzw. der Verfehlungen des Augsburger Bischofs Mixa über einen Kirchenaustritt nach. Christ ist man nicht für sich alleine. Die Gemeinde ist wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens. Wer aus der Kirche austritt, der verlässt eben diese Gemeinde. Darf das Fehlverhalten von Repräsentanten und Institutionen dazu führen, dass man trotz gemeinsamer Überzeugungen eine Gemeinschaft verlässt? Wenn dem so wäre, dann hätte ich schon unzählige Male aus meiner Partei austreten müssen. Da ich aber nach wie vor glaube, dass meine politischen Ideale und Überzeugungen, nur in der CDU eine Heimat finden, ertrage ich manchen „Parteifreund“ auch auf den höheren Ebenen in Demut weiter. Bischof Dyba hat das mal in den schönen Satz gekleidet: „Mit Eintritt drohen, nicht mit Austritt!“ Das wünsche ich den beiden Kirchen – nämlich mehr aktive Christen. Und ehrlich gesagt wünsche ich das natürlich auch meiner Partei. Gerade dann, wenn Bürger unzufrieden sind, sollten sie sich einmischen.
Am Sonntag „Jubilate“ sind mein Freund Max und ich zu einer Pilgerfahrt gestartet. Gut 120 Kilometer von Berlin in die Wunderblutkirche nach Wilsnack, einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Nordeuropas im Mittelalter, führte uns unser Weg. Nach einem Gottesdienst im Berliner Dom sind wir auch geistig gerüstet gestartet. Und unterwegs begleitet haben uns neben frohen Liedern auch die Texte von Theodor Fontane. Ich will das jetzt nicht mit Urlaub vergleichen, aber es hat mir wieder einmal gezeigt, wie viele wunderschöne Flecken Erde es in Deutschland gibt. Wer unseren Weg nachvollziehen will, der kann das auf meiner Internetseite unter www.petertauber.de nachlesen.
Es geht aufwärts! Zumindest ist nach der Eröffnung der Toskana Therme in Bad Orb die positive Stimmung, die Hoffnung und Zuversicht auf eine gute Zukunft der Kurstadt im Spessart mit Händen zu greifen. Nachdem ich letztes Jahr schon bei Spatenstich und Richtfest dabei war, bin ich natürlich neugierig zur Eröffnung gefahren und wurde nicht enttäuscht. Und ehrlich gesagt: Nach den schwierigen und teilweise auch unbefriedigenden Entscheidungen und Diskussionen zum Thema Griechenland werde ich mir wohl ausgiebig Zeit für einen Besuch (dann in Badehose) nehmen. Ein bisschen Entspannung tut Not. Ich habe mich nämlich trotz der nun aus meiner Sicht alternativlosen getroffenen Entscheidungen sehr geärgert. Schließlich ist diese Krise durchaus in Teilen selbstverschuldet. Man hätte schließlich auch schon in den letzten Jahren genauer hinschauen können. Allerdings sagt sich das so leicht. Da stellt sich wieder mal die Frage: Machen wir das in den Bereichen, wo wir es selbst beeinflussen können immer besser? Und an dieser Stelle darf man Politiker auch mal loben. Bei der Eröffnung ist deutlich geworden: Ohne die sachliche Zusammenarbeit und des trotz inhaltlicher Auseinandersetzungen guten Einvernehmens aller Bad Orber Parteien wäre die Therme nie Wirklichkeit geworden. Und diese Leistung der ehrenamtlichen Politiker verdient Lob und Anerkennung!