Archiv nach Schlagworten: Gedenken

Anna ist tot.

Anna ist tot. Und das macht mich traurig. Zugegeben: Ich kannte sie bis heute gar nicht. Kennengelernt habe ich sie durch ihre Nichte, die heute von ihr erzählt hat. Sie ist ermordet worden. Von ihren eigenen Ärzten und Pflegern, die ihr doch eigentlich helfen sollten. Anna gehört zu weit über 100.000 Deutschen, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind, weil sie geistig oder körperlich behindert waren, psychisch erkrankt, schwer traumatisiert und eben schlicht und einfach nicht der Norm entsprachen. Alte und Junge, Frauen und Männer, selbst Soldaten, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten und nicht den Weg zurück in ein normales Leben finden konnten, ließen Hitlers Schergen ermorden. Man nannte das „lebensunwertes Leben“. Kinder lernten in der Schule, was Obdachlose oder Behinderte die Gemeinschaft angeblich „kosten“ – und was man mit dem Geld doch alles Sinnvolles machen könnte. Heute hetzen die neuen Nazis gegen Flüchtlinge und rechnen aus, was diese angeblich „kosten“ – und was man mit dem Geld doch alles Sinnvolles machen könnte. Gäbe es keine Flüchtlinge, sie würden eine andere Rechengröße finden. Vielleicht wären es dann wieder die Behinderten. Ist es in Deutschland wieder erlaubt, Menschen nach ihrem angeblichen Wert zu unterscheiden? Jemand der arbeitet ist mehr wert als ein alter Mensch? Ein Deutscher mehr als ein Ausländer?

Anna ist tot. Und das macht mich fassungslos. Denn Anna war nicht krank, sie hatte lediglich eine leichte geistige Behinderung. Sie konnte lesen und schreiben, nur das Rechnen fiel ihr schwer. Sie konnten keinen Beruf erlernen, aber half ihrer Mutter treu und brav im Haushalt, auch wenn sie das Wort „treu“ vor der Kommission, die ihr als Diagnose „angeborenen Schwachsinn“ bescheinigte, nicht erklären konnte. Sie ist ermordet worden. Der Staat, der sie vor Verfolgung und Diskriminierung hätte schützen müssen, tat genau das Gegenteil. Er ersann eine Methode, um „lebensunwertes Leben“ zu nehmen. Heute ist die Menschenwürde unantastbar. Sie zu schützen, ist Aufgabe aller staatlicher Gewalt. So steht es im Grundgesetz. Nicht nur im Dritten Reich, sondern auch heute erleben wir aber, dass die Menschenwürde angetastet wird. Nicht nur damals bei Anna. Das darf uns nicht stumm machen. Wir reden über aktive Sterbehilfe als ob es am Ende des Lebens ja nicht schnell genug gehen könne. Wir reden über die Abtreibung von behinderten Kindern als sei das ungeborene Kind eine Sache und kein Mensch. Wer entscheidet eigentlich, wie viel Leben lebenswert ist? Der Staat? Ist es in Deutschland wieder erlaubt, zu definieren, welches Leben lebenswert und welches ist?

Anna ist tot. Und das macht mich wütend. Sie war ein Mädchen, eine junge Frau. Und sie hatte eine Behinderung. Sie hatte niemandem ein Leid zugefügt. Trotzdem hatten die Nazis ein Gesetz verabschiedet, dass Menschen wie sie außerhalb der Gesellschaft stellte. Und heute? Beleidigungen wie „Spasti“ oder „Mongo“, aber auch andere diskriminierende Bezeichnungen wie „Neger“ oder „schwule Sau“ waren lange verpönt. So redet man nicht. Unter dem Deckmantel, einer übertriebenen Political Correctness den Kampf anzusagen, werden solche Worte heute von Rechtsextremen zunächst als Provokation benutzt, um sie dann wieder hoffähig zu machen. Gewalt beginnt zunächst mit der Sprache. Ist es in Deutschland wieder erlaubt, Minderheiten zu beschimpfen und zu diskriminieren? Sich lustig zu machen über die Schwachen und die, die Anders sind? Die zu verachten, die sich nicht wehren können, das hat Konjunktur. Und wer dann noch „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ ruft und demokratische Parteien als „Systemparteien“ oder „Altparteien“ verunglimpft, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nur wie ein Nazi redet oder nicht in Wahrheit auch wie einer denkt. Denn die Sprache verrät viel über uns.

Anna ist tot. Nicht nur Anna, Millionen sind von den Nationalsozialisten in deutschem Namen ermordet worden. Am 27. Januar 1945 endete das Morden in Auschwitz, dem Ort des Schreckens, der zum Synonym für den Holocaust und den nationalsozialistischen Terror geworden ist. Die Ermordung von Behinderten ging über das Kriegsende hinaus weiter, wie man heute weiß. Die Ärzte hielten teilweise die alliierten Soldaten mit gefälschten „Typhus“-Schildern von den Einrichtungen fern, um das Morden fortzusetzen. Heute wird an die Opfer der Euthanasie besonders erinnert. So geben wir ihnen ihre Würde zurück. Und man sieht, was die Nazis auch ihrem eigenen Volk angetan haben.

Anna ist tot. Und nachdem ich ihre Geschichte kenne, werde ich sie nicht mehr vergessen. Der 27. Januar ist ihr Gedenktag. Wie kann man ernsthaft fordern, dass jetzt einmal Schluss sein müsse, sich an das Schicksal von Menschen wie Anna zu erinnern? Diese Bundesrepublik, die die Würde des Menschen zum zentralen Gedanken ihrer verfassungsmäßigen Ordnung gemacht hat, wäre ein gutes Deutschland für Anna gewesen. Ein Trost ist nur, dass Menschen wie Anna heute zu uns gehören. Sie sind Teil des Wir – und die neuen Nazis stehen außerhalb der Gemeinschaft. Tun wir alles dafür, dass das so bleibt.

Europa – vom blutigen Schlachtfeld zu einer Friedensgemeinschaft

Europa – vom blutigen Schlachtfeld zur Friedensgemeinschaft

Heute vor 100 Jahren erteilte Kaiser Wilhelm II. den Mobilmachungsbefehl – der Beginn des Ersten Weltkriegs! Und Ende August 1914 schrieb Ludwig Frank in Anlehnung an ein Soldatenlied in einem Brief: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen, sterben wie ein tapfrer Held. – Ich freue mich auf den Krieg und auf ein frohes Wiedersehen.“ Diese begeisterten Sätze haben mich tief bewegt. Denn Ludwig Frank war Reichstagsabgeordneter der SPD und 40 Jahre alt. Vier Tage, nachdem er diese Zeilen verfasste, starb Ludwig Frank bei einem Gefecht in Lothringen. Auch ich bin fast 40 Jahre alt, auch ich bin Parlamentsabgeordneter. Wie wäre es wohl mir vor einhundert Jahren ergangen?

Damals zogen Männer vieler europäischer Nationen voller Zuversicht in einen furchtbaren Krieg. Besonders junge Menschen ließen sich von der Kriegsbegeisterung anstecken. Sie wurden schnell mit einem furchtbaren Stellungskrieg konfrontiert. Viele Soldaten gaben ihr Leben für eine Handbreit Land, es ging nur noch ums nackte Überleben. Ab 1915 wurde Giftgas eingesetzt, der Krieg wurde zu einer Materialschlacht. Der einzelne Soldat war nur noch ein Strich in der Statistikliste. Dieser furchtbare Krieg hat unzählige Opfer gefordert: Millionen Tote, noch mehr Verwundete und fürs Leben Gezeichnete, traumatische Erfahrungen bei Soldaten und Bevölkerung, Europa zerrissen und in Trümmern, Deutschland über Jahre in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Und nur 25 Jahre später wurde Europa schon wieder zu einem blutigen Schlachtfeld. Als ob die Menschheit nichts gelernt hätte!

Volkstrauertag 04

Zu unserem Glück vereint

Kaum jemand hätte wohl jemals geglaubt, dass Europa so eine beeindruckende Wendung nehmen könnte. Dennoch griffen nach dem zweiten Weltkrieg mutige Frauen und Männer die Idee eines geeinten Europas wieder auf. Es entstand ein Europa des Friedens, der Freiheit und der Gemeinsamkeit. Was mit den Römischen Verträgen 1957 begann, wurde zu einem beispiellosen Erfolgsmodell: Heute bilden über 500 Millionen Menschen aus 28 Staaten eine Europäische Union.

Wenn sich ein junger Mann 1914 von seinen Eltern mit den Worten verabschiedete, er ziehe nach Frankreich, bedeutete dies, er musste in den Krieg. Heute, er tritt einen Arbeitsplatz oder einen Studienplatz an. Diese Entwicklung ist eines der größten Wunder des 20. Jahrhunderts und dafür dürfen wir dankbar sein.

„Siegreich wollen wir Frankreich schlagen, sterben wie ein tapfrer Held.“ Wer heute diese Zeilen liest, versteht sie kaum. In den 20er und 30er Jahren kannte sie jedes Kind. Auf einer Veranstaltung in Magdeburg zitierte ein alter Mann diese Zielen und sprach nur eine Bitte aus: „Sorgen Sie dafür, dass Kinder nie wieder solche Lieder lernen müssen.“ Genau das ist einer meiner Beweggründe, warum ich in der CDU Mitglied bin. Weshalb ich für den Deutschen Bundestag kandidiert habe. Ich will, dass wir die Probleme in Europa friedlich lösen. Ich will, dass wir im Konsens zu einem Ergebnis kommen und nicht mit Konfrontation. Das mag manchmal langwierig sein, aber immer noch besser, als einen Krieg zu führen. Niemand muss mehr in Europa sein Leben im Krieg geben. Wir leben in einer friedlichen Zeit – dafür sollten wir dankbar sein. Ich bin froh, dass ich in diesem Jahrhundert lebe und nicht in den Kampf ziehen muss wie einst Ludwig Frank.

Der Blick über den Tellerrand zeigt: Auch heute haben es nicht alle so gut wie wir, in der Ukraine herrscht Bürgerkrieg, im Nahen Osten stehen sich Israelis und Palästinenser verfeindet gegenüber. Wir in Europa sind zu unserem Glück vereint – helfen wir, die Welt menschlicher zu gestalten!

Volkstrauertag 03