Vor allem in Wahlkampfzeiten twittern immer mehr Politiker. Obama hat es vorgemacht. Es ist schier unglaublich, wie man Anhänger und Sympathisanten via Internet mobilisieren und motivieren kann, sich aktiv zu beteiligen. Doch auch fernab von Wahlkampfzeiten entdeckt die Politik jetzt das Internet. Ohne eine aus dem Willy-Brandt-Haus gut organisierte und perfekt initiierte Kampagne für den SPD-Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl Joachim Gauck wäre der Hype, der ja auch die Printmedien in ihren Bann zog, undenkbar gewesen. Das einzige Problem dieser Kampagne war die Inszenierung, sie war nicht wirklich, nicht echt und darum ist wohl die Begeisterung für Joachim Gauck fast über Nacht mit der Wahl des Bundespräsidenten wieder verschwunden. Aber nicht auszudenken, wozu das Internet befähigt, wenn eine Partei das Netzt das nächste Mal nutzt, um ein Thema aufzugreifen, dass die Menschen wirklich berührt, verängstigt oder begeistert. Wahrscheinlich grübeln viele Strategen in den Parteizentralen über diese Frage nach. Doch wäre es schade, wenn man die politische Partizipation im Internet auf Wahlkämpfe und Kampagnen reduziert. Kann das Internet nicht viel mehr? Ich glaube ja. Und es braucht dazu nicht einmal komplizierte Tools.
Wann ist politische Partizipation wichtig? Wann haben Bürger ein Interesse daran, dass ihre Meinung gehört wird? Ganz klar: Immer dann, wenn ein Thema auf der politischen Bühne (und in den Medien) heiß diskutiert wird, möchten die Menschen ihre Meinung dazu sagen, so wie sie das auf der Arbeit, im Freundeskreis, in der Familie oder am viel zitierten und oft zu Unrecht gescholtenen Stammtisch tun. Jeder Bundestagsabgeordnete, der unmittelbar nach der Entscheidung für die Griechenlandhilfe und die Eurostabilisierung in seinem Wahlkreis unterwegs war, wird ein Lied davon singen können, dass Leute auf ihn zukamen, Fragen gestellt haben, eine Erklärung erwartet haben. Schon zwei Wochen später war der Euro kein Thema mehr auf den Straßen und Plätzen. Wäre es nicht gut gewesen, auf dem Höhepunkt des öffentlichen Interesses mehr Menschen zu erreichen, bzw. mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, nachzufragen? Natürlich ist es schön, wenn man am Samstag nach der Entscheidung für die Griechenlandhilfe auf dem Marktplatz in Hanau mit zehn Bürgern über das Thema persönlich sprechen kann, der Haken ist nur, dass in meinem Wahlkreis eben nicht zehn, sondern gut 300.000 Menschen leben. Nicht alle interessierte dieses Thema, aber wahrscheinlich haben deutlich mehr das Bedürfnis verspürt, mal nachzufragen, ihre Meinung direkt loszuwerden.
Ich habe danach meine „Freitagsfrage“ ins Leben gerufen. Jeden Freitag greife ich ein aktuelles Thema auf und bitte die Leute, die mir bei twitter oder in den sozialen Netzwerken folgen, um ihre Meinung. Ich bekomme viele gute Anregungen. Ich kann erkennen, wie umstritten ein Thema ist oder ob es ein einheitliches Meinungsbild bei denjenigen, die sich beteiligen, gibt oder – auch nicht unwichtig – ich merke, ob das Thema vielleicht gar kein Thema ist. Ob Zukunft des Wehrdienstes, Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten von Unternehmen oder den Kampf gegen Kindesmissbrauch: Immer sind es andere, die ihre Meinung los werden. Das zeigt, dass jeder nach seinem eigenen Interesse an der Debatte teilnimmt. Das ist auch das Ziel. Und es soll eben auch darum gehen, gute Anregungen und relevante Kritikpunkte zu erkennen. Den Austausch via Internet nur als eine Form des Luftablassens für die Menschen zu verstehen, springt zu kurz. Wenn es am Ende gelingt, dass die Bürger merken, dass ihre Meinung eben nicht nur am Wahltag gefragt ist, dann ist für die Akzeptanz von Parteien und von Politik in unserer Gesellschaft viel gewonnen. Auch darum ist die politische Partizipation im Netz eine Chance für Politiker. Kaum vorstellbar, wenn man die dort gesammelten Meinungsäußerungen und Vorschläge noch gezielter für die politische Arbeit nutzbar machen könnte. Dann gewinnt nicht nur der politische Dialog, sondern auch unser Land. Und wir sehen einmal mehr die Chancen des Internets und nicht irgendwelche Risiken.


Bundesversammlung. Nach drei Wahlgängen wurde Christian Wulff Bundespräsident. Er muss nun zeigen, dass er diesem Amt gewachsen ist. Die Chance hat er trotz der kritischen Presse verdient, denn auch in den Diskussionen hinter verschlossener Tür wurde klar, dass die fehlenden Stimmen vor allem ein Denkzettel für die Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin waren. In der Tat bin ja auch ich der Meinung, dass die Menschen zu Recht erwarten, dass wir Probleme lösen, bzw. Lösungen anbieten und nicht untereinander streiten. Im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Vielleicht gilt ja auch, weil er Niedersachse ist, der schöne Satz: „Ein gutes Pferd springt knapp.“
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