Archiv nach Schlagworten: Gastkommentar

Gastbeitrag: Die Arbeit im Bundestag so wie ich sie erlebt habe.

Wenn man zwischen Anfang März und Ende Juli durch die Gebäude des Deutschen Bundestages läuft, trifft man ständig eine bestimmte Gruppe von Praktikanten, die sich von allen anderen Praktikanten ein bisschen unterscheidet. Wodurch? Hm… Gerüchten zufolge, erkennt man sie an den lustigen Akzenten und nicht zuletzt, an der Art sich anzuziehen (den ein oder anderen hat man sogar in Nationaltracht im Bundestag gesehen – und das ist KEIN Witz!). Sie sind überall zu finden: in den Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen, in den Ausschüssen, Plenarsitzungen und Fraktionssitzungen, bei allen möglichen Veranstaltungen und während der Mittagspause in der Kantine des Jakob-Kaiser-Hauses natürlich auch. Sie alle kennen sich untereinander und sind damit eine der größten „Gemeinschaften“ in dem Deutschen Bundestag. Und das stimmt doch!

Daniela und Peter. Foto: Tobias Koch

Daniela und Peter. Foto: Tobias Koch

In diesem Jahr sind es 115. Aus 30 unterschiedlichen Ländern. Und ich bin eine von ihnen. Daniela Ceban – die IPS-Praktikantin aus dem Büro Dr. Peter Tauber.

Seit vier Monaten gehört also zum Team Tauber noch eine Person: eine junge Moldauerin, die vor kurzem ihr Masterstudium in Deutscher Philologie an der Staatlichen Pädagogischen „Ion Creanga“ Universität in Chisinau abgeschlossen hat.

Das Hauptziel des Internationalen Parlaments-Stipendiums (und auch meins) ist es, die vorbildliche deutsche Demokratie und den Parlamentarismus direkt am „Produktionsort“ kennenzulernen und die parlamentarische Willensbildung persönlich zu erleben. Und das tu ich.

Das Leben einer IPS-lerin (und eines IPS-lers, genauso) ist hochinteressant und spannend. Es ist bei allen im Grunde genommen ähnlich, aber es ist auch vom Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Zu meinen Aufgaben im Büro gehören zum Beispiel die Durchführung der Recherchen zu verschiedenen aktuellen Themen, das Erstellen von Antwortentwürfen, die allgemeine Bearbeitung der Post, die jeden Tag in unser Büro ankommt, und ich habe auch die Möglichkeit selbst wissenschaftlich bei der Vorbereitung der Zusammenfassungen zu arbeiten. Außerdem durfte ich Ausschüsse, Plenarsitzungen und einmal sogar die Fraktionssitzung besuchen. Was mir am meisten am Herzen liegt ist die Transparenz der deutschen Politik. Neben den anderen Praktikanten hatte ich die Chance die Diskussionen der Abgeordneten, die meistens unterschiedlicher Meinung sind, während der Sitzungen mitzubekommen. Das hat mir sehr geholfen, die politischen Prozesse in Deutschland besser zu verstehen. Und natürlich darf ich auch mit Herrn Dr. Tauber verschiedene Veranstaltungen besuchen, was einen genaueren Einblick in die Arbeit eines Abgeordneten ermöglicht hat.

Ich bin ein Glückspilz, da ich mein Praktikum im Büro von Dr. Peter Tauber absolvieren darf. Und das meine nicht nur ich, und nicht nur aus Höflichkeit (oder weil ich weiß, dass Peter das auch lesen wird). Das meinen alle meine Mit-Stipendiaten, die ihn inzwischen als den „tollsten (eigentlich coolsten) Abgeordneten“ kennengelernt haben. Mein Praktikum besteht also aus noch einem höchstrelevanten Teil und nämlich: Einführungskurs in Freundlichkeit, Lebensfreude und Verhaltensgrundlagen beim Telefongespräch (was ich persönlich sehr gebraucht habe).

Aber wenn ich auch ein bisschen ernst sein darf, dann kann ich nur eins sagen: auf dem Wege zu meinen Zielen war ich in dem Deutschen Bundestag und ein Stück der deutschen Demokratie werde ich mit nach Hause nehmen. Und nicht nur… Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Danke Berlin, Bundestag, Team Tauber!

P.S.: Und das ist noch nicht das Ende. Eine Wahlkreisreise folgt…

 

 

 

Die Möglichkeiten des Web 2.0

Das Internet regiert. Ob Shopping, Banking, Unterhaltung oder Kommunikation, es ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Längst haben soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und co. fast jeden von uns eingeholt, ja wir haben diese Welt des Web 2.0 sogar in vielen kleinen Teilen von Beginn an mitgestaltet. Der Politik, und damit nicht zuletzt auch den Regierenden, wird dagegen häufig nachgesagt, solch wichtige Entwicklungen zu verschlafen oder gar kein Interesse daran zu zeigen.

Nicht so der 17. Deutsche Bundestag, der mit der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft die Basis für ein Paradebeispiel des sinnvollen Nutzens geschaffen hat.

Eines der grundlegenden Anliegen der Enquete ist der Austausch dieser mit der Öffentlichkeit. So sollen die Bürger ernst genommen werden, Transparenz bei der Arbeit der Kommission geschaffen werden und den Bürgern die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am Arbeitsprozess gegeben werden.

Grundlage dafür ist der „18. Sachverständige“ in Form eines Internetforums, in dessen Rahmen interessierten und engagierten Usern die Möglichkeit gegeben wird, mit der Kommission zu interagieren, sich auszutauschen und Themen für die anstehenden Sitzungen vorzubereiten und zu diskutieren. Jeder Bürger kann sich in diesem Forum bis eine Woche vor der jeweils nächsten Sitzung im Rahmen seiner Möglichkeiten in die Diskussionen einbringen oder eine neue anstoßen. Die von den Usern dort diskutierten Punkte werden dann bei der folgenden Sitzung der Kommission an Position des 18. Sachverständigen vorgetragen. Nicht zuletzt nach den vor allem durch „Stuttgart 21“ beflügelten Forderungen nach mehr Mitbestimmungsrecht von vorn herein für die Bürger bei politischen Prozessen und Entscheidungen, zeigt sich hier eine neue Möglichkeit, wie die „digitale Welt“ prädestiniert dafür ist, ebendiese Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Politik(ern) und Bürgern zu schaffen.

Dabei geht es jedoch nicht einzig um die Frage des „Wie“ der Beteiligung – viel wichtiger ist die Frage des „Ob“. Erst kürzlich wurde die Einführung der Beteiligungsplattform „Adhocracy“ vom Bundestag aus Kostengründen abgelehnt. Dennoch bietet sich interessierten Bürgern eine große Breite an Alternativen, um sich auf andere Weise einzubringen. Sei es über Blog, Forum oder den E-Mail Kontakt zu den Mitgliedern der Kommission.

Während mittlerweile wohl ein sehr hoher Prozentsatz der Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages mit einer eigenen Homepage oder einem Profil bei Abgeordnetenwatch im Web vertreten ist, hat ein ebenso hoher Prozentsatz eine ganz andere, wohl aber viel wichtigere Entwicklung verpasst: Soziale Netzwerke. Diese bieten den Bürgern die Möglichkeit, mit den Politikern in Kontakt zu treten und so Politik aktiv mitgestalten zu können.

Doch auch hier zeigt sich wieder, dass selbst jene, die von sich behaupten, diese neue Entwicklung mitgegangen zu sein und zu nutzen, oft den Sinn und nicht zuletzt die damit verbundenen Möglichkeiten noch nicht durchschaut haben.  So geht es nicht nur darum, lediglich ein Profil bei von Bürgern häufig besuchten Plattformen wie wer-kennt-wen, meinVZ, Facebook oder Twitter zu besitzen und hier ab und an automatisches Update der neusten News der Homepage weiterleiten zu lassen. Nein, viel wichtiger ist die persönliche, ernst gemeinte und insbesondere regelmäßige Pflege dieser Profile: den Bürgern zu zeigen „Ich bin da für deine Anliegen, du kannst mich ansprechen und ich reagiere darauf“.

Ein Beispiel wie diese politische Kommunikation funktionieren kann und im besten Fall auch sollte, bietet neben der Enquete auch Dr. Peter Tauber.

Neben seiner Homepage und diesem regelmäßig mit Beiträgen aktualisierten Blog findet man sein Profil u.a. bei Facebook und Twitter. Dort berichtet er von seiner Arbeit in Berlin und im Wahlkreis, lobt und kritisiert Entscheidungen, postet mit dem iPhone Bilder aus dem schneebedeckten Gelnhäuser Wald, empfiehlt Beiträge aus anderen Blogs oder gibt seinen Kommentar zu interessanten Tweets seiner Follower ab. Dabei reichen die Themen jedoch mitunter – und auch das ist gut so – weit über die Politik hinaus. Dennoch entstehen nicht zuletzt auch auf seinem Facebook-Profil häufig interessante, zum Teil hitzig geführte, Diskussionen zu tagesaktuellen Themen.

Wünschenswert für die Zukunft ist in meinen Augen, dass sich zunehmend mehr Politiker auf die Möglichkeiten des Web 2.0 einlassen. Nicht nur Spitzenpolitikern und auch nicht ausschließlich in Zeiten des Wahlkampfes – gerade für Kommunalpolitiker bieten die vielen Funktionen der sozialen Netzwerke eine einfache Basis, ihrem Agieren mehr Transparenz zu verleihen.  Der Bürger bekommt so im Gegenzug häufiger nicht nur die Chance, auch fernab der Wahlkampfzeiten mit Politikern – mehr oder weniger – persönlich in Kontakt zu treten, aber auch zu interagieren.
Das Internet und Web 2.0 im Besonderen sind nicht länger ein Experiment oder eine Zukunftsvision, sie sind real, im Alltag vertreten und gewinnen zunehmend an Priorität. Dies wurde mir jetzt auch in meinem Politikstudium vor Augen geführt: „Wie verändert das Internet die Politik, und warum?“ lautet der Titel eines von Prof. Thomas Zittel angebotenen Seminars, welches ich in diesem Semester an der Uni Frankfurt besuche. Auch die Enquete und die Partizipationsmöglichkeiten für Bürger an dieser waren bereits in mehreren Sitzungen Thema.
Für engagierte Politiker tut sich im Web also eine Vielzahl an neuen Chancen auf – es bleibt die Frage, wie bereit und interessiert jeder Einzelne (Politiker gleichermaßen wie Bürger) daran ist, diese auch zu nutzen.

Über den Autor:

Tobias Koch ist 22 Jahre alt, studiert im dritten Semester Politik und Geschichte an der Uni in Frankfurt. Er ist begeisterter Fotograf [www.tokoo.de] und arbeitet als solcher für diverse regionale Zeitungen.

Gastbeitrag: Öko ist nicht gleich Öko

Vor zwanzig Jahren war „öko“ noch ein Synonym für Birkenstock und Vollkornmüsli. Und Leinengewänder. Und bunte Strickmützen. Und…
Und wir schreiben das Jahr 2010: Veränderung ist heute eine der wenigen gebliebenen Konstanten. So auch in der Modewelt – oder eben der „Ökowelt“.

Doch auch öko ist nicht gleich öko: Fast jeder sieht bei dem Wort unwillkürlich Menschen mit langen Haaren, Sandalen und bunten Kleidern in einem Gemüsebeet knien.
Wer denkt dabei schon an junge Menschen mit Aktentasche unterm Arm und Handy am Ohr auf dem Weg zur nächsten Sitzung? Eben.
In der Welt der gebügelten Hemden und Krawatten war lange Zeit kaum Platz für ökologische Stoffe, faire Löhne oder heimische Produktion/Standorte.
Und hier greift die Veränderung: Hemdenhersteller „brainshirt“  ist hessisch und Geschäftsführer Matthias Hebeler (Twitter: brainshirt) wirbt mit Slogans wie „100% reines Gewissen“ oder „where ratio meets fashion“ – zu recht!
Produktion in Europa, CO2 neutrale Herstellung, biologisch angebaute Baumwolle aus den USA. Soweit so gut? Besser! Es sieht nicht nur gut aus, es fühlt sich auch in jeder Hinsicht gut an.
Das ist mitnichten immer so: Viele Umweltverbände bieten mittlerweile globalisierungskritische Stadtführungen an – Bekleidungsketten kommen hier selten ungeschoren davon: Kinderarbeit, giftige Pestizide, horrende CO2-Bilanzen, Niedriglöhne und menschenrechtswidrige Arbeitsbedingungen säumen allzu oft den Weg bis zur Ladentheke.
Man sollte meinen, dass die Entscheidung nicht schwer fiele – oder wieder einmal eine Frage des Preises? Nein. Eine Frage der Prioritäten.

Fairgehandelte Kleidung und biologisch zertifizierte Stoffe – „bio“ ist längst über die Nahrungsmittel hinausgewachsen und mit „brainshirt“ oder „memo“ wird es nun auch für ganz neue Berufsgruppen interessant.
Eben -oder grade- auch für Menschen wie Peter Tauber.
„Eben“ weil Hanfhosen und Leinenhemden für’s Büro nicht taugen.
„Grade“ weil es Berufe gibt, die eine Vorbildfunktion mit sich bringen.
Die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist wohl das Ziel der meisten besonnenen Politiker – wo aber anfangen, wenn nicht bei sich selbst, beim eigenen Hemd?

Der Hessische Rundfunk, die taz und sogar der glocalist haben dem jungen Unternehmen aus Fulda ihr Lob ausgesprochen. Referenzen die sich sehen lassen können. Ebenso wie die hauseigene Homepage, deren authentische Geschichten vielen Umweltschützern bekannt vorkommen und mindestens ein Schmunzeln entlocken dürften.

memo: www.memo.de

brainshirt: www.brainshirt.eu

Über den Autor:
Aljoscha Bukowski ist ehemaliger Bundessprecher des Freiwilligen Ökologischen Jahres 2009/2010, aktuell Vorstand des FÖJ-Aktiv e.V. und war leitender Redakteur der FÖJ-Zeitung „Pusteblume„. Im Rahmen eines Interviews mit Herrn Tauber (Seite 13) waren auch ökologisch ausgerichtete Unternehmen Thema ein gemeinsames Gesprächs.

Gastkommentar: Ausrufezeichen für den Tigerschutz

Es war eine Schicksalswoche für den Tiger – mit erfreulichem Ende. Vom 21. bis 24. November fanden sich Staats- und Regierungschefs aller 13 asiatischen Länder, in der Tiger noch in freier Wildbahn leben, auf Einladung von Wladimir Putin in St.Petersburg ein. Erstmals berieten Regierungschef auf einer internationaler Ebene über eine einzige Tierart- und das mit Erfolg. Insgesamt 127 Millionen Euro (davon ein Spendenbeitrag von 12,6 Millionen Euro der Bundesrepublik) stellten die Staatschefs zur Verfügung- der Tiger erhält somit eine weitere und wohl seine letzte Chance auf ein Leben in freier Wildbahn. Gleichzeitig bewiesen die Politiker, dass, wenn gemeinsame Interessen aller beteiligter Staaten im Vordergrund stehen, Lösungen, anders wie beispielsweise auf der letztjährigen Klimakonferenz in Koppenhagen, durchaus konsequent und rasch umzusetzen sind.

Der Tigergipfel in St. Petersburg hatte natürlich einen dringlichen Hintergrund. Aufgrund eines Zusammenbruchs der weltweiten Tigerpopulation von über 100.000 auf nur noch rund 3.200 Exemplare in den vergangenen 80 Jahren, startete der World Wide Fund for Nature (WWF) im Februar, passend zum Beginn des Chinesischen Jahr des Tigers, eine bis dato beispiellose Kampagne für den Tigerschutz. Neben zahlreichen Großveranstaltungen in Deutschlands größten Städten sowie einer Intensivierung der öffentlichen Werbung, war die Reise von vier Jugendbotschaftern in den Russischen Fernen Osten Hauptbestandteil der Großkampagne, um auch die jüngere Bevölkerung für den Tigerschutz und generelle Umweltprobleme zu sensibilisieren.

Nach einem Auswahlverfahren und einem „Casting Camp“ in der WWF-Zentrale in Frankfurt hatte ich das Glück Teil  dieser Gruppe zu sein und als einer der vier Jugendbotschafter mit in eines der entlegensten Gebiete am anderen Ende der Welt zu reisen – die Amur-Region. Ziel unserer Expedition war die Problematik des Tigerschutzes aber auch die Begeisterung für die Großkatze gerade für die Jugendmitglieder des WWF zu übermitteln und ferner mediales Interesse in der Bundesrepublik zu generieren. Begleitet von unserem Kameramann und einem WWF-Begleiter unternahmen wir täglich Exkursionen in die größtenteils unberührten Urwälder der Amur-Region, trafen Tigerforscher, die uns noch detailliertere Einblicke in die Welt des Sibirischen Tigers gaben, besuchten spezielle Tigerklassen in der Region und waren zum Abschluss unserer Reise Teil des Tiger Day, einer jährlich stattfindenden Großdemonstration in der Großstadt Wladivostok. Insgesamt 20 Tage waren wir in den russischen Gebieten Primorje und Chabarowsk unterwegs – ein Hubschrauberflug, während dessen uns die immensen Dimensionen des Tiger-Lebensraumes aus der Luft deutlich wurden war einer der Höhepunkte der Reise. Das absolute Highlight erlebten wir jedoch während einer Exkursion in einem Urwald nahe der Chinesischen Grenze, als wir die nur wenige Hundert Meter weit entfernten Rufe eines freilebenden Tigers hautnah miterlebten und wenig später sogar frische Kratzspuren fanden. Das Brüllen der größten Katze der Welt live zu erleben ist ein faszinierendes Gefühl und wird -dank des großen Engagements des WWF, aber auch der Kooperationsbereitschaft der Staatschefs in St. Petersburg- hoffentlich noch für sehr lange Zeit  durch die Urwälder Asiens schallen.

Über den Autor:

Anlässlich des chinesischen Jahres des Tigers war Johannes Hetterich vom 9. bis zum 27. September als „Tigerbotschafter“ des World Wide Fund for Nature (WWF) im fernen Osten Russlands unterwegs.

Zur WWF-Jugend geht es hier.

Gastbeitrag: Von der Integration in Deutschland und der Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei

Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist Türkin. Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen. Zudem bin ich zweisprachig, zu Hause in beiden Kulturen und als Moslem erzogen worden. Und um gleich einem Klischee entgegenzutreten: Wir tragen in der Familie kein Kopftuch! Mein Deutsch war natürlich immer besser als mein Türkisch bis ca. meinem 16. Lebensalter, da ich hier zur Schule gegangen bin. Zuhause habe ich mit meinem Vater Deutsch und mit meiner Mutter sowohl Türkisch als auch Deutsch gemischt gesprochen. Beim Fernsehen haben wir abwechselnd deutsche und türkische TV- Kanäle geschaut. Meine Mutter hat mich über die türkische Geschichte sowie dem ersten Präsidenten der Türkei und dem Gründer der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk gelehrt. Die deutsche Geschichte habe ich  in der Schule gelernt. Schon früh habe ich mich für Politik interessiert:  mit 11 Jahren an Konferenzen von Atatürks Gedankengutverein teilgenommen, wo ich mit 15 als jüngstes Mitglied beigetreten bin.

Ich hatte deutsche und türkische Freunde. Auf dem Gymnasium gab es aber in meiner Klasse keine Türken, nur 2 türkische Freunde aus der Grundschule. Durch meinen Namen Jennifer Schäfer und durch mein Aussehen sah man mir überhaupt nicht an, dass ich Halbtürkin war, da ich nicht typisch „türkisch“ aussehe, wenngleich ich meine Abstammung nie verborgen habe. Ich war zudem auch etwas stolz, beide Kulturen in mir zu tragen. Leider gibt es bestimmte Klischees, nicht nur über die türkischen Immigranten. Wenn meine türkischen Wurzeln zur Sprache kamen,  sagte man mir, dass ich keine Halbtürkin sein könnte vom Aussehen und Auftreten her. Sie fragten sogar, ob meine Mutter ein Kopftuch trage. Viele waren immer erstaunt, wenn sie hörten, dass meine Mutter Türkin ist.

Ich habe mit 15 Jahren begonnen in der Türkei zu Modeln. Später habe ich auch angefangen als Fernsehmoderatorin und Schauspielerin zu arbeiten. Als ich damals Zeitungsausschnitte oder Videos von mir aus der Türkei meinem Schuldirektor zeigte (da ich öfters schulfrei brauchte), war er erstaunt, als er Bikinifotos in der Zeitung sah. Ich meinte, dass die westliche Seite in der Türkei wie z. B. Istanbul, Izmir, Ankara und noch andere Großstädte in mancher Hinsicht sogar moderner ist als Deutschland. Die meisten Touristen kennen die Türkei nur aus den Urlaubsorten. Man sollte auch die andere Seite der Türkei kennen lernen, nicht nur die rückständige. Vor allem wird davon geredet, dass es keine Medienfreiheit gibt. Dazu kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass es in mancher Hinsicht sogar zuviel Freiheit gibt. Wie gesagt: das Bild von den hier in Deutschland lebenden Türken stimmt nicht mit dem Bild von den in der Türkei lebenden Türken überein. Dies kommt auch dadurch, dass die meisten Familien (nicht alle!) zu Anfang Arbeiterfamilien waren und eigentlich wieder zurückkehren wollten und sozusagen im „Ghetto“ lebten. Jedoch hat sich meistens alles anders ergeben und sie sind hier geblieben.

Während sich die Türkei weiterentwickelt hat, haben sie hier in ihrer eigenen Welt auf ihrer traditionellen Lebensweise beharrt. Es ist nicht leicht, sich von einer Kultur  an eine andere zu gewöhnen. Die vierte Generation der Immigranten hat es heutzutage vielleicht etwas leichter, da sie hier geboren sind und sich besser einleben konnten als ihre Vorfahren.

Zudem muss man bedenken, dass die Religion leider eine große Rolle spielt. Die Spanier oder Italiener, meist Christen, können sich meiner Meinung nach besser integrieren als die Muslimen. Auch das „C“ der CDU schreckt die meisten Muslime ab. Zwar steht das „C“ für die Werte, die auch im Islam gelten, jedoch wird dies nicht richtig deutlich. Zumal das „C“ manchmal als religiöses Zeichen genutzt wird. Die Religion dürfte aber eigentlich kein Thema sein. Auch die Türkei ist kein islamischer Staat. Es herrscht der Laizismus, obwohl die Religion leider in letzter Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt.

Um noch mal auf die Integration zurückzukommen; die türkischen Immigranten wünschen sich  ein „Willkommen“ von den deutschen Bürgern und die Deutschen ohne Migrationshintergrund erwarten eine bessere Anpassungsfähigkeit. Jetzt muss also ein Aufeinanderzugehen ohne jegliche Vorurteile geschehen, um  sich besser zu verstehen.

Obwohl ich hier in Deutschland aufgewachsen bin und mein Vater Deutscher ist, hatte ich anfangs auch Identitätsprobleme, welche ich heute aber nicht mehr habe. Denn ich habe durch meinen permanenten Wechsel zwischen der Türkei und Deutschland ab meinem 16. Lebensjahr (mit  20 Jahren war der Wechsel stärker) versucht die positiven Seiten beider Kulturen anzunehmen und mich nicht mehr für einen Staat zu entscheiden. Wie erwähnt, ich fühle mich als Halbtürkin und Halbdeutsche.

Die Türkei ist in vielerlei Hinsicht westlich geprägt und hat viele Gemeinsamkeiten mit Deutschland. Es herrscht auch eine Sympathie zwischen diesen beiden Staaten. Und um an diese Sympathie zueinander zu erinnern und diese Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei zu unterstützen, hat die Deutsche Botschaft in Ankara ein Projekt entwickelt, das zur Zeit in der Türkei läuft. Es sind mehrere Werbespots mit verschieden Personen, die auf unterschiedliche Weise mit  Deutschland verbunden sind, gedreht worden. Diese Personen sind unter anderem natürlich der deutsche Botschafter, Schauspieler, Fußballspieler, Fußballtrainer, eine Musikgruppe (Revolverheld) und auch ich. Zuletzt ist auch mit Mesut Özil und Nuri Sahin gedreht worden. In diesem Spot sagen wir: „Türkiye ve Almanya – Biz Birlikteyiz“. Übersetzt: „Türkei und Deutschland – wir gehören zusammen.“ Auch wurden in den Großstädten Billboards gezeigt.

Dies ist doch ein guter weiterer Schritt hinsichtlich der Integration und der Zusammengehörigkeit, oder? Es wäre schön, wenn jeder überlegt, welchen Schritt er für ein besseres Miteinander gehen kann.

Über die Autorin:

Jennifer Sebnem Schäfer ist Schauspielerin und ein türkisches Modell, das in Dreikirchen im Westerwald geboren wurde. Sie wirbt gemeinsam mit der Deutschen Botschaft in Ankara für eine Intensivierung der deutsch-türkischen Freundschaft. Zu der Kampagne gelangen sie hier. Die Homepage von Jennifer Sebnem Schäfer finden Sie hier.

Ein Pirat hat meinen Blog geentert?

Ein Pirat hat meinen Blog geentert? Naja, nicht ganz. Ich habe ihn freiwillig an Bord gelassen. Mehrfach bin ich gefragt worden, warum ich das getan habe.

Erstens schätze ich Stephan Urbach. Er ist streitbar, aber dabei nicht verbohrt oder verbissen, wie es leider zu viele auf der politischen Bühne sind. Die Zahl derjenigen, die auf twitter und in den sozialen Netzwerken nicht zwischen Debatte und persönlicher Attacke trennen können, ist exorbitant hoch. Da kann man einmal mehr froh sein, dass es keinen Klarnamenzwang im Netz gibt, denn das unterirdische Niveau mancher führt ja meist auf den Urheber zurück. Ich glaube sagen zu können, dass @herrurbach und ich davon weit entfernt sind und wir trotz weit auseinander liegender Meinungen respektvoll miteinander umgehen. Kurz: ich mag ihn, sonst hätte ich ihn nicht an Bord gelassen.

Natürlich bin ich auch nach meiner Meinung zum Thema selbst gefragt worden. Ich will jetzt hier keinen Cokommentar schreiben, doch eins sei gesagt: die Frage, wie Jugendschutz im digitalen Zeitalter gewährleistet werden kann, ist zurecht gestellt. Auch ich bin der Auffassung, dass die bisherigen Instrumente denkbar ungeeignet sind. Und die Erinnerung an Eigenverantwortung und die Erziehungsverantwortung der Eltern klingt für mich richtig christdemokratisch. Es zeigt, dass die Piraten nicht links oder rechts sind, sondern auf allen Meeren kreuzen.

Stephan Urbach und ich haben uns über die vielen Reaktionen gefreut. Ich bin gespannt, ob die nächsten vier Gastautoren – jeweils am Montag – auf ähnliches Interesse stoßen werden.

Gastbeitrag: Wer schützt uns vor den Jugendschützern?

cc by alvar freude

Die Intention des Jugendmedienschutzstaatsvertrages ist es, Kinder und Jugendliche von entwicklungsgefährdenden Inhalten fern zu halten und illegale Inhalte nicht über Presse und Rundfunk zu verbreiten. Der Staat kommt damit seinem Schutzauftrag nach. Mit der Verbreitung von Internetanschlüssen in Haushalten, Schulen, Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen scheint es auch online ein solches Schutzbedürfnis zu geben.

In der Gesetzgebung sind Gesetze zum Internet bei den Ländern angesiedelt. Die Landesmedienanstalten zeigen sich zuständig, und hier liegt schon der erste Fehler. Das Internet ist kein klassisches Medium wie Zeitung, Radio oder Fernsehen. Es folgt nicht dem Konzept, dass es wenige lokale Sender und viele Empfänger gibt, und stellt kein klassisches Broadcasting-Medium dar. Im Internet ist jeder Nutzer sowohl Sender als auch Empfänger. Und dies weltweit. YouTube und soziale Netzwerke wie SchülerVZ zeigen, wie stark die klassische Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten verschwimmt. Eine Unterteilung in Anbieter und Empfänger scheitert also schon von Grund auf.

Gesetze, die es TV-Sendern nicht gestatten, bestimmte Inhalte nur nach 22 Uhr zu senden, können auf ein globales Medium nicht angewandt werden, denn irgendwo ist immer 22 Uhr. Das Grundproblem liegt also in einer lokalen Gesetzgebung für Inhalte, die keine Grenzen kennen. Und selbst bei TV-Sendern lässt sich diese Regel in Zeiten von Satellitenfernsehen nur noch schwer einhalten, denn auch hier sind Inhalte in der Regel global verfügbar.

Die deutschen Jugendschützer lassen sich davon aber natürlich nicht beirren. Es wird fröhlich weiter reglementiert und eingeschränkt, um das alte Konzept wieder herzustellen: Nicht jeder darf alles zu jeder Uhrzeit sehen. Ganz perfide umgeht der aktuelle Entwurf des Ergänzungsvertrages zum JMStV nun das Problem, dass die Erde eine Kugel ist. Mit Jugendschutzfiltern. Diese sollen angeblich helfen: Die Webseiten müssen nur gekennzeichnet werden. Dann bekommt keiner, der zu jung ist, irgend etwas Anstößiges zu sehen. Zumindest, wenn die Seite sich mit ihren Inhalten an Kinder und Jugendliche wendet, greift dieses Modell. Aber hier beginnt ein merkwürdiger Differenzierungsprozess, denn wie wird beurteilt, ob ich mich an Kinder und Jugendliche wende?

Wer darf eigentlich darüber urteilen, was für Kinder und Jugendliche geeignet ist und für welche Inhalte sie sich interessieren? Ist eine Website über Aufklärung erst ab 16 oder doch schon ab 12 geeignet? Der Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur) hat dazu ein spannendes Experiment gemacht. Das Ergebnis, wie zu erwarten war: Man ist sich nicht sicher.

Also stelle ich die Frage, warum eines der schärfsten Jugendschutzgesetze der Welt nun auch noch weltweit agieren möchte. Eine positive Auswirkung auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist jedenfalls nicht erkennbar, wenn man sie der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Ländern mit weniger restriktiven Gesetzen gegenüberstellt. Eine Studie von pro familia aus dem Jahr 2006 gibt an, dass 25% aller schwangeren Minderjährigen unter 16 Jahre alt sind – trotz eines vorhanden Jugendschutzes konnte dies nicht verhindert werden. Manch einer argumentiert nun, dass der Schutz nicht stark genug sei – ich sehe es eher so, dass er nicht funktioniert. Wir können unseren Kindern und Jugendlichen nicht vorschreiben, was sie lesen, hören und denken sollen.

Es liegt an uns, für sie da zu sein, wenn sie Fragen haben oder sich über Gelesenes oder Gehörtes austauschen möchten. Sie brauchen diesen Freiraum, die Impulse und Gedanken anderer. Es ist dann unsere Aufgabe, das gemeinsam mit ihnen aufzuarbeiten, damit sie auch weiterhin differenzieren können. Und deswegen müssen wir sie vor den Jugendschützern schützen.

Über den Autor:
Stephan Urbach ist 29 Jahre alt und lebt in Hanau am Main. Er ist Mitglied der Piratenpartei Deutschland und der Jungen Piraten. Er ist bei der Piratenpartei Koordinator für ACTA und steht dem Bundesschiedsgericht vor.

Die Gastbeiträge müssen nicht mit der Meinung des Blogbetreibers Dr. Peter Tauber übereinstimmen.

 

Die Intention des Jugendmedienschutzstaatsvertrages ist es, Kinder und

Jugendliche von entwicklungsgefährdenden Inhalten fern zu halten und

illegale Inhalte nicht über Presse und Rundfunk zu verbreiten. Der Staat

kommt damit seinem Schutzauftrag nach. Mit der Verbreitung von

Internetanschlüssen in Haushalten, Schulen, Bibliotheken und anderen

öffentlichen Einrichtungen scheint es auch online ein solches

Schutzbedürfnis zu geben.

 

In der Gesetzgebung sind Gesetze zum Internet bei den Ländern angesiedelt.

Die Landesmedienanstalten zeigen sich zuständig, und hier liegt schon der

erste Fehler. Das Internet ist kein klassisches Medium wie Zeitung, Radio

oder Fernsehen. Es folgt nicht dem Konzept, dass es wenige lokale Sender und

viele Empfänger gibt, und stellt kein klassisches Broadcasting-Medium dar.

Im Internet ist jeder Nutzer sowohl Sender als auch Empfänger. Und dies

weltweit. YouTube und soziale Netzwerke wie SchülerVZ zeigen, wie stark die

klassische Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten verschwimmt. Eine

Unterteilung in Anbieter und Empfänger scheitert also schon von Grund auf.

 

Gesetze, die es TV-Sendern nicht gestatten, bestimmte Inhalte nur nach

22 Uhr zu senden, können auf ein globales Medium nicht angewandt werden,

denn irgendwo ist immer 22 Uhr. Das Grundproblem liegt also in einer lokalen

Gesetzgebung für Inhalte, die keine Grenzen kennen. Und selbst bei

TV-Sendern lässt sich diese Regel in Zeiten von Satellitenfernsehen nur noch

schwer einhalten, denn auch hier sind Inhalte in der Regel global verfügbar.

 

Die deutschen Jugendschützer lassen sich davon aber natürlich nicht beirren.

Es wird fröhlich weiter reglementiert und eingeschränkt, um das alte Konzept

wieder herzustellen: Nicht jeder darf alles zu jeder Uhrzeit sehen. Ganz

perfide umgeht der aktuelle Entwurf des Ergänzungsvertrages zum JMStV nun

das Problem, dass die Erde eine Kugel ist. Mit Jugendschutzfiltern. Diese

sollen angeblich helfen: Die Webseiten müssen nur gekennzeichnet werden.

Dann bekommt keiner, der zu jung ist, irgend etwas Anstößiges zu sehen.

Zumindest, wenn die Seite sich mit ihren Inhalten an Kinder und Jugendliche

wendet, greift dieses Modell. Aber hier beginnt ein merkwürdiger

Differenzierungsprozess, denn wie wird beurteilt, ob ich mich an Kinder und

Jugendliche wende?

 

Wer darf eigentlich darüber urteilen, was für Kinder und Jugendliche

geeignet ist und für welche Inhalte sie sich interessieren? Ist eine Website

über Aufklärung erst ab 16 oder doch schon ab 12 geeignet? Der Arbeitskreis

gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur) hat dazu ein spannendes

Experiment gemacht. Das Ergebnis, wie zu erwarten war: Man ist sich nicht

sicher.

 

Also stelle ich die Frage, warum eines der schärfsten Jugendschutzgesetze

der Welt nun auch noch weltweit agieren möchte. Eine positive Auswirkung auf

die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist jedenfalls nicht erkennbar,

wenn man sie der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Ländern mit

weniger restriktiven Gesetzen gegenüberstellt. Eine Studie von pro familia

aus dem Jahr 2006 gibt an, dass 25% aller schwangeren Minderjährigen unter

16 Jahre alt sind – trotz eines vorhanden Jugendschutzes konnte dies nicht

verhindert werden. Manch einer argumentiert nun, dass der Schutz nicht stark

genug sei – ich sehe es eher so, dass er nicht funktioniert. Wir können

unseren Kindern und Jugendlichen nicht vorschreiben, was sie lesen, hören

und denken sollen.

 

 

Es liegt an uns, für sie da zu sein, wenn sie Fragen haben oder sich über

Gelesenes oder Gehörtes austauschen möchten. Sie brauchen diesen Freiraum,

die Impulse und Gedanken anderer. Es ist dann unsere Aufgabe, das gemeinsam

mit ihnen aufzuarbeiten, damit sie auch weiterhin differenzieren können. Und

deswegen müssen wir sie vor den Jugendschützern schützen.