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Che Guevara – Der Mann auf dem T-Shirt

Man spaziert durch deutsche Fußgängerzonen und in regelmäßigen Abständen begegnen einem – meist junge – Menschen, die entweder T-Shirts, Taschen oder Buttons mit dem „berühmten“ kubanischen Revolutionsführer Che Guevara tragen. Selbstverständlich – berühmt ist diese Person. Aber wissen die Menschen die ihn in bunten Farben auf der Brust tragen auch, wie die Leistungsbilanz des Barfußrevolutionärs aussieht? Welche Verdienste er sich erworben hat? Rechtfertigen diese, dass junge Leute in einer freiheitlichen Demokratie sein Konterfei spazieren tragen? Umfragen an deutschen und ausländischen Universitäten haben Erstaunliches ergeben. Fast jeder Befragte kennt Che Guevara, aber kaum einer ist in der Lage Angaben zu seinem Leben oder seiner „politischen Arbeit“ zu machen. Mich nervt das. Darum hier ein paar Anmerkungen.

Fidel Castro und Che Guevara stürzten Ende der 1950er Jahre nach langer Vorbereitung den bisher auf Kuba regierenden Diktator Batista und zogen mit ihren Revolutionstruppen in Havana ein. Doch sie beendeten damit nicht die Diktatur, sie ersetzten sie lediglich durch eine neue. In den Anfangsjahren der kommunistischen Herrschaft noch für seinen aktiven und alles andere als gewaltlosen Wiederstand gegen den Diktator Batista gefeiert, wurde Che Guevaras neue Ideologie sehr schnell zum Alptraum für viele Menschen in Kuba.

Che Guevaras Antrieb war der Kommunismus. Durch seinen Mentor und Ziehvater Fidel Castro wuchs sein politischer Einfluss und er wurde Kommandant der Gefangenenanstalt La Cabana. Das berüchtigte Lager Guantanamo Bay sieht dagegen wie ein ordentliches Gefängnis aus. Vielmehr ähnelte das Lager unter Ches Kommando den deutschen Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Dort war er für die Ermordung einiger hundert – manche Quellen sprechen von einigen tausend – Menschen verantwortlich. Seine kommunistische Überzeugung pflegte er durch regelmäßigen Kontakt zu Diktatoren und Führern der Sowjetunion und „der DDR“. Ein besonderes Verhältnis pflegte er aber zu Josef Stalin, er vergötterte den sowjetischen Machtinhaber regelrecht. Briefe unterschrieb er nach Stalins Tod zu Gedenken mit dem Kürzel „Stalin II“. Er wurde immer radikaler in seiner Handlungs- und Denkweise. Man muss an dieser Stelle noch einmal betonen, dass es um einen Mann geht, der heute eine Reihe von Devotionalien schmückt und tiefste Zuneigung und Verehrung für einige der schlimmsten Mörder und Diktatoren unserer Zeit empfunden hat. Was sagt das über die Träger seiner T-Shirts aus, außer, dass man ihnen mindestens mangelhafte Geschichtskenntnisse attestieren muss?

1962 reiste Che Guevara in die UDSSR und verhandelte mit Stalins Nachfolger über die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf der Karibikinsel. Die Kubakrise hätte fast zum Dritten Weltkrieg geführt. Nach Beilegung der Krise sagte er zu einem britischen Journalisten, er hätte die Raketen gezündet, wenn die Sowjets ihn gelassen hätten. Er beendete den Kontakt mit der ehemaligen Sowjetunion und der DDR, da ihn diese Staaten zu sehr vom eigentlichen Ideal des Kommunismus abwichen. Mit anderen Worten: Die DDR und die UDSSR waren ihm nicht mehr radikal genug! Kurze Zeit später begann auf Kuba die Errichtung von Arbeitslagern, in denen auf Che Guevaras Anweisung hin Tausende Katholiken, Homosexuelle und andere unbescholtene Menschen den Tod finden mussten.
Bevor er im Oktober 1967 durch die bolivianische Regierung umgebracht wurde, hatte er sich als Guerilla-Kämpfer in Bolivien „einen Namen gemacht“. Unter seiner Führung entstand eine gewalttätige Untergrundorganisation. Die Destabilisierung Boliviens diente keineswegs der Befreiung des bolivischen Volkes, sondern sollte allein die USA, die gerade in den Vietnam Krieg verwickelt waren, schwächen. Boliviens Regierungschef machte Che Guevara für die Guerilla- und Bürgerkriege in Bolivien verantwortlich und ließ eine Kopfgeldprämie auf ihn aussetzen. Am Ende wurde „Che“ Opfer der von ihm selbst entfesselten Spirale aus Gewalt und Haß.

Kann heute jemand ernsthaft die Wertvorstellung Che Guevaras teilen? Wohl kaum. Sie sind weder mit den Menschenrechten noch mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – in Einklang zu bringen. T-Shirts mit seinem Konterfei offenbaren also nicht nur eine mangelnde politische Bildung des Trägers und mangelnde Geschichtskenntnisse, sie sind einfach uncool.

Der Regulierer im eigenen Haus erspart das Gesetz

Nach dem gescheiterten Jugendmedienschutzstaatsvertrag gibt es nun diverse Anläufe, dass Thema Jugendschutz im Internet neu auf die Tagesordnung zu setzen. Das Ansinnen ist löblich, denn in der Tat gilt es Kinder und Heranwachsende davor zu bewahren, sich das eine oder andere „Unschöne“ im Netz anzusehen oder damit konfrontiert zu werden. Die Frage ist aber zunächst einmal, mit welchem Ziel das geschieht. Wenn der Anspruch ist, Kinder und Jugendliche von allem fern zu halten, was einen schlechten Einfluss ausüben könnte, dann wird diese Form des Jugendschutzes kläglich scheitern. Trotz aller Gewaltprävention lässt sich schließlich auch nicht jede Schulhofschlägerei verhindern und ganz ehrlich – Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass es im Leben nun mal oft nicht gerecht zu geht, sondern dass es Unbill und Ärgernisse gibt, denen man sich stellen muss – auch das ist etwas, dass Kinder lernen müssen. Entscheidend ist also nicht, Kinder von der Lebenswirklichkeit abzuschotten (und das gilt auch für das Internet), sondern sie dabei zu begleiten, wenn sie das Internet für sich entdecken.

Das hierzu notwendige Stichwort ist „Medienkompetenz“. Es ist daher wichtig, dass die Enquete-Kommission diesem Thema eine eigene Projektgruppe unter der Leitung von Thomas Jarzombek gewidmet hat. Deutlich ist bei den konstruktiven Diskussionen geworden, dass Medienkompetenz unter dem speziellen Gesichtspunkt des Internets eine Querschnittsaufgabe ist. Keineswegs geht es nur darum, Heranwachsende zu begleiten und ihnen das Handwerkszeug zu vermitteln, um sich im Netz sicher und selbstbestimmt bewegen zu können. Gleiches gilt nämlich für Pädagogen aber vor allem auch für Eltern. (Nebenbei bemerkt: auch politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger müssen ein Mindestmaß an Medienkompetenz mitbringen, wenn sie sich mit netzpolitischen Fragen befassen.) Daraus folgt, dass Medienkompetenz auch eine permanente Aufgabe ist und man mit Blick auf den Jugendschutz nur schwerlich einen Zustand erreichen wird, bei dem Politiker ein Gesetz machen und man sich dann entspannt zurück lehnen kann. So wird das nicht funktionieren.

Unter dem Gesichtspunkt des Jugendschutzes springt daher aus meiner Sicht der Ruf nach gesetzli-chen Regelungen viel zu kurz. Auch die Selbstregulierung von Inhalteanbietern im Netz, die analog zur Filmindustrie diskutiert wird, kann nur ein weiterer Baustein sein. Das Internet führt uns hier deutlich die Begrenztheit staatlicher Eingriffsmöglichkeiten vor Augen, wenn wir in einem Abwä-gungsprozess von Jugendschutz und staatlicher Regulierungsmöglichkeiten nicht Freiheitsrechte im Internet beschneiden wollen. Meine Position ist klar: ich will das nicht und bin deswegen auch ein erklärter Gegner von Netzsperren (was natürlich nicht einem Freibrief zur Verbreitung illegaler Inhalte im Netz gleichkommt).

Wenn man von der unzureichenden Möglichkeit staatlicher Regulierung im Jugendschutz mit Blick auf das Internet überzeugt ist, dann muss der Blick zweifelsfrei auf die Eigenverantwortung des Einzelnen fallen. Es ist bezeichnend, dass viele Eltern nach der Politik rufen, um unliebsame Inhalte aus dem Internet zu verbannen, aber viel zu wenige Mamis und Papis sich einmal daheim hinsetzen, um die oft kostenlose Jugendschutzsoftware auf dem heimischen Rechner zu installieren. Und es wäre fahrlässig, wenn die Politik weiter den Eindruck vermittelt, sie könne dieses Problem den Eltern abnehmen. Das entledigt den Staat nicht einer gewissen Fürsorge, die aber nur darin bestehen kann, Eltern und Pädagogen das notwendige Werkzeug in die Hand zu geben, um den Jugendschutz zu gewährleisten. Darauf haben Eltern und Pädagogen durchaus einen Anspruch. Dann sind sie aber auch selbst gefragt! Neben der Frage guter Software im Bereich des Jugendschutzes sind Eltern nämlich aufgefordert, mit den Sprösslingen das Gespräch zu suchen und darüber zu reden, was sie da im Internet gesehen haben. Machen wir uns nichts vor: es gibt sicherlich angenehmere Gespräche als mit dem eigenen Nachwuchs über Pornografie und Gewalt sowie politischen Extremismus im Netz zu sprechen. Auch hier kann der Staat ihnen die Erziehungskompetenz kaum abnehmen, sondern allenfalls durch geschultes Personal in Betreuungseinrichtungen und Schule Hilfestellungen geben. Ansätze gibt es vielfältige – wie beispielsweise die Schulungsmaßnahmen der Heraeus-Bildungsstiftung im Bereich social media für Lehrerinnen und Lehrer.
Ich bleibe aber bei der Überzeugung: Der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen zu Hause geht den Staat aber nichts an. Hier sind die Eltern gefragt. Und wer wieder nach staatlicher Regulie-rung ruft: jedes Kind hat zwei Regulierer zu Hause. Ein so hohes Maß an staatlicher Aufsicht wäre gar nicht zu leisten.

Richtig. Wichtig. Lebenswichtig.

Am 04. Juni 2011 findet in Deutschland ein bundesweiter Aktionstag zum Thema „Organspende“ statt, der unter dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig“ steht. Verschiedene Verbände und Organisationen werden unter anderem in Frankfurt an der Paulskirche über das Thema Organspende informieren und für die Bereitschaft zum Organspenden werben. Zwar sind im vergangenen Jahr die Organspenden in Hessen erfreulicherweise um 4,5 Prozent gestiegen. Noch immer sterben aber jährlich in Deutschland rund 1.000 Patienten, die vergeblich auf der Warteliste für eine Organspende stehen. Ein Nierenpatient muss in Deutschland rund sechs Jahre auf eine Transplantation warten, bevor ihm durch einen Organspender neues Leben geschenkt wird. Der Tag zur Organspende soll dazu beitragen, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren und ihre Bereitschaft zum Tragen eines Organspendeausweises zu erhöhen.

Auch ich möchte die heutige Gelegenheit dazu nutzen und sie ermutigen, sich mit diesem besonders wichtigen Thema auseinanderzusetzen. Rund 12.000 Menschen warten in Deutschland aktuell auf ein Spenderorgan. Eine Organspende ist aus meiner Sicht gerade aus dem Gesichtspunkt der christlichen Nächstenliebe und der Solidarität ein wichtiger Beitrag für eine menschliche Gesellschaft. Es sollte daher jeder für sich eine bewusste Entscheidung treffen, ob er zu einer Organspende bereit ist oder nicht. Wer sich mit einer solchen Problematik nicht auseinandersetzt, wird im Zweifelsfalle seinen Familienangehörigen die Entscheidungspflicht aufbürden, die in einer Notsituation für den Patienten handeln müssen. Für die betroffenen Angehörigen bedeutet dies nicht selten einen großen Gewissenskonflikt und schwere moralische Bedenken. Es liegt an uns, unsere Angehörigen davor zu bewahren und eine selbstbestimmte Entscheidung für den Ernstfall zu treffen.

Das Thema der Organspende ist in erster Linie eine Problematik, mit der sich jede Bürgerin und jeder Bürger selbständig auseinandersetzen muss. Dennoch glaube ich, dass es auch für die Politik Möglichkeiten gibt, das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. So könnte ich mir beispielsweise vorstellen, dass jeder Mensch einmal in seinem Leben eine bewusste Entscheidung für oder gegen seine Bereitschaft zur Organspende treffen muss. Möglichkeiten, diese Entscheidung abzufragen, sind mehrere denkbar. Etwa beim Ausstellen des Personalausweises oder der Vergabe des Führerscheins könnte eine Entscheidung zur Organspende zur Pflicht erhoben werden. Selbstverständlich muss ein späterer Widerruf dieser Entscheidung jeder Zeit möglich sein. Ich bin davon überzeugt, dass die tatsächliche Bereitschaft in Deutschland zur Organspende deutlich höher ist, als die bisher registrierten Organspender. Eine solche verpflichtende Befragung könnte nicht nur die positiven Rückmeldungen steigern und damit aktiv Leben retten, sondern außerdem die Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen.

Ich möchte Sie zu dem bevorstehenden Aktionstag zur Organspende dazu auffordern, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Informieren Sie sich im Internet oder in Frankfurt im Rahmen des Aktionstages. Rund 70 Prozent der Deutschen sind grundsätzlich positiv Organspenden gegenüber eingestellt. Nur wenige haben jedoch einen entsprechenden Organspendeausweis in der Brieftasche. Helfen auch Sie mit, den Aktionstag zur Organspende zu einem Erfolg zu machen und die Zahl der Organspenden in Hessen und in Deutschland weiter zu steigern. Einen Organspendeausweis können Sie sich übrigens ganz bequem aus dem Internet ausdrucken. Besuche Sie doch einmal die Seite www.organspende-info.de.

Misericordias Domini – Laienpredigt von Peter Tauber in Langendiebach

Predigt zu Johannes, 10.

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,
Jesus als der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe gibt. Dieses Bild ist uns vertraut. Es berührt uns, es beruhigt uns. Es gibt wesentliche Elemente unseres Glaubens wieder, beginnend mit der christlichen Nächstenliebe. Die Bereitschaft, sich zu opfern, für andere einzustehen, zu helfen – ohne gleich zu fragen, welchen Nutzen ich davon habe.

Jesus redet aber nicht nur von sich selbst. Er meint damit auch Vater und Mutter, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Oder vielleicht den Unternehmer, der auch in der Krise seine Mitarbeiter nicht entlässt. Oder Bürger, die bereit sind, mehr zu tun für unser Land, als nur ihre Steuern zu zahlen – indem sie sich ehrenamtlich engagieren.

Auf der einen Seite also Jesus, der für uns alle als Hirte geworden ist und auf der anderen Seite die vielen guten Hirten, die uns täglich begegnen, wenn wir nur hinschauen. Halt! Ist das wirklich ein Unterschied? Leben diese Menschen von denen ich gerade sprach nicht wissentlich oder unwissentlich nach dem Vorbild Jesu? Werden sie seinem Bilde nicht gerecht? Ganz unspektakulär, ohne dass es große Schlagzeilen gibt oder alle Welt staunend innehält. Ich glaube schon. Sie begegnen uns nämlich täglich, die guten Hirten. Das ist doch eine beruhigende Botschaft.

So „bequem“ wie sie auf den ersten Blick wirkt, ist die Geschichte aber nicht. Nur auf den ersten Blick geht es um die Geborgenheit, die wir als Schafe finden. Denn Jesus spricht nicht nur von der wunderbaren und sorgenfrei machenden Aufgabe des Hirten, die dazu führt, dass die Schafe beruhigt schlafen können. Er spricht auch von dem Mietling, der kein guter Hirte sein könne.

Wer fühlt sich da angesprochen? An wen denken wir dabei? An den Hedgefonds-Manager, der nur auf die Zahlen schaut und dem die Betriebe, die er kauft und verkauft und die dort arbeitenden Menschen egal sind? Die Mutter, die mit der knapp bemessenen Sozialhilfe vorrangig den eigenen Bedarf bedient und nicht mit der notwendigen Sorgfalt auf die ihr anvertrauten Kinder achtet? Der Jugendbetreuer, der seine pädophilen Neigungen an seinen Schützlingen unbemerkt von anderen befriedigt? All diese Menschen würden wir sicherlich als der Aufgabe des guten Hirten nicht gewachsen beschreiben.

Und damit sind wir bei einer für mich besonders wichtigen Aussage dieser Bibelstelle. Jesus ist das gute Beispiel, ja mehr noch, er nimmt die Aufgabe des guten Hirten bis zur letzten Konsequenz an und gibt sogar sein Leben für die Schafe. Für Martin Luther markiert das den zentralen Unterschied. Luther sagt dazu: „Christus allein (ist) der rechte Hirte, der für seine Schafe stirbt, und sonst niemand. Denn zu diesem Werk, darum Christus für uns stirbt, ist kein Mensch tüchtig gewesen, dass er den Menschen hätte frei machen können. Dieses ist dieses Hirten Werk, dass ihm niemand nachtun kann.“

Jesus hat hier – um es modern zu formulieren – ein Alleinstellungs-merkmal. Ihm in der Rolle des guten Hirten bis zur letzten Konse-quenz nachfolgen zu wollen, hält Luther für unmöglich und er hat sicherlich recht. Wie passt das zusammen, wenn wir eben noch gehört haben, dass Jesus uns Vorbild sein will? Hat Luther also unrecht? Nein. Er macht nur den Unterschied deutlich. Wir können nicht wie Jesus die „Sünd der Welt“ tragen. Aber Jesus formuliert dennoch einen Anspruch! Der Beliebigkeit des „Mietlings“, der bei den ersten Problemen die Segel streicht, davonläuft, erteilt er eine deutliche Absage.

Luther hat das erkannt und erklärt Jesus zum Vorbild für uns: „So wie Christus für uns gestorben ist, dass er uns errette durch sein ei-gen Werk, ohne unser Zutun, von Sünden und ewigen Tod: also sollen wir auch einer dem anderen dienen.“ Das ist es also, worum es Jesus für uns geht: um Verantwortung – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und Verantwortung, dass kann eine große Bürde sein, unter der Menschen schwer tra-gen, ja verzweifeln, sogar zusammenbrechen.

Wer trägt Verantwortung als Hirte für die Schafe? Mir kommen zwei Gedanken in den Sinn: Wer würde sich hier freiwillig in die Rolle des Schafes fügen? Wohl niemand. Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis. Wir wollen selbst frei entscheiden, was für uns gut ist. Wir wollen selbst Verantwortung für uns übernehmen. Ein selbstbestimmtes Leben führen, das ist unser Ziel. Alle Möglichkeiten sollen uns offen stehen – beruflich aber auch privat.

Doch ist das wirklich so? Ist es gut so? Gerade in schwierigen Situationen wünschen wir uns da nicht doch zumindest heimlich in die Rolle des Schafes? Rufen wir dann nicht nach jemandem, der uns diese Verantwortung für uns selbst abnimmt? Sind dann an der eigenen Situation nicht allzu oft Andere schuld?
Übertragen auf die Politik wird daraus die Frage, welchen Staat wir wollen. Wollen wir einen paternalistischen Staat, der uns führt und leitet, uns Verantwortung abnimmt, für uns sorgt, uns aber auch vorschreibt, was gut für uns ist und für uns entscheidet? Oder wollen wir einen Staat, der uns Freiräume eröffnet? Der uns Chancen gibt, aber uns bei Schwierigkeiten nicht alleine lässt?

Und wie ist das mit den Mietlingen in unserer Gesellschaft, denen sich viele Menschen hilflos ausgeliefert fühlen? Wie kommt es, dass viele Menschen unseren Staat als nicht mehr gerecht empfinden – und das, obwohl wir noch nie vorher so viel Geld für den Sozialstaat ausgegeben haben wie derzeit?
Es ist wahr: viele Menschen spüren in unserem Land eine gewisse Ohnmacht. Wir verlieren uns in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Naturkatastrophen, von Menschen gemachte Katastrophen und Kriege wie in Fukushima und Libyen oder schwierige politische Entscheidungen von der Euro-Rettung bis hin zum Sparpaket.

Ganz oft höre ich Sätze wie: „Was die da oben entscheiden, darauf habe ich doch eh keinen Einfluss.“ oder „Die wissen doch gar nicht mehr, wie das normale Leben aussieht und sind total abgehoben.“ Es mangelt am Vertrauen in die guten Hirten. Die Menschen haben – um im Bild zu bleiben – Angst, dass ihr Schicksal Mietlingen anvertraut ist.

Ich persönlich empfinde diese Sorge als oft nicht begründet – das sage ich ganz offen. Ich erlebe nicht nur in Berlin, sondern auch in Wiesbaden oder hier bei uns im Main-Kinzig-Kreis viele Menschen, die politische Verantwortung haben, die im wahrsten Sinne des Wortes schwer daran tragen.

Wahrscheinlich ist es dies, was jede öffentliche Persönlichkeit, jeder öffentliche Diener – jeder Politiker, Pfarrer, Lehrer, Arzt und Unternehmer – kennt: Ein guter Hirte zu sein, ist eine schwere Last, es ist der Preis für ein Amt und eine Aufgabe, die Gott uns anvertraut hat. Es ist ein Gefühl, dass jeder kennt, der für andere Verantwortung übernommen hat!

Mir persönlich hilft mein Glaube bei dieser Aufgabe. Bismarck hat das einmal etwas provokant so formuliert: „Gott hilft mir tragen, und mit Ihm bin ich der Sache besser gewachsen als die meisten unserer Politiker ohne Ihn. Ich werde mein Amt tun; dass Gott mir den Verstand dazu gibt, ist Seine Sache.“
Der Satz ist deswegen spannend, weil er darauf verweist, dass wir als Hirten immer auch Gott verpflichtet sind. Denn manchmal muss der Hirte den Schafen den Weg zur vermeintlich grünen Weide verweigern, wenn der Strom, den es auf dem Weg zu überqueren gilt, reißend und gefährlich ist. Die Aufgabe des Hirten, die Schafe vor Unheil zu bewahren, stößt selbst bei den Schafen nicht immer auf Verständnis.

Das meint keineswegs nur das Verhältnis von Politikern und Bür-gern. Das gilt genauso für die Mutter, die fürsorglich ihre Kinder begleitet und auch einmal Grenzen aufzeigt. Dies gilt für den Meister, der seinem Lehrling etwas zumutet, für den Trainer der seiner Mannschaft im Training etwas abverlangt. Wir Menschen sind so, dass wir manchmal auch jemanden brauchen, der uns den Kopf zurechtrückt, uns an das Wesentliche erinnert. Auch diese Aufgaben übernimmt Jesus für uns als guter Hirte. Jesus wendet sich an alle Christen, egal welche Stellung sie innehaben!

Dies führt zu der Frage, ob das immer so klar zu trennen ist, ob wir Schafe oder Hirten sind. Und es führt weiter zu der Frage, ob wir Hirten oder Mietlinge sind, wenn wir in Verantwortung für andere stehen. So klar werden wir das wohl nicht definieren können. Keiner ist ganz „guter Hirte“ und niemand ganz „Mietling“. Und – Gott sei Dank – das ist auch nicht ein für allemal festgelegt. Wir können uns ändern und wir stehen jeden Morgen neu vor der Entscheidung, was wir sein wollen und können. Das ist gut!

Und dann fällt mir noch etwas auf: in den Medien, aber leider auch in unseren tagtäglichen Gesprächen in der Familie und mit Freunden geht es doch meist um das Schlechte in der Welt. Wer hat wen verlassen, wer ist wo betrogen worden, hat seinen Arbeitsplatz verloren, hat seine Kinder geschlagen oder ist mit der Vereinskasse durchgebrannt.

Viel zu selten erzählen wir von den bemerkenswerten Dingen, von den „guten Hirten“ die uns tagtäglich begegnen. Jesus hat uns immer wieder dazu aufgefordert, im nachzufolgen. Wir als Christen sind trotz unserer Unzulänglichkeiten bemüht, seinem Beispiel zu folgen, weil wir der Überzeugung sind, dass dadurch unsere Welt ein bisschen gerechter und menschlicher wird.

Wenn wir andere ermutigen wollen, selbst Hirten zu sein, dann sollten wir ihnen von den guten Beispielen erzählen. Wenn wir dabei gleich mit Jesus beginnen, dann schreckt das vielleicht ab – Men-schen, die nicht zu ihm gefunden haben, aber auch Brüder und Schwestern, die dieses Vorbild für unerreichbar halten. Reden wir doch von den guten Hirten in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie – und irgendwann werden wir zwangsläufig darauf zu sprechen kommen, dass es einen guten Hirten gibt, der sich um uns alle sorgt.

Ich will von zwei dieser guten Hirten berichten, von denen ich viele kennenlernen durfte: Günter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderlich viel miteinander. Der eine ist überzeugter Christdemokrat, der andere eingefleischter Sozi. Doch beide haben etwas getan, was sie von vielen anderen unterscheidet. Sie haben nicht nur über Not und Armut in der Gesellschaft geredet. Sie haben gemeinsam angepackt. Beide haben die Gelnhäuser Tafel gegründet und damit eine Institution im mittleren Kinzigtal geschaffen, die täglich Zeugnis ablegt von dem, was man echten Bürgergeist nennen kann und muss. Männer und Frauen, denen es gut geht, helfen und übernehmen Verantwortung für die Schwachen in der Gesellschaft. Sie tun dies auf eine Art und Weise, die mit den Worten christliche Nächstenliebe und Menschlichkeit wunderbar umschrieben ist. Und es ist schwer vorstellbar, dass der Staat sich diesen Menschen so individuell und einfühlsam nähern kann, wie es die fleißigen Helfer der Gelnhäuser Tafel tun. Michael Frischkorn und Günter Rams machen nicht viel Aufheben um ihr Tun. Und 1.200 Menschen im Altkreis Gelnhausen erfahren immer wieder, dass sie nicht „egal“ sind.

Noch einmal zurück zur Politik. Wenn von Politik die Rede ist, dann werden sofort eine Menge Negativbeispiele bemüht: Partikularinteresseren einzelner gesellschaftlicher Gruppen oder gar Unternehmen, unnötiger Streit und unerträgliche Polemik und als Beispiel dafür wird immer wieder über Menschen geredet, die den eigenen Vorteil nutzen, auch wenn sie wissen, sie tun dies auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit. Da sind sie wieder. Die Mietlinge.

Ich glaube, man macht Politik nicht für Zahlen, Daten und Statistiken. Man macht Politik für Menschen – und nicht für die Menschen, die immer nur meckern und fordern –, sondern für die, die Hilfe brauchen sowie für die mit eigenen Ideen und einer positiven Einstellung ihr Leben gestalten und damit automatisch Gutes für andere tun. Sie sind die guten Hirten. Sie sind die Motivation für mich, Politik zu machen. Darum sollte uns allen bewusst sein: Der wahre Reichtum dieses Landes sind seine Menschen.

Deswegen entscheiden wir selbst jeden Tag, ob wir Hirte, Schaf oder am Ende Mietling sind. Jesus erwartet von uns diese Entscheidung und er will sie uns nicht abnehmen. Es ist sein persönlicher Auftrag für uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Burka und Nikab diskriminieren Frauen

Das Tragen von Burka und Nikab ist seit einiger Zeit in Frankreich verboten. Kritiker des Verbots sprechen von einer Phantomdebatte, reden die Zahl der betroffenen Frauen hinunter, ja versteifen sich sogar auf die steile These, die Frauen würden dieses bewegliche Gefängnis freiwillig und aus Überzeugung tragen. Wer freilich noch nicht von der Aufklärung gesegnet ist, für den mag das vielleicht sogar zutreffen. Dass aber offensichtlich diejenigen, die so argumentieren, diese Frauen in ihrem Status verweilen lassen wollen, ohne ihnen und den Männer, die sie meist dazu zwingen, einen öffentlichen Diskurs aufzunötigen, macht traurig und wütend.
Manche ziehen in der Debatte auch den Vergleich zur Auseinandersetzung um das Kopftuch. Der Fall ist gänzlich anders gelagert. Zwar sind beide Kleidungsstücke nicht nur religiöse, sondern auch politische Symbole und mit Blick auf Integrationsbemühungen kritisch zu hinterfragen. Das Kopftuch hingegen unterbindet eben nicht die Begegnung im Alltag, das Gespräch und die Teilhabe in einer freiheitlichen Gesellschaft, wenngleich durchaus auch Frauen, die das Kopftuch tragen (müssen) eben nicht gleichberechtigt partizipieren dürfen und (aus Sicht ihrer Männer) sollen. Beim Vollschleier liegt der Fall gänzlich anders. Hier wird schon durch das Tragen des Kleidungsstücks die Trägerin separiert und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen.
Der eine oder die andere wird sich noch an den Fall der Mitarbeiterin im Frankfurter Bürgerbüro erinnern, die ankündigte, nach ihrer Hochzeit im Vollschleier zur Arbeit erscheinen zu wollen. Ein heftiger öffentlicher Aufschrei war die Folge. Darf jemand vollverschleiert in einer öffentlichen Verwaltung, noch dazu im Bürgerbüro, arbeiten? Selbst diejenigen, die ein Verbot der Vollverschleierung ablehnen, sahen dies kritisch, nicht nur weil es hier um einen öffentlichen Verwaltungsakt ging und das direkte Gespräch eine wesentliche Aufgabe im Bürgerbüro ist. Das Ergebnis der Debatte war verheerend. Die Frau legte nicht etwa den Vollschleier ab, um wie vorher auch ihre wahrscheinlich gute Arbeit im Bürgerbüro zu verrichten. Sie kündigte den Job und sitzt jetzt ohne Arbeitsstelle zu Hause. Das mobile Gefängnis, unter das ihr Mann sie nach der Hochzeit offensichtlich erfolgreich gezwungen hat, siegt über die Emanzipation und damit über die im Grundgesetz festgelegten Rechte des Individuums – von der Gleichberechtigung von Mann und Frau gar nicht zu sprechen. Und das soll uns kalt lassen?
Es ist üblich, einander die Hand zur Begrüßung zu geben und uns anzuschauen, um so symbolisch zum Ausdruck zu bringen, dass der andere „keine Angst“ vor uns haben muss. Der Schleier ist das genaue Gegenteil. Er schützt nicht nur vermeintlich die Frau. Er bringt auch zum Ausdruck, dass dieser Schutz grundsätzlich notwendig scheint. Und hier sind wir bei einem Punkt in der Debatte, der mich als Mann maßlos ärgert und den ich nicht bereit bin hinzunehmen: Wer lehrt und behauptet, die Frau müsste durch Schleier vor den Blicken anderer Männer geschützt werden (und dies ist ja der wesentliche Grund für das Tragen der Burka), der prägt ein Männerbild, das zumindest für Mitteleuropa keine Gültigkeit hat. Wenn es Kulturkreise geben sollte, in denen die Männer so wenig Beherrschung haben, dass sie in jeder unverschleierten Frau ein Objekt der Begierde sehen, dann mag dort der Schleier seine Berechtigung haben – auch zum Schutz der Frau (auch dort dient er wohl eher zur Wahrung der Interessen des Ehemanns, der seine Frau oft als Eigentum betrachtet). In Deutschland ist das nach meinem Dafürhalten nicht so. Auch deshalb gehört der Vollschleier bei uns verboten. Und leider gibt es entgegen anderer Behauptungen auch im deutschen Straßenbild sowohl in Berlin als auch in Hanau zu viele Frauen, die mit einem mobilen Gefängnis herumlaufen.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil IV

Benedikt XVI. und die Generalaudienz auf dem Petersplatz

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Generalaudienz auf dem Petersplatz, an der wir teilnahmen. Der Platz füllte sich schnell mit Pilgergruppen aus aller Welt. „Die Kirche lebt. Und sie ist jung.“ Dieser Satz von Benedikt XVI. kam mir in den Sinn, als ich kurz vor Beginn auf den mit mehr als 15.000 Menschen gefüllten Platz vor dem Petersdom sah. Immer wieder sangen vor allem die dominierenden Jugendgruppen. Vor allem die spanisch sprachigen Gruppen waren gut zu hören und das Vorgetragene kann man wohl am ehesten mit den Fangesängen in Fußballstadien vergleichen. Beifall brandete auf, als der Papst mit dem „Papamobil“ auf dem Petersplatz erschien und durch die Reihen fuhr – dabei fröhlich winkend.

Wer noch nie eine Generalaudienz erlebt hat, der hat etwas verpasst! Alle angemeldeten Pilgergruppen wurden in der jeweiligen Landessprache begrüßt und machten dann auch lautstark auf sich aufmerksam. Da wurden Lieder gesungen, Sprechchöre skandiert und Fahnen geschwenkt. Die Fröhlichkeit der Menschen auf dem Petersplatz war ansteckend und der strahlende Sonnenschein tat sein Übriges.

Die fast zwei Stunden dauernde Generalaudienz stand im Zeichen der Karwoche. In einer sowohl auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Polnisch, Englisch, Italienisch und Deutsch vorgetragenen Ansprache ging es um die Einsamkeit Jesu angesichts des Leidens und des Todes am Kreuz. Ergreifend war der Moment, in dem Benedikt der XVI. auf Deutsch sprach (nicht nur, weil ich das am besten verstanden habe). Während des Sprechens ließ er irgendwann den Zettel, von dem er ablas sinken und sprach weiter. Wie zu sich selbst sinnierte er über das Leiden und den Tod, zog den Vergleich zu den griechischen Philosophen, die dem Tod gleichgültig begegneten, während Jesus Christus Leid und Angst der Menschen im Sterben nachvollzog und auf sich nahm. Es war Moment echter Frömmigkeit und zugleich hoher Theologie. Das war zu spüren – wohl auch für die, die nicht der deutschen Sprache mächtig waren.

Deutlich anzumerken war Benedikt XVI. die Freude über die vielen jungen Menschen, die im Jubel auch ihre Begeisterung für ihren Glauben zum Ausdruck brachten. Nach dem lateinischen Vater unser und dem Segen hatten einige Besucher der Generalaudienz die Gelegenheit, mit dem Papst einige persönliche Worte zu wechseln, Wünsche und Anliegen vorzutragen. Dabei war u.a. auch die Schauspielerin Christine Neubauer, die über Ostern in der ARD im Zweiteiler „Gottes mächtige Dienerin“ zu sehen war. Sie überreichte Benedikt XVI. eine DVD des Films, in dem sie die deutsche Ordensschwester Pascalina spielt, die in unmittelbarer Nähe des Papstes Pius XII. während des Dritten Reiches wirkte. Auch der Kardinal-Höffner-Kreis hatte dann die Möglichkeit zu einer Begegnung mit dem Papst. Auf den Stufen von St. Peter war ein Gruppenfoto geplant. Plötzlich stand er vor mir: ganz in weiß, mit den berühmten roten Schuhen. Wäre nicht der Ort und die Kleidung dann hätte ich den Eindruck eines freundlichen alten Mannes, der etwas müde wirkte, mitgenommen. So überwog aber die Aura des Besonderen. Dies war auch für die anderen Teilnehmer unserer Gruppe spürbar. Wir sprachen kurz miteinander, dann galt es schon Aufstellung für das Gruppenbild zu nehmen, dass in meinem persönlichen Fotoalbum sicherlich einen besonderen Platz erhalten wird.

Nach dieser eindrucksvollen Begegnung stand wieder Kultur und Geschichte auf dem Programm. Wir fuhren gemeinsam zu einer Besichtigung in die Villa Adriana, den Palast des römischen Kaisers Hadrian, der in seiner Gesamtfläche dreimal so groß wie der Vatikanstaat ist. Mit welcher Technik die Römer damals etwas schufen, was trotz des Abbruchs und der Nutzung als Steinbruch in den späteren Jahrhunderten immer noch überwältigt und die Zeiten überdauert hat, kann einen heute wirklich nur in Erstaunen versetzen – gerade wenn man bedenkt, in welchem sanierungsbedürftigem Zustand manche „Neubauten“ der 1970er Jahre des vorigen Jahrhunderts inzwischen sind. Da wurde wirklich – so scheint es – für die Ewigkeit gebaut. Das Pantheon, das wir zu Beginn unserer Romreise besucht hatten, kam mir hier wieder in den Sinn.

Rom hat mich auf jeden Fall in seinen Bann gezogen und ich werde sicherlich wieder bald dorthin fahren. Nicht nur wegen der Geschichte der Stadt, wegen der besonderen Atmosphäre in den Gassen der Altstadt oder den noch nicht in Augenschein genommen Sehenswürdigkeiten, sondern auch wegen dem leckeren Eis. Gelati ti amo.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil III

Kirchen, Kirchen, Kirchen

Angeblich 1.000 Kirchen gibt es in Rom, so hat es uns zumindest unsere italienische Reisebegleitung erklärt. Ich habe das nicht überprüft, aber wenn man das Stadtbild in Augenschein nimmt, ist man sofort bereit, dieser Zahl Glauben zu schenken. So stand der zweite Tag eher im Zeichen der geistlichen Erbauung, der Kunst- und Kirchengeschichte sowie einer Diskussionsrunde der Konrad-Adenauer-Stiftung – aber selbst diese fand in historischen kirchlichen Gemäuern statt.

Den Morgen begannen wir mit dem Feiern eines Gottesdienstes an einem durchaus außergewöhnlichen Ort. In einer im 4. Jahrhundert über den Domitilla-Katakomben erbauten Basilika hatte das „Großer Gott wir loben Dich“ doch einen ganz besonderen Klang. Für mich als Historiker war natürlich der anschließende Besuch der Katakomben selbst besonders spannend. Die Domitilla-Katakomben sind die größte unter diesen mehr als 60 frühchristlichen Grabstätten in Rom. Über fünf Stockwerke auf einer Länge von mehr als 15 Kilometern gruben die Menschen in die Erde, um ihre Toten zu bestatten. Neben christlichen Märtyrern ist hier angeblich auch die Tochter des Petrus, Petronella, bestattet worden.

Nach diesem Ausflug in das antike Rom ging es in die zweite Kirche an diesem Tag: die Basilika St. Paul vor den Mauern, dem Ort wo Paulus begraben liegt. Im Jahr 1823 abgebrannt, aufgebaut als Zeichen der Einheit der Christenheit mit Gastgeschenken und Unterstützungen aus Russland, England und anderen Nationen und christlichen Kirchen beherbergt sie nicht nur das Grab des Paulus, sondern auch eine Galerie aller Päpste. Um alle Besonderheiten des Kirchenbaus zu entdecken hätten wir uns wohl deutlich mehr Zeit nehmen müssen als zur Verfügung stand.

Unterbrochen wurde der Besuchsreigen der Gotteshäuser durch das Mittagsgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung u.a. mit Prof. Dr. Rocco Buttiglione, Vizepräsident der italienischen Abgeordnetenkammer, und Klaus Schmitz, Präsident von Thyssen-Krupp Italia. Es ging um das Verhältnis Deutschlands und Italiens, Fragen zur italienischen Politik und vor allem zum Blick auf Deutschland, den künftigen EZB-Präsidenten und die Euro-Krise. Ort des Gesprächs war das Päpstliche Institut von Santa Maria dell‘ Anima, einer Kirche, die seit 1444 zur Seelsorge an deutschen Pilgern und Armen bestimmt wurde und neben dem Campo Santo Teutonico das zweite deutschsprachige Priesterseminar. Noch heute möchte die Kirche den deutsch sprechenden Christen ein Stück Heimat sein. Die Kirche beherbergt auch das Grab des bis zur Wahl Paul Johannes II. letzten Nichtitalieners auf dem Heiligen Stuhl, Papst Hadrian VI, der in Utrecht geboren nach damaligen Begriffen ein Deutscher war. Er hatte das Pontifikat allerdings nur 13 Monate inne und starb im September 1523.

Die Papstkapelle Sancta Sanctorum.Der weitere Nachmittag führte uns zunächst in die Laterankirche, dem ursprünglichen Sitz der Päpste bis zu ihrem Gang nach Avignon. Nach der Rückkehr von dort siedelten die Päpste in den Vatikan über. Im Lateran erhielten wir Eingang in die Papstkapelle Sancta Sanctorum. Die Kapelle diente als Hauskapelle der Päpste und war zugleich Aufbewahrungsort der wichtigsten Reliquien der Christenheit. So befanden sich hier die angeblichen Häupter der Heiligen Petrus und Paulus ursprünglich hier. Hauptreliquien waren neben den Apostelköpfen vor allem Reliquien Christi, Mariens, Johannes des Evangelisten und Johannes des Täufers. Die Bedeutung der Kapelle wird durch eine Inschrift auf dem Altar hervorgehoben: „NON EST IN TOTO SANCTIOR ORBE LOCUS – Kein Ort ist heiliger als dieser auf dem ganzen Erdkreis.“ Bemerkenswert ist auch das Christusbild, dass bereits im 5. Jahrhundert entstanden sein soll und das im Laufe der Jahrhunderte zunächst mit Tüchern abgedeckt und schließlich mit großen handgefertigten und verzierten Silberplatten geschützt, die nur das Antlitz Christi sichtbar lassen. Wir hatten das große Glück, dass uns das Sancta Sanctorum aufgeschlossen wurde und wir die Mosaiken und Bildnisse unmittelbar in Augenschein nehmen konnten. Die meisten Pilger betrachten diesen besonderen Ort der Christenheit durch eine Glasscheibe, nachdem sie auf Knien die Heilige Stiege hinauf sind – so wie es auch Luther auf seiner Romreise 1511 getan hatte. Auch während unseres Besuchs waren viele Pilger vor Ort. Die Stufen stammen angeblich aus dem Praetorium des Pilatus und wurden auf Geheiß der Kaiserin Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, nach Rom gebracht.
Auch die Basilika Santa Maria Maggiore, einer der sieben Pilgerkirchen in Rom und der Legende nach dort erbaut, wo nach einer Erscheinung Mariens der römische Kaufmann Johannes und der römische Bischof Liberius einen mit Schnee bedeckten Platz vorfanden. Sieben Päpste sind hier begraben und besonders sehenswert sind die Mosaiken aus dem 5. Jahrhundert. Auch zu diesem Kirchenbau gäbe es noch unendlich viel zu berichten. Doch neben den kunstgeschichtlichen Ausführungen zum Gebäude und den historischen Ereignissen lohnt sich es auch, einfach zu verweilen und diesen besonderen Ort auf sich wirken zu lassen, so wie ich es getan habe.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil II

Der nächste Morgen begann bereits um 8 Uhr mit dem ersten Programmpunkt. Das italienische Frühstück war nicht sonderlich erwähnenswert, nicht nur aufgrund des opulenten Nachtmahls. In unserer Unterkunft hatte man sich aber auf die Frühstücksbedürfnisse der deutschen Gästen eingestellt und so gab es neben Süßigkeiten und ein wenig Weißbrot auch die für den einen oder anderen gewohnte Kost inklusive Schwarzbrot. Für mich fiel das Frühstück allerdings aus. Ich habe stattdessen auf der Dachterrasse den Blick sowohl auf die Engelsburg, die ehemalige Zufluchtsstätte der Päpste, und den Petersdom genossen.

Mosaik aus der Basilika Santa Prassede und dort die unter Papst Paschales I. erbaute Kapelle des hl. Zeno. Das Mosaik zeigt Christus gefolgt von einem Engel der in die Hölle hinabsteigt um Adam und Eva zu retten. Der Teufel in Ketten ist im Hintergrund zu sehen.

Bis zur Heimreise am Gründonnerstag erwartete uns nun ein mehr als volles Programm. Dafür galt es in jeder Hinsicht gerüstet zu sein, wobei die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ja an dicht getaktete Termine gewöhnt sind. So begann dieser Tag mit einem Besuch auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof am Vatikan. Der Campo Santo befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Circus des Nero, in dem viele christliche Märtyrer, darunter wohl auch Paulus, den Tod fanden. Umgeben vom Vatikanstaat gelangt man auf den zum Campo Santo gehörigen Friedhof und in die Kirche, indem man bei der Schweizer Garde in deutscher Sprache um Einlass bittet. Auf dem Campo ist auch eines der beiden deutschsprachigen Priesterkollegien Roms untergebracht. Begrüßt und geführt wurden wir dabei vom Rektor des Campo Santo Teutonico, Don Hans-Peter Fischer. Geleitet wird der Campo von deutsch- oder flamischsprachigen katholischen Bürgerinnen und Bürgern Roms.

Natürlich war die Reise für meine Kolleginnen und Kollegen und mich aber mehr als nur geistigee Erbauung. Zahlreiche politische Gespräche standen auf dem Programm. Mit Kardinal Lajolo, der früher einmal Nuntius des Vatikans in Berlin gewesen war und nun als „Ministerpräsident des Vatikanstaates“ fungiert, sprachen wir über die innere Organisation des Vatikanstaates und die bilateralen Beziehungen. Als Kenner Deutschlands war der Kardinal außerdem ein guter Gesprächspartner um über das Bild Deutschlands aus Sicht des Vatikans zu sprechen. Und natürlich war es für die Abgeordneten schön zu hören, dass man in Rom Deutschland als starke und verlässliche Kraft Europas schätzt.

Mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, dem aus Ghana stammenden Kardinal Turkson sprachen wir über die Entwicklung Afrikas. Dort versucht die Kirche auf der Basis der Soziallehre für ein auf Nachhaltigkeit basierendes Denken und Wirtschaften zu werben. Es gibt eine enge Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, in deren Mittelpunkt die Vermittlung ethischer wirtschaftspolitischer Konzepte steht, um so eine dauerhafte Stabilisierung der Völker in Afrika zu fördern. Da in Afrika der Anteil der Christen prozentual zum Bevölkerungswachstum besonders stark wächst, kommt hier auch der Kirche eine besondere Rolle zu. In diesem Zusammenhang das Handeln der Kirche einmal nicht aus unserer nationalstaatlichen Perspektive zu beurteilen, sondern die Kirche als Weltorganisation zu begreifen, war lehrreich und informativ.

Nicht minder spannend war das Gespräch mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Gerade für mich als Protestanten war es interessant zu hören, welchen Stellenwert die Ökumene hat. Gerade die evangelischen Christen sind gespannt, was der Papst bei seinem Deutschlandbesuch im Herbst in Erfurt zur Ökumene ausführen wird. Dass er dies in der Stadt, in der Luther gewirkt hat, tun wird, erhöht die Spannung. Neben theologischen Fragen wie der gemeinsamen Feier des Abendmahls stellte der Kardinal noch einmal das große Interesse des Heiligen Vaters heraus, das Verbindende aller christlichen Kirchen zu betonen. Dabei sei es interessant zu beobachten, dass die theologische Übereinstimmung mit der Ostkirche größer als mit den Protestanten sei. Hingegen gebe es eine deutlich größere kulturelle Übereinstimmung zwischen Protestantismus und Katholizismus als mit der orthodoxen Kirche.

Ich mache mir angesichts der Diskussion über die Ökumene meine eigenen Gedanken. Zwei Dinge kommen wir dabei immer wieder in den Sinn. Wäre es nicht klüger angesichts des zu-nehmenden Rechtfertigungsdrucks, den das Christentum in Deutschland ausgesetzt ist, auf das Verbindende zu achten, als ständig das Trennende herauszuarbeiten? Und: so sehr ich in lutherischer Sicht manche Kritik an der katholischen Kirche üben möchte, so sehr bewundere ich die Eindeutigkeit der Positionen. Aus meiner Sicht leidet die Evangelische Kirche ja gerade darunter, dass man gefühlt alles glauben kann was man will. Es fehlt der evangelischen Kirche in Deutschland eben an Klarheit und vor allem an einer wirklichen und dann auch streitbaren Haltung. Die frohe Botschaft verschwindet zu oft hinter Projekten für die Dritte Welt und einer Art wellness-Kirche. Das war sicher nicht im Sinne Luthers. Darum gefällt mir auch ein Zitat Peter Hahnes, einem der wenigen profilierten Protestanten in Deutschland, der gesagt hat: „Heute fragt man sich, ob der Papst nicht der eigentliche Nachfolger Martin Luthers ist, denn der weiß, für was er steht. Das weiß ich bei meiner evangelischen Kirche oft nicht mehr.“ Das ist leider wahr.

Der besondere Höhepunkt dieses Tages war aber wohl der Besuch der Sixtinischen Kapelle. Vorbei an der Schweizer Garde hatten wir die Gelegenheit mit unserer Gruppe eine wirklich ausführliche kunstgeschichtliche und theologische Einführung in dieses Wunderwerk Miche-langelos zu bekommen. Die Botschaften, die man heute ohne Erklärung wohl kaum verstehen kann, die Macht der Bildersprache zog wohl jeden in seinen Bann. Der Ort der Konklave war mehr als beeindruckend und hat mich tief berührt. So erfuhren wir beispielsweise, dass die Darstellung des Jesus im Zentrum des großen Gemäldes an der Rückwand der Kapelle als Reaktion auf die Reformation gedeutet werden kann. Michelangelo griff damit die Forderung auf, sich wieder auf Christus zu besinnen.

Den Abschluss des Tages brachte ein Empfang beim Deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Dr. Walter Jürgen Schmid.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil I

Anreise und Altstadtbesuch

Nachdem ich vor Jahren schon einmal in der ewigen Stadt war und dabei auch den Vatikan besuchen konnte, hatte ich nun in der Karwoche gemeinsam mit anderen Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Kardinal-Höffner-Kreises wieder die Reise dorthin angetreten. In den Tagen vor dem Osterfest in Rom zu sein, ist sicherlich für jeden Christ etwas ganz Besonderes. Ganz besonders habe ich mich dabei auch auf die Begegnung mit dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., gefreut. Dies mag den einen oder anderen verwundern, bin ich doch bekennender und überzeugter Protestant. Darum möchte ich vor der Schilderung der Reise und den vielen Eindrücken einige Bemerkungen voranstellen: Für mich ist die Freude auf eine Begegnung mit Benedikt XVI. deshalb kein Widerspruch, weil ich auch als Protestant (oder als reformierter Katholik, wie es Gottfried Locher, der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes in der Schweiz formuliert hat) hohen Respekt vor dem Oberhaupt der katholischen Kirche habe ohne dass ich eben alle Lehrmeinungen der katholischen Kirche annehme. Im Zweifel verbindet mich mit den katholischen Brüdern und Schwestern aber mehr als mit Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben. Außerdem halte ich den Menschen Joseph für einen wirklich klugen Kopf auf den Stuhle Petri. Ich habe seine Jesus-Biographie und auch andere Schriften von ihm gelesen. Selten hat jemand in dieser Klarheit, Klugheit und zugleich Warmherzigkeit die Botschaft verkündet, an die eben auch ich als Christ glaube.

Außerdem gilt für mich ein Satz, den der Vorgänger Benedikts XVI., Papst Johannes Paul II., einmal gegenüber deutschen Jugendlichen geäußert hat: „Die Kirche ist immer auch eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Das ist zugleich unser aller Glück. Denn in einer Kirche von nur Vollkommenen hätten wir wohl selber keinen Platz mehr. Gott selbst will eine menschliche Kirche. Deshalb kann es auch Kritik an der Kirche geben, aber sie muss fair sein und getragen von großer Liebe zur Kirche. Gott hat sein Heilswerk, seine Pläne und Anliegen in die Hand von Menschen gelegt. Dies ist gewiss ein großes Wagnis (…). Er will uns Menschen als seine Mitarbeiter in der Welt und in der Kirche mit all unseren Mängeln und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all unserem guten Willen und unseren Fähigkeiten.“ Diesem Bild des Christentums kann ich mich vorbehaltlos anschließen.

Mit all diesen Gedanken im Kopf fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt zum Flughafen und stieg ins Flugzeug. Dort traf ich schon meinen Freund und Kollegen Prof. Dr. Heinz Riesenhuber. Die Anreise am ersten Tag endete mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Gassen der Altstadt und einem Abendessen. Schon am Flughafen trafen sich die ersten Kolleginnen und Kollegen. Dabei merkte ich wieder einmal wie groß die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist. Manche Kollegen begrüßten mich mit Vornamen, andere stellten sich mir erstmals förmlich vor. Wir waren uns bisher – wenn überhaupt – nur sporadisch im Berliner Politikbetrieb begegnet. Das Schöne war Offenheit und Freundlichkeit untereinander. Und endlich war einmal, so empfand es nicht nur ich, Zeit und Raum für ruhige Gespräche, die wir dann bei diversen Nudelgerichten und einem hervorragenden Tiramisu bis spät in die Nacht fortsetzten. Auch daran krankt ja der bisweilen hektische Politikbetrieb in Berlin: Es ist zu wenig Zeit, für ruhige Gespräche und für das wirkliche Kennenlernen. Das haben wir dann bei einem wunderbaren Abendessen intensiv nachgeholt.

Herzlichen Glückwunsch, Digitale Gesellschaft!

Mit relativ großem Medieninteresse hat sich nun endlich die „Digitale Gesellschaft“ konstituiert. Cheflobbyist Markus Beckedahl, der auch Sachverständiger der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft sowie Betreiber des Blogs www.netzpolitik.org ist, fungiert als Präsident. Ich persönliche gratuliere ganz herzlich und meine: das war ein längst überfälliger Schritt.

Zweifel habe ich allerdings, dass der Name wirklich Programm ist. Schon bei der Konstituierung merkt man: da trifft sich ein überschaubarer und elitärer Personenkreis. Zweifelsohne sind vor allem diejenigen dort engagiert, die bisher online die netzpolitischen Debatten in Deutschland aufgemischt haben (und selbst hier nur ein handverlesener Zirkel).

Wer außerhalb der von Bürgerinnen und Bürgern gewählten Institutionen wie dem Deutschen Bundestag oder den Parlamenten der Länder Netzpolitik macht, der ist offensichtlich jetzt – so der Anspruch – bei der „Digitalen Gesellschaft“ dabei. Es ist also die Internetelite, die sich hier anschickt, eine feste Organisationstruktur zu etablieren und dadurch endlich das Stadium der Selbstlegitimierung durch bloße Behauptung (O-Ton Beckedahl in der Enquete-Kommission: „Ich spreche hier für die digitale Gesellschaft.“) zu überwinden.

Das wäre gut, wenn damit das Ziel einer weitgehenden Transparenz und Offenheit zu erreicht werden würde. Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Es wirkt damit wie der Versuch, die wirkliche digitale Gesellschaft durch eine „Digitale Gesellschaft“ in der Meinungsbildung zu dominieren.

So wird eher Verbandsstruktur der Bundesrepublik als der Grundstruktur des Internets Rechnung getragen. Für mich als Abgeordneter wird dadurch keineswegs klar, wer für die digitale Gesellschaft spricht und ich werde mir statt bei Markus Beckedahl um einen Termin zu bitten, dann doch lieber die Mühe machen, mir aus der Vielzahl von Meinungen im Netz ein Stimmungsbild „abzuholen“.

Die „Digitale Gesellschaft“ ist durch die Zuschneidung auf Markus Beckedahl auch nicht politisch neutral oder gar parteipolitisch unabhängig. Das ist auch ihr wesentlicher Unterschied zur digitalen Gesellschaft selbst, in der man so ziemlich jede Meinung und Position finden kann. Diese Meinungsvielfalt will die „Digitale Gesellschaft“ aber offensichtlich gar nicht abbilden. Schon in den Sitzungen der Enquete-Kommission wurde deutlich, dass die „Elite“ um Markus Beckedahl gar keine Lust hat, das eigentliche Ziel zu erreichen, nämlich breite gesellschaftliche Kreise für das Thema Netzpolitik zu begeistern.

Man kocht lieber ein eigenes Süppchen und hofft vielleicht auf den einen oder anderen Talkshowauftritt. Die von allen Anderen immer wieder eingeforderte Transparenz, die diese Internetelite sonst wie eine Monstranz vor sich herträgt, bleibt Beckedahl nämlich auch mit Blick auf die „Digitale Gesellschaft“ schuldig: wer sind die 20 Gründer des Vereins? Warum will man auf keinen Fall neue Mitglieder aufnehmen (und verhindert so eine wirkliche Diskussion über Ausrichtung und Zielsetzung) und wenn der Aufnahmestopp einmal aufgehoben wird, wer gehört dann unter welchen Bedingungen zu diesem erlauchten Kreise? Wo kann man das Gründungsprotokoll des Vereins nachlesen? Warum fand die Gründungsversammlung nicht öffentlich statt?

Es tummelt sich dort also eine Internetelite, die offensichtlich keine Lust hat, sich in Parteien zu engagieren, um dort die Sensibilität für die Notwendigkeit einer alle Politikfelder umfassenden Netzpolitik zu schärfen, sondern lieber den bequemen Weg geht und sich als Basis oder Bürgerbewegung „tarnt“.

Das Problem ist nur: Es sind eben nicht die normalen durchschnittlichen User, die hier zu Wort kommen. Es ist eine kleine, teilweise namentlich zu benennende Gruppe, die die Zeit und die Ressourcen hat, ihre netzpolitischen Überzeugungen zu artikulieren. Und wer nicht ins Konzept passt, der darf auch nicht mitmachen.

Was ist also wirklich neu? Neu ist, dass sich die digitale Elite um Markus Beckedahl nun eine feste Organisationstruktur gibt. Und dass nun auch offensichtlich ist, dass BITKOM und andere Lobbyorganisationen, die sich der digitalen Gesellschaft widmen, von der „Digitalen Gesellschaft“ noch viel lernen können. Man darf gespannt sein, wie ernst es Markus Beckedahl ist, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden oder ob er am Ende nur ein Lobbyist unter Tausenden in Berlin ist. Letzteres wäre gar nicht schlimm. Es wäre einfach nur ehrlich.