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Lutz Hundelshausen – ein Christdemokrat der ersten Stunde

Es war eine besondere Verabredung für mich. Ich wollte mich mit einem CDU-Mitglied der ersten Stunde treffen. Er ist seit 1946 Mitglied der Partei und wohnt in meiner Heimatstadt Gelnhausen.
1926 ist Lutz Hundelshausen in Oberschlesien geboren worden. Mitten in der Zeit der Weimarer Republik und nicht in den schlechtesten Jahren der ersten deutschen Demokratie. Das Schicksal von Flucht und Vertreibung bleibt ihm und seiner Familie erspart – wer weiß, ob er es überlebt hätte –, denn bereits vor dem Krieg findet der Vater eine Stelle in Gelnhausen, und die Familie zieht von Oberschlesien in das beschauliche hessische Städtchen um. Auch hier geben in den dreißiger Jahren die Nazis den Ton an. Der Vater schafft für die Familie mit Fleiß ein Eigenheim. Der junge Lutz Hundelshausen muss bei Kriegsende noch als Luftwaffenhelfer in Kassel dienen, gerät im Harz in Kriegsgefangenschaft, aber darf schon im Sommer 1945 zurück nach Gelnhausen. Im benachbarten Büdingen macht er Abitur. Er wird Lehrer, u.a. für katholische Religion an der Gelnhäuser Kreisrealschule. Noch heute lebt er in der Barbarossastadt, nimmt Anteil am Zeitgeschehen, der Entwicklung seiner Kinder und Enkel und pflegt seine Ehefrau.
Er ist trotz dieses für seine Generation nahezu typischen Lebenslaufs ein besonderer Mensch. Ein Demokrat der ersten Stunde. Einer der ersten Christdemokraten – und das bereits drei Jahre bevor die Bundesrepublik überhaupt gegründet wird. Denn an vielen Orten in den vier Besatzungszonen gründen sich schon kurz nach Kriegsende Parteien, die sich dem C verpflichtet fühlen. Viele wählen als Namen bereits die Abkürzung CDU. Einer von diesen tritt Lutz Hundelshausen schon 1946 bei. Christlichen Werten fühlen sie sich verpflichtet, Demokraten sind sie, und in einer Union wollen sie Grenzen von Klassen, Schichten und Konfessionen überwinden. Alle vereinen Protestanten und Katholiken. Das ist die Lehre aus dem Nationalsozialismus: Man will das Gemeinsame betonen und nicht auf das Trennende schauen. Erst 1950 wird aus all diesen Gründungen in Goslar eine gemeinsame bundesweit agierende CDU. In der östlichen Besatzungszone ist unter der Knute der Kommunisten die CDU dort längst unterwandert, viele Christdemokraten aus der SBZ geflohen, inhaftiert oder sogar ermordet.
Lutz Hundelshausen ist gerade 20 Jahre alt. Er ist nicht völlig desillusioniert von der Politik – wie die meisten seiner Generation. Vielleicht hat ihm dabei auch sein christlicher Glaube geholfen. Er ist schnell dabei, als ihn die älteren Männer in Gelnhausen – auch in der Kirchengemeinde – fragen, ob er mithelfen will, eine neue Partei mit aufzubauen, die auf christlichen Werten gründet. Er engagiert sich ebenfalls in der Jungen Union. Er sagt ja. Er ist voller Tatendrang und vor allem voller Zuversicht.
So begleitet er den ersten Landrat im Landkreis Gelnhausen nach dem Krieg, Heinrich Kreß, und beteiligt sich an den ersten Wahlkämpfen, die noch ohne Social Media, moderne Werbemittel und die neumodischen Plakate aus Plastik auskommen. Mit einem Bus geht es übers Land. Überall werden die Plakate aufgehängt.
Er erlebt, dass es durchaus gefährlich werden konnte, Plakate der CDU in den roten Arbeiterdörfern der Gegend aufzuhängen und und dabei auf Mitglieder der SPD oder der KPD zu treffen. „Man musste schnell genug weglaufen können“, beschreibt er das damals Erlebte heute.
Als 1946 auf Schloss Vollrads die Junge Union in Hessen gegründet wird, ist er dabei. Er erinnert sich an die Erbensuppe und die Unterbringung in Privatwohnungen von „CDU-Leuten“.
Bis heute verfolgt er das politische Geschehen engagiert, liest die Tageszeitungen und informiert sich. Sorgen bereitet ihm der Glaubensrückgang in der Gesellschaft und die damit einhergehenden Folgen – materialistische Denkweise, fehlende Bereitschaft, sich ehrenamtlich in der Gesellschaft einzubringen. Er ist nicht nur katholisch, sondern auch Mitglied der Malteser und beim DRK. Die Werte, für die seine Kirche, die Vereine, in denen er Mitglied ist, und die CDU stehen, sind ihm wichtig. Er fasst seine Sicht kurz in einem Satz zusammen: „Wer nichts glaubt, glaubt alles.“
Angela Merkel als Bundeskanzlerin unterstützt er. Das ist „schon meine Frau“ an der Spitze des Landes, beschreibt er seinen Blick auf die Arbeit Merkels. Die Aussage des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Albig, gegen Merkel solle die SPD auf einen eigenen Kanzlerkandidaten verzichten, kommentiert er kurz und knapp: „Albig sieht das Wesentliche.“ So spricht ein überzeugter Christdemokrat. Und aus seinem Mund klingt der Satz nicht frech, sondern nüchtern, erfahren.
Lutz Hundelshausen hat die Geschichte unserer Republik bewusst erlebt. Und inzwischen – nicht nur durch die Deutsche Einheit – hat sich unser Land immer wieder verändert. Auch die CDU als Volkspartei hat diese Veränderungen nicht nur gestaltet, sondern selbst nachvollzogen. Das ist sicher auch ein Grund für ihren Erfolg. Nicht selbstverständlich ist es aber, dass Menschen wie Lutz Hundelshausen diese Veränderungen „mitgehen“, dass sie ihrer Partei dabei trotz allen Wandels treu bleiben.
Als ich mich von ihm verabschiede, kann ich nicht anders, als mich beeindruckt zu zeigen. Was für ein Leben, was für ein Christdemokrat. Auf Männer wie ihn sind wir als CDU stolz. Sie sind Motivation und Verpflichtung zugleich.

Lutz Hundelshausen

Die GEMA in die Schranken weisen

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) will ab dem 1. Januar 2013 eine komplett neue Tarifstruktur für alle Musikveranstalter in Deutschland einführen. Statt der bisher 11 geltenden Tarife sollen jetzt  nur noch 2 Tarife für Live- und Tonträgermusik greifen. Daher warne ich, dass die auf den ersten Blick unproblematische Vereinfachung es richtig in sich hat.

Gerade auch für Vereine, die Musikveranstaltungen organisieren, könnte die Neuregelung noch nicht absehbare Folgen haben. Manch eine liebgewonnene Veranstaltung in der Region könnte dadurch vor dem Ende stehen. Nicht nur Vereine,  sondern auch Musikkneipen und Diskotheken sind von der Tarifreform betroffen. Dabei sind Steigerungen im Extremfall von über 1000 Prozent möglich.

Die GEMA hat mit ihren Plänen offenbar jegliches Maß verloren und gefährdet durch ihr Vorgehen Kulturinitiativen mit langer Tradition, Veranstaltungen von Vereinen aber auch Freizeitangebote für junge Menschen wie etwa Diskotheken und Clubs in ihrem Bestand. Ich fordere den Stopp dieser Pläne! Da die Berechnung der GEMA-Gebühren auch an den Eintrittspreis gekoppelt ist, würde eine Erhöhung der Eintrittspreise nichts an dem Problem ändern. Wahrscheinlich wäre eine satte Erhöhung der Getränkepreise die Folge, was vielen Besuchern den Spaß an den verschiedenen Veranstaltungen ein Stück weit nehmen würde – und das, obwohl selbst deutlich erhöhte Preise die Gebührenerhöhungen vielfach nicht ausgleichen können. Die Zeche zahlen am Ende die Besucher, egal ob sie in die Disko gehen oder auf der Kerb in das Festzelt.

Zwar gibt es bereits eine bestehende Sondervereinbarung mit dem Bund der Karnevalisten, deren Folgen auch nicht absehbar sind. Aber gerade diese Formen der selektiven Sondervereinbarungen laufen dem ursprünglich angepeilten Ziel einer Vereinfachung zuwider und führen nicht zu mehr Gerechtigkeit.

Das Problem ist die Struktur der GEMA. Nach dem aktuellen Modell profitiert von den Einnahmen insbesondere eine relativ kleine Gruppe bekannter und umsatzstarker Künstler. Viele kleinere Künstler gehen nahezu leer aus. In meinen Augen kann das weder im Sinne der vielen Künstler, noch im Sinne der Verbraucher sein. Ich unterstütze daher die Forderung des niedersächsischen Ministerpräsidenten David Mc Allister, dass die Politik zur not regelnd eingreifen muss, um schlimme Auswirkungen für viele Veranstaltungen zu verhindern.

Ich habe gerade heute mit einem Clubbesitzer in meiner Region gesprochen. Nach seiner Berechnung bedeutet der neue Tarif eine Steigerung von 600 Prozent! Dies bedeutet u.U. das Aus für den Club und junge Leute (und auch die Ü 30 zu denen ich gehöre) müssten dann mindestens bis Hanau oder gar Frankfurt zum Feiern fahren. Das kann sicher nicht das Ziel dieser Reform sein!

Weitergehende Informationen sind auch unter www.c-netz.info zu erhalten.

Beim Bundespräsident

Die Kollegin der SPD hat es treffend formuliert. Es war eine besondere Ehre und Wertschätzung, dass der Bundespräsident den Ausschuss Arbeit und Soziales zu einem Gespräch eingeladen hat. Und es war eine außergewöhnliche Unterbrechung der normalen Sitzungswoche. Dass nicht nur ich und die besagte Kollegin der SPD dies so empfanden, wurde schon bei der vorher stattfindenden regulären Ausschusssitzung deutlich. Die Herren waren diesmal ausnahmslos mit Krawatte erschienen und dunkle und gesetzte Farben prägten das Bild. Sind es sonst eher CDU und FDP, die die Würde des Parlaments auch durch die eigene Kleidung zum Ausdruck bringen, empfanden wohl alle Abgeordneten eine Einladung des Bundespräsidenten als etwas Besonderes.

Um es vorweg zu nehmen: das war es in der Tat. Bei der Ankunft im Schloss Bellevue und der obligatorischen Ausweiskontrolle stand schon am Eingang des Schlosses das Protokoll bereit. Zunächst folgte der Eintrag ins Gästebuch. Schwere Teppiche und wunderbare Gemälde – im Foyer grüßten Reichspräsident Friedrich Ebert und der erste Bundespräsident Theodor Heuss – gaben den Räumen die entsprechende Würde und Stil. So stellt man sich das vor, wenn man beim Staatsoberhaupt zu Gast ist. Dann folgte das Warten auf den Bundespräsidenten. Christian Wulff begrüßte die Abgeordneten herzlich und kam doch gleich zur Sache.

Keineswegs ging es nur um einen erneuten Schlagabtausch zwischen den Fraktionen unter der Gegenwart des Bundespräsidenten. Mindestlohn hier und erfolgreiche Krisenbewältigung da. Die Unterschiede wurden in Gegenwart des Staatsoberhauptes dann doch eher mit dem Bemühen um Konsens vorgetragen. Komisch, dass das sonst nicht geht. Christian Wulff hörte nicht nur aufmerksam zu. Er schrieb den Abgeordneten auch gleich etwas ins Stammbuch. Er hinterfragte sowohl die Forderung nach dem Mindestlohn kritisch und forderte umgekehrt die Regierungsfraktionen auf, sich noch stärker der Frage der Niedriglöhne zu widmen. Ich hatte den Eindruck, dass seine mahnende Worte aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden. Christian Wulff hat eben entgegen aller „Besserwisser“ vor seiner Wahl die Statue eines Bundespräsidenten und füllt das Amt mit der notwendigen Würde und Ernsthaftigkeit aus. Das merkt man deutlich.

Seine Botschaft an die Abgeordneten war klar: Unser Land braucht den Mut zum Wandel und zur Veränderung. Und es ist die Hauptaufgabe der Politik für ein Mehr an Gemeinsamkeit in der Gesellschaft zu sorgen. Dies gelte sowohl für jung und alt, als auch für arm und reich sowie für Deutsche und Migranten. Sich bei Entscheidungen stets danach zu fragen, welche Folgen diese unter dem Aspekt des Miteinanders haben, ist neben den Notwendigkeiten der Tagespolitik sicherlich eine berechtigte Mahnung. Seine Hauptforderung war jedoch: Die Politik dürfe nicht den Umfragen nachlaufen und machen, was ankommt, sondern worauf es ankommt. Wohl wahr!

Die Sorge des Staatsoberhauptes galt aber neben der inhaltlichen Debatte auch der Zukunft unserer Demokratie ganz allgemein. Wie schon vor seiner Wahl gab Christian Wulff ein klares Bekenntnis zu den Parteien ab. Seine kritische Anmerkung, ob wir unsere Aufgabe wirklich erfüllen können, wenn schon zu Jahresbeginn mehr als 1.000 Termine im Kalender feststehen – vom Ausschuss bis zum Neujahrsempfang im Wahlkreis – ist nicht so falsch. In der Tat ist es schwierig, genug Zeit zu finden, um über Probleme grundsätzlich nachzudenken. Denn schließlich muss man nicht nur an den Gremiensitzungen in Berlin teilnehmen, sondern auch im Wahlkreis erwarten die Bürger durchaus ja zu recht eine ständige Präsenz. Unabhängig von den gewählten Volksvertretern gilt das von ihm gesagte auch ohne Abstriche für die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, die wir im März neu wählen.

Auch über diese wird immer wieder geschimpft. Auch diesen unterstellt man allzu oft, sie würden ihr Amt nur ausüben, weil sie sich Vorteile davon versprechen oder weil der Befriedigung persönlicher Egoismen diene. Ganz ehrlich: Es gibt wohl wenige Klischees in unserem Land, die so falsch sind wie dieses. Nahezu alle ehrenamtlichen Politiker haben zunächst einmal unseren Dank dafür verdient, dass sie sich für ein solches Amt zur Verfügung stellen. Und wer findet, dass da nicht die besten, klügsten oder engagiertesten Bürgerinnen und Bürger kandidieren, der sollte selbst seinen Hut in den Ring werfen. Es ist nämlich ebenso ein Klischee, dass man in Parteien vor Ort nicht mitarbeiten kann. In der Regel sind alle Parteien froh, wenn Bürger mitarbeiten wollen. Also treten Sie in eine Partei ein und machen Sie mit, bevor Sie nächstes Mal bequem schimpfen.

Und übrigens: auf dem Tisch lag ein kleiner weißer Block mit dem Wappen des Bundespräsidenten für entsprechende Gesprächsnotizen. Den habe ich mitgenommen als meine persönliche Erinnerung an dieses Gespräch. Ich bin ganz der Meinung meiner Kollegin aus der SPD. Es war eine Ehre mit dem Bundespräsident zu diskutieren.

Der wahre Reichtum dieses Landes

Günter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderlich viel miteinander. Der eine ist  überzeugter Christdemokrat, der andere eingefleischter Sozi. Doch beide haben etwas getan, was sie von vielen anderen unterscheidet. Sie haben nicht nur über Not und Armut in der Gesellschaft philosophiert und anklagende Worte gegenüber der Politik formuliert. Sie haben gemeinsam  angepackt. Beide haben die Gelnhäuser Tafel zu einer anerkannten und effektiven Institution im mittleren Kinzigtal gemacht, die einerseits der Öffentlichkeit die Not, die es auch in einer wirtschaftlich starken Region, in der ansonsten „die Welt noch in Ordnung ist“, vor Augen führt und andererseits täglich Zeugnis ablegt von dem, was man echten Bürgergeist nennen kann und muss. Männer und Frauen, denen es gut geht, die ein sorgenloses Leben führen können, helfen und übernehmen Verantwortung für die Schwachen in der Gesellschaft. Sie tun dies auf eine Art und Weise, die mit den Worten „christliche Nächstenliebe“ und „Menschlichkeit“ gut umschrieben ist. Und es ist schwer vorstellbar, dass der Staat sich diesen Menschen so individuell und einfühlsam nähern kann, wie es die fleißigen Helfer der Gelnhäuser Tafel tun. Sie alle haben ein Denkmal verdient, aber wahr ist auch, dass es jemanden braucht, der sie anspricht, antreibt und motiviert. Und ohne Michael Frischkorn und Günter Rams, das kann man wohl mit Fug und Recht sagen, wäre die Gelnhäuser Tafel nicht das, was sie ist. Beide machen nicht viel Aufheben um ihr Tun. Und 1.200 Menschen im Altkreis Gelnhausen erfahren immer wieder, dass sie nicht „egal“ sind. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass unsere Gesellschaft längst nicht so kalt ist, wie manche es immer wieder glauben machen.

Jedes Mal, wenn ich nun an einem Blumenladen vorbeikomme, dann denke ich unwillkürlich: „Wie lange es den wohl noch gibt?“ Denn manchmal geht das ganz schnell. Auf einmal ist er nicht mehr da, der kleine Laden an der Ecke. Der Laden, an dem man doch so oft vorbeigegangen ist, den man selten genug betreten hatte, um etwas zu kaufen, selbst wenn man im Gespräch mit Freunden allzu oft darüber philosophierte, dass mit der Umstrukturierung des Einzelhandels hin zu mehreren großen Ketten auf der grünen Wiese und der Verödung der Innenstädte ein Stück Lebenskultur verloren gehe. Ähnlich war das auch bei dem kleinen Blumenladen in Berlin. Auch hier drohte die Schließung. Und sicherlich hätte das Sachar Kriwoj nicht weiter gestört, wenn es nicht – wie er selbst sagt – „der Blumenladen seiner Freundin“ gewesen wäre, die ihn wohl nicht gerade begeistert von der bevorstehenden Schließung berichtet hatte. Sachar Kriwoj gehört zu den Menschen, für die das Internet ein, wenn nicht der bestimmende Teil, seines Lebens ist. Manche würden ihn daher als Netzavantgarde, andere als Nerd bezeichnen. Auf jeden Fall hat er etwas getan, dass nicht nur die Möglichkeiten des Internets aufzeigt: Er hat über das Internet, seinen Blog und die sozialen Netzwerke zur Rettung des kleinen Blumenladens aufgerufen, dem das nötige Geld fehlte, um nach einer Erkrankung des Eigentümers weiterzumachen. Er hat damit Menschen zum Nachdenken über ihr eigenes Konsumverhalten gebracht. Und nach kurzer Zeit haben auch Zeitungen und regionale Rundfunk- und Fernsehsender über den Laden und die „Rettungsaktion“  berichtet. Den Laden gibt es heute noch. Er gibt dem Kiez in Berlin, in dem er sich befindet, ein individuelles Gesicht. Und Sachar Kriwoj, der ansonsten mit und für das Internet lebt, kann jetzt dort weiter für seine Freundin Blumen kaufen, anstelle sie im Netz zu bestellen. Wie viele andere Berliner auch.

Am Ortseingang hielt auf einmal ein Auto neben uns: „Seid ihr  Pilger? Wollt ihr in die Kirche?“ Wir nickten. „Klar!“ „Gut. Ich hab den Schlüssel. Ich fahr vor und schließ euch auf.“ Sprach’s und fuhr davon. Wir schleppten unsere schon recht müden Beine die gut 1,5 Kilometer bis zur Kirche hinterher. Auch oder gerade ein Mann Gottes hatte offensichtlich kein Einsehen mit uns oder er wollte uns schlicht und einfach nicht in Versuchung führen. Das alte Gotteshaus in Flatow in der Mark Brandenburg auf dem Weg nach Bad Wilsnack war eine Offenbarung. Die kleine Kirche aus dem 15. Jahrhundert hatte nicht zuletzt dank des Einsatzes von Karlheinz Sandow, so hieß unser Mann Gottes, die DDR mit nur wenigen Blessuren überstanden. Mit wie viel Begeisterung und Herzblut der er von „seiner“ Kirche und ihrer Geschichte sprach, faszinierte uns.  Nach einem halbstündigen Vortrag und einem Stempel in unserem Buch ließ er uns dann kurz zum Gebet am Altar, den er selbst renoviert hat, allein. Inzwischen war nämlich ein weiterer Pilger eingetroffen und der sollte schließlich auch alles über das Kirchlein erfahren. Karlheinz Sandow ist einer der Menschen, die in der Dunkelheit ein Licht anzünden, die Zuversicht verbreiten. Mit welcher Inbrunst er von der Bewältigung aktueller Probleme beim Denkmalschutz berichtete oder von den Winkelzügen erzählte, mit denen er der DDR-Staatsführung ein Schnippchen schlug, um wieder Material zur Kirchensanierung zu erhalten, das ließ uns stumm zuhören. Und wie fröhlich er von der gestiegenen Zahl der Kinder berichtete, die nun zur Christenlehre in der Gemeinde gehen würde. Man kann nur schwer beschreiben, wie wir uns fühlten, als wir ihn verließen. Jugendliche würden vielleicht sagen, wir waren „geflasht“. Nach weiteren 8 Kilometern kamen wir im Storchendorf Linum an. Im dortigen Landgasthof bezogen wir Quartier. Und als wir von Karlheinz Sandow in Flatow berichteten war die Freude doppelt groß. Den kannten auch hier nämlich alle.

Man konnte sehen, dass alle gut gelaunt waren. Die Klasse hatte offensichtlich Spaß auf ihrer Abschlussfahrt nach Berlin. Dazu gehörte dann wohl oder übel auch der Besuch des Bundestages und ein Gespräch mit einem Politiker. Angesichts dieser Aussichten und des übrigen Programms war es in der Tat erstaunlich, wie fröhlich und aufmerksam die Schülerinnen und Schüler waren, als ich ihre Klasse in der Otto-Hahn-Schule in Hanau besuchte.  Alle waren gebürtig aus Hanau, doch ihre Eltern sind aus aller Herren Länder in die Stadt am Main östlich von Frankfurt gekommen. Alle verbindet, dass sie eine so genannte SchuB-Klasse besuchen. Mit diesem neuen bildungspolitischen Konzept sollen junge Menschen, die aus verschiedensten Gründen Probleme haben, einen Schulabschluss zu erreichen und einen Ausbildungsplatz zu finden, auf die Zeit nach der Schule vorbereitet werden. Viele betonen in öffentlichen Reden die Notwendigkeit, sich dieser Gruppe junger Menschen besonders anzunehmen. Hinter vorgehaltener Hand haben aber leider Viele die Jungen und Mädchen bereits aufgegeben. Nicht so ihre Lehrerin und ihre Sozialpädagogin. Es war beeindruckend, mit welcher Überzeugung beide an die Fähigkeiten ihrer „Zöglinge“ glaubten, aber zugleich realistisch deren Chancen erkannten, diese sind nicht rosarot – trotz dieses guten Programms und des damit verbundenen Aufwands. Aber darum geht es nicht allein. Man merkte den jungen Menschen an, dass sie sich ernst genommen fühlten – eine für sie wahrscheinlich neue Erfahrung. Wie viel Kraft und Aufwand notwendig sind, und dass doch jeder dieser Mädchen und Jungen die Mühe wert ist, habe ich dann bei meinem zweiten Zusammentreffen mit der Klasse gespürt. Dabei kann man über schlechte Rahmenbedingungen, falsche bildungspolitische Weichenstellungen in den letzten Jahrzehnten und andere Dinge klagen. Doch viel wichtiger war, den jungen Leuten deutlich zu machen, dass sie selbst ihre Chancen erkennen und ergreifen müssen. Und darum sind diese Menschen so wichtig. Jemand muss denen, die sich selbst oft für chancenlos halten, zeigen, dass sie erfolgreich sein können, wenn sie sich anstrengen, an sich glauben und vielleicht auch noch das notwendige Quäntchen Glück haben. Beide stellen mit ihrem Tun nicht die Statistik auf dem Kopf. Auch in dieser Klasse finden nicht alle einen Ausbildungsplatz oder haben erkannt, dass es einer eigenen Anstrengung bedarf. Aber beide Frauen vermitteln den Eindruck, dass ihr Beruf mehr Berufung als reiner Broterwerb ist. Man wünscht sich mehr Menschen, die ihren Job mit so viel Herzblut tun und das andere spüren lassen.

Manchmal fragt man sich, was Politik erreichen kann und erreichen soll. Man fragt sich (oder wird gefragt), warum man Politik macht, warum es wichtig ist, sich zu engagieren und für wen man das eigentlich tut. Wenn von Politik die Rede ist, dann werden sofort eine Menge Negativbeispiele bemüht: Partikularinteresseren einzelner gesellschaftlicher Gruppen oder gar Unternehmen, unnötiger Streit und unerträgliche Polemik und als Beispiel dafür wird immer wieder über  Menschen geredet, die den eigenen Vorteil nutzen, auch wenn sie wissen, sie tun dies auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit. Ganz oft reden Politiker bei solchen grundsätzlichen Fragen dann von Wirtschaftsdaten, Arbeitslosenzahlen, Statistiken oder noch schlimmer ideologisch geprägten Weltbilder, wie die Menschen und die sie umgebende Welt bitteschön zu sein hat.

Ich habe von sechs Menschen erzählt. Und ich hätte noch von so vielen mehr berichten können, die ich immer wieder treffe oder gerade in den letzten neun Monaten getroffen und kennengelernt habe. Auf den ersten Blick haben sie alle mit den letzten Gedanken zur Politik nicht viel zu tun. Und wie so oft im Leben lohnt sich auch hier ein zweiter, ein genauerer Blick. Denn man macht Politik nicht für Zahlen, Daten und Statistiken. Man macht Politik für Menschen – und nicht für die Menschen, die immer nur meckern und fordern – , sondern für die, die mit eigenen Ideen, Kreativität und einer positiven Einstellung ihr Leben gestalten und damit automatisch Gutes für andere tun. Sie sind die wahren Helden dieses Landes. Sie sind die Motivation für mich, Politik zu machen. Darum sollte uns allen bewusst sein: Der wahre Reichtum dieses Landes sind seine Menschen.