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Misericordias Domini – Laienpredigt von Peter Tauber in Langendiebach

Predigt zu Johannes, 10.

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,
Jesus als der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe gibt. Dieses Bild ist uns vertraut. Es berührt uns, es beruhigt uns. Es gibt wesentliche Elemente unseres Glaubens wieder, beginnend mit der christlichen Nächstenliebe. Die Bereitschaft, sich zu opfern, für andere einzustehen, zu helfen – ohne gleich zu fragen, welchen Nutzen ich davon habe.

Jesus redet aber nicht nur von sich selbst. Er meint damit auch Vater und Mutter, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Oder vielleicht den Unternehmer, der auch in der Krise seine Mitarbeiter nicht entlässt. Oder Bürger, die bereit sind, mehr zu tun für unser Land, als nur ihre Steuern zu zahlen – indem sie sich ehrenamtlich engagieren.

Auf der einen Seite also Jesus, der für uns alle als Hirte geworden ist und auf der anderen Seite die vielen guten Hirten, die uns täglich begegnen, wenn wir nur hinschauen. Halt! Ist das wirklich ein Unterschied? Leben diese Menschen von denen ich gerade sprach nicht wissentlich oder unwissentlich nach dem Vorbild Jesu? Werden sie seinem Bilde nicht gerecht? Ganz unspektakulär, ohne dass es große Schlagzeilen gibt oder alle Welt staunend innehält. Ich glaube schon. Sie begegnen uns nämlich täglich, die guten Hirten. Das ist doch eine beruhigende Botschaft.

So „bequem“ wie sie auf den ersten Blick wirkt, ist die Geschichte aber nicht. Nur auf den ersten Blick geht es um die Geborgenheit, die wir als Schafe finden. Denn Jesus spricht nicht nur von der wunderbaren und sorgenfrei machenden Aufgabe des Hirten, die dazu führt, dass die Schafe beruhigt schlafen können. Er spricht auch von dem Mietling, der kein guter Hirte sein könne.

Wer fühlt sich da angesprochen? An wen denken wir dabei? An den Hedgefonds-Manager, der nur auf die Zahlen schaut und dem die Betriebe, die er kauft und verkauft und die dort arbeitenden Menschen egal sind? Die Mutter, die mit der knapp bemessenen Sozialhilfe vorrangig den eigenen Bedarf bedient und nicht mit der notwendigen Sorgfalt auf die ihr anvertrauten Kinder achtet? Der Jugendbetreuer, der seine pädophilen Neigungen an seinen Schützlingen unbemerkt von anderen befriedigt? All diese Menschen würden wir sicherlich als der Aufgabe des guten Hirten nicht gewachsen beschreiben.

Und damit sind wir bei einer für mich besonders wichtigen Aussage dieser Bibelstelle. Jesus ist das gute Beispiel, ja mehr noch, er nimmt die Aufgabe des guten Hirten bis zur letzten Konsequenz an und gibt sogar sein Leben für die Schafe. Für Martin Luther markiert das den zentralen Unterschied. Luther sagt dazu: „Christus allein (ist) der rechte Hirte, der für seine Schafe stirbt, und sonst niemand. Denn zu diesem Werk, darum Christus für uns stirbt, ist kein Mensch tüchtig gewesen, dass er den Menschen hätte frei machen können. Dieses ist dieses Hirten Werk, dass ihm niemand nachtun kann.“

Jesus hat hier – um es modern zu formulieren – ein Alleinstellungs-merkmal. Ihm in der Rolle des guten Hirten bis zur letzten Konse-quenz nachfolgen zu wollen, hält Luther für unmöglich und er hat sicherlich recht. Wie passt das zusammen, wenn wir eben noch gehört haben, dass Jesus uns Vorbild sein will? Hat Luther also unrecht? Nein. Er macht nur den Unterschied deutlich. Wir können nicht wie Jesus die „Sünd der Welt“ tragen. Aber Jesus formuliert dennoch einen Anspruch! Der Beliebigkeit des „Mietlings“, der bei den ersten Problemen die Segel streicht, davonläuft, erteilt er eine deutliche Absage.

Luther hat das erkannt und erklärt Jesus zum Vorbild für uns: „So wie Christus für uns gestorben ist, dass er uns errette durch sein ei-gen Werk, ohne unser Zutun, von Sünden und ewigen Tod: also sollen wir auch einer dem anderen dienen.“ Das ist es also, worum es Jesus für uns geht: um Verantwortung – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und Verantwortung, dass kann eine große Bürde sein, unter der Menschen schwer tra-gen, ja verzweifeln, sogar zusammenbrechen.

Wer trägt Verantwortung als Hirte für die Schafe? Mir kommen zwei Gedanken in den Sinn: Wer würde sich hier freiwillig in die Rolle des Schafes fügen? Wohl niemand. Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis. Wir wollen selbst frei entscheiden, was für uns gut ist. Wir wollen selbst Verantwortung für uns übernehmen. Ein selbstbestimmtes Leben führen, das ist unser Ziel. Alle Möglichkeiten sollen uns offen stehen – beruflich aber auch privat.

Doch ist das wirklich so? Ist es gut so? Gerade in schwierigen Situationen wünschen wir uns da nicht doch zumindest heimlich in die Rolle des Schafes? Rufen wir dann nicht nach jemandem, der uns diese Verantwortung für uns selbst abnimmt? Sind dann an der eigenen Situation nicht allzu oft Andere schuld?
Übertragen auf die Politik wird daraus die Frage, welchen Staat wir wollen. Wollen wir einen paternalistischen Staat, der uns führt und leitet, uns Verantwortung abnimmt, für uns sorgt, uns aber auch vorschreibt, was gut für uns ist und für uns entscheidet? Oder wollen wir einen Staat, der uns Freiräume eröffnet? Der uns Chancen gibt, aber uns bei Schwierigkeiten nicht alleine lässt?

Und wie ist das mit den Mietlingen in unserer Gesellschaft, denen sich viele Menschen hilflos ausgeliefert fühlen? Wie kommt es, dass viele Menschen unseren Staat als nicht mehr gerecht empfinden – und das, obwohl wir noch nie vorher so viel Geld für den Sozialstaat ausgegeben haben wie derzeit?
Es ist wahr: viele Menschen spüren in unserem Land eine gewisse Ohnmacht. Wir verlieren uns in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Naturkatastrophen, von Menschen gemachte Katastrophen und Kriege wie in Fukushima und Libyen oder schwierige politische Entscheidungen von der Euro-Rettung bis hin zum Sparpaket.

Ganz oft höre ich Sätze wie: „Was die da oben entscheiden, darauf habe ich doch eh keinen Einfluss.“ oder „Die wissen doch gar nicht mehr, wie das normale Leben aussieht und sind total abgehoben.“ Es mangelt am Vertrauen in die guten Hirten. Die Menschen haben – um im Bild zu bleiben – Angst, dass ihr Schicksal Mietlingen anvertraut ist.

Ich persönlich empfinde diese Sorge als oft nicht begründet – das sage ich ganz offen. Ich erlebe nicht nur in Berlin, sondern auch in Wiesbaden oder hier bei uns im Main-Kinzig-Kreis viele Menschen, die politische Verantwortung haben, die im wahrsten Sinne des Wortes schwer daran tragen.

Wahrscheinlich ist es dies, was jede öffentliche Persönlichkeit, jeder öffentliche Diener – jeder Politiker, Pfarrer, Lehrer, Arzt und Unternehmer – kennt: Ein guter Hirte zu sein, ist eine schwere Last, es ist der Preis für ein Amt und eine Aufgabe, die Gott uns anvertraut hat. Es ist ein Gefühl, dass jeder kennt, der für andere Verantwortung übernommen hat!

Mir persönlich hilft mein Glaube bei dieser Aufgabe. Bismarck hat das einmal etwas provokant so formuliert: „Gott hilft mir tragen, und mit Ihm bin ich der Sache besser gewachsen als die meisten unserer Politiker ohne Ihn. Ich werde mein Amt tun; dass Gott mir den Verstand dazu gibt, ist Seine Sache.“
Der Satz ist deswegen spannend, weil er darauf verweist, dass wir als Hirten immer auch Gott verpflichtet sind. Denn manchmal muss der Hirte den Schafen den Weg zur vermeintlich grünen Weide verweigern, wenn der Strom, den es auf dem Weg zu überqueren gilt, reißend und gefährlich ist. Die Aufgabe des Hirten, die Schafe vor Unheil zu bewahren, stößt selbst bei den Schafen nicht immer auf Verständnis.

Das meint keineswegs nur das Verhältnis von Politikern und Bür-gern. Das gilt genauso für die Mutter, die fürsorglich ihre Kinder begleitet und auch einmal Grenzen aufzeigt. Dies gilt für den Meister, der seinem Lehrling etwas zumutet, für den Trainer der seiner Mannschaft im Training etwas abverlangt. Wir Menschen sind so, dass wir manchmal auch jemanden brauchen, der uns den Kopf zurechtrückt, uns an das Wesentliche erinnert. Auch diese Aufgaben übernimmt Jesus für uns als guter Hirte. Jesus wendet sich an alle Christen, egal welche Stellung sie innehaben!

Dies führt zu der Frage, ob das immer so klar zu trennen ist, ob wir Schafe oder Hirten sind. Und es führt weiter zu der Frage, ob wir Hirten oder Mietlinge sind, wenn wir in Verantwortung für andere stehen. So klar werden wir das wohl nicht definieren können. Keiner ist ganz „guter Hirte“ und niemand ganz „Mietling“. Und – Gott sei Dank – das ist auch nicht ein für allemal festgelegt. Wir können uns ändern und wir stehen jeden Morgen neu vor der Entscheidung, was wir sein wollen und können. Das ist gut!

Und dann fällt mir noch etwas auf: in den Medien, aber leider auch in unseren tagtäglichen Gesprächen in der Familie und mit Freunden geht es doch meist um das Schlechte in der Welt. Wer hat wen verlassen, wer ist wo betrogen worden, hat seinen Arbeitsplatz verloren, hat seine Kinder geschlagen oder ist mit der Vereinskasse durchgebrannt.

Viel zu selten erzählen wir von den bemerkenswerten Dingen, von den „guten Hirten“ die uns tagtäglich begegnen. Jesus hat uns immer wieder dazu aufgefordert, im nachzufolgen. Wir als Christen sind trotz unserer Unzulänglichkeiten bemüht, seinem Beispiel zu folgen, weil wir der Überzeugung sind, dass dadurch unsere Welt ein bisschen gerechter und menschlicher wird.

Wenn wir andere ermutigen wollen, selbst Hirten zu sein, dann sollten wir ihnen von den guten Beispielen erzählen. Wenn wir dabei gleich mit Jesus beginnen, dann schreckt das vielleicht ab – Men-schen, die nicht zu ihm gefunden haben, aber auch Brüder und Schwestern, die dieses Vorbild für unerreichbar halten. Reden wir doch von den guten Hirten in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie – und irgendwann werden wir zwangsläufig darauf zu sprechen kommen, dass es einen guten Hirten gibt, der sich um uns alle sorgt.

Ich will von zwei dieser guten Hirten berichten, von denen ich viele kennenlernen durfte: Günter Rams und Michael Frischkorn verbindet auf den ersten Blick nicht sonderlich viel miteinander. Der eine ist überzeugter Christdemokrat, der andere eingefleischter Sozi. Doch beide haben etwas getan, was sie von vielen anderen unterscheidet. Sie haben nicht nur über Not und Armut in der Gesellschaft geredet. Sie haben gemeinsam angepackt. Beide haben die Gelnhäuser Tafel gegründet und damit eine Institution im mittleren Kinzigtal geschaffen, die täglich Zeugnis ablegt von dem, was man echten Bürgergeist nennen kann und muss. Männer und Frauen, denen es gut geht, helfen und übernehmen Verantwortung für die Schwachen in der Gesellschaft. Sie tun dies auf eine Art und Weise, die mit den Worten christliche Nächstenliebe und Menschlichkeit wunderbar umschrieben ist. Und es ist schwer vorstellbar, dass der Staat sich diesen Menschen so individuell und einfühlsam nähern kann, wie es die fleißigen Helfer der Gelnhäuser Tafel tun. Michael Frischkorn und Günter Rams machen nicht viel Aufheben um ihr Tun. Und 1.200 Menschen im Altkreis Gelnhausen erfahren immer wieder, dass sie nicht „egal“ sind.

Noch einmal zurück zur Politik. Wenn von Politik die Rede ist, dann werden sofort eine Menge Negativbeispiele bemüht: Partikularinteresseren einzelner gesellschaftlicher Gruppen oder gar Unternehmen, unnötiger Streit und unerträgliche Polemik und als Beispiel dafür wird immer wieder über Menschen geredet, die den eigenen Vorteil nutzen, auch wenn sie wissen, sie tun dies auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit. Da sind sie wieder. Die Mietlinge.

Ich glaube, man macht Politik nicht für Zahlen, Daten und Statistiken. Man macht Politik für Menschen – und nicht für die Menschen, die immer nur meckern und fordern –, sondern für die, die Hilfe brauchen sowie für die mit eigenen Ideen und einer positiven Einstellung ihr Leben gestalten und damit automatisch Gutes für andere tun. Sie sind die guten Hirten. Sie sind die Motivation für mich, Politik zu machen. Darum sollte uns allen bewusst sein: Der wahre Reichtum dieses Landes sind seine Menschen.

Deswegen entscheiden wir selbst jeden Tag, ob wir Hirte, Schaf oder am Ende Mietling sind. Jesus erwartet von uns diese Entscheidung und er will sie uns nicht abnehmen. Es ist sein persönlicher Auftrag für uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil IV

Benedikt XVI. und die Generalaudienz auf dem Petersplatz

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Generalaudienz auf dem Petersplatz, an der wir teilnahmen. Der Platz füllte sich schnell mit Pilgergruppen aus aller Welt. „Die Kirche lebt. Und sie ist jung.“ Dieser Satz von Benedikt XVI. kam mir in den Sinn, als ich kurz vor Beginn auf den mit mehr als 15.000 Menschen gefüllten Platz vor dem Petersdom sah. Immer wieder sangen vor allem die dominierenden Jugendgruppen. Vor allem die spanisch sprachigen Gruppen waren gut zu hören und das Vorgetragene kann man wohl am ehesten mit den Fangesängen in Fußballstadien vergleichen. Beifall brandete auf, als der Papst mit dem „Papamobil“ auf dem Petersplatz erschien und durch die Reihen fuhr – dabei fröhlich winkend.

Wer noch nie eine Generalaudienz erlebt hat, der hat etwas verpasst! Alle angemeldeten Pilgergruppen wurden in der jeweiligen Landessprache begrüßt und machten dann auch lautstark auf sich aufmerksam. Da wurden Lieder gesungen, Sprechchöre skandiert und Fahnen geschwenkt. Die Fröhlichkeit der Menschen auf dem Petersplatz war ansteckend und der strahlende Sonnenschein tat sein Übriges.

Die fast zwei Stunden dauernde Generalaudienz stand im Zeichen der Karwoche. In einer sowohl auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Polnisch, Englisch, Italienisch und Deutsch vorgetragenen Ansprache ging es um die Einsamkeit Jesu angesichts des Leidens und des Todes am Kreuz. Ergreifend war der Moment, in dem Benedikt der XVI. auf Deutsch sprach (nicht nur, weil ich das am besten verstanden habe). Während des Sprechens ließ er irgendwann den Zettel, von dem er ablas sinken und sprach weiter. Wie zu sich selbst sinnierte er über das Leiden und den Tod, zog den Vergleich zu den griechischen Philosophen, die dem Tod gleichgültig begegneten, während Jesus Christus Leid und Angst der Menschen im Sterben nachvollzog und auf sich nahm. Es war Moment echter Frömmigkeit und zugleich hoher Theologie. Das war zu spüren – wohl auch für die, die nicht der deutschen Sprache mächtig waren.

Deutlich anzumerken war Benedikt XVI. die Freude über die vielen jungen Menschen, die im Jubel auch ihre Begeisterung für ihren Glauben zum Ausdruck brachten. Nach dem lateinischen Vater unser und dem Segen hatten einige Besucher der Generalaudienz die Gelegenheit, mit dem Papst einige persönliche Worte zu wechseln, Wünsche und Anliegen vorzutragen. Dabei war u.a. auch die Schauspielerin Christine Neubauer, die über Ostern in der ARD im Zweiteiler „Gottes mächtige Dienerin“ zu sehen war. Sie überreichte Benedikt XVI. eine DVD des Films, in dem sie die deutsche Ordensschwester Pascalina spielt, die in unmittelbarer Nähe des Papstes Pius XII. während des Dritten Reiches wirkte. Auch der Kardinal-Höffner-Kreis hatte dann die Möglichkeit zu einer Begegnung mit dem Papst. Auf den Stufen von St. Peter war ein Gruppenfoto geplant. Plötzlich stand er vor mir: ganz in weiß, mit den berühmten roten Schuhen. Wäre nicht der Ort und die Kleidung dann hätte ich den Eindruck eines freundlichen alten Mannes, der etwas müde wirkte, mitgenommen. So überwog aber die Aura des Besonderen. Dies war auch für die anderen Teilnehmer unserer Gruppe spürbar. Wir sprachen kurz miteinander, dann galt es schon Aufstellung für das Gruppenbild zu nehmen, dass in meinem persönlichen Fotoalbum sicherlich einen besonderen Platz erhalten wird.

Nach dieser eindrucksvollen Begegnung stand wieder Kultur und Geschichte auf dem Programm. Wir fuhren gemeinsam zu einer Besichtigung in die Villa Adriana, den Palast des römischen Kaisers Hadrian, der in seiner Gesamtfläche dreimal so groß wie der Vatikanstaat ist. Mit welcher Technik die Römer damals etwas schufen, was trotz des Abbruchs und der Nutzung als Steinbruch in den späteren Jahrhunderten immer noch überwältigt und die Zeiten überdauert hat, kann einen heute wirklich nur in Erstaunen versetzen – gerade wenn man bedenkt, in welchem sanierungsbedürftigem Zustand manche „Neubauten“ der 1970er Jahre des vorigen Jahrhunderts inzwischen sind. Da wurde wirklich – so scheint es – für die Ewigkeit gebaut. Das Pantheon, das wir zu Beginn unserer Romreise besucht hatten, kam mir hier wieder in den Sinn.

Rom hat mich auf jeden Fall in seinen Bann gezogen und ich werde sicherlich wieder bald dorthin fahren. Nicht nur wegen der Geschichte der Stadt, wegen der besonderen Atmosphäre in den Gassen der Altstadt oder den noch nicht in Augenschein genommen Sehenswürdigkeiten, sondern auch wegen dem leckeren Eis. Gelati ti amo.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil III

Kirchen, Kirchen, Kirchen

Angeblich 1.000 Kirchen gibt es in Rom, so hat es uns zumindest unsere italienische Reisebegleitung erklärt. Ich habe das nicht überprüft, aber wenn man das Stadtbild in Augenschein nimmt, ist man sofort bereit, dieser Zahl Glauben zu schenken. So stand der zweite Tag eher im Zeichen der geistlichen Erbauung, der Kunst- und Kirchengeschichte sowie einer Diskussionsrunde der Konrad-Adenauer-Stiftung – aber selbst diese fand in historischen kirchlichen Gemäuern statt.

Den Morgen begannen wir mit dem Feiern eines Gottesdienstes an einem durchaus außergewöhnlichen Ort. In einer im 4. Jahrhundert über den Domitilla-Katakomben erbauten Basilika hatte das „Großer Gott wir loben Dich“ doch einen ganz besonderen Klang. Für mich als Historiker war natürlich der anschließende Besuch der Katakomben selbst besonders spannend. Die Domitilla-Katakomben sind die größte unter diesen mehr als 60 frühchristlichen Grabstätten in Rom. Über fünf Stockwerke auf einer Länge von mehr als 15 Kilometern gruben die Menschen in die Erde, um ihre Toten zu bestatten. Neben christlichen Märtyrern ist hier angeblich auch die Tochter des Petrus, Petronella, bestattet worden.

Nach diesem Ausflug in das antike Rom ging es in die zweite Kirche an diesem Tag: die Basilika St. Paul vor den Mauern, dem Ort wo Paulus begraben liegt. Im Jahr 1823 abgebrannt, aufgebaut als Zeichen der Einheit der Christenheit mit Gastgeschenken und Unterstützungen aus Russland, England und anderen Nationen und christlichen Kirchen beherbergt sie nicht nur das Grab des Paulus, sondern auch eine Galerie aller Päpste. Um alle Besonderheiten des Kirchenbaus zu entdecken hätten wir uns wohl deutlich mehr Zeit nehmen müssen als zur Verfügung stand.

Unterbrochen wurde der Besuchsreigen der Gotteshäuser durch das Mittagsgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung u.a. mit Prof. Dr. Rocco Buttiglione, Vizepräsident der italienischen Abgeordnetenkammer, und Klaus Schmitz, Präsident von Thyssen-Krupp Italia. Es ging um das Verhältnis Deutschlands und Italiens, Fragen zur italienischen Politik und vor allem zum Blick auf Deutschland, den künftigen EZB-Präsidenten und die Euro-Krise. Ort des Gesprächs war das Päpstliche Institut von Santa Maria dell‘ Anima, einer Kirche, die seit 1444 zur Seelsorge an deutschen Pilgern und Armen bestimmt wurde und neben dem Campo Santo Teutonico das zweite deutschsprachige Priesterseminar. Noch heute möchte die Kirche den deutsch sprechenden Christen ein Stück Heimat sein. Die Kirche beherbergt auch das Grab des bis zur Wahl Paul Johannes II. letzten Nichtitalieners auf dem Heiligen Stuhl, Papst Hadrian VI, der in Utrecht geboren nach damaligen Begriffen ein Deutscher war. Er hatte das Pontifikat allerdings nur 13 Monate inne und starb im September 1523.

Die Papstkapelle Sancta Sanctorum.Der weitere Nachmittag führte uns zunächst in die Laterankirche, dem ursprünglichen Sitz der Päpste bis zu ihrem Gang nach Avignon. Nach der Rückkehr von dort siedelten die Päpste in den Vatikan über. Im Lateran erhielten wir Eingang in die Papstkapelle Sancta Sanctorum. Die Kapelle diente als Hauskapelle der Päpste und war zugleich Aufbewahrungsort der wichtigsten Reliquien der Christenheit. So befanden sich hier die angeblichen Häupter der Heiligen Petrus und Paulus ursprünglich hier. Hauptreliquien waren neben den Apostelköpfen vor allem Reliquien Christi, Mariens, Johannes des Evangelisten und Johannes des Täufers. Die Bedeutung der Kapelle wird durch eine Inschrift auf dem Altar hervorgehoben: „NON EST IN TOTO SANCTIOR ORBE LOCUS – Kein Ort ist heiliger als dieser auf dem ganzen Erdkreis.“ Bemerkenswert ist auch das Christusbild, dass bereits im 5. Jahrhundert entstanden sein soll und das im Laufe der Jahrhunderte zunächst mit Tüchern abgedeckt und schließlich mit großen handgefertigten und verzierten Silberplatten geschützt, die nur das Antlitz Christi sichtbar lassen. Wir hatten das große Glück, dass uns das Sancta Sanctorum aufgeschlossen wurde und wir die Mosaiken und Bildnisse unmittelbar in Augenschein nehmen konnten. Die meisten Pilger betrachten diesen besonderen Ort der Christenheit durch eine Glasscheibe, nachdem sie auf Knien die Heilige Stiege hinauf sind – so wie es auch Luther auf seiner Romreise 1511 getan hatte. Auch während unseres Besuchs waren viele Pilger vor Ort. Die Stufen stammen angeblich aus dem Praetorium des Pilatus und wurden auf Geheiß der Kaiserin Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, nach Rom gebracht.
Auch die Basilika Santa Maria Maggiore, einer der sieben Pilgerkirchen in Rom und der Legende nach dort erbaut, wo nach einer Erscheinung Mariens der römische Kaufmann Johannes und der römische Bischof Liberius einen mit Schnee bedeckten Platz vorfanden. Sieben Päpste sind hier begraben und besonders sehenswert sind die Mosaiken aus dem 5. Jahrhundert. Auch zu diesem Kirchenbau gäbe es noch unendlich viel zu berichten. Doch neben den kunstgeschichtlichen Ausführungen zum Gebäude und den historischen Ereignissen lohnt sich es auch, einfach zu verweilen und diesen besonderen Ort auf sich wirken zu lassen, so wie ich es getan habe.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil II

Der nächste Morgen begann bereits um 8 Uhr mit dem ersten Programmpunkt. Das italienische Frühstück war nicht sonderlich erwähnenswert, nicht nur aufgrund des opulenten Nachtmahls. In unserer Unterkunft hatte man sich aber auf die Frühstücksbedürfnisse der deutschen Gästen eingestellt und so gab es neben Süßigkeiten und ein wenig Weißbrot auch die für den einen oder anderen gewohnte Kost inklusive Schwarzbrot. Für mich fiel das Frühstück allerdings aus. Ich habe stattdessen auf der Dachterrasse den Blick sowohl auf die Engelsburg, die ehemalige Zufluchtsstätte der Päpste, und den Petersdom genossen.

Mosaik aus der Basilika Santa Prassede und dort die unter Papst Paschales I. erbaute Kapelle des hl. Zeno. Das Mosaik zeigt Christus gefolgt von einem Engel der in die Hölle hinabsteigt um Adam und Eva zu retten. Der Teufel in Ketten ist im Hintergrund zu sehen.

Bis zur Heimreise am Gründonnerstag erwartete uns nun ein mehr als volles Programm. Dafür galt es in jeder Hinsicht gerüstet zu sein, wobei die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ja an dicht getaktete Termine gewöhnt sind. So begann dieser Tag mit einem Besuch auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof am Vatikan. Der Campo Santo befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Circus des Nero, in dem viele christliche Märtyrer, darunter wohl auch Paulus, den Tod fanden. Umgeben vom Vatikanstaat gelangt man auf den zum Campo Santo gehörigen Friedhof und in die Kirche, indem man bei der Schweizer Garde in deutscher Sprache um Einlass bittet. Auf dem Campo ist auch eines der beiden deutschsprachigen Priesterkollegien Roms untergebracht. Begrüßt und geführt wurden wir dabei vom Rektor des Campo Santo Teutonico, Don Hans-Peter Fischer. Geleitet wird der Campo von deutsch- oder flamischsprachigen katholischen Bürgerinnen und Bürgern Roms.

Natürlich war die Reise für meine Kolleginnen und Kollegen und mich aber mehr als nur geistigee Erbauung. Zahlreiche politische Gespräche standen auf dem Programm. Mit Kardinal Lajolo, der früher einmal Nuntius des Vatikans in Berlin gewesen war und nun als „Ministerpräsident des Vatikanstaates“ fungiert, sprachen wir über die innere Organisation des Vatikanstaates und die bilateralen Beziehungen. Als Kenner Deutschlands war der Kardinal außerdem ein guter Gesprächspartner um über das Bild Deutschlands aus Sicht des Vatikans zu sprechen. Und natürlich war es für die Abgeordneten schön zu hören, dass man in Rom Deutschland als starke und verlässliche Kraft Europas schätzt.

Mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, dem aus Ghana stammenden Kardinal Turkson sprachen wir über die Entwicklung Afrikas. Dort versucht die Kirche auf der Basis der Soziallehre für ein auf Nachhaltigkeit basierendes Denken und Wirtschaften zu werben. Es gibt eine enge Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, in deren Mittelpunkt die Vermittlung ethischer wirtschaftspolitischer Konzepte steht, um so eine dauerhafte Stabilisierung der Völker in Afrika zu fördern. Da in Afrika der Anteil der Christen prozentual zum Bevölkerungswachstum besonders stark wächst, kommt hier auch der Kirche eine besondere Rolle zu. In diesem Zusammenhang das Handeln der Kirche einmal nicht aus unserer nationalstaatlichen Perspektive zu beurteilen, sondern die Kirche als Weltorganisation zu begreifen, war lehrreich und informativ.

Nicht minder spannend war das Gespräch mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Gerade für mich als Protestanten war es interessant zu hören, welchen Stellenwert die Ökumene hat. Gerade die evangelischen Christen sind gespannt, was der Papst bei seinem Deutschlandbesuch im Herbst in Erfurt zur Ökumene ausführen wird. Dass er dies in der Stadt, in der Luther gewirkt hat, tun wird, erhöht die Spannung. Neben theologischen Fragen wie der gemeinsamen Feier des Abendmahls stellte der Kardinal noch einmal das große Interesse des Heiligen Vaters heraus, das Verbindende aller christlichen Kirchen zu betonen. Dabei sei es interessant zu beobachten, dass die theologische Übereinstimmung mit der Ostkirche größer als mit den Protestanten sei. Hingegen gebe es eine deutlich größere kulturelle Übereinstimmung zwischen Protestantismus und Katholizismus als mit der orthodoxen Kirche.

Ich mache mir angesichts der Diskussion über die Ökumene meine eigenen Gedanken. Zwei Dinge kommen wir dabei immer wieder in den Sinn. Wäre es nicht klüger angesichts des zu-nehmenden Rechtfertigungsdrucks, den das Christentum in Deutschland ausgesetzt ist, auf das Verbindende zu achten, als ständig das Trennende herauszuarbeiten? Und: so sehr ich in lutherischer Sicht manche Kritik an der katholischen Kirche üben möchte, so sehr bewundere ich die Eindeutigkeit der Positionen. Aus meiner Sicht leidet die Evangelische Kirche ja gerade darunter, dass man gefühlt alles glauben kann was man will. Es fehlt der evangelischen Kirche in Deutschland eben an Klarheit und vor allem an einer wirklichen und dann auch streitbaren Haltung. Die frohe Botschaft verschwindet zu oft hinter Projekten für die Dritte Welt und einer Art wellness-Kirche. Das war sicher nicht im Sinne Luthers. Darum gefällt mir auch ein Zitat Peter Hahnes, einem der wenigen profilierten Protestanten in Deutschland, der gesagt hat: „Heute fragt man sich, ob der Papst nicht der eigentliche Nachfolger Martin Luthers ist, denn der weiß, für was er steht. Das weiß ich bei meiner evangelischen Kirche oft nicht mehr.“ Das ist leider wahr.

Der besondere Höhepunkt dieses Tages war aber wohl der Besuch der Sixtinischen Kapelle. Vorbei an der Schweizer Garde hatten wir die Gelegenheit mit unserer Gruppe eine wirklich ausführliche kunstgeschichtliche und theologische Einführung in dieses Wunderwerk Miche-langelos zu bekommen. Die Botschaften, die man heute ohne Erklärung wohl kaum verstehen kann, die Macht der Bildersprache zog wohl jeden in seinen Bann. Der Ort der Konklave war mehr als beeindruckend und hat mich tief berührt. So erfuhren wir beispielsweise, dass die Darstellung des Jesus im Zentrum des großen Gemäldes an der Rückwand der Kapelle als Reaktion auf die Reformation gedeutet werden kann. Michelangelo griff damit die Forderung auf, sich wieder auf Christus zu besinnen.

Den Abschluss des Tages brachte ein Empfang beim Deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Dr. Walter Jürgen Schmid.

Mein Besuch in der ewigen Stadt Teil I

Anreise und Altstadtbesuch

Nachdem ich vor Jahren schon einmal in der ewigen Stadt war und dabei auch den Vatikan besuchen konnte, hatte ich nun in der Karwoche gemeinsam mit anderen Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Kardinal-Höffner-Kreises wieder die Reise dorthin angetreten. In den Tagen vor dem Osterfest in Rom zu sein, ist sicherlich für jeden Christ etwas ganz Besonderes. Ganz besonders habe ich mich dabei auch auf die Begegnung mit dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., gefreut. Dies mag den einen oder anderen verwundern, bin ich doch bekennender und überzeugter Protestant. Darum möchte ich vor der Schilderung der Reise und den vielen Eindrücken einige Bemerkungen voranstellen: Für mich ist die Freude auf eine Begegnung mit Benedikt XVI. deshalb kein Widerspruch, weil ich auch als Protestant (oder als reformierter Katholik, wie es Gottfried Locher, der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes in der Schweiz formuliert hat) hohen Respekt vor dem Oberhaupt der katholischen Kirche habe ohne dass ich eben alle Lehrmeinungen der katholischen Kirche annehme. Im Zweifel verbindet mich mit den katholischen Brüdern und Schwestern aber mehr als mit Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben. Außerdem halte ich den Menschen Joseph für einen wirklich klugen Kopf auf den Stuhle Petri. Ich habe seine Jesus-Biographie und auch andere Schriften von ihm gelesen. Selten hat jemand in dieser Klarheit, Klugheit und zugleich Warmherzigkeit die Botschaft verkündet, an die eben auch ich als Christ glaube.

Außerdem gilt für mich ein Satz, den der Vorgänger Benedikts XVI., Papst Johannes Paul II., einmal gegenüber deutschen Jugendlichen geäußert hat: „Die Kirche ist immer auch eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Das ist zugleich unser aller Glück. Denn in einer Kirche von nur Vollkommenen hätten wir wohl selber keinen Platz mehr. Gott selbst will eine menschliche Kirche. Deshalb kann es auch Kritik an der Kirche geben, aber sie muss fair sein und getragen von großer Liebe zur Kirche. Gott hat sein Heilswerk, seine Pläne und Anliegen in die Hand von Menschen gelegt. Dies ist gewiss ein großes Wagnis (…). Er will uns Menschen als seine Mitarbeiter in der Welt und in der Kirche mit all unseren Mängeln und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all unserem guten Willen und unseren Fähigkeiten.“ Diesem Bild des Christentums kann ich mich vorbehaltlos anschließen.

Mit all diesen Gedanken im Kopf fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt zum Flughafen und stieg ins Flugzeug. Dort traf ich schon meinen Freund und Kollegen Prof. Dr. Heinz Riesenhuber. Die Anreise am ersten Tag endete mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Gassen der Altstadt und einem Abendessen. Schon am Flughafen trafen sich die ersten Kolleginnen und Kollegen. Dabei merkte ich wieder einmal wie groß die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist. Manche Kollegen begrüßten mich mit Vornamen, andere stellten sich mir erstmals förmlich vor. Wir waren uns bisher – wenn überhaupt – nur sporadisch im Berliner Politikbetrieb begegnet. Das Schöne war Offenheit und Freundlichkeit untereinander. Und endlich war einmal, so empfand es nicht nur ich, Zeit und Raum für ruhige Gespräche, die wir dann bei diversen Nudelgerichten und einem hervorragenden Tiramisu bis spät in die Nacht fortsetzten. Auch daran krankt ja der bisweilen hektische Politikbetrieb in Berlin: Es ist zu wenig Zeit, für ruhige Gespräche und für das wirkliche Kennenlernen. Das haben wir dann bei einem wunderbaren Abendessen intensiv nachgeholt.

Was mich im kommenden Jahr leiten soll

Neben den tagespolitischen Entscheidungen fragen viele Menschen einen Politiker auch nach seinen grundlegenden Überzeugungen. Was leitet ihn in seinem Handeln? Worauf nimmt er Bezug, wenn er sich grundsätzlichen Herausforderungen nähert. Manche sind erschrocken ob der erkennbaren Beliebigkeit von Überzeugungen mancher Entscheidungsträger (Nicht zu verwechseln mit dem manchmal notwendigen Veränderungen von Meinungen in Sachfragen). Doch für viele Menschen, die in Verantwortung stehen, sind ideengeschichtliche Ideale und Werte oder aber eben auch religiöse Überzeugungen durchaus handlungsleitend.

Nicht zuletzt deshalb wird in regelmäßigen Abständen in Deutschland diskutiert, welchen Stellenwert die Religion und auch das persönliche religiöse Bekenntnis in unserer Gesellschaft noch spielt, bzw. künftig spielen soll. In einer christlich geprägten Kultur, in der allerdings viele Menschen nicht praktizierende Christen sind, sondern sich allenfalls zu den in unserer Gesellschaft geltenden und christlich geprägten Werten bekennen, in der andere Religionsgemeinschaften ihren Platz gefunden haben oder suchen, stellt sich diese Frage vielleicht mit einer neuen Intensität. Für die CDU wird dies immer wieder dann deutlich, wenn über das „C“ im Parteinamen diskutiert wird.

Dass auch viele Menschen ohne christliches Bekenntnis, manche sogar überzeugte Muslime, sich in der Partei mit dem C engagieren, ist dabei kein Widerspruch – im Gegenteil. Einer Politik, die auf dem christlichen Menschenbild aufbaut, den liberalen, sozialen und konservativen Werten, die man in der Union findet, können sich eben auch Menschen ohne religiöse Bindung oder Angehörige einer anderen Religionsgemeinschaft verpflichtet fühlen.

Deswegen ist der Argwohn mancher Zeitgenossen auch unbegründet, das christliche oder das religiöse Bekenntnis eines Politikers führe zwangsläufig dazu, dass er missionieren wolle, seine eigenen Glaubensbrüder und –schwestern bevorzuge bei seinen Entscheidungen oder ähnliche krude Unterstellungen. Da wird also oft eine Art Generalverdacht formuliert, wenn man erklärt, dass die eigene religiöse Überzeugung natürlich das eigene Denken prägt und man daraus die Werte, für die man einsteht, ableitet (Das man gerade als Christ darum weiß, dass man an dem Anspruch, diesen Werten stets und immer gerecht zu werden, scheitern muss, ist eine andere Frage und kann hier nicht näher ausgeführt werden. Aber vielleicht ist gerade das eine wohltuende Unterscheidung gegenüber denen, die moralinsauer immer die Wahrheit und den Unfehlbarkeitsanspruch ihrer politischen Überzeugung vor sich hertragen, wie es beispielsweise Volker Beck von den Grünen gerne tut).

Um nicht falsch zu verstanden werden. Natürlich soll und darf man bei politischen Entscheidungen, beim eigenen Handeln in einer pluralistischen Gesellschaftsordnung, in einem Land das gut daran getan hat, Staat und Religion voneinander zu trennen, eben nicht die Religion oder gar religiöse Führer entscheiden, was dem Land dienlich ist. Aber andererseits haben die Menschen das Recht zu wissen, woran man glaubt – nicht nur im religiösen Sinne –, für welche Werte man einstehen will und welche Überzeugungen einen im politischen Tun leiten. Otto von Bismarck hat das einmal so formuliert: „Gott hilft mir tragen, und mit Ihm bin ich der Sache besser gewachsen als die meisten unserer Politiker (…) ohne Ihn. Ich werde mein Amt tun; daß Gott mir den Verstand dazu gibt, ist Seine Sache.“

Mir ist im letzten Jahr mehrmals ein Satz Martin Luthers begegnet, über den ich viel nachgedacht habe. Es stammt aus seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Luther formuliert einen Anspruch und zugleich auf den ersten Blick einen Widerspruch, der einem nicht nur als Politiker, sondern auch als Christ Angst und Bange machen könnte: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Was meint Luther damit? Zunächst erinnert er uns daran, dass wir als Menschen – auch als Christen – frei sind. In unserem Tun sind wir anderen Menschen eben nicht zwingend Rechenschaft schuldig oder gar gezwungen, Anordnungen oder Befehlen zu folgen, wenn wir dies nicht selbst für richtig erachten und wollen. Diese Gewissheit, dieses Freiheitsversprechen, hat aber eine Kehrseite, der wir uns stets bewusst sein sollten.

Aus der Freiheit erwächst eben nicht das Recht, tun und lassen zu können, was man will. Freiheit meint im Sinne Luthers vor allem die Freiheit für etwas und nicht die Freiheit von etwas. Aus Sicht Luthers befähigt uns diese Freiheit, Verantwortung zu übernehmen. Für uns selbst, aber eben auch für andere. Dies bedeutet, dass man sich stets selbst fragen muss, was die Folgen des eigenen Handelns sein können. Und es bedeutet, dass man hilfsbereitet und offen den Menschen begegnet, die Unterstützung und Zuwendung brauchen. Und es bedeutet, sich dem stets dem großen Ganzen, dem Land, Europa und der Welt verpflichtet zu fühlen. Übrigens gilt das nicht nur für Politiker. Das gilt für jeden Bürger!

Die Worte Luthers hat Papst Benedikt XVI. etwas moderner formuliert: „Wo der persönliche Egoismus oder die Interessen von Gruppen sich über das Gemeinwohl hinwegsetzen, wenn jeder nur an seine eigenen Interessen denkt, kann die Welt nur zugrunde gehen.“ Und damit kann der Grundgedanke Luthers für 2011 nicht nur für evangelische und katholische Christen, sondern für alle Menschen ein guter Leitsatz sein. Zumindest für mich ist er es. Und ich freue mich auf das Jahr 2011.