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Afghanistan III: „Afganistan braucht eine afghanische Lösung.“

Der deutsche Botschafter äußerte in seinem Lagevortrag die Einschätzung, dass Afghanistan auch nach einem Abzug der Streitkräfte weiter Hilfe brauchen werde. In den letzten 2 Jahren habe sich zudem ein dramatischer Wandel vollzogen. Damals sei die Region nachts in der Hand Aufständischer gewesen. Heute gehe die Region in die Transition – so der Fachbegriff für die vollständige Überführung in afghanische Verantwortung. Allerdings sei auch klar zu erkennen, dass der Zentralstaat nicht funktioniere. Beispielsweise würden Mittel für Provinzen aus Kabul nicht abgerufen, man in den Regionen schlicht nicht wisse, wo und wie ein Antrag zu stellen sei. 

Der zivile Aufbau muss also auch Verwaltungsstrukturen erfassen. Dass Korruption in Afghanistan Alltag ist, hat niemand versucht schönzureden. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir eben nicht westliche Wertmaßstäbe anlegen können, wenn es darum geht gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln. Ein Satz zog sich daher wie ein roter Faden durch alle Gespräche: „Afghanistan braucht eine afghanische Lösung.“

Auch auf die aktuelle militärische Situation ging er ein. Dabei gelte es zur Kenntnis zu nehmen, dass 80 Prozent der zivilen Opfer durch die Taliban verursacht würden. Die Reaktionen der Bevölkerung seien übrigens sehr unterschiedlich bei solchen Verlusten. Während es bei durch Kampfhandlungen der ISAF-Truppen getöteten Zivilisten regelmäßig zu Protesten komme, gelte dies nicht, wenn diese Opfer durch die reguläre afghanische Armee verursacht würden. Generell sei die Zahl der zivilen Opfer deutlich gesunken. 

Derzeit sei erkennbar, dass der Wille zur Verhandlung sowohl bei den Aufständischen als auch bei den offiziellen Regierungsstellen gegeben sei. Allerdings bliebe unklar, mit welchem Ziel vor allem die Taliban in diese Verhandlungen gehen. Deren militärischer Arm habe empfindliche Niederlagen einstecken müssen. Es gebe erkennbare Probleme, die Kampfmoral aufrecht zu erhalten und derzeit seien die Aufständischen nicht mehr in der Lage, militärische Operationen durchzuführen. Dies habe zu einer erkennbar veränderten Taktik geführt. Mittels von Anschlägen versuchten die Taliban nun stärker mediale Aufmerksamkeit zu erzielen. Um nicht weiter in die Defensive zu geraten, müssten sie hier Erfolge vorweisen, was u.a. die deutlich steigende Zahl an Anschlägen erkläre.

Es folgte dann u.a. ein Gespräch mit dem britischen General Adrian Bradshaw. Er berichtete über die Entwicklung der Kämpfe und sprach vor allem über die südlichen Regionen Kandahar und Helmland, die einen Schwerpunkt der militärischen Aktionen bildeten.  Auch in den ehemaligen Hochburgen der Taliban gebe es keine offenen Gefechte mehr. Dort wo die Aufständischen offen auftreten würden, seien sie sofort geschlagen. Neue Kräfte auf Seiten der Taliban seien daher – so Bradshaw wörtlich – oft „canon fodder“. Inzwischen seien 75 Prozent des Landes unter der Kontrolle afghanischer Sicherheitskräfte und die Zuversicht steige, dass Afghanistan es selbst schaffen werde, eine staatliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Dann folgte das Mittagessen.  Der Raum, zu dem wir geführt wurden, war auf weniger als 20 Grad heruntergekühlt. Ich möchte gar nicht wissen, welchen Energieverbrauch die Klimaanlagen haben – zumindest bei den Einrichtungen der US-Truppen. Nach dem Essen hatten wir die Gelegenheit uns mit deutschen Soldaten auszutauschen. Spannend fand ich die Erklärung eines Kameraden, der erklärte, dass er keine Sorge habe, sich zivil außerhalb des Lagers zu bewegen. Die Afghanen seien gastfreundlich. In seiner Rolle als Soldat der ISAF sei dies allerdings anders. Übrigens habe ich auch geschmunzelt, als ich auf die Frage wo ich denn herkomme geantwortet hatte. Nach meiner Antwort „Ich komme aus Gelnhausen.“ kam die fast übliche Replik: „Ach da kommt doch auch der Harald Schmid, dieser bekannte Hürdenläufer, her.“ Da hat  Gelnhausen einen wirklich bekannten Botschafter.

Die Afghanen haben es selbst in der Hand

 Während die Sicherheitslage mit einem positiven Ausblick beschrieben wurde, gab es an anderer Stelle auch sorgenvolle Stimmen: Massenarbeitslosigkeit droht, es fehlt die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum. Und alle Stimmen waren sich einig, dass Afghanistan auf dem Weg in die Zukunft 2014 eine funktionierende nationale Armee, in der Ethnien keine Rolle spielen, und verlässliche Wahlen braucht. Dabei war mehr oder weniger deutlich herauszuhören, dass hier nicht die ordnungsgemäße Durchführung der Wahlen entscheidend sei, sondern die Akzeptanz des Ergebnisses durch den Wahlverlierer. Nach afghanischem Verständnis besteht offensichtlich nicht zwingend zwischen beiden Faktoren ein Zusammenhang – auch etwas, das wir nur bedingt verstehen können, aber akzeptieren müssen lernen sollten. Auch im Jahrzehnt nach dem Abzug wird Afghanistan weiter Hilfe brauchen – im Zweifel auch militärisch. Immer wieder wurde u.a. die Hoffnung in den Gesprächen geäußert, dass die afghanischen Bodenschätze einen Ausweg aufzeigen könnten. Man wird sehen.

Entsprechend setzten alle Gesprächspartner – nicht nur der Außenminister – große Hoffnungen in die bevorstehenden Konferenzen in Chicago und Tokyo sowie in das Treffen Karzais mit Merkel, dass parallel zu unserer Reise in Deutschland stattfand. Im Zentrum stand dabei wiederholt der Wunsch, dass auch nach 2014 die NATO – und auch die Bundeswehr – die Ausbildung der afghanischen Armee (ANA) übernehmen solle. Auch bei der Aufklärung braucht die afghanische Armee weiter die Unterstützung der Koalitionstruppen. Die Luftaufklärung, das betonten alle Gesprächspartner, versetze die ANA in die Lage erfolgreich Operation gegen die Aufständischen durchzuführen.

Während die Ausbildung der Armee voranschreite (wenngleich sie wohl kaum unseren Ansprüchen genügt, aber es reicht wohl, um die Taliban zu schlagen), sei die Ausbildung der Polizei schwieriger. Der Focus habe bisher nicht auf den klassischen Aufgaben der Polizei wie wir sie kennen gelegen. Oft habe die Polizei auch gemeinsam mit der Armee Operationen durchgeführt. Auch hier sei jetzt eine Änderung notwendig, bzw. im Gange.

Sehr oft wiesen die Gesprächspartner auch dem Nachbarn Pakistan eine große Verantwortung zu. Immer wieder waren auch Vorwürfe zu hören. Pakistan hätte kein Interesse an einer stabilen Lage in Afghanistan, hieß es. Darum würden dort die Taliban mehr oder weniger offen geduldet und unterstützt. Die Hoffnung im Gespräch sowohl mit dem Außenminister als auch mit dem Sicherheitsberater ruhten zudem darauf, durch die Erschließung von Bodenschätzen der afghanischen Wirtschaft zu helfen. 

Der Empfang in der Deutschen Botschaft war ebenfalls interessant. Die Botschaft ist ebenfalls von hohen und dicken Mauern umgeben. Neben unserer Delegation waren auch einige in Kabul lebende Deutsche eingeladen. Wie widersprüchlich vieles in diesem Land ist, zeigt vielleicht ein Gespräch, dass ich mit einer Lehrerin führen konnte, die derzeit an einer Schule in Kabul Deutsch unterrichtet. Ich habe sie natürlich gefragt, wie sie auf die Idee kam, nach Afghanistan zu gehen. Sie sagte dann wörtlich: „Ich wollte einmal wieder Goethe und Schiller unterrichten.“ Auf meine Nachfrage, wo sie denn vorher war, antwortete sie: „An einer Schule in Neukölln.“ Dort sei sie nicht Lehrerin, sondern eher Sozialarbeiterin gewesen. Die afghanischen Schülerinnen und Schüler seien so wissbegierig, dass der Schulalltag auch unter diesem Gesichtspunkt nicht vergleichbar mit Deutschland sei. Es bereite ihr große Freude, dort zu unterrichten, wenngleich gerade die Frage der Bildung junger Mädchen ein schwieriges Thema sei, denn es sei eben nicht selbstverständlich, dass diese die Schule besuchten und arrangierten Ehen – oft in jungen Jahren – seien an der Tagesordnung.

Afghanistan II: 5.000 Kilometer bis zum Hindukusch

Das Lager der Bundeswehr in Termez gab einen ersten Vorgeschmack auf das, was uns erwartete. Bis dorthin waren wir am Sonntag geflogen, um unsere Reise dann am Montag Richtung Kabul fortzusetzen. Rund 100 deutsche Soldaten tun hier auf dem Lufttransportstützpunkt Dienst. Sie gewährleisten, dass die Versorgung mit Nachschub gesichert ist und nehmen Besuchergruppen wie uns in Empfang. Wir haben einen ausführlichen Lagevortrag erhalten und vor dem Schlafengehen noch mit den Soldaten in der Betreuungseinrichtung etwas getrunken und gesprochen. Das kontinentales Klima, die Hitze um diese Jahreszeit, blühende Kakteen, laut zirpende Grillen sowie eine stets surrende Klimaanlage in jedem Raum machten uns deutlich, das wir Europa weit hinter uns gelassen hatten.

In Afghanistan leben 14 ethnische Gruppen, das Land hat sechs Nachbarländer – darunter Iran, Pakistan und China (was aus meiner Sicht schon die geostrategische wichtige Lage deutlich macht). Es ist doppelt so groß wie Deutschland, und das afghanische Volk hat 28 Millionen Köpfe. Übrigens hat das Land trotz seiner Armut die höchste Geburtenrate in Asien. 70 Prozent der Menschen und immer noch 90 Prozent der Frauen sind Analphabeten. Schon das allein macht deutlich, dass es nichts in Afghanistan gibt, was wir an unseren Wertmaßstäben messen können oder sollten.

Entgegen der vor uns liegenden Tage war das Programm am Sonntag nicht so vollgepackt. So hatten wir nach der offiziellen Begrüßung durch den Standortkommandeur noch Gelegenheit für ein „Dienstabschlußbier“ mit den Kameraden vor Ort. Übrigens gibt es klare Regeln für den Alkoholkonsum im Einsatz. Ob diese freilich eingehalten werden und es nicht doch gerade bei den Soldaten, die während ihres ganzen Einsatzes des Lager nicht verlassen können, zu entsprechenden Problemen kommt, kann ich nicht beurteilen. 

Klare Regeln gab es auch am nächsten Morgen in der Kantine. Mülltrennung war angesagt. Die deutschen Soldaten und auch wir haben sauber unseren Müll bzw. Abfall getrennt. Ob allerdings die Usbeken verstehen, was wir da tun, da habe ich meine leisen Zweifel! Die Frage, welcher Verwertungskette der Müll zugeführt wird, konnte mir niemand beantworten. Aber vielleicht steht im Vordergrund auch das Beibehalten liebgewonnener und vertrauter Gewohnheiten – ein Gedanke, der auf dem zweiten Blick glaube ich gar nicht so unvernünftig ist. Die Soldaten sollen angesichts einer fremden und bisweilen feindlichen Umwelt im Einsatz durchaus vertraute Dinge erfahren. Vielleicht gehört das adäquate Trennen des Mülls dazu?

Ankunft in Kabul

Mit der Transall ging es direkt nach dem Frühstück über den Hindukusch nach Kabul. Es ist ein Erlebnis, mit der Transall zu fliegen. Den Hinweis, nicht so weit vorne zu sitzen, weil es sonst unerträglich warm wird, aber auch nicht zu weit hinten, weil dort die Heizung nicht mehr funktioniere, konnte ich zumindest auf diesem ersten Flug ignorieren, denn ich hatte das Glück und durfte mich auf einen freien Platz im Cockpit setzen. So bekam man einen beeindruckenden Blick für die Landschaft und konnte den Piloten im wahrsten Sinne des Wortes über die Schulter schauen.

Der Hindukusch. Man merkt deutlich, dass die Briten bei der Grenzziehung in Kolonialzeiten wohl etwas falsch gemacht haben, denn der Norden Afghanistans ist durch diese natürliche Grenze vom Rest des Landes erkennbar getrennt. Angesichts der Infrastruktur und der Mobilität der afghanischen Bevölkerung ist es kein Wunder, dass es hier wohl große Unterschiede zwischen dem Norden und den anderen Regionen gibt.

Für die Besatzung der Transall ist dieser Flug sicherlich „Routine“ und eine Herausforderung zugleich. Für mich war das auf jeden Fall ein Erlebnis, und auch die Professionalität unserer Soldaten hat mich ziemlich beeindruckt. Die jungen Männer, die dort Dienst tun, strahlen eine Ruhe und Gelassenheit aus, die man sofort spürt.

Fast zehn Termine standen am ersten Tag in Kabul auf dem Programm. Wir kamen mit dem stellvertretenden Kommandeur der ISAF-Truppen zusammen, konnten mit deutschen Generälen und deutschen Soldaten sprechen und Mittagessen, haben den afghanischen Außenminister zu seinen Erwartungen an die internationale Gemeinschaft befragt und haben sowohl den nationalen Sicherheitsberater als auch den Transitionsbeauftragten sowie führende afghanische Militärs getroffen. Der Abend endete mit einem Empfang in der deutschen Botschaft in Kabul, die sich in der so genannten „green zone“ befindet.

Von afghanischer Seite war die Botschaft im Vorfeld des NATO-Gipfels in Chicago klar: Die internationale Gemeinschaft und die NATO sollen auch über 2014 hinaus den Aufbau Afghanistans unterstützen. Dabei habt die afghanische Regierung offensichtlich ziemlich klare Vorstellungen, denn an jeder Stelle waren die Botschaften identisch: Verstärkung der zivilen Aufbauhilfe und Bereitstellung von militärischen Fähigkeiten, über die die afghanischen Sicherheitskräfte selbst nicht verfügen. In der Tat waren wir in einer entscheidenden Woche vor Ort. In derselben Woche flog der afghanische Präsident nach Deutschland, um mit Bundeskanzlerin Merkel ein Abkommen zu unterzeichnen und der besagte NATO-Gipfel in den USA stand im Kalender. Unsere Gespräche in Kabul spiegelten daher ganz klar die afghanische Erwartungshaltung und Hoffnung an diese beiden Termine wieder. 

Direkt nach unserer Ankunft erfolgte das erste Briefing oder wie man wohl besser sagen sollte, der erste Lagevortrag. Die häufige Verwendung englischer Wörter ist eindeutig der Internationalität des Einsatzes geschuldet. Übrigens war gerade das für mich sehr faszinierend. Das Gemeinsame schien gut zu funktionieren und es gab kaum Klagen diesbezüglich. Am Flughafen nahmen uns nicht nur die Feldjäger in Empfang und packten uns in die bereitliegenden Schutzwesten, sondern auch der deutsche Botschafter begrüßte uns.

Afghanistan I: Mein Truppenbesuch und warum ich dorthin gefahren bin

Nach vier Tagen am Hindukusch und unzähligen Gesprächen habe ich eine Ahnung von der Herausforderung vor Ort, wenn es darum geht, dem geschundenen Land Afghanistan zu helfen – und ich habe gesehen, welcher Beitrag wir als Deutsche sowohl militärisch aber vor allem im zivilen Aufbau leisten. Ich möchte hier auf meinem Blog in mehreren Folgen meine Eindrücke dieser Reise schildern und erhebe ganz bewusst keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Ich schildere meine persönlichen Eindrücke und schreibe meine Meinung.

Der Staatssekretär Christian Schmidt, den ich auf dieser Reise begleiten durfte, hat seine Einschätzung zur Situation in Afghanistan in einem Interview zusammengefasst. Ich selbst möchte hier ein paar ergänzende Eindrücke schildern. In drei Folgen möchte ich über die Gespräche mit afghanischen Entscheidungsträgern berichten, meine Wahrnehmung von Land und Leuten weitergeben und vor allem etwas über unsere Soldaten im Einsatz schreiben. Den offiziellen Bericht des Verteidigungsministeriums  zur Reise findet man übrigens hier! Auch meine Kollegin Katja Keul (Bündnis 90/Die Grünen) hat einen lesenswerten Reisebericht verfasst, der stärker als meine subjektiven Eindrücke verteidigungs- und sicherheitspolitische Aspekte umfasst.

Vorab ist mir wichtig: ich bin kein Experte. Und nachdem ich in Termez, Kabul, in Kunduz in Mazar-e Sharif und in Faizabad war, habe ich eine Fülle von Eindrücken mitgenommen. Allerdings müssen diese nicht zwingend deckungsgleich sein, mit dem was andere an diesen Orten erlebt haben. Schon innerhalb des Regionalkommandos Nord, dem Bereich, in dem deutsche Soldaten eingesetzt sind, ist Afghanistan so vielfältig, dass verallgemeinernde Beschreibungen aus meiner Sicht schwierig sind. Darum noch einmal: ich gebe das weiter, was ich gehört habe und schildere mein subjektives Erleben. Jeder möge sich anhand seiner Quellen und seiner eigenen Eindrücke ein eigenes Bild machen.

Wenn wir an Afghanistan denken, dann fällt Vielen der Satz von Margot Käßmann ein, die behauptet hat, dass nichts in Afghanistan gut sei. Sie hat das gesagt, ohne vor Ort gewesen zu sein. Natürlich kann nicht jeder sich ein Bild vor Ort machen, bevor er zu einer persönlichen Bewertung der Situation in Afghanistan kommt, aber es klingt zumindest nicht so, als ob Frau Käßmann sich um eine differenzierte Sichtweise der Dinge bemüht hätte. Von jemanden, der zum damaligen Zeitpunkt eine wichtige öffentliche Position innehatte, kann ich aber genau das eigentlich erwarten: eine ausgewogene differenzierte Haltung.

Richtig ist, dass man in Afghanistan an keiner Stelle erwarten sollte, Dinge mit deutschen Maßstäben bewerten zu können, aber das geht in einem der ärmsten Länder der Welt, mit der zugleich höchsten Geburtenrate in Asien und einer Analphabetenrate, die immer noch bei 70 Prozent liegt, auch gar nicht. Dennoch habe ich viele Bilder gesehen und Berichte gehört, die Hoffnung und Mut machen – nicht allein aus unserer Sicht, sondern aus Sicht der Menschen in Afghanistan – und nur darauf kommt es an. Dabei decken sich meine Eindrücke oft nicht mit dem Bild, das deutsche Medien von der Situation in Afghanistan zeichnen. Was habe ich also gut 5.000 Kilometer von zu Hause entfernt gesehen?

Als Bundestagsabgeordneter habe ich nicht nur für den Einsatz der Bundeswehr im Rahmen des ISAF-Mandats gestimmt, sondern auch für die vielen Maßnahmen, die seitens des Auswärtigen Amtes und des Entwicklungshilfeministeriums dort initiiert werden. Im öffentlichen Interesse steht aber meist der Einsatz der Bundeswehr. Das ist schade, denn gerade die oft nicht frei von Reibungsverlusten stattfindende Zusammenarbeit zwischen zivilen Organisationen und Militär lohnt eine nähere Betrachtung. Auch dazu später mehr. 

Ich wollte mir selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen und mit den Soldaten sprechen – auch um ihnen für ihren Dienst für unser Land zu danken. Ich kann vorab sagen, dass die Soldaten sich meist nicht über Versorgungsengpässe oder den Dienst beschwert haben, sondern sie vor allem reklamieren, dass die deutsche Öffentlichkeit scheinbar keinen Anteil nehme und der Einsatz in den Medien nur stattfinden würde, wenn negative Vorfälle zu berichten seien. Mit meinem Blog will ich zumindest in überschaubarem Rahmen hier Abhilfe schaffen und an einigen Stellen auch unseren Soldaten eine Stimme geben.

Start- und Zielpunkt der Reise an den Hindukusch war der Flughafen in Nürnberg. Ich bin mit dem Auto angereist. Im Parkhaus hat neben mir eine Familie geparkt, die erkennbar einen Strandurlaub geplant hatte. Da habe ich mich mit meinem Seesack schon optisch abgehoben. Der erkennbar gut gelaunten Familie sei der Urlaub von Herzen gegönnt. Ob sie dabei daran denken, dass in entgegengesetzter Richtung fast 5.000 deutsche Soldaten einen schweren Auftrag erfüllen? Am Flughafen traf unsere 13köpfige Gruppe bestehend aus fünf Abgeordneten, einem Staatssekretär aus dem BMVg, zwei Journalisten und fünf Soldaten zusammen. Abflugbereit stand eine Maschine der Flugbereitschaft des BMVg bereit, um uns nach Termez in Usbekistan zu fliegen.

Fortsetzung folgt…

Danke Bundeswehr!

Demnächst verlassen die letzten Wehrpflichtigen die Kasernen der Bundeswehr. Bei mir als Reserveoffizier schwingt da auch ein bisschen Wehmut mit. Ich gestehe, dass für mich dabei nicht so sehr die allgemein diskutierten Fragen der Wehrform im Allgemeinen, Aspekte der Nachwuchsgewinnung oder gar die Wehrgerechtigkeit eine Rolle spielen. Mich leiten beim Aussetzen der Wehrpflicht eher persönliche Erfahrungen und Eindrücke. Wie war das bei mir? Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich während meines Wehrdienstes unzählige dieser Momente, in denen ich mich gefragt habe, was ich hier eigentlich tue. Auch ich hatte Diensttage, an denen das Prinzip „Die meiste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens“ galt. Auch ich hatte Vorgesetzte, bei denen ich an aus meiner Sicht unsinnigen Befehlen schier verzweifelt bin. Dennoch möchte ich diese Zeit nicht missen und empfinde es keineswegs so, dass ich hier meine Lebenszeit verschwendet hätte. Im Gegenteil. Ob man den eigenen Wehrdienst als eine sinnvolle oder gar schöne Erfahrung in Erinnerung behält oder als Zeitverschwendung empfindet, liegt wohl vor allem an einem selbst. Die Kameraden, mit denen ich gemeinsam gedient habe, kommen daher in der Rückschau heute zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Ich persönlich habe während meines Wehrdienstes mehr gelernt, als ein Hemd auf Din A4-Format mit einer abschließenden Knopfleiste zusammenzulegen oder ein Maschinengewehr in Rekordzeit zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Ich war einer dieser verwöhnten Abiturienten, über die ich später als Reserveunteroffizier und Ausbilder in der Grundausbildung regelmäßig verzweifelt bin, wenn sie mich als Rekruten zur Weißglut gebracht haben, weil sie entweder dumme Fragen stellten oder in Watte gepackt werden wollten. Ich war körperlich nicht sonderlich belastbar, bin Anstrengungen eher aus dem Weg gegangen, als mich ihnen zu stellen und hatte darüber hinaus vor dem Wehrdienst das wohlbehütete soziale Umfeld meines Gymnasiums, meiner Freizeitaktivitäten und meines Freundeskreises kaum verlassen. Man kann es schon als Kulturschock bezeichnen, wenn man dann mit damals noch acht Mann eine Stube teilen musste, von denen einer aus uns zunächst unverständlichen Gründen kein Bajonett ausgehändigt bekommen hatte, wenn die Zeit zum Mittagessen limitiert wird und Schlafmangel zu einem Ausbildungsprinzip erklärt wird.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich war sicherlich kein Vorzeigesoldat. Ich habe mich weder freiwillig gemeldet, wenn es um unangenehme Dienste am Wochenende oder andere Sonderaufgaben ging, noch hob ich mich in den Leistungen von den anderen ab. Nicht aufzufallen ist durchaus auch ein Prinzip, dem man folgen kann, wenn man den Weg des geringsten Widerstands sucht. Freilich funktioniert dies nur bedingt, selbst wenn „tarnen und täuschen“ ebenfalls auf dem Dienstplan steht. Aber ich habe an vielen Stellen im täglichen Dienst doch gelernt, dass man Herausforderungen oft nur gemeinsam meistert, und ich hatte den Eindruck, dass es einem Teil der Ausbilder doch eher darum ging, uns gewissen Erfahrungen, die man landläufig mit sozialer Kompetenz umschreibt, machen zu lassen, als das militärische Handwerkszeug zu vermitteln.

Ich habe es als ein zutiefst gutes Gefühl empfunden, wenn Kameraden mir halfen, ohne dass sie davon irgendeinen Vorteil hatten. Dieses Helfen ohne die Frage „Was bringt mir das denn persönlich?“ ist ja unserer Gesellschaft nicht allzu oft anzutreffen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das trifft wohl auf viele Erfahrungen, die Wehrdienstleistende zumindest in der Grundausbildung machten, ganz hervorragend. Wenn in den ersten Tagen die Ausbilder von Kameradschaft sprachen, dann haben wir uns oft nur mit hochgezogenen Augenbrauen angeschaut. Am Ende ging nichts ohne diese Kameradschaft. Das hatten wir schnell durchschaut, was nicht heißt, dass es auch bei uns Neid, Missgunst und andere Verhaltensweisen gab, die wir dann schnell als „unkameradschaftlich“ abqualifizierten.

Manch einer schaut ja heute befremdlich, wenn man dieses für mich wunderbare Wort Kameradschaft benutzt, um diese Form von Freundschaft, die an bedingungslose Hilfe bei Problemen und Schwierigkeiten geknüpft ist, zu beschreiben. Ich habe viele gute Erinnerungen an Momente, die ich alleine nicht gemeistert hätte, bei denen ich aber jemanden an meiner Seite wusste, der mir half, eine auf den ersten Blick ausweglose Situation zu meistern. Und ich vermisse dieses Gefühl in der angeblich der militärischen Gemeinschaft so überlegenen Zivilgesellschaft durchaus des öfteren.

Ich habe während meines Wehrdienstes viel über mich selbst gelernt. Und ich habe Kameraden getroffen, die ich heute als Freunde nicht mehr missen möchte. Wir waren und sind alle froh, dass wir unseren Dienst für Deutschland leisten konnten, ohne das anzuwenden, wofür man uns ausgebildet hat. Aber wir hätten wohl im Zweifel das Notwendige getan, um „Frieden und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, wie wir es gelobt haben. Ich wünsche der Bundeswehr auch künftig Soldaten, die bereit sind, tapfer zu kämpfen und die zugleich den Frieden lieben. Auf die Wehrpflichtigen der Bundeswehr darf Deutschland stolz sein. Diejenigen, die künftig freiwillig ihren Wehrdienst leisten, werden diese Tradition fortführen. Die aktuellen Zahlen belegen, dass es mehr junge Männer und auch Frauen gibt, die diesen Dienst leisten wollen. Das ist ein gutes Signal für die Bundeswehr und für die Bereitschaft, unserem Land in dem Sinne zu dienen, wie es Gneisenau und Scharnhorst damals formuliert haben, wenn es galt, deutlich zu machen, dass Frieden und Freiheit kein Geschenk sind, sondern jeden Tag aufs Neue errungen werden müssen. Und dass es Bürger braucht, die bereit sind, Frieden und Freiheit im Notfall mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

Die Ausbildung in der Bundeswehr gestern und heute

Lage: Robert ist Wehrdienstleistender. Robert verschläft und kommt verspätet zum Dienst.

Damals, 1973

Sein Spieß befiehlt ihn zu sich. Er lässt ihn stillstehen und belehrt ihn mit lauter Stimme über seine Pflichten. Robert muss einen GvD-Zusatzdienst leisten. Seine Kameraden lachen.

Robert leistet den GvD-Dienst. Zukünftig ist er pünktlich, um vor seinen Kameraden besser dazustehen. Einen solchen “Anschiss” vom Spieß möchte er nicht nochmal erleben.

Nach Ende der Wehrdienstzeit ist sein späterer Arbeitgeber über die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit von Robert beeindruckt.
Er bekommt eine Vertrauensstellung und eine Gehaltserhöhung.
Robert erzählt allen, dass er in seiner Bundeswehrzeit viel Gutes gelernt hat.

Heute, 2011

Sein Spieß meldet den Sachverhalt an den Kompaniechef. Dieser informiert die Vertrauensperson, die Gleichstellungsbeauftragte, den Militärpfarrer und den Sozialdienst. Die Meldung eines BV (Besonderes Vorkommnis) unmittelbar an den BM (Bundesminister) wird geprüft. Die Vorgesetzten werden wegen möglicher Verfehlungen vernommen. Der Spieß wird zu seinem Schutz abberufen, weil er möglicherweise seine Dienstpflichten verletzt hat. Die Dienstpläne der letzten zehn Jahre werden überprüft.
Der Befehlshaber HFüKdo lässt die Notwendigkeit eines pünktlichen Dienstbeginns im Friedensbetrieb untersuchen. Eine Befragung durch den dienstaufsichtsführenden Inspekteur scheitert, weil Robert an diesem Tag wieder zu spät kommt. Der Bataillonskommandeur wird versetzt. Der Kompaniechef wird nicht Berufssoldat. Der Spieß wird mit Depressionssymptomen in die FU 6 (Abteilung für Psychiatrie) eingewiesen. Mitarbeiter des Wehrbeauftragten sind vor Ort. Der Verteidigungsausschuss befasst sich mit der Angelegenheit. Die Untersuchung ist noch immer nicht abgeschlossen.

Robert hat mittlerweile als einer der letzten seiner Art die Wehrpflicht absolviert und ist entlassen.
Die Bild-Zeitung berichtet über Führungsschwächen in der Bundeswehr.

Robert meint, verschlafen ist doch nicht schlimm. Er verschläft auch mehrfach bei seinem neuen Arbeitgeber. Dieser entlässt ihn daraufhin.
Robert ist heute HARTZ IV- Empfänger.
Robert erzählt allen, die Bundeswehr wäre schuld daran.