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Eine Woche bei der Truppe

Ich bin Oberleutnant der Reserve. Nach meinem Grundwehrdienst habe ich während des Studiums in den Semesterferien regelmäßig Wehrübungen abgeleistet. Inzwischen dürften das fast 400 Tage sein. Während des Berufs und nun als Abgeordneter war und ist es mir wichtig, den Kontakt zu den Kameraden in der Truppe zu halten. im Rahmen des Grundwehrdienstes und auf den Lehrgängen und Übungen habe ich bei der Bundeswehr viel gelernt, nicht allein das soldatische Handwerk, sondern auch viel über mich selbst und andere. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte und die mich heute ausmachen. Kameradschaftlich mit anderen unserem Land zu dienen, ist etwas Besonderes. Auch deshalb bin ich stolz und dankbar, als deutscher Offizier in unseren Streitkräften einen Beitrag zu leisten.
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Natürlich hat sich die Bundeswehr in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Auch diese Veränderungen mitzuerleben ist mir wichtig. Das geht nur durch regelmäßiges Üben in der Truppe. Als Historiker und Offizier interessiert mich nicht nur die Geschichte und Tradition, sondern eben auch der Wandel im Auftrag, in Ausrüstung und Selbstverständnis der Soldatinnen und Soldaten. Um das zu dokumentieren, ist das Militärhistorische Museum der Bundeswehr eine wichtige Institution. Es bewahrt nicht nur die historische Erinnerung an die Wehrpflichtarmee oder die Auslandseinsätze, sondern setzt sich auch mit der Rolle des Militärs in der heutigen Gesellschaft auseinander. Es ist außerdem wichtig, dass es einen Ort gibt, wo sich Bürgerinnen und Bürger mit der Geschichte nicht nur der Bundeswehr, sondern des Militärs in Deutschland beschäftigen können. In seiner Konzeption ist das Museum dabei einzigartig. Die Ausstellung und die wissenschaftliche Arbeit genügen dabei höchsten Ansprüchen und sind auch museumsdidaktisch auf dem neuesten Stand.

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Im Rahmen meiner zweiten Wehrübung vor Ort, die leider nur eine Woche dauerte, habe ich wie bereits bei der erstenÜbung für eine im kommenden Jahr geplante Ausstellung recherchiert und zugearbeitet. Dabei konnte ich auf meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit als Historiker, unter anderem auch auf meine Dissertation, die sich mit einem militärhistorischen Thema beschäftigt hat, aufbauen.

IMG_6661Danke für eine Woche bei der Truppe. Danke für erlebte Kameradschaft und Korpsgeist. Danke für Soldaten und zivile Mitarbeiter, die ihren Auftrag erfüllen und dabei keine „Kommissköpfe“ sind, sondern in der Lage leben. Es war mir eine Ehre, wieder dazugehören zu dürfen.
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Die Bundeswehr als Ort der Integration

In der vergangenen Woche war ich beim Verein „Deutscher Soldat e.V.“ und habe mit Hauptmann Dominik Wullers über das Thema „Migrant. Schwarz. Deutsch. Soldat. – Wie Integration Deutschland besser macht“ diskutiert. Der Verein, der sich vor fünf Jahren gegründet hat, steht für ein Miteinanders in unserem Land, bei dem gemeinsame Werte wichtiger sind als sichtbare Unterschiede. Den Soldatinnen und Soldaten geht es um eine deutsche Gesellschaft, in der die Leistungsbereitschaft einen höheren Stellenwert hat als die Abstammung. Ein sehr lobenswerter Anspruch, wie ich finde.
In der Diskussion, die natürlich auch von der aktuellen Flüchtlingssituation geprägt war, haben wir sehr grundsätzlich darüber gesprochen, was „deutsch sein“ ausmacht und wie wir mit einem geschärften Bewusstsein über das was uns ausmacht selbstbewusst auf die Menschen zugehen, die zu uns kommen oder in der zweiten beziehungsweise dritten Generation bei uns leben. Für mich ist klar: Deutsch ist, wer sich Deutsch fühlt. Egal woher er kommt. Damit meine ich das Bekenntnis zu den Grundwerten, die unser Zusammenleben prägen, und in dieser Überzeugung manifestiert sich ein wesentlicher Aspekt, der uns als CDU ausmacht: Wir überwinden seit unserer Gründung vor 70 Jahren Gräben und führen unterschiedliche Menschen und Positionen zusammen.

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Wenn wir es schaffen, diese Idee des Zusammenführens selbstbewusst zu leben, werden wir als Gesellschaft aber auch als Partei für Bürger interessant, die eine Einwanderungsgeschichte haben und sich bei uns integrieren wollen. Ihnen müssen wir die Möglichkeit geben, sich einzubringen. Gemäß dem Motto: Wenn du unsere Überzeugung teilst, dann mach mit! Wir als CDU machen das seit 70 Jahren. Anfangs bei der Integration der Heimatvertriebenen und heute mit vielen neuen Mitbürgern, die aus verschiedensten Ländern zu uns kommen und mit uns für unser Land arbeiten wollen.
Und da sind wir an einem wichtigen Punkt. Gerade durch die aktuelle Flüchtlingssituation stellt sich immer wieder die Frage: Was bedeutet es eigentlich, dazu zu gehören? Geht Integration so nebenbei, oder braucht es einen geeigneten Rahmen, damit sie gelingen kann? Dominik Wullers hat in der Diskussion gesagt: „Rückblickend auf 13 Dienstjahre bei der Bundeswehr kann ich sagen, dass die Bundeswehr mein Verständnis von Demokratie geschärft hat.“ Dass die Bundeswehr diese Leistung vollbringt, ist ein hoher Wert und wir tun gut daran, diesen auch zu würdigen.
Der Blick in die jüngere Geschichte lehrt uns, dass Integration eben nicht mal so nebenbei funktioniert. Deshalb diskutieren wir jetzt auch ein Integrationsgesetz, in dem die Pflicht zur Integration festgeschrieben werden soll. Das ist die klare Handschrift der CDU.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach II

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Was sind die zehn wichtigsten deutschen Sätze?

Die Getränkeausgabestelle ist ein Ort, um ins Gespräch zu kommen. Wenn man durch die Halle geht, dann wird man nur angesprochen, wenn die Flüchtlinge ein konkretes Anliegen haben. Gut 120 sind übrigens in der kleinen Turnhalle untergebracht, doch noch einmal gut 30 sollen zusätzlich aufgenommen werden. Wenn sie vorne bei uns stehen, um sich einen Tee zu holen, dann versuchen manche so etwas wie eine Unterhaltung, in der Regel auf Englisch. Ein paar können bereits auf Deutsch zählen und beginnen vor unseren Augen die Bananen zu zählen. Als einer die Brötchen zählt und diese dabei in die Hand nimmt, müssen wir ihm erklären, dass das nicht geht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er das mit der Hygienevorschrift verstanden hat. Schließlich steht ein junger Mann mit einem weißen Zettel vor uns. Er fragt uns, ob wir ihm die zehn wichtigsten deutschen Sätze beibringen können. Da müssen wir selbst überlegen. „Bitte ein Bier!“ ist wichtig, aber ob er davon jemals Gebrauch machen wird, wissen wir nicht. Wir schreiben ihm dann noch die Wochentage und die Monate auf. Zählen kann er ja bereits. Das hat er uns demonstriert. Er freut sich und strahlt übers ganze Gesicht.

Am Abend verteile ich in Kaiserlei wieder „Erstausstattungen“ und lege sie den Flüchtlingen auf die Feldbetten. Als ich einer jungen Afghanin mit vielen Narben im Gesicht den Plastiksack hinlege sagt sie zu mir: „Danke. Das habe ich schon.“ Gedankenverloren antworte ich: „Ah. Okay. Dann nehme ich es mit.“ Erst zwei Feldbetten weiter macht es bei mir klick. Ich gehe zurück und frage sie: „Sie können deutsch?“ Und in der Tat, sie spricht nicht nur passabel, sondern recht gut deutsch, wenngleich ich ihre leise Stimme nur schwer verstehe. Sie habe schon in Afghanistan deutsch gelernt, sagt sie. Und sie wolle jetzt weiterlernen. Sie strahlt mich an. Von Deutschland hat sie wahrscheinlich noch nicht viel gesehen und kennt es nur aus dem Sprachkurs und vielleicht aus Büchern oder dem Internet. Ich frage sie noch, ob Deutschland so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie nickt heftig. „Ja“, antwortet sie. Es sei so gut hier. Ich schaue mich um. Gut? Naja. Aber ihr Lächeln will ich erwidern. Da ist so viel Hoffnung in den Augen. Ein „Na, dann herzlich willkommen!“ fällt mir noch ein. Mehr leider nicht. Später ärgere ich mich, dass ich keine Zeit hatte, länger mit ihr zu sprechen.

Wichtig sind die Sprachmittler, die überall mit Hilfe des Roten Kreuzes im Einsatz sind. Fast alle sind Deutsche mit Einwanderungsgeschichte. Manche sind selbst als Flüchtlinge erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen. Ich treffe in der Edith-Stein-Schule einen jungen Palästinenser aus Syrien und eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht aber perfekt deutsch. Seine Geschwister würden inzwischen zu Hause nur deutsch reden, was seine Mutter ärgere, erzählt er mir. Vor allem die deutschen Schimpfwörter, die seine Mutter nicht versteht, hätten es seinen kleinen Geschwistern angetan. Auch eine Form der Integration, erst mal die Schimpfwörter zu lernen, denke ich mir. Aber wenn sie alle so gut deutsch sprechen wie er: Respekt. Die junge Frau arbeitet bei einer Bank in Frankfurt und hat vier Wochen Urlaub. Die verbringt sie jetzt komplett in der Edith-Stein-Schule.

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In Kaiserlei treffe ich ebenfalls eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie schlichtet gerade einen Streit mit einer syrischen Familie und regt sich auf. Wir stehen dabei und verstehen naturgemäß kein Wort. „Alte syrische Frauen sind die schlimmsten“, zetert sie. „Die wollen alle wie die Königinnen behandelt werden.“ Offensichtlich will die Familie nur ungern neue Feldbetten in ihren „Bereich“ gestellt bekommen. Von Privatsphäre kann man hier sowieso nicht sprechen, aber wenigstens die Absperrgitter signalisieren eine Art Grenze. In einem anderen Bereich hatte sich eine Gruppe junger Männer eingerichtet. Wir müssen, um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und die Rettungswege freizuhalten, die Betten teilweise verstellen. Um keinen Streit zu provozieren soll erst eine Sprachmittlerin kommen, die den jungen Männern die Situation erklärt.

Doch diesmal warten wir vergebens. Entweder hat sie keiner geholt, oder sie hat keine Zeit. Irgendwann schieben wir bestimmt, aber freundlich die Betten an den richtigen Platz. Meist sind die „Inhaber“ gerade nicht da. Die anderen schauen zu. Sie beobachten uns neugierig. Streit oder Widerstand gibt es keinen. Die Verständigung scheint auch ohne Sprache zu funktionieren. Und nicht nur da. Ab und an hat man eine Minute um sich die Menschen anzuschauen. Wenige Alte, viele junge Männer, so wie man es aus dem Fernsehen kennt, aber auch unheimlich viele Familien und immer wieder Kinder. Das ist auch nicht verwunderlich. Ist uns bewusst, dass diese Länder eben auch eine andere Bevölkerungspyramide haben als wir und es deutlich mehr junge Menschen als alte gibt.

Zum Personal gehören auch Sicherheitskräfte. Fast keiner von ihnen ist ein gebürtiger Deutscher. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, sie sprechen nicht alle gut deutsch. Mag sein, dass für sie der Dienst dort lediglich ein weiterer Job ist und sie sich für die Flüchtlinge nicht interessieren, aber natürlich senden sie ein Signal aus: Wenn Du fleißig bist und arbeiten willst, dann kannst du das in Deutschland schaffen. Auch das ist eine Botschaft an die Flüchtlinge, die nonverbal funktioniert. Einer von den Einsatzkräften hat mich darauf aufmerksam gemacht; die Flüchtlinge alles um sich herum ganz ge-nau und kommen auch mit den Sicherheitskräften ins Gespräch. Sie merken, dass diese keine gebürtigen Deutschen sind.

Wenn sich die Blicke treffen, dann wird auch ein Lächeln verstanden. Es wurde mir gegenüber immer erwidert. Einmal stand ich an einem Absperrgitter. Mein Blick fiel auf einen Mann. Er stand dort einfach nur. Als er meinen Blick bemerkte, schaute er mich an. Ich lächelte ihm zu. Er legte die Hand aufs Herz, nickte mit dem Kopf und schenkte mir ein scheues Lächeln, während seine Augen voller Dankbarkeit waren. Allein für diese Geste hat sich der Einsatz die zwei Tage gelohnt.

Kaiserlei: schlimme Erwartungen, viele Erfahrungen.

Bevor wir nach Kaiserlei verlegen, bin ich „vorgewarnt“. Ein Feuerwehrmann hat zu mir mit Blick auf die Edith-Stein-Schule gesagt: „Hier ist das ja noch halbwegs in Ordnung. Aber da unten wirst du das Böse sehen, die hinterhältigen Blicke, eine feindliche Stimmung.“ Kameraden hatten berichtet, dass die Luft im Gebäude und der Gestank – freundlich formuliert – unangenehm seien. In der Tat: Als ich am zweiten Tag morgens durch die Hallen gehe, ist die Luft zum Schneiden. Es riecht nach Schweiß und Körperausdünstungen. Es sind mitten in der Nacht über 350 Flüchtlinge angekommen, davon überproportional viele Frauen und Kinder. Sie schlafen teilweise noch. Duschen oder sich waschen konnten auch nur die wenigsten. Angesichts der Tatsache, dass mehrere hundert Menschen hier schlafen, hatte ich mir das aber noch schlimmer vorgestellt.

Eine Eskalation, Streitereien oder gar Gewalt habe ich an den zwei Tagen nicht beobachten. Dies lag sicher auch daran, dass die Einsatzkräfte und auch das Sicherheitspersonal in hohem Maße engagiert waren, um mögliche Konfliktsituation zu entschärfen. „Gib den Flüchtlingen was sie brauchen, dann hast Du Ruhe“, hat ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz zu mir gesagt. Am meisten geärgert hat uns wohl, dass die mühsam nach deutscher Norm und im Abstand von 30 Zentimetern aufgestellten Feldbetten und Liegen nach kurzer Zeit nicht mehr so akkurat standen, wie von uns ausgerichtet.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages waren Kameraden und ich zur Unterstützung des Aufbaus nach Kaiserlei verlegt worden. Ziel war es, bis zum Ende der Tagschicht zusätzliche Aufnahmekapazitäten zu schaffen, denn für den Abend bzw. die Nacht war die Ankunft von circa 400 Flüchtlingen angekündigt.

In einem ersten Schritt musste dazu eine Gruppe aus der großen Halle in den ersten Stock verlegt werden. Die Flüchtlinge dürfen ihre Betten nicht selbst tragen – und ihre Habe eigentlich auch nicht. Um die Betten nicht nochmals reinigen zu müssen, sollte eigentlich immer ein Soldat und ein Sprachmittler mit dem „Besitzer“ des Bettes und dem Bett nach oben gehen. Zwar war die Sprachmittlerin da, aber das Vorhaben scheiterte. Zu viel deutsche Gründlichkeit. Wir haben dann die Betten einfach nach oben getragen und die Mitglieder der Gruppe, offensichtlich eine oder mehrere Familien, haben die Betten untereinander verteilt. Danach waren noch einige Habseligkeiten unten. Diese Menschen haben nichts, verständlich, dass sie ihre wenigen Besitztümer horten. In Pappkartons oder Umzugskisten liegen dann angebrochene Nahrungsmittel neben schmutziger Wäsche und gebrauchten Taschentüchern. Wir würden eine solche Kiste komplett in den Müll werfen. Ich habe zwei Kisten einer alten Frau nach oben getragen. Mein Einwand, diese müssten sortiert und der Inhalt teilweise weggeschmissen werden, wurde zurückgewiesen. Die Frau wollte ihre Kisten, und mir half schließlich ein Mann aus der Gruppe beim Tragen. Bei der Arbeit haben wir alle Mundschutz getragen, und direkt danach habe ich mir die Hände und die Handschuhe desinfiziert. Das Desinfektionsmittel haben wir alle ständig benutzt – im Prinzip nach jedem Arbeitsvorgang be-nutzt.

Wie ist die Unterbringung organisiert? Kaiserlei ist eine große Gewerbeimmobilie mit weiten Hallen im Erdgeschoss. Rettungswege und Gänge bleiben frei. Ansonsten hat man die verschiedenen großen Räume behelfsmäßig mit Absperrgittern in Quadrate oder Rechtecke eingeteilt. An einigen Stellen stehen statt der hüfthohen Absperrgitter auch Bauzaunelemente, die mit einer schwarzen Plane als Sichtschutz bespannt sind. Die gibt es aber nicht überall. In den einzelnen Planquadraten stehen zwischen 30 und 60 Feld-betten oder Liegen. Privatsphäre gibt es nicht.

Als wir die neuen Bettenkapazitäten aufbauen sollen, stellen wir fest: Es gibt auch keine Feldbetten mehr. Wer die Feldbetten der Bundeswehr kennt, der weiß, dass sie schlicht und einfach sind, man aber durchaus gut darauf schlafen kann. Nun haben wir Liegestühle geliefert bekommen, die zwar ein höhenverstellbares Kopf- und Fußteil haben, aber so instabil sind, dass wir schon beim Aufbauen fluchen. Wie soll ein Mensch darauf schlafen? In der Tat werden wir nach der ersten Nacht gleich eine große Zahl wieder aussortieren, weil sie defekt sind. Es hilft aber nichts. Wir bauen also die hellblauen Liegestühle auf und rücken die Absperrgitter zurecht. Wir kommen gut voran. Bis zum Abend werden die gut 400 Liegestühle aufgebaut sein.

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Ab und an ist unter den hellblauen Liegestühlen auch welche in gelber oder in roter Farbe. Ich habe in meiner Kiste gerade wieder so einen „Glücksgriff“ und ziehe eine rote Liege aus dem Karton. Ich versuche gerade verzweifelt sie aufzubauen, als ein kleines braunhaariges Mädchen mir an der Uniformhose zieht. Sie schaut mich aus großen Augen an, zeigt auf die rote Liege und dann auf den nächstgelegenen Bereich, in dem sie mit ihrer Familie wohl untergebracht ist. Ganz offensichtlich möchte sie gerne eine solche rote Liege haben. Ich bin hin- und hergerissen. Es hieß ganz klar: Keine Extrawünsche erfüllen, gleiche Regeln für alle. Wenn wir mehr Material ausgeben als nötig, dann kommen alle und wollen mehr oder haben ebenfalls Wünsche, die sie vorbringen. Ich schüttele also den Kopf und erkläre ihr auf Deutsch, dass sie die Liege nicht haben kann. Dabei komme ich mir blöd vor, weil ich mich vor dem Kind rechtfertige. Aber wahrscheinlich habe ich einfach das Gefühl, dass an dieser Stelle die Regel albern ist. Soll sie doch eine rote Liege bekommen. Am Ende bin ich dann wahrscheinlich aber doch zu deutsch und zu sehr Soldat: Die rote Liege bleibt an ihrem Platz. Wenig später, als wir den Bereich, in dem das Mädchen „wohnt“, mit zusätzlichen Liegen auffüllen, kommt das Kind zu seinem Recht. Ich ziehe wieder eine rote Liege aus dem Karton. Diese ist genauso instabil und untauglich wie die anderen, aber sie strahlt übers ganze Gesicht, als ich sie ihr hinstelle.

Nachdem wir fertig sind, beschaue ich mir die Kleiderkammer in Kaiserlei, in der auch Kameraden aus unserer Kompanie Dienst tun. Dort treffe ich einen Mann vom DRK aus Offenbach. Er war schon in Frankfurt im Einsatz und erzählt uns von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Man merkt, dass er seine Aufgabe mit unheimlich viel Leidenschaft ausübt. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er berichtet. Eine Geschichte folgt auf die nächste. So erzählt er von dem Streit mit dem Caterer. Vier Tage in Folge hätte es Käsenudeln gegeben. Angeblich wäre die Küche nicht in der Lage gewesen, für eine so große Zahl an Menschen verschiedene Speisefolgen bereitzustellen, so die Ausrede. Wahrscheinlich hat der Caterer mit den Käsenudeln aber nicht nur am wenigsten Arbeit, sondern auch noch am meisten verdient. Entsprechend war die Stimmung in der Einrichtung unter den Flüchtlingen am vierten Tag. Er habe sich, so der Mann vom Roten Kreuz, so deutlich beschwert, dass am Ende das Rathaus in Offenbach bei ihm angerufen habe. Es läge eine Beschwerde über ihn vor. Nach Schilderung des Sachverhalts hätte es dann besseres und vor allem abwechslungsreiches Essen gegeben.

Mich hatten bereits bei meinem ersten Rundgang durch Kaiserlei die vielen, von Kindern gemalten Bilder beeindruckt. Der DRK-Mann erzählt uns, dass sie eigentlich vorhatten, das Jugendrotkreuz mit den Kindern in den Einrichtungen malen zu lassen. Sie haben dann davon Abstand genommen, nachdem anhand der Bilder deutlich geworden ist, wie schwer traumatisiert offenbar viele Kinder sind. Waffen, untergehende Schiffe, abgetrennte Körperteile sind auf vielen Bildern zu sehen – und eben nicht nur fröhlich flatternde Deutschlandfahnen. Man bekomme eine Ahnung davon, so meinte er, was diese Kinder erlebt haben. Dies sei wiederum auch für die deutschen Kinder nicht ohne Risiko, und darum müsse man dringend überlegen, wie man den Flüchtlingskindern helfen könne.

Wie alle anderen auch ist er mit seiner Mannschaft bis zur Belastungsgrenze beansprucht. Wie jeder, der regelmäßig hilft, erzählt er Geschichten von 36-Stunden-Schichten und komplett verschlafenen freien Tagen. Trotzdem strahlt er einen Willen und eine Klarheit aus, so dass ich ihm noch lange hätte zuhören können. Dann kommen aber die nächsten Flüchtlinge in die Kleiderkammer.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach III

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

So viel Hilfsbereitschaft.

Besonders beeindruckt hat mich nicht nur die Professionalität, die Improvisationsfähigkeit und die Einsatzbereitschaft, sondern auch die Hilfsbereitschaft, die man überall erleben konnte.

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung in Offenbach ist so groß, dass die Hilfsorganisationen die Spenden nicht mehr annehmen können, weil keine Lagermöglichkeiten vorhanden sind. Die Stadt Offenbach, die für diesen Zweck eine Kraft abgestellt hat, registriert daher die Spender namentlich inklusive der bereitgestellten Spenden und telefoniert dann im Bedarfsfall. Als ich vor der Turnhalle der Edith-Stein-Schule warte, kommt ein Ehepaar und will mehrere Kisten Kleidung abgeben. Ich verweise sie auf den angeschlagenen Aushang der Stadt Offenbach. Sie wollen sich an die Stadt wenden. Kein böses Wort, keine Enttäuschung. Und die getroffene Regelung macht Sinn. Sicherlich waren in den Säcken auch Dinge, die für die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule gut geeignet gewesen wären, aber angesichts des großen Bedarfs müssen alle Ressourcen sinnvoll eingesetzt.

Am zweiten Tag reduziert sich die Kleiderauswahl in der Kleiderkammer in Kaiserlei. Die neu angekommenen Flüchtlinge brauchen Schuhe und hier und da auch Handtücher oder einen Pullover. Wir holen in Dietzenbach und in Offenbach im Kleiderladen des DRK bereitgestellte Kleidung ab. In Dietzenbach schließt uns eine ältere Frau den Laden auf, in Offenbach steht ein Paar, beide schwerstens tätowiert, im Laden und erwartet uns. Sonst haben sie wahrscheinlich mit der Bundeswehr nicht viel am Hut. Aber wir verstehen uns ohne Probleme. Alles geht reibungslos vonstatten, und wir sind nach zwei Stunden zurück in Kaiserlei.

Ein echtes Problem scheint mir die Gesundheitskontrolle. Am zweiten Tag nehmen wir noch einmal über 20 Flüchtlinge, die mit dem Bus gebracht werden in der Turnhalle der Edith-Stein-Schule auf. Es stellt sich schnell heraus, dass einige krank sind. Es ist nicht möglich, zu klären, was genau sie haben. Aufgrund dessen müsste eigentlich der ganze Bus in Quarantäne. Ich kann nicht verfolgen, was mit ihnen geschieht, denn ich muss zurück nach Kaiserlei. Dort deponieren wir die geholte Kleidung im Zentrallager.

Zwischendurch gehe ich vor die Tür. Frische Luft schnappen. Direkt vor der Tür stehen auch die Raucher. Neben dem Aschenbecher liegen die weggeschmissenen Armbänder, mit deren Hilfe die Flüchtlinge gezählt werden. Registrierung kann man das – wie gesagt – nicht nennen. Die Flüchtlinge schmeißen sie weg, wenn sie weiterziehen. Ich denke an die Sprachmittlerin, die mir erklärt hat, dass viele Flüchtlinge fragen, wo sie registriert werden würden. Andere wollen aber weiter – nach Nordeuropa oder in andere Einrichtungen, vielleicht auch zu Familienmitgliedern. Unterbringung, Versorgung und Registrierung miteinander zu koppeln, scheint mir die Hauptaufgabe zu sein.

Wir schaffen das.

Ich habe Helferinnen und Helfer, Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze erlebt. Und natürlich hat auch mal einer gemeckert. Aber am Ende haben alle mehr als ihre Pflicht getan. Alle wissen, dass das eine außergewöhnliche Herausforderung ist. Und manch einer will auch dabei sein, wenn etwas wirklich Historisches passiert, so mein Eindruck, und seinen Teil zum Gelingen beitragen. Viele wachsen über sich hinaus. Viele fragen, wie lange das noch gut geht. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass trotz des Drucks und der Belastung manche diese Situation fast als befreiend empfunden haben. Ein Soldat sagte zu mir: „In einer Bundeswehr, die so überreguliert ist, dass schon das bloße Dasit-zen ein Dienstvergehen darstellen kann, habe ich endlich einmal wieder das Gefühl, et-was Sinnvolles zu tun. Das hatte ich lange nicht mehr.“

Gelobt wird allgemein der neue Ansatz, die Koordinierung der Flüchtlingspolitik aus dem Kanzleramt sicherzustellen. Parallel wird eine entsprechende fehlende Struktur auf Länderebene bemängelt. Dort würden zu oft Institutionen nur in eigenen Aufgabenbereichen denken. In den Flüchtlingsunterkünften habe ich das so nicht erlebt, aber es ist sicher demotivierend, wenn man auf der nächsthöheren Ebene solche Erfahrungen macht. „Wir spielen Normalität, obwohl es nicht die Normalität gibt“, sagt einer. Offen-sichtlich funktioniert auch der Austausch über die Landesgrenzen hinweg auf der Arbeitsebene. Man kennt sich in den Hilfsorganisationen und in der Bundeswehr und tauscht sich privat untereinander aus. In Hessen funktioniere es noch verhältnismäßig gut, obwohl auch hier ein entsprechender zentraler Lenkungsstab dringend geboten wäre, so sagen manche. „Wir brauchen auch in Hessen einen Altmaier“, heißt es. Mit Blick auf die Länder sprechen manche von „systemischem Versagen“. Die Bundeswehr übernehme teilweise Aufgaben, für die das Land zuständig sei, weil die Innenminister überfordert sind. Die Truppe zählt und meldet die Zahl der Flüchtlinge an die Behörden. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, aber so wird gesprochen.

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Angeregt wird auch eine strukturierte Befragung in den Einrichtungen, um eine Lagebild zur Stimmung und Motivation unter den Flüchtlingen zu gewinnen. Die Instrumente dafür seien vorhanden – durch Sprachmittler, ehrenamtliche Helfer und Soldaten mit einer Einwanderungsgeschichte. Das Beispiel des Stabsunteroffiziers Abudi Akil ging durch die Presse. Der Einsatz solcher Kräfte ist nicht nur vor Ort sinnvoll. Bislang allerdings werden die dadurch gewonnenen Informationen in keiner Weise genutzt, um sie zusammenzubinden und damit zu arbeiten.

In den Pausen sitzen wir beisammen und reden. Auch mit den Kräften des Arbeiter-Samariter-Bundes, die ebenfalls in Kaiserlei eingesetzt sind. Einer sagt irgendwann, dass man hier doch merke, wie degeneriert und selbstbezogen unser Land sei. Das ist zumindest mit Blick auf die Einsatzkräfte vor Ort ein ungerechtes Urteil. Denn die helfen ja und packen mit an. Aber ich verstehe, was er meint. Was wir gerade erleben ist nicht nur eine Herausforderung für unser Land von außen. Es ist auch eine Herausforderung an uns selbst. Sind wir bereit, die Veränderungen in der Welt anzunehmen? Schaffen wir es, Probleme anzugehen und nicht nur zu beschreiben? Entwickeln wir den notwendigen Gemeinsinn und sind bereit zurückzustehen für andere und für unser Land? Nur wenn wir diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann ist der Satz von Angela Merkel richtig: „Wir schaffen das.“ Genügend Ressourcen haben wir. Die Frage ist, ob wir wollen.

Ein anderer seufzt: „Wann verstehen wir endlich, dass wir die Probleme der Welt nicht mit der hessischen Gemeindeordnung lösen können.“

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Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach I

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Einschleusung und Dienstbeginn.

Ich schlage am Freitag früh beim Gefechtsstand der RSU-Kompanie Südhessen auf, der in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Rumpenheim untergebracht ist. Die über 40 Kameraden sind bereits im Einsatz. Die Kompanie stellt zwei Züge und wechselt sich in zwei Schichten mit der „Nord“ ab, wie wir die RSU-Kompanie Nordhessen kurz nennen. Derzeit sind in zwei Schulturnhallen und in einer großen Gewerbeimmobilie Flüchtlinge untergebracht. Der Auftrag für den Tag lautet: Räumung der Schulturnhalle der Anne-Frank-Schule, die ab Montag wieder dem Schulbetrieb zur Verfügung stehen soll, Verlegung der Flüchtlinge nach Kaiserlei und dort Aufbau weiterer Kapazitäten.

Die Kameraden berichten, in der Schulturnhalle sei „ein ganzes afghanisches Dorf“ mit 80 Personen untergebracht. Diese sollten zusammen bleiben. Es seien Familien und viele Kinder. Die Männer, die in der Nacht bereits Dienst getan haben, bekommen zwei Stunden Ruhe, um dann um 12.30 Uhr in die Schule aufzubrechen, um die Räumung durchzuführen. Bis dahin würden Busse die Flüchtlinge nach Kaiserlei bringen. Ein Trupp, dem ich zugeteilt bin, verlegt direkt in die Schulen, die sich in unmittelbarer Nä-he zueinander befinden. Dort sind auch Kräfte des THW, der Feuerwehr und des DRK vor Ort. Hinzu kommen Reinigungspersonal und ehrenamtliche Sprachmittler, die vom DRK koordiniert werden.

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Wir erhalten eine Einweisung. Aus Sicherheitsgründen wird befohlen, die Namensschilder abzunehmen. Außerdem erhält jeder zusätzliche Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig Hände und Handschuhe zu desinfizieren. Ich habe keine entsprechende Impfung bzw. auch keinen ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweis) für den Küchendienst und kann daher nicht bei der Essensausgabe eingesetzt werden. Der Spieß bereitet uns auf ein unklares Lagebild vor Ort vor. Man wisse nicht, woher die Flüchtlinge kommen und wann sie eintreffen. Bis zum Abend müsse aber in Kaiserlei die geforderte Aufnahmekapazität bereitstehen.

Aufsitzen. Wir verlegen an die Schulen. Die Turnhalle der Anne-Frank-Schule wird bereits geräumt. Einige verbliebene Flüchtlinge stehen mit ihren wenigen Habseligkeiten, die sie mal in einem Koffer, mal nur in einem blauen Müllsack bei sich tragen, an der Bushaltestelle und warten. Auch Schülerinnen und Schüler warten auf den Schulbus. Fast alle haben eine Einwanderungsgeschichte, manche Mädchen tragen Kopftuch. Was wissen die einheimischen Schülerinnen und Schüler über die Namensgeberin der Schule, die ja selbst ein Flüchtling war? Nur an der Kleidung und weil sie getrennt voneinander stehen und die Schülerinnen und Schüler die Flüchtlinge neugierig beäugen kann man einen Unterschied erkennen.

In der Turnhalle hängen noch von den Kindern gezeichnete Bilder an der Wand. Viele Kinder haben Deutschlandfahnen gemalt. Ich glaube kaum, dass deutsche Kinder so oft unsere Farben malen. Was denken sich diese Kinder dabei? Was verbinden sie mit Deutschland? Was haben ihre Eltern ihnen erzählt?

Wir beseitigen die Unordnung, die sich allerdings in Grenzen hält. Es sind Reste der dort ausgegebenen Hygiene-Mittel, Kleidung und Getränke so wie Lebensmittel im Kühl-wagen. Alles wird in die Schulturnhalle der Edith-Stein-Schule schräg gegenüber gebracht. Das ist der erste Auftrag. Dann kommen die Kameraden hinzu, die nur zwei Stunden Ruhe hatten. Sie tragen die Feldbetten hinaus, desinfizieren sie, reißen die Plastikplanen mit denen der Hallenboden abgeklebt war, hinaus, damit die Putzkolonne ans Werk kann. Jemand von der Berufsfeuerwehr Offenbach hat die Leitung übernommen. Die Kameraden sollen danach eigentlich noch nach Kaiserlei, um dort beim Aufbau zu unterstützen. Doch die Leitung entscheidet anders und schickt sie zurück in die Unterkunft, damit sie ausschlafen. Ein Teil unseres Zuges übernimmt. Ich werde später gemeinsam mit drei Kameraden zur Unterstützung nach Kaiserlei abrücken. Während die Männer die Halle wieder so herrichten, dass sie ihrem ursprünglichen Zweck dienen kann, bringe ich gemeinsam mit einigen Kameraden das Material und die Lebensmittel in die benachbarte Halle.

„Milch und Zucker. Dann haben wir Frieden.“

In der Turnhalle der Edith-Stein-Schule ist gerade die Ausgabe des Frühstücks beendet. Von 8 bis 10 Uhr können die Flüchtlinge frühstücken. Ich begrüße die Kameraden. Bis jetzt klappt alles ganz gut. Ich laufe „normal“ mit und es gibt keinen „Politikerstatus“. So habe ich das gewollt, und das geht in der Bundeswehr besser als anderenorts. Die Uni-form und der Dienstgrad sortieren mich ein. Außerdem merkt man schnell, dass jede Hand vor Ort gebraucht wird. Es ist keine Zeit vorhanden, um Bilder zu stellen, wie das so oft geschieht, wenn man als Politiker vor Ort die Lage „inspiziert“. Ein Offizier schimpft deswegen auch. Er habe gehört, was man alles unternommen habe, bevor Gabriel die HEAE Gießen besuchte. Ein realistisches Bild habe Gabriel auf jeden Fall nicht vermittelt bekommen. Es stellt sich die Frage, ob man das dem SPD-Vorsitzenden vor-werfen kann. Auf jeden Fall hat mir der Offizierskamerad recht deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir erwartet: Einreihen, anpacken. Darum bin ich hier.

Vor Ort merkt man: Die Abläufe sind eingespielt. Die Ablösungen weisen sich gegenseitig ein. Es gibt auch keine „Reibereien“ zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und der Bundeswehr. Im Einsatz funktioniert die Zusammenarbeit. Ich stelle fest, dass unter den Kameraden auch zwei CDU-Mitglieder aus Hessen sind. Beide dienen in der RSU-Kompanie und machen nun hier Dienst anstelle der geplanten militärischen Übung. Einen weiteren Kameraden kenne ich von der Universität. Er hat bei mir studiert. Wir freuen uns über das unerwartete Wiedersehen. Auch mit den anderen Kameraden ist es unkompliziert. Manche waren schon im Auslandseinsatz, andere sind schon lange als Reservisten engagiert und der Bundeswehr verbunden. Sie helfen also nicht nur angesichts der Not der Flüchtlinge. Sie helfen, weil die Bundeswehr sie braucht.

Die Flüchtlinge haben alle ein buntes Armband mit einer Nummer bekommen. Anhand des Armbandes wird festgestellt, wer verpflegt wurde. Das ist offensichtlich die einzige Liste, die wir führen. Eine Registrierung der Flüchtlinge erfolgt hier nicht. Ich habe zwar in den zwei Tagen in Kaiserlei auch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums gesehen, aber ob und wann die Flüchtlinge ordnungsgemäß erfasst wurden kann, ich nicht sagen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Registrierung stattfindet. Aber offensichtlich ist geplant, Kaiserlei zu einer Außenstelle der HEAE Gießen zu machen und dort dann auch Mitarbeiter des BAMF zur Registrierung der Flüchtlinge einzusetzen. So hört man es zumindest. Die Einsatzkräfte haben aber auch so schon alle Hände voll zu tun, um nur den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten wollen: Es geht um die Unterbringung, die Versorgung mit dem Notwendigsten.

Auch wir konzentrieren uns auch auf unseren Auftrag. So erhalten die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule aus einer improvisierten Kleiderkammer bei Bedarf ein neues Paar Socken, ein Handtuch oder andere Kleidungsstücke. Wir betreuen diese Kammer, die in einem Nebenraum der Turnhalle untergebracht ist. Öffnet man dort die Tür, dann kann man sicher sein, dass sich sofort in eine Traube von Menschen bildet. Jeder fragt nach etwas anderem. Bei den Socken sind vor allem weiße Socken gefragt. Das scheint eine Geschmacksfrage zu sein. Die Flüchtlinge besitzen wirklich nur die Dinge, die sie am Leibe tragen. Manche haben einen Rucksack. Feste Schuhe haben nur die wenigsten. Viele sind mit Flipflops unterwegs. Wie sie den Weg zurückgelegt haben ist schwer vorstellbar. Bei Ankunft erhalten sie neben einem medizinischen Check, den das Rote Kreuz durchführt, auch eine „Erstausstattung“. Das ist ein Plastiksack, in dem einige wenige Dinge enthalten sind: u.a. eine Rolle Klopapier, ein Handtuch, eine dünne Decke, Hygieneartikel. Es ist nicht viel.

Tagsüber sitzen die Familien und die Gruppen beieinander. Die Kinder fragen immer wieder nach Bällen. Manche haben Stofftiere. Draußen vor der Halle spielen einige Fuß-ball. Ständig belagert sind die Steckdosen, an denen alle ihre Smartphone aufladen. Und ständig wird telefoniert. Eine Sprachmittlerin hat mir erzählt, dass die Flüchtlinge nicht nur Kontakt mit Verwandten halten, sondern es auch darum geht, herauszufinden, wo welche Unterkünfte vorhanden sind, in welchem Zustand diese sind, wie das Essen ist und – ganz wichtig – wo man registriert werden kann. Denn offensichtlich wollen viele sich ordnungsgemäß registrieren lassen. Sie haben verstanden, dass das die Grundlage für ihren Aufenthalt und geordnete Verhältnisse in Deutschland ist. Andere, die weiter wollen, verzichten genau aus diesem Grund auf eine Registrierung, bzw. versuchen, dieser aus dem Weg zu gehen.

Zwischen den festen Essenszeiten gibt es Kaffee und Tee sowie Wasser und Milch für die Flüchtlinge. Wir füllen regelmäßig auf. Würfelzucker ist besonders gefragt. Wir können gar nicht so viel Zucker nachlegen wie genommen wird. „Solange genug Milch und Zucker da sind, haben wir hier Frieden“, lacht ein Kamerad. Und in der Tat. Die Kinder kommen und werfen sich drei Stück Zucker in ihre Milch. Manche Männer nehmen auch einfach einige Zuckerwürfel und schieben sich diese grinsend in den Mund. Und wieder legen wir eine Packung nach, denn die vorherige ist nach nicht mal einer Viertelstunde leer.

 

Danke für Euren Dienst! – Meine Gedanken zu 60 Jahre Bundeswehr

Ich erinnere mich noch an den Tag als ich erstmals durch das Kasernentor in Schwarzenborn trat. Dort habe ich meine Grundausbildung im PzGrenBtl 152 absolviert. Vor dem Kasernentor hielt ich an. Den Einberufungsbescheid hatte ich dabei. Was nun? Zum Glück war da ein anderer junger Mann, mit dem ich später die Stube teilen und den ich künftig mit „Kamerad“ ansprechen würde, und so trauten wir uns gemeinsam zur Wache.

Damit begangen die vielleicht 12 intensivsten Wochen meines Lebens. Es war fordernd – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Nie wieder habe ich mich so sehr danach gesehnt, zu schlafen, weil ich chronisch übermüdet war. Ich habe 12 Kilo in der Grundausbildung bei den Panzergrenadieren abgenommen. Am Sonntag hatte ich Bauchschmerzen wenn ich wieder zum Dienst musste und war am Freitag zu Hause so müde, dass meine damalige Freundin permanent genervt war. Von wegen erholsames Wochenende. Mein Geburtstag im Biwak war so ziemlich der schlimmste, an den ich mich erinnere. Es regnete, ich war wieder übermüdet aufgrund der nächtlichen Streife und Wache im Alarmposten. Da half auch der Apfel nicht, den der Spieß mir als „Geschenk“ zugedacht hatte.

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Trotzdem oder vielleicht deswegen habe ich wie die anderen Kameraden meines Zuges mit Stolz die grünen Litzen meiner Waffenfarben und das grüne Barett am Ende der Grundausbildung nach der erfolgten Rekrutenbesichtigung in Empfang genommen und getragen. Als ich die restliche Dienstzeit in einer Kompanie der Fernmeldetruppe diente, schrieb ich lieber eine Verlustmeldung für das grüne Barett, das ich heute noch zu Hause habe, als es gegen ein rotes zu tauschen, wie es mir und anderen Kameraden, die nach Mainz versetzt worden waren, befohlen worden war. Keiner gab das so mühsam erdiente grüne Barett freiwillig preis. Der als Spott gemeinte Satz „Er ist kein Mensch, er ist kein Tier. Er ist ein Panzergrenadier.“ ärgerte uns nicht, wir sagten ihn selbst mit einem breiten Grinsen, das eine Menge Stolz beinhaltete.

Nicht jeden Tag bei der Bundeswehr empfand man als Wehrpflichtiger als sinnstiftend. Natürlich gab es auch Langeweile und Monotonie. Und das Zerlegen und Zusammensetzen eines Maschinengewehr oder das Überwinden der Hindernisbahn gehören zum Glück nicht zu den Dingen, die mir in meinem zivilen Alltag nach Ende der Dienstzeit geholfen haben. Aber ich habe viel erlebt und viel über mich selbst und andere gelernt in diesen Monaten als Soldat. Darum denke ich wie viele andere auch mit Dankbarkeit an meine Dienstzeit zurück.

Was hat mir die Bundeswehr gegeben? Erstens habe ich Herausforderungen gemeistert, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Ich habe gelernt, dass ich mehr kann als ich denke, wenn ich mich überwinde und einen Schritt weitergehe. Zweitens habe ich die Erfahrung gemacht, unangenehme Dinge auch einmal auszuhalten. Der Weg des geringsten Widerstandes führt eben nicht immer zum Ziel. Drittens habe ich gelernt, Rücksicht zu nehmen auf andere – das geht gar nicht anders, wenn man sich mit sechs Mann eine kleine Stube teilen muss und Privatsphäre auf einmal ein Fremdwort ist. Viertens habe ich mir das Jammern abgewöhnt. Es nützt meistens nichts, zu jammern, und die Kraft, die das kostet, kann man besser aufwenden um den Grund für das Jammern zu überwinden. Zugegeben: Der letzte Punkt ist manchmal eher ein Vorsatz. Es klappt bei mir nicht immer.

Noch etwas habe ich erlebt. Es gibt sie wirklich: die Kameradschaft, bei der ein Kamerad einem die Hand reicht, ohne zu fragen, was er davon hat oder dafür bekommt, wenn er dir hilft. Vielleicht auch nur, weil er sich ebenfalls darauf verlässt, dass Du ihm beistehst, wenn er dich braucht. Dieser in der Bundeswehr gelebte Geist tut gut, und es würde nicht schaden, wenn er weiter verbreitet wäre – auch außerhalb der Truppe. Die Bundeswehr ist in dieser Hinsicht eben doch eine „Schule der Nation“.

Die Bundeswehr blickt inzwischen auf eine eigene bewegte Geschichte zurück und reiht sich ein in die guten militärischen Traditionen von den Freiheitskriegen bis zu den Männern des 20. Juli 1944. Sie hat eine eigene Tradition ausgebildet, auf die sie stolz sein kann.

Millionen Deutsche, Männer und Frauen, haben seit der Gründung der Bundeswehr 1955 in unserer Armee gedient. Davon haben über 3100 ihr Leben im Dienst für das Vaterland gelassen. 106 sind im Kampf gefallen oder im Einsatz ums Leben gekommen. Die Bundeswehr hat Ihnen mit dem Ehrenmal am Bendlerblock ein Denkmal gesetzt. Wir sollten ihnen dankbar sein und sie nicht vergessen.

Ich salutiere vor den toten Kameraden und den Männern und Frauen, die heute die deutsche Uniform tragen und sage: „Danke für Euren Dienst.“

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1955 – 2014 – 59 Jahre treues Dienen für unser Land.

Es gibt Tage an denen man einfach einmal Danke sagen sollte. Heute ist so ein Tag. Unsere Bundeswehr hat heute ihren 59. Geburtstag. Die ersten 101 Soldaten erhielten ihre Ernennungsurkunden von Bundesverteidigungsminister Theodor Blank am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Scharnhorst, in der Bonner Ermekeilkaserne im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Der Tag gilt seither als „Geburtstag“ der Bundeswehr. 10 Jahre nach Kriegsende und der realen Bedrohung durch die Sowjetunion sah man einer ungewissen Zukunft entgegen. Nicht nur die heftig geführte Wiederbewaffnungsdebatte und die Angst der Menschen vor einer atomaren Auseinandersetzung der beiden Machtblöcke zeigte, dass man von einer gesamtgesellschaftlichen Begeisterung weit entfernt war. Ich will jetzt an dieser Stelle nicht die Geschichte der Bundeswehr Revue passieren lassen (Interessierten empfehlen ich einen Besuch im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden), aber die Geschichte der Bundeswehr ist unter dem Strich eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte.

In Katastrophenfällen ist sie mit ihren Fähigkeiten und ihrer technischen Ausstattung oftmals im Einsatz. National und international ist die Bundeswehr eine schnelle und erfolgreiche Rettungs- und Hilfskraft mit einzigartigen Fähigkeiten. Von ersten internationalen Hilfseinsatz Marokko 1960 und der Elbesturmflut 1962 bis zur Fluthilfen der letzten Jahre und der Ebolahilfe in Westafrika; von der Sicherung des Friedens im Kalten Krieg bis zu den Einsätzen im ehemaligen Jugoslawien und den derzeit laufenden 16 internationalen Einsätzen [Afghanistan (ISAF), Kosovo (KFOR), Horn von Afrika (Atalanta), Küste des Libanon (UNIFIL), Türkei (Active Fence Turkey), Mali (EUTM Mali), Mali (MINUSMA), Zentralafrikanische Republik (EUFOR RCA), Somalia (EUTM SOM), Sudan (UNAMID), Südsudan (UNMISS), DR Kongo (EUSEC RD CONGO), Afghanistan (UNAMA), Westsahara (MINURSO), Horn von Afrika (EUCAP Nestor), Mittelmeer (OAE)] ist die Bundeswehr aktiv für Schutz und Hilfe der Menschen in Deutschland, Europa und in Welt unterwegs.

Hinter der Bundewehr stehen 179.046 aktive Soldaten und Soldatinnen, ca. 90.000 eingeplante Reservisten und ebenfalls 90.000 zivile Fachkräfte in verschiedensten Verwendungen.

Und heute möchte ich den Soldaten und den zivilen Mitarbeitern in der Bundeswehr von Herzen Danke sagen. Soldat sein ist kein “Beruf” wie jeder andere. Soldaten stellen nicht nur einfach ihre Arbeitskraft einem Arbeitgeber zur Verfügung. Soldaten dienen. Soldaten sind bereit für die Sicherheit und Freiheit Deutschlands und seiner Verbündeten im Zweifel ihr Leben zu geben. Tapferkeit, Kameradschaft und treues Dienen sind für Soldaten keine Worthülsen, sondern gelebte Praxis und wesentlicher Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Wir schulden Ihnen unseren Dank und unseren Respekt.

Die Frauen und Männer der Bundeswehr sind Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Freunde und Nachbarn. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Wir sollten stolz sein auf das, was die Angehörigen unserer Bundeswehr für unser Land und den Frieden in der Welt leisten.

Danke! Ich bin stolz auf meine Bundeswehr.

Meine Wehrübung und das Militärhistorische Museum in Dresden

Meinen zweiwöchigen Urlaub habe ich in Dresden verbracht und dort eine Wehrübung am Militärhistorischen Museum in Dresden abgeleistet. Nachdem ich schon Gelegenheit hatte, das Museum kurz vor dem Eröffnungstermin zu besuchen, konnte ich jetzt einen Blick hinter die Kulissen werfen. Leider war die Zeit so knapp bemessen, dass ich mir längst nicht alle „Schätze“ erschließen konnte. Auch für einen Besuch sollte man übrigens mindestens einen halben Tag einplanen. Da es eine gute Gastronomie unmittelbar im Museum gibt, ist es aber auch ganz unproblematisch, den ganzen Tag dort zu verbringen.

Für den Kenner und an der Militärgeschichte besonders interessierten Besucher gibt es eine ausführliche chronologische Darstellung deutscher Militärgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Ein erkennbarer Schwerpunkt liegt neben dem Zeitalter der Weltkriege vor allem auf dem Kalten Krieg, aber auch aktuelle Bezüge bis hin zur Abbildung der Einsatzwirklichkeit deutscher Soldaten in Afghanistan ist zu finden. Die Gegenüberstellung des soldatischen Alltags in NVA und unserer Bundeswehr ist besonders gut gelungen. Kritisch aber ohne „Siegermentalität“ an den Tag zu legen wird dabei auch der ideologische Überbau der NVA dargestellt. Eine Vitrine zeigt beispielsweise die Tapferkeitsauszeichnungen, die die NVA für den Kriegsfall bereits produziert hatte. Da wird einem bewusst, wie heiß der Kalte Krieg in manchen Köpfen offensichtlich war.

Derzeit befindet sich übrigens auf der Außenfläche links des Museums eine interessante Gegenüberstellung von Fahrzeugen und Panzern der Bundeswehr und der NVA. Der Schützenpanzer der NVA steht direkt gegenüber vom Marder, dem Schützenpanzer der Bundeswehr (Das Ausstellungsstück stammt auch noch aus „meinem“ Panzergrenadierbataillon 152 in Schwarzenborn. Da schlägt das Herz höher.) Man bekommt leider keinen Eindruck, in welcher Stückzahl sich diese Waffen entlang der innerdeutschen Grenze gegenüberstanden, aber erkennbar ist ein deutliches Gefälle was die Technik und Modernität der Systeme betrifft.

Gut gelungen ist neben der Chronologie auch die thematische Aufarbeitung. In verschiedenen Kategorien wird die Wechselwirkung des Militärs und der Zivilgesellschaft beschrieben. Sehr gelungen finde ich dabei die Kategorie „Militär und Spiel“ sowie die Kategorie „Militär und Mode“. Vor Augen geführt zu bekommen, wie oft das Militär Mode und Kleidungsstil prägte – vom Matrosenanzug bis zum Trenchcoat – ist wirklich interessant und zudem vor Ort gut gelöst. Auch die Darstellung der Nutzung von Tieren im Krieg ist interessant.

Das Museum hat übrigens zwei „Außenstellen“. Im Dresdner Hafen liegt ein Binnenminensuchboot, das auch von Gruppen besucht werden kann. Öfters sind hier wohl die Offizieranwärter der Offizierschule des Heeres zu Gast. Ich weiß spätestens nach dem Besuch, warum ich Soldat des Heeres bin und nicht bei der Marine angeheuert habe. Spannender ist aber zweifellos ein Besuch auf der Festung Königstein in der sächsischen Schweiz südlich von Dresden. Die alte Festungsanlage bietet nicht nur einen wunderbaren Blick, sondern ist mit den erhaltenen Gebäuden und einigen Ausstellungen einen Tagesausflug wert. Allerdings ist die derzeit gezeigte Ausstellung, die aus dem Jahr 1990 stammt und wohl noch zu DDR-Zeiten erarbeitet wurde, dringend inhaltlich überarbeitungsbedürftig und fällt im Vergleich zum Museum doch sehr ab. Das schmälert aber kaum den Reiz, den ein Besuch der Festung Königstein zweifellos hat.

Ich habe die Zusammenarbeit mit Kameraden und Fachleuten vor Ort sehr genossen. Und es hat Spaß gemacht, mit Blick auf die geplanten Ausstellungen einen kleinen inhaltlichen Impuls zu geben. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, dass fortzuführen. Auf jeden Fall war es eine schöne Sache, meinen Land so auch einmal auf andere Art und Weise als „Staatsbürger in Uniform“ zu dienen. Wiederholung nicht ausgeschlossen!

Afghanistan V: Unsere Soldaten haben Respekt und Dankbarkeit verdient

Wie sehr alle Maßstäbe, in denen wir sonst denken, in Afghanistan obsolet sind, zeigt die Geschichte eines afghanischen Polizisten, der in sein Heimatdorf zurück musste, weil ein Familienmitglied gestorben war. Von Faizabad aus war der Mann fünf Kilometer mit dem Auto unterwegs – die restliche Strecke musste er aufgrund der Straßenverhältnisse mit einem Esel zurücklegen – und brauchte dafür fast zehn Tage. Ohne Worte. 

Neben den offiziellen Terminen gab es oft genug die Gelegenheit, mit deutschen Soldaten ins Gespräch zu kommen. Mir ist dabei ein Satz eines deutschen Kameraden in Erinnerung geblieben, der mir so in ähnlicher Form vielfach begegnet ist: „Wir als Soldaten freuen uns auch über solche Besuche, die ein Zeichen von Interesse für das ist, was wir hier tun und für uns natürlich. Es ist für Soldaten enorm wichtig zu wissen, nicht in Vergessenheit geraten zu sein.“ Das Gefühl, dass der Einsatz in den deutschen Medien leider nicht die verdiente und notwendige Aufmerksamkeit erfährt und nur darüber berichtet wird, wenn es beispielsweise Gefallene zu beklagen gibt, äußerten viele Soldatinnen und Soldaten. Und viele ärgern sich darüber. Aus meiner Sicht zu recht. Denn in der Tat leisten sie viel und es würde uns gut tun, sich einmal vor Augen zu führen, was es heißt, im Einsatz zu sein.

Eine Begegnung fand ich besonders beeindruckend und daher möchte ich sie hier noch berichten: In Faizabad rückt die Bundeswehr demnächst ab. Man sieht im Lager bereits, dass der Rückbau begonnen hat. Dort sind wir aber nicht alleine im Einsatz, sondern eine Kompanie der mongolischen Infanterie ist für den Schutz des Lagers zuständig. Mitten im Lager haben die mongolischen Kameraden eine Jurte aufgebaut, in der wir zur Begrüßung zu Gast sein durften. Dass mehrere mongolische Soldaten perfekt deutsch sprechen, macht den Austausch untereinander deutlich leichter. Die Sprachkenntnis resultiert u.a. aus der Offiziersausbildung, die diese Männer in Deutschland absolviert hatten. Wie gut der Austausch zwischen Bundeswehr und mongolischer Armee läuft ist ein schönes Zeichen für die Internationalität und die Waffenbrüderschaft im Einsatz. Zum Abschied bekamen wir noch das Einheitsabzeichen der Kompanie überreicht – ein Stoffaufnäher, den als „Wappen“ das Ying und Yang-Zeichen ziert.

 Der Donnerstag begann mit einem Rundgang durch das Lager in Kunduz. Trotz des geplanten Abzugs gibt es weitere Bautätigkeiten. Teilweise sind diese Voraussetzung für den Abzug, teilweise zeichnet sich ab, das Kräfte über das Abzugsdatum hinaus vor Ort bleiben werden, um die Afghanen zu unterstützen. Die Ordnung des Lagers war beeindruckend. Man kann sich kaum ein Bild von der dafür notwendigen Logistik von der Wasseraufbereitung bis zur Bereitstellung der Verpflegung und Ausrüstung machen. Über 2.000 Soldaten sind im Lager, das damit deutlich kleiner ist als Camp Marmal in Masar-e Sharif. Hinzu kommen viele zivile afghanische Mitarbeiter sowie Polizisten, zivile Mitarbeiter von Logistik- und Rüstungsunternehmen. Die Soldaten haben nahezu alle feste Unterkünfte, die zugleich auch im Falle eines Angriffs als Schutzräume konzipiert sind. Auch das moderne Kantinengebäude hat zugleich Schutzraumfunktion. Die Idee, diesen gesamten Gebäudekomplex später einmal als Universität von Kunduz zu nutzen, wird sicher nicht morgen umgesetzt, aber es ist ein schönes Ziel, denn so würden die hohen Investitionen einen doppelten Zweck erfüllen.

Schon morgens war die Hitze drückend. Für die Besatzung der Fahrzeuge war es im Innern ihres fahrbaren Untersatzes sicherlich noch heißer. Gegen Morgen war schon der Fluglärm der mit dem Hubschrauber aus dem Einsatz zurück kommenden Spezialkräfte zu hören. Ich bin davon wach geworden und musste an die diversen Aufklärungsmittel denken, die diese Soldaten zu ihrem Ziel geführt hatten und die den Aufständischen das Leben schwer machen. Wir hatten ja am Vortag eine entsprechende Einweisung bekommen, die ziemlich beeindruckend war. Noch eine Randnotiz: Die Soldaten in den Unterkünften sind angehalten, beim Nutzen der Waschanlagen auf die Kameraden Rücksicht zu nehmen, die im Schichtdienst arbeiten. Sprich sie sollen sich leise verhalten. Der Fluglärm der Hubschrauber kann das nicht und aufgrund des hohen Flugaufkommens stellt sich die Frage, ob die Ermahnung wirklich Sinn macht.

 Zwei Hubschrauber standen bereit, um uns auf direktem Wege nach Termez zu bringen. Mit dabei auch die Feldjäger, die für den Personenschutz zuständig waren und die uns seit Kabul begleitet hatten. Der Flug nach Termez über die Wüste war ein eindrucksvoller Abschluss. Ein letzter Blick auf die Bergdörfer Afghanistans und dann flogen wir Richtung usbekische Grenze. Minutenlang war kein Zeichen von Zivilisation zu erkennen und der Pilot flog sehr tief, um uns durch die offene Heckklappe der CH-53 die Wüste bestaunen zu lassen. Fast nicht vorstellbar, dass in dieser unwirtlichen Gegend unseres Planeten Menschen leben. Dann passierten wir erneut den Grenzfluss zwischen den beiden Ländern und schon der Blick aus der Luft ließ anhand der Bebauung erkennen, dass diese Grenze auch eine Armutsgrenze darstellt. In Termez folgte der Abschied von der Hubschrauberbesatzung und „unsern“ Feldjägern. Vor allem diese Männer haben schweren Eindruck auf mich gemacht. Alle waren stets freundlich, hatten auch Zeit für ein persönliches Wort und haben dabei sehr höflich aber deutlich ihre Meinung zum Ausdruck gebracht. Dass man sich in ihrer Gegenwart im wahrsten Sinne des Wortes gut aufgehoben fühlte ist wahrscheinlich das größte Lob, das man ihnen als Personenschützer machen kann. Auf dem Rollfeld stand schon die Maschine der Flugbereitschaft parat. Parole Heimat.

 In Nürnberg gelandet standen wir auf einmal unbegleitet auf dem Rollfeld neben dem Flieger. Kein Sprachmittler, keine Lagevortrag, nur die Gewissheit, dass Nürnberg schon in die zivile Verwaltung übergegangen ist.

Afghanistan IV: Fliegen mit der CH 53

Untergebracht waren wir übrigens direkt am Flughafen in Kabul. Auch hier wieder die surrenden Klimaanlagen und an den Wänden die Hinweisschilder, beim Duschen Wasser zu sparen. Am nächsten Morgen folgte das „internationale“ Frühstück gemeinsam mit Soldaten aller dort im Einsatz befindlichen Nationen, und in der Tat gab es von amerikanischen Pancakes bis zu Croissants und deutschem Schwarzbrot alles, was die unterschiedlichen Geschmäcker zufrieden stellt.

Es folgte unmittelbar nach dem Frühstück der Flug nach Masar-e Sharif mit der guten alten Transall. Mit an Bord waren diesmal auch türkische, britische und amerikanische Soldaten. In Masar-e Sharif gelandet wurden wir von General Erich Pfeffer in Empfang genommen. Wie in den anderen Orten auch begann unser Besuch mit einem Gebet und Besuch am dortigen Ehrenhain. Mit Worten des 91. Psalms, des „Soldatenpsalms“ erinnerten die beiden Geistlichen an die gefallenen Kameraden – nicht nur aus dem deutschen Truppenkontingent. 

Beim anschließenden Bericht des Generals ging es schwerpunktmäßig um die Einschätzung der Lage vor Ort und die aufgebauten afghanischen Fähigkeiten. Bei den jüngsten Herausforderungen – beispielsweise den Demonstrationen im Anschluss an die Koranverbrennungen durch US-Truppen, hätten die afghanischen Kräfte selbständig und ohne direkte Unterstützung der ISAF-Kräfte agiert. Allgemein könne man konstatieren, dass man hier einen Status erreicht habe, der für ganz Afghanistan erst 2014 angestrebt sei.

Spannend war auch der Lagevortrag beim Einsatzgeschwader in Mazar-e Sharif. Den Flughafen in Mazar-e Sharif kann man getrost als internationalen Airport bezeichnen. Insgesamt 21 Nationen nutzen den Flugplatz. Mehr als 350 Flugbewegungen gibt es täglich. Dahinter steckt ein enormer logistischer Aufwand, und die Nutzung beschränkt sich keineswegs auf militärische Flüge. Wir sind dort mit der guten alten Transall sowie dem CH 53 GS Transporthubschrauber im Einsatz. Während der Wunsch nach Tiger und NH 90 sowie das Warten auf den AM 400 überall zu hören waren, klang mit Blick auf die deutschen Fähigkeiten bezüglich der medizinischen Versorgung Stolz mit. Die Rettungskette mit dem AirMedEvac, eine Fähigkeit, die das deutsche Kontingent bereitstellt, ist überall hoch angesehen. Denn natürlich ist es für die Einsatzmoral der Truppe wichtig, dass sie im Zweifelsfall auf schnelle und bestmögliche medizinische Hilfe hoffen können. Auch die Krankenhäuser in Kunduz und Mazar-e Sharif entsprechen dem Standard eines deutschen Kreiskrankenhauses wie uns die Militärs immer wieder nicht ohne Stolz versicherten.

 In nahezu allen Gespräche wurde uns gegenüber die positive Entwicklung der Sicherheitslage im Norden beschrieben. Zwar würde die Zahl der Anschläge zunehmen, aber dies sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass dies das letzte den Taliban verbliebene Mittel sei. Die offene militärische Auseinandersetzung würde immer im Fiasko für die Aufständischen enden, so dass man „nur noch“ mit den so genannten IEDs gegen die afghanischen Sicherheitskräfte und die ISAF vorgehen würde.  Als zweiter positiver Trend wurde uns immer wieder die gestiegene Eigenständigkeit und Fähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte beschrieben. Aber General Pfeffer sagte auch: „Afghanistan ist das Land der Überraschungen.“

Nach einer erneuten Vielzahl von Gesprächen stand auch in Masar-e Sharif ein Essen auf dem Programm. Zum Schutz vor Attentätern stehen auch im Speisesaal, der sonst nicht mit Waffen betreten wird, Soldaten, die mit der Waffe in der Hand als „guardian angels“ dafür sorgen, dass ihre Kameraden in Ruhe Essen können. Das ist schon ein ungewohnter Anblick, der sich einem einprägt.

Mehrfach hatte ich auch Gelegenheit mit der CH 53 zu fliegen und ich muss gestehen, dass es schon einen gewissen Suchtfaktor hat, bei offener Heckklappe mit diesem Hubschrauber zu fliegen – blendet man die Begleitumstände, die Hauptgefreiten an den Geschützen, die „Flares“ (so heißen die „Täuschkörper“) aus. Die Ruhe und Gelassenheit, die alle Soldaten der Besatzung ausstrahlten, hat mich schon beeindruckt. Die Landschaft, die Geräuschkulisse, die Geschwindigkeit und das Fliegen sowohl in großer Höhe mit einem atemberaubenden Blick als auch wenige Meter über dem Boden die jeweiligen Bodenwellen im Flug nachvollziehend – das war stark.

 Auch der Flug nach Kunduz war einmalig. Von dort ging es weiter nach Faizabad und dann wieder zurück. Ich habe dann leichtsinnigerweise einen Heeresoffizier gefragt, ob unser Gepäck nicht in Kunduz verbleiben würde. Er schaute mich ganz erschrocken an und meinte, ich solle an die alte Weisheit eines britischen Offiziers denken: „Never get separated from your kit! Never March on Moscow! Never rely on the Air Force!“ Allen drei Grundsätzen kann man nur schwerlich widersprechen – also blieb unser Gepäck immer in unserer Nähe.