Für mich als Historiker ist es das letzte Mal ein besonderes Ereignis gewesen, als Wahlmann an der 14. Bundesversammlung teilzunehmen. Meine Eindrücke und Erlebnisse habe ich damals niedergeschrieben und auf meinem Blog veröffentlicht: http://tinyurl.com/7arkqg8.
Diesmal war die Stimmung unter den Wahlmännern und Wahlfrauen der Union gelöst. Eine deutliche Mehrheit für Joachim Gauck war absehbar. Und so war der Samstag so etwas wie ein „Familientreffen“, das abends mit einem Empfang im Konrad-Adenauer-Haus endete. Besonderen Zuspruch fand übrigens der “schwarz-rot-goldene” Nachtisch! 
Vorher mussten die Wahlfrauen und Wahlmänner ihre Unterlagen im Reichstag in Empfang nehmen. Direkt im Anschluss fand eine erste Fraktionssitzung statt, die mit einem „Zählappell“ endete. Übrigens stellt unsere Fraktion mit dem 91jährigen Günter-Helge Strickstrack das älteste Mitglied der Bundesversammlung. Der Platz war knapp. Kein Wunder, waren doch fast doppelt so viele Personen anwesend. Findige Kollegen hatten sich ihren Platz bereits vorher mit einem Handtuch, äh mit ihren Sitzungsunterlagen reserviert.
Gemeinsam mit Angela Merkel hatte Joachim Gauck den Fraktionssitzungssaal betreten und spontaner Applaus brandete auf. Der von allen demokratischen Parteien getragene Kandidat hatte den Wunsch bekundet, sich allen Mitgliedern der Bundesversammlung aus den Reihen der Union noch einmal mit kurzen Worten vorstellen zu wollen. So kurz waren die gewählten Worte dann gar nicht, denn Gauck schien es offensichtlich ein Anliegen zu sein, zu den aktuell auch öffentlich diskutierten Fragen noch einmal Stellung zu nehmen. 
Gleich zu Beginn stellte er klar, dass er natürlich um die Bedeutung von Gerechtigkeit in einer Gesellschaft wisse. Auch Integration werde für ihn ein Thema sein, aber gleichwohl werde er nicht die Reden halten, die man ihm aufträgt oder die alle halten, sondern er werde bei seinem Thema Freiheit bleiben. Diese Freiheit münde vor allem in Verantwortung. Er wolle aber gerade die Freude daran und die Bereitschaft dazu stärken. Besonders gut gefiel aus meiner Sicht den Anwesenden der Satz Gaucks, nachdem der erste Artikel des Grundgesetzes eben nicht davon spreche, dass „der Besitzstand unantastbar“ sei, sondern die Würde.
Auch dankte Gauck nicht nur Bundeskanzlerin Merkel für ihre gute Arbeit in Europa, sondern er erinnerte an die Leistungen Helmut Kohls im Zuge der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Diese Leistungen Kohls seien ohne Freiheit nicht denkbar gewesen. Nur in Verbindung mit Werten und Verantwortung hätte damals die jeweils richtige Entscheidung getroffen werden können. Auch dies habe er sich zum Ziel gesetzt, die Deutschen dafür zu sensibilisieren, dass nicht jede Entscheidung allein nach Kostengesichtspunkten getroffen werden könne – und damit spielte er wohl auf die aktuelle Eurokrise an.
Ich hoffe und wünsche, dass Gauck ein kluger, mahnender und zugleich streitbarer Präsident wird. Und ich hoffe, dass wir ihn auch dann als unseren Bundespräsidenten annehmen, wenn er etwas sagt, was uns nicht gefällt. Wenn es dann noch gelingt, dass wir ihn als unser Staatsoberhaupt mit Respekt behandeln – und zwar mit dem Respekt, dem wir auch jedem anderen Menschen zubilligen sollten -, selbst wenn er Fehler macht, dann wäre für unser Vaterland viel gewonnen.


Die Kollegin der SPD hat es treffend formuliert. Es war eine besondere Ehre und Wertschätzung, dass der Bundespräsident den Ausschuss Arbeit und Soziales zu einem Gespräch eingeladen hat. Und es war eine außergewöhnliche Unterbrechung der normalen Sitzungswoche. Dass nicht nur ich und die besagte Kollegin der SPD dies so empfanden, wurde schon bei der vorher stattfindenden regulären Ausschusssitzung deutlich. Die Herren waren diesmal ausnahmslos mit Krawatte erschienen und dunkle und gesetzte Farben prägten das Bild. Sind es sonst eher CDU und FDP, die die Würde des Parlaments auch durch die eigene Kleidung zum Ausdruck bringen, empfanden wohl alle Abgeordneten eine Einladung des Bundespräsidenten als etwas Besonderes.


Bundesversammlung. Nach drei Wahlgängen wurde Christian Wulff Bundespräsident. Er muss nun zeigen, dass er diesem Amt gewachsen ist. Die Chance hat er trotz der kritischen Presse verdient, denn auch in den Diskussionen hinter verschlossener Tür wurde klar, dass die fehlenden Stimmen vor allem ein Denkzettel für die Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin waren. In der Tat bin ja auch ich der Meinung, dass die Menschen zu Recht erwarten, dass wir Probleme lösen, bzw. Lösungen anbieten und nicht untereinander streiten. Im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Vielleicht gilt ja auch, weil er Niedersachse ist, der schöne Satz: „Ein gutes Pferd springt knapp.“
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