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Asylrecht keine Grundlage für Einwanderung

„Die Verquickung des Asylrechts mit Fragen der Ein- und Auswanderung hat fatale Folgen“, stellte Hans Magnus Enzensberger in seiner Schrift „Die Große Wanderung“ bereits Mitte der neunziger Jahre fest. Der Satz ist gültiger denn je, denn leider tun seit gut einem halben Jahr viele genau das: Sie sprechen von „ungesteuerter Zuwanderung“, wenn es eigentlich darum geht, wie Deutschland seinem im Grundgesetz selbst gesetzten Anspruch gerecht werden kann, Menschen in Not für eine gewisse Zeit Obdach zu gewähren und zu helfen.

Wenn wir über mögliche Fehler der Politik im vergangenen halben Jahr sprechen, dann gehört dazu nicht das Setzen auf eine europäische Lösung, wohl aber die durch die gewählte Sprache noch verstärkte Verunsicherung der Bevölkerung. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Aber genau das haben viele nicht getan, wenn sie bewusst oder unbewusst den Eindruck erweckten, alle Flüchtlinge würden es darauf anlegen, auf Dauer in Deutschland zu bleiben, oder es sei gar das Ziel der Politik, allen Flüchtlingen dauerhaft eine Heimat zu geben. Beides war und ist falsch.

Schaffen wir es, die gemachten Fehler zu vermeiden, wenn wir jetzt über Integration reden? Da müssen wir beide Gruppen im Blick haben: diejenigen, die nur vorübergehend in Deutschland bleiben, aber in dieser Zeit trotzdem unsere Sprache lernen und möglichst für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen sollten, und eben diejenigen, die hier am Ende eine neue Heimat finden. Sie sind aber damit noch lange nicht mit denjenigen gleichzusetzen, die wir im eigentlichen Sinne als Einwanderer bezeichnen. Wer einwandert, der lernt unsere Sprache schon vorher, der hat hier schon einen Arbeitsplatz, bevor er deutschen Boden betritt. All diese Voraussetzungen sind bei Flüchtlingen in der Regel nicht gegeben, und deswegen bedarf es bei ihrer Integration größerer Anstrengungen. Umso wichtiger ist es daher im Umkehrschluss, zwischen gesteuerter Einwanderung auf der einen und dem Aufenthalt in der Republik als Flüchtling oder anerkannter Asylbewerber auf der anderen Seite zu unterscheiden.

Auch hier fehlt wieder die Klarheit in der Sprache: Wer die Flüchtlinge im Kontext einer „ungesteuerten Zuwanderung“ als Menschen beschreibt, die auf Dauer bleiben, der beschädigt die große Offenheit der Deutschen für eine gesteuerte Einwanderung von Fachkräften, die wir dringend brauchen. Manche in der Union tun sich schwer damit, das Kind beim Namen zu nennen, und sprechen weiter von „Zuwanderung“, meinen aber „Einwanderung“. Schließlich wurde lange die Tatsache verneint, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Peter Tauber am 11.04.16 in Berlin im Konrad-Adenauer-Haus / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Das vergangene halbe Jahr hat eindrucksvoll gezeigt, wie stark Bürgersinn, Volkswirtschaft und Verwaltung in unserer Republik sind. Das kann uns die Zuversicht geben, dass die Deutschen dieses „Rendezvous mit der Globalisierung“ – wie Wolfgang Schäuble es nennt – meistern werden. Dazu wäre es hilfreich, sich bei allen Problemen auch immer vor Augen zu halten, was alles gelingt, was von den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen geschafft wurde und immer noch wird.

Eine kluge Einwanderungspolitik ist auch Grundlage dafür, dass wir uns künftig weniger mit dem sichtbaren Scheitern von Integration beschäftigen müssen, sondern mehr Nachrichten lesen können, die das Gelingen zeigen. Ein Beispiel aus Hessen mag das deutlich machen: Während 2005 nur 32 Prozent der Einwanderer und ihrer Nachkommen zu Hause Deutsch sprachen und 22 Prozent sich lediglich in der Sprache ihrer Herkunftsländer unterhielten, hat sich dieses Verhältnis in knapp zehn Jahren deutlich verändert. Inzwischen sprechen 53 Prozent zu Hause Deutsch und nur noch acht Prozent nicht. Die Übrigen leben zweisprachig. Das zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Integration ist mit erheblichen Anstrengungen verbunden – für beide Seiten. Fest steht aber: Sie gelingt leichter, wenn wir nicht das Asylrecht als Grundlage der Einwanderung beschreiben. Das war es nie und sollte es auch nicht werden. Ein klares Einwanderungsrecht kann dabei helfen. Mit dem Integrationsgesetz machen wir einen weiteren wichtigen Schritt. Damit legen wir die Grundlage für gelungene Integration von neuen Mitbürgern und die Hilfe für Menschen in Not. Beides macht diese Republik zu dem starken Land in der Mitte Europas, das wir nicht nur derzeit sind, sondern das wir bleiben wollen.

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Erstaufnahme von Flüchtlingen in Büdingen – ein Besuch

2016-03-23 AE Büdingen1

Im Oktober 2015 war ich ein Wochenende lang freiwillig als Helfer in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach im Einsatz. Über meine Erfahrungen, die selbstverständlich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, sondern meine subjektive Gefühlslage widerspiegeln, habe ich ausführlich auf meinem Blog berichtet; nachzulesen hier, hier und hier. 17.203 Flüchtlinge wurden im Oktober 2015 in Hessen registriert; nur im November 2015 waren es mehr (19.041).

Nicht nur die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Vertreibung zu uns gekommen sind, haben damals Grenzen überschritten; auch die unzähligen Helfer in den Flüchtlingseinrichtungen haben das getan – wenn auch „nur“ im sprichwörtlichen Sinne. Ich war – und bin es immer noch – beeindruckt, wie sehr die Mitarbeiter der Hilfsdienste, die Kameraden der Bundeswehr, die vielen freiwilligen Helfer, aber auch die Mitarbeiter in der Verwaltung landauf, landab in den vergangenen Monaten über sich hinausgewachsen sind. An dieser Stelle sei auch die Frage erlaubt, was aus all den Kassandra-Rufern von damals geworden ist? Ihre Schwarzmalerei zielte ins Leere: Bis heute stellen Zivilgesellschaft und Verwaltung die Leistungsfähigkeit unseres Landes eindrucksvoll unter Beweis. Darauf können alle Beteiligten, darauf kann unser Land stolz sein.

Wenn ich an diese zwei Tage in Offenbach zurückdenke, kommen mir die Begegnungen mit den Menschen in den Sinn, kurze Gespräche, ein dankbarer Blick. Aber auch die räumliche Enge in der Unterkunft, der Geruch der entsteht, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben; Väter und Mütter, die versuchen ihren Familien mit Hilfe von Bettlaken wenigstens einen Hauch von gefühlter Privatsphäre zu schaffen.
Vor wenigen Tagen habe ich wieder eine Flüchtlingsunterkunft besucht; diesmal als Gast. In der Büdinger Erstaufnahmeeinrichtung, einer Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen und früher Stützpunkt der US-Army, finden 800 Menschen Platz – in der Theorie, denn derzeit ist nicht einmal die Hälfte der Plätze in der Einrichtung belegt. Im Dezember kamen 12.000 Menschen nach Hessen, im Januar waren es 7000 – Tendenz sinkend. Momentan werden pro Tag durchschnittlich nur noch knapp 100 Neuankömmlinge erfasst – bundesweit, wohlgemerkt.

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich und Heiko Merz, kommissarischer Leiter der EA Büdingen, führen mich gemeinsam mit einigen Kollegen sowie mit Vertretern der Hilfsdienste über das Gelände. Ich werfe einen Blick in die ehemalige Turnhalle der GIs, in der sich heute der Speisesaal befindet. Noch liefert ein Caterer das fertige Essen; in wenigen Wochen, wenn der Umbau der Küche im Nachbargebäude fertig gestellt ist, sollen die Mahlzeiten frisch vor Ort zubereitet werden.

Im hinteren Teil des Saals stehen einige Stuhlreihen in Reih und Glied; hier finden regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Grundrechte und Wertevermittlung statt, die sehr gut angenommen werden, wie mir der Regierungspräsident berichtet. Auch Präventionsmaßnahmen zu den Themen Salafismus oder Rechtsradikalismus stehen auf dem Programm und – Dank der Unterstützung der Büdinger Ehrenamtsagentur – Deutschkurse, wenn auch auf niedrigem Level, weil die Flüchtlinge nur kurze Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung verweilen. „Registrieren, untersuchen, Antrag stellen, weiterleiten“, fasst Dr. Ullrich das Prinzip zusammen. Mindestens sechs Wochen, aber maximal sechs Monate verbringen die Flüchtlinge hier. Dann geht es weiter in die Kommunen.

Seitdem die Balkanstaaten Ende vergangenen Jahres zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt wurden und die Länder konsequenter abschieben, ist die Zahl der freiwilligen Ausreisen rapide angestiegen. Die Menschen wollen sich die Möglichkeit einer legalen Wiedereinreise mit einem regulären Arbeitsvisum nicht verbauen. Im Fall einer freiwilligen Ausreise zahlt der deutsche Staat das Rückflugticket; auch das angesparte Taschengeld darf mit nach Hause genommen werden; ebenso wie ein zusätzlicher Koffer mit persönlichen Habseligkeiten.

Die Kosten einer Abschiebung hingegen tragen die Betroffenen selbst, hinzu kommt eine zehnjährige Sperrfrist für eine Rückkehr nach Deutschland.

Ich werfe einen Blick in die „Krankenstation“, momentan noch ein recht karges Untersuchungszimmer, das dennoch mit allem notwendigen medizinischen Equipment ausgestattet ist. „Wir haben hier keine Probleme. Auch die Männer lassen sich anstandslos von mir untersuchen“, berichtet mir die diensthabende Ärztin, die eigentlich Gynäkologin ist. „Das hier mache ich in meiner Freizeit, quasi zum Spaß“, sagt sie und strahlt dabei so eine Freude und innere Gelassenheit aus, dass ich ihr spontan für Ihren Dienst danke. Während wir uns unterhalten, sitzen draußen auf dem Flur Männer, Frauen und Kinder bunt gemischt und unterhalten sich. „Manche kommen auch einfach vorbei, weil sie ein Schwätzchen mit den Ärzten oder den Helferinnen halten wollen“, erfahre ich. Das kommt mir bekannt vor, wenn ich an meine Wartezimmererlebnisse in Gelnhausen oder anderswo denke.

Wie die Flüchtlinge untergebracht werden, sehe ich nur wenige Meter weiter: Ein quadratischer Raum, darin zwei Stockbetten, ein Spind pro Person, ein Tisch, vier Stühle, darauf Teller, Besteck und vier Trinkbecher. Und das Wichtigste nicht zu vergessen: Ruhe. Frieden.

Bei unserem Rundgang durch die Anlage berichten mir Heiko Merz und seine Kollegen viel aus ihrem Berufsalltag. Ich erfahre, wo es hakt, wo wir noch besser werden können, wo die Politik nachsteuern oder ganz neue Lösungen finden muss. Der Deutsche an sich verwaltet gerne und sehr gut. In den vergangenen Monaten haben wir gelernt, das Auge an der einen oder anderen Stelle zuzudrücken. Unbürokratisches Handeln war gefragt. Mittlerweile wiehert der Amtsschimmel wieder häufiger – ein Zeichen, dass es aufwärts geht, wenn man so will. Dennoch: ein gutes Stück dieser neu erlernten Flexibilität sollten wir uns für die Zukunft bewahren, unserem Land hat genau das in den vergangenen Monaten an vielen Stellen gut getan. Und ich sehe wie gut wir – und damit meine ich ausdrücklich all die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Einsatzkräfte vor Ort – schon sind. Ein Mitarbeiter der Malteser berichtet mir von der großen inneren Zufriedenheit, die er aus seiner Arbeit zieht, allem Stress zum Trotz.

„Das Land versinkt im Chaos, alles bricht zusammen, die Verwaltungen kollabieren.“ Wie oft habe ich diesen Satz von Oktober bis Dezember 2015 gehört. Die Wahrheit ist: Nichts von alledem ist passiert. Konsequenterweise sind viele negativen Stimmen inzwischen nahezu verstummt. Doch natürlich gibt es immer Menschen, die sich neue vermeintliche Risiken suchen, an denen wir angeblich scheitern werden. So ist das eben im Leben: Die einen packen an, die anderen sind ins Scheitern verliebt. Doch durch das bloße Beschreiben von Problemen löst man kein einziges davon.

Ja, hinter uns liegen schwere, anstrengende Monate. Weder die Flüchtlingskrise, noch die damit verbundenen Konsequenzen werden sich in absehbarer Zeit in Luft auflösen. 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht, Terroranschläge halten die Welt in Atem. Auch der Klimawandel und die daraus resultierenden Wanderungsbewegungen werden uns in Zukunft vor neue Herausforderungen stellen. Und doch hat mir dieser Besuch in Büdingen einmal mehr gezeigt: Es gibt keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Deutschland ist ein reiches Land. Reich an Menschen, die dieses Land durch ihren unermüdlichen Einsatz zu dem machen, was es heute ist. Menschen, die – egal, ob sie einer Kirche angehören oder nicht – den Begriffen „christliche Nächstenliebe“ und „Barmherzigkeit“ ein Gesicht geben. Die auf unterschiedlichste Art und Weise und jeder an seinem Platz ihren Dienst für unser Land und alle, die hier in Frieden leben wollen, tun.

Mein tiefempfundener Dank geht an all diese stillen Helden.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach II

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Was sind die zehn wichtigsten deutschen Sätze?

Die Getränkeausgabestelle ist ein Ort, um ins Gespräch zu kommen. Wenn man durch die Halle geht, dann wird man nur angesprochen, wenn die Flüchtlinge ein konkretes Anliegen haben. Gut 120 sind übrigens in der kleinen Turnhalle untergebracht, doch noch einmal gut 30 sollen zusätzlich aufgenommen werden. Wenn sie vorne bei uns stehen, um sich einen Tee zu holen, dann versuchen manche so etwas wie eine Unterhaltung, in der Regel auf Englisch. Ein paar können bereits auf Deutsch zählen und beginnen vor unseren Augen die Bananen zu zählen. Als einer die Brötchen zählt und diese dabei in die Hand nimmt, müssen wir ihm erklären, dass das nicht geht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er das mit der Hygienevorschrift verstanden hat. Schließlich steht ein junger Mann mit einem weißen Zettel vor uns. Er fragt uns, ob wir ihm die zehn wichtigsten deutschen Sätze beibringen können. Da müssen wir selbst überlegen. „Bitte ein Bier!“ ist wichtig, aber ob er davon jemals Gebrauch machen wird, wissen wir nicht. Wir schreiben ihm dann noch die Wochentage und die Monate auf. Zählen kann er ja bereits. Das hat er uns demonstriert. Er freut sich und strahlt übers ganze Gesicht.

Am Abend verteile ich in Kaiserlei wieder „Erstausstattungen“ und lege sie den Flüchtlingen auf die Feldbetten. Als ich einer jungen Afghanin mit vielen Narben im Gesicht den Plastiksack hinlege sagt sie zu mir: „Danke. Das habe ich schon.“ Gedankenverloren antworte ich: „Ah. Okay. Dann nehme ich es mit.“ Erst zwei Feldbetten weiter macht es bei mir klick. Ich gehe zurück und frage sie: „Sie können deutsch?“ Und in der Tat, sie spricht nicht nur passabel, sondern recht gut deutsch, wenngleich ich ihre leise Stimme nur schwer verstehe. Sie habe schon in Afghanistan deutsch gelernt, sagt sie. Und sie wolle jetzt weiterlernen. Sie strahlt mich an. Von Deutschland hat sie wahrscheinlich noch nicht viel gesehen und kennt es nur aus dem Sprachkurs und vielleicht aus Büchern oder dem Internet. Ich frage sie noch, ob Deutschland so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie nickt heftig. „Ja“, antwortet sie. Es sei so gut hier. Ich schaue mich um. Gut? Naja. Aber ihr Lächeln will ich erwidern. Da ist so viel Hoffnung in den Augen. Ein „Na, dann herzlich willkommen!“ fällt mir noch ein. Mehr leider nicht. Später ärgere ich mich, dass ich keine Zeit hatte, länger mit ihr zu sprechen.

Wichtig sind die Sprachmittler, die überall mit Hilfe des Roten Kreuzes im Einsatz sind. Fast alle sind Deutsche mit Einwanderungsgeschichte. Manche sind selbst als Flüchtlinge erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen. Ich treffe in der Edith-Stein-Schule einen jungen Palästinenser aus Syrien und eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht aber perfekt deutsch. Seine Geschwister würden inzwischen zu Hause nur deutsch reden, was seine Mutter ärgere, erzählt er mir. Vor allem die deutschen Schimpfwörter, die seine Mutter nicht versteht, hätten es seinen kleinen Geschwistern angetan. Auch eine Form der Integration, erst mal die Schimpfwörter zu lernen, denke ich mir. Aber wenn sie alle so gut deutsch sprechen wie er: Respekt. Die junge Frau arbeitet bei einer Bank in Frankfurt und hat vier Wochen Urlaub. Die verbringt sie jetzt komplett in der Edith-Stein-Schule.

Flüchtlinge 13

In Kaiserlei treffe ich ebenfalls eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie schlichtet gerade einen Streit mit einer syrischen Familie und regt sich auf. Wir stehen dabei und verstehen naturgemäß kein Wort. „Alte syrische Frauen sind die schlimmsten“, zetert sie. „Die wollen alle wie die Königinnen behandelt werden.“ Offensichtlich will die Familie nur ungern neue Feldbetten in ihren „Bereich“ gestellt bekommen. Von Privatsphäre kann man hier sowieso nicht sprechen, aber wenigstens die Absperrgitter signalisieren eine Art Grenze. In einem anderen Bereich hatte sich eine Gruppe junger Männer eingerichtet. Wir müssen, um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und die Rettungswege freizuhalten, die Betten teilweise verstellen. Um keinen Streit zu provozieren soll erst eine Sprachmittlerin kommen, die den jungen Männern die Situation erklärt.

Doch diesmal warten wir vergebens. Entweder hat sie keiner geholt, oder sie hat keine Zeit. Irgendwann schieben wir bestimmt, aber freundlich die Betten an den richtigen Platz. Meist sind die „Inhaber“ gerade nicht da. Die anderen schauen zu. Sie beobachten uns neugierig. Streit oder Widerstand gibt es keinen. Die Verständigung scheint auch ohne Sprache zu funktionieren. Und nicht nur da. Ab und an hat man eine Minute um sich die Menschen anzuschauen. Wenige Alte, viele junge Männer, so wie man es aus dem Fernsehen kennt, aber auch unheimlich viele Familien und immer wieder Kinder. Das ist auch nicht verwunderlich. Ist uns bewusst, dass diese Länder eben auch eine andere Bevölkerungspyramide haben als wir und es deutlich mehr junge Menschen als alte gibt.

Zum Personal gehören auch Sicherheitskräfte. Fast keiner von ihnen ist ein gebürtiger Deutscher. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, sie sprechen nicht alle gut deutsch. Mag sein, dass für sie der Dienst dort lediglich ein weiterer Job ist und sie sich für die Flüchtlinge nicht interessieren, aber natürlich senden sie ein Signal aus: Wenn Du fleißig bist und arbeiten willst, dann kannst du das in Deutschland schaffen. Auch das ist eine Botschaft an die Flüchtlinge, die nonverbal funktioniert. Einer von den Einsatzkräften hat mich darauf aufmerksam gemacht; die Flüchtlinge alles um sich herum ganz ge-nau und kommen auch mit den Sicherheitskräften ins Gespräch. Sie merken, dass diese keine gebürtigen Deutschen sind.

Wenn sich die Blicke treffen, dann wird auch ein Lächeln verstanden. Es wurde mir gegenüber immer erwidert. Einmal stand ich an einem Absperrgitter. Mein Blick fiel auf einen Mann. Er stand dort einfach nur. Als er meinen Blick bemerkte, schaute er mich an. Ich lächelte ihm zu. Er legte die Hand aufs Herz, nickte mit dem Kopf und schenkte mir ein scheues Lächeln, während seine Augen voller Dankbarkeit waren. Allein für diese Geste hat sich der Einsatz die zwei Tage gelohnt.

Kaiserlei: schlimme Erwartungen, viele Erfahrungen.

Bevor wir nach Kaiserlei verlegen, bin ich „vorgewarnt“. Ein Feuerwehrmann hat zu mir mit Blick auf die Edith-Stein-Schule gesagt: „Hier ist das ja noch halbwegs in Ordnung. Aber da unten wirst du das Böse sehen, die hinterhältigen Blicke, eine feindliche Stimmung.“ Kameraden hatten berichtet, dass die Luft im Gebäude und der Gestank – freundlich formuliert – unangenehm seien. In der Tat: Als ich am zweiten Tag morgens durch die Hallen gehe, ist die Luft zum Schneiden. Es riecht nach Schweiß und Körperausdünstungen. Es sind mitten in der Nacht über 350 Flüchtlinge angekommen, davon überproportional viele Frauen und Kinder. Sie schlafen teilweise noch. Duschen oder sich waschen konnten auch nur die wenigsten. Angesichts der Tatsache, dass mehrere hundert Menschen hier schlafen, hatte ich mir das aber noch schlimmer vorgestellt.

Eine Eskalation, Streitereien oder gar Gewalt habe ich an den zwei Tagen nicht beobachten. Dies lag sicher auch daran, dass die Einsatzkräfte und auch das Sicherheitspersonal in hohem Maße engagiert waren, um mögliche Konfliktsituation zu entschärfen. „Gib den Flüchtlingen was sie brauchen, dann hast Du Ruhe“, hat ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz zu mir gesagt. Am meisten geärgert hat uns wohl, dass die mühsam nach deutscher Norm und im Abstand von 30 Zentimetern aufgestellten Feldbetten und Liegen nach kurzer Zeit nicht mehr so akkurat standen, wie von uns ausgerichtet.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages waren Kameraden und ich zur Unterstützung des Aufbaus nach Kaiserlei verlegt worden. Ziel war es, bis zum Ende der Tagschicht zusätzliche Aufnahmekapazitäten zu schaffen, denn für den Abend bzw. die Nacht war die Ankunft von circa 400 Flüchtlingen angekündigt.

In einem ersten Schritt musste dazu eine Gruppe aus der großen Halle in den ersten Stock verlegt werden. Die Flüchtlinge dürfen ihre Betten nicht selbst tragen – und ihre Habe eigentlich auch nicht. Um die Betten nicht nochmals reinigen zu müssen, sollte eigentlich immer ein Soldat und ein Sprachmittler mit dem „Besitzer“ des Bettes und dem Bett nach oben gehen. Zwar war die Sprachmittlerin da, aber das Vorhaben scheiterte. Zu viel deutsche Gründlichkeit. Wir haben dann die Betten einfach nach oben getragen und die Mitglieder der Gruppe, offensichtlich eine oder mehrere Familien, haben die Betten untereinander verteilt. Danach waren noch einige Habseligkeiten unten. Diese Menschen haben nichts, verständlich, dass sie ihre wenigen Besitztümer horten. In Pappkartons oder Umzugskisten liegen dann angebrochene Nahrungsmittel neben schmutziger Wäsche und gebrauchten Taschentüchern. Wir würden eine solche Kiste komplett in den Müll werfen. Ich habe zwei Kisten einer alten Frau nach oben getragen. Mein Einwand, diese müssten sortiert und der Inhalt teilweise weggeschmissen werden, wurde zurückgewiesen. Die Frau wollte ihre Kisten, und mir half schließlich ein Mann aus der Gruppe beim Tragen. Bei der Arbeit haben wir alle Mundschutz getragen, und direkt danach habe ich mir die Hände und die Handschuhe desinfiziert. Das Desinfektionsmittel haben wir alle ständig benutzt – im Prinzip nach jedem Arbeitsvorgang be-nutzt.

Wie ist die Unterbringung organisiert? Kaiserlei ist eine große Gewerbeimmobilie mit weiten Hallen im Erdgeschoss. Rettungswege und Gänge bleiben frei. Ansonsten hat man die verschiedenen großen Räume behelfsmäßig mit Absperrgittern in Quadrate oder Rechtecke eingeteilt. An einigen Stellen stehen statt der hüfthohen Absperrgitter auch Bauzaunelemente, die mit einer schwarzen Plane als Sichtschutz bespannt sind. Die gibt es aber nicht überall. In den einzelnen Planquadraten stehen zwischen 30 und 60 Feld-betten oder Liegen. Privatsphäre gibt es nicht.

Als wir die neuen Bettenkapazitäten aufbauen sollen, stellen wir fest: Es gibt auch keine Feldbetten mehr. Wer die Feldbetten der Bundeswehr kennt, der weiß, dass sie schlicht und einfach sind, man aber durchaus gut darauf schlafen kann. Nun haben wir Liegestühle geliefert bekommen, die zwar ein höhenverstellbares Kopf- und Fußteil haben, aber so instabil sind, dass wir schon beim Aufbauen fluchen. Wie soll ein Mensch darauf schlafen? In der Tat werden wir nach der ersten Nacht gleich eine große Zahl wieder aussortieren, weil sie defekt sind. Es hilft aber nichts. Wir bauen also die hellblauen Liegestühle auf und rücken die Absperrgitter zurecht. Wir kommen gut voran. Bis zum Abend werden die gut 400 Liegestühle aufgebaut sein.

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Ab und an ist unter den hellblauen Liegestühlen auch welche in gelber oder in roter Farbe. Ich habe in meiner Kiste gerade wieder so einen „Glücksgriff“ und ziehe eine rote Liege aus dem Karton. Ich versuche gerade verzweifelt sie aufzubauen, als ein kleines braunhaariges Mädchen mir an der Uniformhose zieht. Sie schaut mich aus großen Augen an, zeigt auf die rote Liege und dann auf den nächstgelegenen Bereich, in dem sie mit ihrer Familie wohl untergebracht ist. Ganz offensichtlich möchte sie gerne eine solche rote Liege haben. Ich bin hin- und hergerissen. Es hieß ganz klar: Keine Extrawünsche erfüllen, gleiche Regeln für alle. Wenn wir mehr Material ausgeben als nötig, dann kommen alle und wollen mehr oder haben ebenfalls Wünsche, die sie vorbringen. Ich schüttele also den Kopf und erkläre ihr auf Deutsch, dass sie die Liege nicht haben kann. Dabei komme ich mir blöd vor, weil ich mich vor dem Kind rechtfertige. Aber wahrscheinlich habe ich einfach das Gefühl, dass an dieser Stelle die Regel albern ist. Soll sie doch eine rote Liege bekommen. Am Ende bin ich dann wahrscheinlich aber doch zu deutsch und zu sehr Soldat: Die rote Liege bleibt an ihrem Platz. Wenig später, als wir den Bereich, in dem das Mädchen „wohnt“, mit zusätzlichen Liegen auffüllen, kommt das Kind zu seinem Recht. Ich ziehe wieder eine rote Liege aus dem Karton. Diese ist genauso instabil und untauglich wie die anderen, aber sie strahlt übers ganze Gesicht, als ich sie ihr hinstelle.

Nachdem wir fertig sind, beschaue ich mir die Kleiderkammer in Kaiserlei, in der auch Kameraden aus unserer Kompanie Dienst tun. Dort treffe ich einen Mann vom DRK aus Offenbach. Er war schon in Frankfurt im Einsatz und erzählt uns von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Man merkt, dass er seine Aufgabe mit unheimlich viel Leidenschaft ausübt. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er berichtet. Eine Geschichte folgt auf die nächste. So erzählt er von dem Streit mit dem Caterer. Vier Tage in Folge hätte es Käsenudeln gegeben. Angeblich wäre die Küche nicht in der Lage gewesen, für eine so große Zahl an Menschen verschiedene Speisefolgen bereitzustellen, so die Ausrede. Wahrscheinlich hat der Caterer mit den Käsenudeln aber nicht nur am wenigsten Arbeit, sondern auch noch am meisten verdient. Entsprechend war die Stimmung in der Einrichtung unter den Flüchtlingen am vierten Tag. Er habe sich, so der Mann vom Roten Kreuz, so deutlich beschwert, dass am Ende das Rathaus in Offenbach bei ihm angerufen habe. Es läge eine Beschwerde über ihn vor. Nach Schilderung des Sachverhalts hätte es dann besseres und vor allem abwechslungsreiches Essen gegeben.

Mich hatten bereits bei meinem ersten Rundgang durch Kaiserlei die vielen, von Kindern gemalten Bilder beeindruckt. Der DRK-Mann erzählt uns, dass sie eigentlich vorhatten, das Jugendrotkreuz mit den Kindern in den Einrichtungen malen zu lassen. Sie haben dann davon Abstand genommen, nachdem anhand der Bilder deutlich geworden ist, wie schwer traumatisiert offenbar viele Kinder sind. Waffen, untergehende Schiffe, abgetrennte Körperteile sind auf vielen Bildern zu sehen – und eben nicht nur fröhlich flatternde Deutschlandfahnen. Man bekomme eine Ahnung davon, so meinte er, was diese Kinder erlebt haben. Dies sei wiederum auch für die deutschen Kinder nicht ohne Risiko, und darum müsse man dringend überlegen, wie man den Flüchtlingskindern helfen könne.

Wie alle anderen auch ist er mit seiner Mannschaft bis zur Belastungsgrenze beansprucht. Wie jeder, der regelmäßig hilft, erzählt er Geschichten von 36-Stunden-Schichten und komplett verschlafenen freien Tagen. Trotzdem strahlt er einen Willen und eine Klarheit aus, so dass ich ihm noch lange hätte zuhören können. Dann kommen aber die nächsten Flüchtlinge in die Kleiderkammer.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach III

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

So viel Hilfsbereitschaft.

Besonders beeindruckt hat mich nicht nur die Professionalität, die Improvisationsfähigkeit und die Einsatzbereitschaft, sondern auch die Hilfsbereitschaft, die man überall erleben konnte.

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung in Offenbach ist so groß, dass die Hilfsorganisationen die Spenden nicht mehr annehmen können, weil keine Lagermöglichkeiten vorhanden sind. Die Stadt Offenbach, die für diesen Zweck eine Kraft abgestellt hat, registriert daher die Spender namentlich inklusive der bereitgestellten Spenden und telefoniert dann im Bedarfsfall. Als ich vor der Turnhalle der Edith-Stein-Schule warte, kommt ein Ehepaar und will mehrere Kisten Kleidung abgeben. Ich verweise sie auf den angeschlagenen Aushang der Stadt Offenbach. Sie wollen sich an die Stadt wenden. Kein böses Wort, keine Enttäuschung. Und die getroffene Regelung macht Sinn. Sicherlich waren in den Säcken auch Dinge, die für die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule gut geeignet gewesen wären, aber angesichts des großen Bedarfs müssen alle Ressourcen sinnvoll eingesetzt.

Am zweiten Tag reduziert sich die Kleiderauswahl in der Kleiderkammer in Kaiserlei. Die neu angekommenen Flüchtlinge brauchen Schuhe und hier und da auch Handtücher oder einen Pullover. Wir holen in Dietzenbach und in Offenbach im Kleiderladen des DRK bereitgestellte Kleidung ab. In Dietzenbach schließt uns eine ältere Frau den Laden auf, in Offenbach steht ein Paar, beide schwerstens tätowiert, im Laden und erwartet uns. Sonst haben sie wahrscheinlich mit der Bundeswehr nicht viel am Hut. Aber wir verstehen uns ohne Probleme. Alles geht reibungslos vonstatten, und wir sind nach zwei Stunden zurück in Kaiserlei.

Ein echtes Problem scheint mir die Gesundheitskontrolle. Am zweiten Tag nehmen wir noch einmal über 20 Flüchtlinge, die mit dem Bus gebracht werden in der Turnhalle der Edith-Stein-Schule auf. Es stellt sich schnell heraus, dass einige krank sind. Es ist nicht möglich, zu klären, was genau sie haben. Aufgrund dessen müsste eigentlich der ganze Bus in Quarantäne. Ich kann nicht verfolgen, was mit ihnen geschieht, denn ich muss zurück nach Kaiserlei. Dort deponieren wir die geholte Kleidung im Zentrallager.

Zwischendurch gehe ich vor die Tür. Frische Luft schnappen. Direkt vor der Tür stehen auch die Raucher. Neben dem Aschenbecher liegen die weggeschmissenen Armbänder, mit deren Hilfe die Flüchtlinge gezählt werden. Registrierung kann man das – wie gesagt – nicht nennen. Die Flüchtlinge schmeißen sie weg, wenn sie weiterziehen. Ich denke an die Sprachmittlerin, die mir erklärt hat, dass viele Flüchtlinge fragen, wo sie registriert werden würden. Andere wollen aber weiter – nach Nordeuropa oder in andere Einrichtungen, vielleicht auch zu Familienmitgliedern. Unterbringung, Versorgung und Registrierung miteinander zu koppeln, scheint mir die Hauptaufgabe zu sein.

Wir schaffen das.

Ich habe Helferinnen und Helfer, Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze erlebt. Und natürlich hat auch mal einer gemeckert. Aber am Ende haben alle mehr als ihre Pflicht getan. Alle wissen, dass das eine außergewöhnliche Herausforderung ist. Und manch einer will auch dabei sein, wenn etwas wirklich Historisches passiert, so mein Eindruck, und seinen Teil zum Gelingen beitragen. Viele wachsen über sich hinaus. Viele fragen, wie lange das noch gut geht. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass trotz des Drucks und der Belastung manche diese Situation fast als befreiend empfunden haben. Ein Soldat sagte zu mir: „In einer Bundeswehr, die so überreguliert ist, dass schon das bloße Dasit-zen ein Dienstvergehen darstellen kann, habe ich endlich einmal wieder das Gefühl, et-was Sinnvolles zu tun. Das hatte ich lange nicht mehr.“

Gelobt wird allgemein der neue Ansatz, die Koordinierung der Flüchtlingspolitik aus dem Kanzleramt sicherzustellen. Parallel wird eine entsprechende fehlende Struktur auf Länderebene bemängelt. Dort würden zu oft Institutionen nur in eigenen Aufgabenbereichen denken. In den Flüchtlingsunterkünften habe ich das so nicht erlebt, aber es ist sicher demotivierend, wenn man auf der nächsthöheren Ebene solche Erfahrungen macht. „Wir spielen Normalität, obwohl es nicht die Normalität gibt“, sagt einer. Offen-sichtlich funktioniert auch der Austausch über die Landesgrenzen hinweg auf der Arbeitsebene. Man kennt sich in den Hilfsorganisationen und in der Bundeswehr und tauscht sich privat untereinander aus. In Hessen funktioniere es noch verhältnismäßig gut, obwohl auch hier ein entsprechender zentraler Lenkungsstab dringend geboten wäre, so sagen manche. „Wir brauchen auch in Hessen einen Altmaier“, heißt es. Mit Blick auf die Länder sprechen manche von „systemischem Versagen“. Die Bundeswehr übernehme teilweise Aufgaben, für die das Land zuständig sei, weil die Innenminister überfordert sind. Die Truppe zählt und meldet die Zahl der Flüchtlinge an die Behörden. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, aber so wird gesprochen.

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Angeregt wird auch eine strukturierte Befragung in den Einrichtungen, um eine Lagebild zur Stimmung und Motivation unter den Flüchtlingen zu gewinnen. Die Instrumente dafür seien vorhanden – durch Sprachmittler, ehrenamtliche Helfer und Soldaten mit einer Einwanderungsgeschichte. Das Beispiel des Stabsunteroffiziers Abudi Akil ging durch die Presse. Der Einsatz solcher Kräfte ist nicht nur vor Ort sinnvoll. Bislang allerdings werden die dadurch gewonnenen Informationen in keiner Weise genutzt, um sie zusammenzubinden und damit zu arbeiten.

In den Pausen sitzen wir beisammen und reden. Auch mit den Kräften des Arbeiter-Samariter-Bundes, die ebenfalls in Kaiserlei eingesetzt sind. Einer sagt irgendwann, dass man hier doch merke, wie degeneriert und selbstbezogen unser Land sei. Das ist zumindest mit Blick auf die Einsatzkräfte vor Ort ein ungerechtes Urteil. Denn die helfen ja und packen mit an. Aber ich verstehe, was er meint. Was wir gerade erleben ist nicht nur eine Herausforderung für unser Land von außen. Es ist auch eine Herausforderung an uns selbst. Sind wir bereit, die Veränderungen in der Welt anzunehmen? Schaffen wir es, Probleme anzugehen und nicht nur zu beschreiben? Entwickeln wir den notwendigen Gemeinsinn und sind bereit zurückzustehen für andere und für unser Land? Nur wenn wir diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann ist der Satz von Angela Merkel richtig: „Wir schaffen das.“ Genügend Ressourcen haben wir. Die Frage ist, ob wir wollen.

Ein anderer seufzt: „Wann verstehen wir endlich, dass wir die Probleme der Welt nicht mit der hessischen Gemeindeordnung lösen können.“

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Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach I

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Einschleusung und Dienstbeginn.

Ich schlage am Freitag früh beim Gefechtsstand der RSU-Kompanie Südhessen auf, der in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Rumpenheim untergebracht ist. Die über 40 Kameraden sind bereits im Einsatz. Die Kompanie stellt zwei Züge und wechselt sich in zwei Schichten mit der „Nord“ ab, wie wir die RSU-Kompanie Nordhessen kurz nennen. Derzeit sind in zwei Schulturnhallen und in einer großen Gewerbeimmobilie Flüchtlinge untergebracht. Der Auftrag für den Tag lautet: Räumung der Schulturnhalle der Anne-Frank-Schule, die ab Montag wieder dem Schulbetrieb zur Verfügung stehen soll, Verlegung der Flüchtlinge nach Kaiserlei und dort Aufbau weiterer Kapazitäten.

Die Kameraden berichten, in der Schulturnhalle sei „ein ganzes afghanisches Dorf“ mit 80 Personen untergebracht. Diese sollten zusammen bleiben. Es seien Familien und viele Kinder. Die Männer, die in der Nacht bereits Dienst getan haben, bekommen zwei Stunden Ruhe, um dann um 12.30 Uhr in die Schule aufzubrechen, um die Räumung durchzuführen. Bis dahin würden Busse die Flüchtlinge nach Kaiserlei bringen. Ein Trupp, dem ich zugeteilt bin, verlegt direkt in die Schulen, die sich in unmittelbarer Nä-he zueinander befinden. Dort sind auch Kräfte des THW, der Feuerwehr und des DRK vor Ort. Hinzu kommen Reinigungspersonal und ehrenamtliche Sprachmittler, die vom DRK koordiniert werden.

Flüchtlinge 04

Wir erhalten eine Einweisung. Aus Sicherheitsgründen wird befohlen, die Namensschilder abzunehmen. Außerdem erhält jeder zusätzliche Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig Hände und Handschuhe zu desinfizieren. Ich habe keine entsprechende Impfung bzw. auch keinen ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweis) für den Küchendienst und kann daher nicht bei der Essensausgabe eingesetzt werden. Der Spieß bereitet uns auf ein unklares Lagebild vor Ort vor. Man wisse nicht, woher die Flüchtlinge kommen und wann sie eintreffen. Bis zum Abend müsse aber in Kaiserlei die geforderte Aufnahmekapazität bereitstehen.

Aufsitzen. Wir verlegen an die Schulen. Die Turnhalle der Anne-Frank-Schule wird bereits geräumt. Einige verbliebene Flüchtlinge stehen mit ihren wenigen Habseligkeiten, die sie mal in einem Koffer, mal nur in einem blauen Müllsack bei sich tragen, an der Bushaltestelle und warten. Auch Schülerinnen und Schüler warten auf den Schulbus. Fast alle haben eine Einwanderungsgeschichte, manche Mädchen tragen Kopftuch. Was wissen die einheimischen Schülerinnen und Schüler über die Namensgeberin der Schule, die ja selbst ein Flüchtling war? Nur an der Kleidung und weil sie getrennt voneinander stehen und die Schülerinnen und Schüler die Flüchtlinge neugierig beäugen kann man einen Unterschied erkennen.

In der Turnhalle hängen noch von den Kindern gezeichnete Bilder an der Wand. Viele Kinder haben Deutschlandfahnen gemalt. Ich glaube kaum, dass deutsche Kinder so oft unsere Farben malen. Was denken sich diese Kinder dabei? Was verbinden sie mit Deutschland? Was haben ihre Eltern ihnen erzählt?

Wir beseitigen die Unordnung, die sich allerdings in Grenzen hält. Es sind Reste der dort ausgegebenen Hygiene-Mittel, Kleidung und Getränke so wie Lebensmittel im Kühl-wagen. Alles wird in die Schulturnhalle der Edith-Stein-Schule schräg gegenüber gebracht. Das ist der erste Auftrag. Dann kommen die Kameraden hinzu, die nur zwei Stunden Ruhe hatten. Sie tragen die Feldbetten hinaus, desinfizieren sie, reißen die Plastikplanen mit denen der Hallenboden abgeklebt war, hinaus, damit die Putzkolonne ans Werk kann. Jemand von der Berufsfeuerwehr Offenbach hat die Leitung übernommen. Die Kameraden sollen danach eigentlich noch nach Kaiserlei, um dort beim Aufbau zu unterstützen. Doch die Leitung entscheidet anders und schickt sie zurück in die Unterkunft, damit sie ausschlafen. Ein Teil unseres Zuges übernimmt. Ich werde später gemeinsam mit drei Kameraden zur Unterstützung nach Kaiserlei abrücken. Während die Männer die Halle wieder so herrichten, dass sie ihrem ursprünglichen Zweck dienen kann, bringe ich gemeinsam mit einigen Kameraden das Material und die Lebensmittel in die benachbarte Halle.

„Milch und Zucker. Dann haben wir Frieden.“

In der Turnhalle der Edith-Stein-Schule ist gerade die Ausgabe des Frühstücks beendet. Von 8 bis 10 Uhr können die Flüchtlinge frühstücken. Ich begrüße die Kameraden. Bis jetzt klappt alles ganz gut. Ich laufe „normal“ mit und es gibt keinen „Politikerstatus“. So habe ich das gewollt, und das geht in der Bundeswehr besser als anderenorts. Die Uni-form und der Dienstgrad sortieren mich ein. Außerdem merkt man schnell, dass jede Hand vor Ort gebraucht wird. Es ist keine Zeit vorhanden, um Bilder zu stellen, wie das so oft geschieht, wenn man als Politiker vor Ort die Lage „inspiziert“. Ein Offizier schimpft deswegen auch. Er habe gehört, was man alles unternommen habe, bevor Gabriel die HEAE Gießen besuchte. Ein realistisches Bild habe Gabriel auf jeden Fall nicht vermittelt bekommen. Es stellt sich die Frage, ob man das dem SPD-Vorsitzenden vor-werfen kann. Auf jeden Fall hat mir der Offizierskamerad recht deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir erwartet: Einreihen, anpacken. Darum bin ich hier.

Vor Ort merkt man: Die Abläufe sind eingespielt. Die Ablösungen weisen sich gegenseitig ein. Es gibt auch keine „Reibereien“ zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und der Bundeswehr. Im Einsatz funktioniert die Zusammenarbeit. Ich stelle fest, dass unter den Kameraden auch zwei CDU-Mitglieder aus Hessen sind. Beide dienen in der RSU-Kompanie und machen nun hier Dienst anstelle der geplanten militärischen Übung. Einen weiteren Kameraden kenne ich von der Universität. Er hat bei mir studiert. Wir freuen uns über das unerwartete Wiedersehen. Auch mit den anderen Kameraden ist es unkompliziert. Manche waren schon im Auslandseinsatz, andere sind schon lange als Reservisten engagiert und der Bundeswehr verbunden. Sie helfen also nicht nur angesichts der Not der Flüchtlinge. Sie helfen, weil die Bundeswehr sie braucht.

Die Flüchtlinge haben alle ein buntes Armband mit einer Nummer bekommen. Anhand des Armbandes wird festgestellt, wer verpflegt wurde. Das ist offensichtlich die einzige Liste, die wir führen. Eine Registrierung der Flüchtlinge erfolgt hier nicht. Ich habe zwar in den zwei Tagen in Kaiserlei auch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums gesehen, aber ob und wann die Flüchtlinge ordnungsgemäß erfasst wurden kann, ich nicht sagen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Registrierung stattfindet. Aber offensichtlich ist geplant, Kaiserlei zu einer Außenstelle der HEAE Gießen zu machen und dort dann auch Mitarbeiter des BAMF zur Registrierung der Flüchtlinge einzusetzen. So hört man es zumindest. Die Einsatzkräfte haben aber auch so schon alle Hände voll zu tun, um nur den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten wollen: Es geht um die Unterbringung, die Versorgung mit dem Notwendigsten.

Auch wir konzentrieren uns auch auf unseren Auftrag. So erhalten die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule aus einer improvisierten Kleiderkammer bei Bedarf ein neues Paar Socken, ein Handtuch oder andere Kleidungsstücke. Wir betreuen diese Kammer, die in einem Nebenraum der Turnhalle untergebracht ist. Öffnet man dort die Tür, dann kann man sicher sein, dass sich sofort in eine Traube von Menschen bildet. Jeder fragt nach etwas anderem. Bei den Socken sind vor allem weiße Socken gefragt. Das scheint eine Geschmacksfrage zu sein. Die Flüchtlinge besitzen wirklich nur die Dinge, die sie am Leibe tragen. Manche haben einen Rucksack. Feste Schuhe haben nur die wenigsten. Viele sind mit Flipflops unterwegs. Wie sie den Weg zurückgelegt haben ist schwer vorstellbar. Bei Ankunft erhalten sie neben einem medizinischen Check, den das Rote Kreuz durchführt, auch eine „Erstausstattung“. Das ist ein Plastiksack, in dem einige wenige Dinge enthalten sind: u.a. eine Rolle Klopapier, ein Handtuch, eine dünne Decke, Hygieneartikel. Es ist nicht viel.

Tagsüber sitzen die Familien und die Gruppen beieinander. Die Kinder fragen immer wieder nach Bällen. Manche haben Stofftiere. Draußen vor der Halle spielen einige Fuß-ball. Ständig belagert sind die Steckdosen, an denen alle ihre Smartphone aufladen. Und ständig wird telefoniert. Eine Sprachmittlerin hat mir erzählt, dass die Flüchtlinge nicht nur Kontakt mit Verwandten halten, sondern es auch darum geht, herauszufinden, wo welche Unterkünfte vorhanden sind, in welchem Zustand diese sind, wie das Essen ist und – ganz wichtig – wo man registriert werden kann. Denn offensichtlich wollen viele sich ordnungsgemäß registrieren lassen. Sie haben verstanden, dass das die Grundlage für ihren Aufenthalt und geordnete Verhältnisse in Deutschland ist. Andere, die weiter wollen, verzichten genau aus diesem Grund auf eine Registrierung, bzw. versuchen, dieser aus dem Weg zu gehen.

Zwischen den festen Essenszeiten gibt es Kaffee und Tee sowie Wasser und Milch für die Flüchtlinge. Wir füllen regelmäßig auf. Würfelzucker ist besonders gefragt. Wir können gar nicht so viel Zucker nachlegen wie genommen wird. „Solange genug Milch und Zucker da sind, haben wir hier Frieden“, lacht ein Kamerad. Und in der Tat. Die Kinder kommen und werfen sich drei Stück Zucker in ihre Milch. Manche Männer nehmen auch einfach einige Zuckerwürfel und schieben sich diese grinsend in den Mund. Und wieder legen wir eine Packung nach, denn die vorherige ist nach nicht mal einer Viertelstunde leer.