Danke Bundeswehr!

Demnächst verlassen die letzten Wehrpflichtigen die Kasernen der Bundeswehr. Bei mir als Reserveoffizier schwingt da auch ein bisschen Wehmut mit. Ich gestehe, dass für mich dabei nicht so sehr die allgemein diskutierten Fragen der Wehrform im Allgemeinen, Aspekte der Nachwuchsgewinnung oder gar die Wehrgerechtigkeit eine Rolle spielen. Mich leiten beim Aussetzen der Wehrpflicht eher persönliche Erfahrungen und Eindrücke. Wie war das bei mir? Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich während meines Wehrdienstes unzählige dieser Momente, in denen ich mich gefragt habe, was ich hier eigentlich tue. Auch ich hatte Diensttage, an denen das Prinzip „Die meiste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens“ galt. Auch ich hatte Vorgesetzte, bei denen ich an aus meiner Sicht unsinnigen Befehlen schier verzweifelt bin. Dennoch möchte ich diese Zeit nicht missen und empfinde es keineswegs so, dass ich hier meine Lebenszeit verschwendet hätte. Im Gegenteil. Ob man den eigenen Wehrdienst als eine sinnvolle oder gar schöne Erfahrung in Erinnerung behält oder als Zeitverschwendung empfindet, liegt wohl vor allem an einem selbst. Die Kameraden, mit denen ich gemeinsam gedient habe, kommen daher in der Rückschau heute zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Ich persönlich habe während meines Wehrdienstes mehr gelernt, als ein Hemd auf Din A4-Format mit einer abschließenden Knopfleiste zusammenzulegen oder ein Maschinengewehr in Rekordzeit zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Ich war einer dieser verwöhnten Abiturienten, über die ich später als Reserveunteroffizier und Ausbilder in der Grundausbildung regelmäßig verzweifelt bin, wenn sie mich als Rekruten zur Weißglut gebracht haben, weil sie entweder dumme Fragen stellten oder in Watte gepackt werden wollten. Ich war körperlich nicht sonderlich belastbar, bin Anstrengungen eher aus dem Weg gegangen, als mich ihnen zu stellen und hatte darüber hinaus vor dem Wehrdienst das wohlbehütete soziale Umfeld meines Gymnasiums, meiner Freizeitaktivitäten und meines Freundeskreises kaum verlassen. Man kann es schon als Kulturschock bezeichnen, wenn man dann mit damals noch acht Mann eine Stube teilen musste, von denen einer aus uns zunächst unverständlichen Gründen kein Bajonett ausgehändigt bekommen hatte, wenn die Zeit zum Mittagessen limitiert wird und Schlafmangel zu einem Ausbildungsprinzip erklärt wird.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich war sicherlich kein Vorzeigesoldat. Ich habe mich weder freiwillig gemeldet, wenn es um unangenehme Dienste am Wochenende oder andere Sonderaufgaben ging, noch hob ich mich in den Leistungen von den anderen ab. Nicht aufzufallen ist durchaus auch ein Prinzip, dem man folgen kann, wenn man den Weg des geringsten Widerstands sucht. Freilich funktioniert dies nur bedingt, selbst wenn „tarnen und täuschen“ ebenfalls auf dem Dienstplan steht. Aber ich habe an vielen Stellen im täglichen Dienst doch gelernt, dass man Herausforderungen oft nur gemeinsam meistert, und ich hatte den Eindruck, dass es einem Teil der Ausbilder doch eher darum ging, uns gewissen Erfahrungen, die man landläufig mit sozialer Kompetenz umschreibt, machen zu lassen, als das militärische Handwerkszeug zu vermitteln.

Ich habe es als ein zutiefst gutes Gefühl empfunden, wenn Kameraden mir halfen, ohne dass sie davon irgendeinen Vorteil hatten. Dieses Helfen ohne die Frage „Was bringt mir das denn persönlich?“ ist ja unserer Gesellschaft nicht allzu oft anzutreffen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das trifft wohl auf viele Erfahrungen, die Wehrdienstleistende zumindest in der Grundausbildung machten, ganz hervorragend. Wenn in den ersten Tagen die Ausbilder von Kameradschaft sprachen, dann haben wir uns oft nur mit hochgezogenen Augenbrauen angeschaut. Am Ende ging nichts ohne diese Kameradschaft. Das hatten wir schnell durchschaut, was nicht heißt, dass es auch bei uns Neid, Missgunst und andere Verhaltensweisen gab, die wir dann schnell als „unkameradschaftlich“ abqualifizierten.

Manch einer schaut ja heute befremdlich, wenn man dieses für mich wunderbare Wort Kameradschaft benutzt, um diese Form von Freundschaft, die an bedingungslose Hilfe bei Problemen und Schwierigkeiten geknüpft ist, zu beschreiben. Ich habe viele gute Erinnerungen an Momente, die ich alleine nicht gemeistert hätte, bei denen ich aber jemanden an meiner Seite wusste, der mir half, eine auf den ersten Blick ausweglose Situation zu meistern. Und ich vermisse dieses Gefühl in der angeblich der militärischen Gemeinschaft so überlegenen Zivilgesellschaft durchaus des öfteren.

Ich habe während meines Wehrdienstes viel über mich selbst gelernt. Und ich habe Kameraden getroffen, die ich heute als Freunde nicht mehr missen möchte. Wir waren und sind alle froh, dass wir unseren Dienst für Deutschland leisten konnten, ohne das anzuwenden, wofür man uns ausgebildet hat. Aber wir hätten wohl im Zweifel das Notwendige getan, um „Frieden und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, wie wir es gelobt haben. Ich wünsche der Bundeswehr auch künftig Soldaten, die bereit sind, tapfer zu kämpfen und die zugleich den Frieden lieben. Auf die Wehrpflichtigen der Bundeswehr darf Deutschland stolz sein. Diejenigen, die künftig freiwillig ihren Wehrdienst leisten, werden diese Tradition fortführen. Die aktuellen Zahlen belegen, dass es mehr junge Männer und auch Frauen gibt, die diesen Dienst leisten wollen. Das ist ein gutes Signal für die Bundeswehr und für die Bereitschaft, unserem Land in dem Sinne zu dienen, wie es Gneisenau und Scharnhorst damals formuliert haben, wenn es galt, deutlich zu machen, dass Frieden und Freiheit kein Geschenk sind, sondern jeden Tag aufs Neue errungen werden müssen. Und dass es Bürger braucht, die bereit sind, Frieden und Freiheit im Notfall mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

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