SCHWARZER PETER

Echte Helden tragen Uniform

Auf meiner Laufstrecke kam ich neulich an einem Plakat der Jugendfeuerwehr Gründau vorbei. Darauf zu sehen sind mehrere Jugendliche mit Shirts der bekannten Superhelden wie Batman oder Superman. Über den Shirts tragen sie ihre Feuerwehruniform. Dazu der Spruch: „Echte Helden tragen Uniform.“ So wirbt die Freiwillige Feuerwehr für Nachwuchs. Der Spruch hat mir gefallen. In der Tat kommt ja in einer Notsituation kein Superheld, sondern es sind die Helden von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten, die uns in ausweglosen und schwierigen Situationen zu Hilfe eilen.

Und natürlich gilt das auch für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Weil sie ihren Dienst tun, lebt unsere Nation seit Jahrzehnten in Frieden und Freiheit. Und übrigens werden jedes Jahr viele Männer und Frauen der Bundeswehr ausgezeichnet, weil sie bei Verkehrsunfällen zu Hilfe kommen oder einschreiten, wenn jemand bedrängt wird. Sie helfen und setzen sich auch außerhalb des Dienstes für andere ein. Ich hatte dieses Jahr das Glück, ganz viele Menschen kennenzulernen, die in der Bundeswehr Dienst tun. Die Geschichten, die ich dabei erlebt habe, lassen mich oft lange nicht los. Von einigen dieser Menschen möchte ich daher erzählen. Ihre Namen sind dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, was sie tun, welchen Geist sie leben und dass sie Vorbilder sind.

Im sportmedizinischen Zentrum der Bundeswehr in Warendorf mit Dr. Andreas Lison.

Auf einer der Standortreisen habe ich das sportmedizinische Zentrum der Bundeswehr in Warendorf besucht. Dort ist auch die Sportschule der Bundeswehr untergebracht. Neben den Spitzensportlern werden dort u.a. Soldaten betreut, die schwer erkrankt sind oder an den Folgen der Verwundungen bzw. Verletzungen, die sie während eines Auslandseinsatzes oder Manövers erfahren haben, leiden. Geleitet wird das Zentrum von Oberstarzt Dr. Andreas Lison. Viele in der Bundeswehr kennen seinen Namen. Er ist ein bisschen wie Captain Kirk. Der könnte auch längst Admiral der Sternenflotte sein, will aber nicht weg von Bord der Enterprise. So ist auch Lison. Schon bei seinem Vortrag habe ich gemerkt, wie sehr er für diese Einrichtung, maßgeblich von ihm aufgebaut, „brennt“. Wenn man ihm in die Augen schaut, dann sieht man, dass er viel erlebt hat und man sieht eine unglaubliche Güte und Warmherzigkeit. Man ist geneigt, ihm sofort blind zu vertrauen und ihm das Herz zu öffnen. Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis. Wie andere Dienststellen auch kämpft er mit zu wenig Personal und anderen Schwierigkeiten, aber er ist so positiv, motivierend, dass das regelrecht ansteckend ist. Als er mich dann begleitete und wir mit Sportsoldaten und mit Patienten sprachen, war ich wirklich berührt. Mit seiner Empathie, viel Einfühlungsvermögen und einer Ausstrahlung, wie ich sie bei einem Arzt selten erlebt habe, vermittelte er Ruhe, Zuversicht und ja so etwas wie Geborgenheit. Das ist sicherlich etwas, von dem gerade die an Leib oder Seele verletzten Soldaten gut gebrauchen können. Wir können froh sein, jemanden wie ihn an dieser Stelle zu haben.

Während der Standortreise am 19.09.18 in der Hindenburg Kaserne beim Panzergrenadierlehrbataillon 92. / Foto: Tobias Koch 

Auf den Besuch des Panzergrenadierlehrbataillons in Munster habe ich mich lange gefreut. Das kürzt man übrigens PzGrenLehrBtl ab. Ich mag die Panzergrenadiere. Meistens ziemlich direkt, nicht immer diplomatisch und sehr bodenständig. „Dran, drauf, drüber!“ wie der Schlachtruf ganz passend lautet. Unsere Kampftruppen besuche ich auch deshalb besonders gerne, weil ich selbst bei den Panzergrenadieren in Schwarzenborn meine Grundausbildung gemacht habe. Neben einem Gespräch mit dem Kommandeur über aktuelle Probleme und Fragen des Ausbaus der Infrastruktur. Danach wollten die Soldaten mit ihren Fähigkeiten und ihre Ausrüstung präsentieren. Wie unterschiedlich diese noch ist, wie viel wir noch beschaffen müssen, damit alle adäquat ausgerüstet sind, ist mir dabei bewusst geworden. Und im nächsten Jahr werden wir nicht alle Lücken füllen können, weil die Bundeswehr im Rahmen der NATO die VJTF stellt – einen Verband, der im Krisenfall schnell bereitsteht. Das verlangt von der ganzen Bundeswehr viel. Neben der Ausrüstung wollten mir die Männer noch den Schützenpanzer Puma „zeigen“. Ich bekam einen Hauptfeldwebel an die Seite gestellt, der mir den Panzer und die technischen Systeme erklärte. Der sieht so aus, wie man sich heute einen erfahrenen Hauptfeldwebel vorstellt. Bart, klarer und ruhiger Blick, erfahren und abgeklärt. Und zunächst etwas zurückhaltend. Ob er sich drauf freut, mir das alles zu erklären oder es als lästige Pflicht empfindet, weiß ich nicht. Zunächst scheinen alle aber eine klammheimliche Freude daran zu haben, mich in eine komplette Uniform zu stecken. So bekomme ich ein Gefühl, wie die Ausrüstung heute aussieht, was sie wiegt, aber auch was sie kann. Spannend ist das für mich allemal.

Ich klettere dann in kompletter Montur in den Puma. Man hatte nach kurzer Zeit den Eindruck, man sitzt in einem Computer mit Kanone, einem ziemlich robusten Computer. Der Hauptfeldwebel ist Berufssoldat. Seit 2003 dient er in der 2. Kompanie des Bataillons. Es ist – so kann man das wohl sagen – seine militärische Heimat. Und das merkt man ihm an. Ich saß neben ihm im Puma, nachdem ich etwas unbeholfen hineingeklettert bin und höre einfach zu. Je länger er redet, desto „entspannter“ wird die Situation. Wir sitzen da vorne im Schützenpanzer und er erklärt und erklärt. Kein Kommandeur, der zuhört, hinter uns nur ein weiterer Kamerad aus seiner Kompanie. Er spricht ganz ruhig, kennt jedes Detail. Weiß, was man noch besser machen könnte. Gerade bei der Bilddarstellung gibt es noch Optimierungsbedarf. Er versteht einfach sein Handwerk. Wenn es hart auf hart kommt, dann wünscht man sich so einem Mann neben sich, denke ich mir. Und neben der Ruhe, die er ausstrahlt ist da auch die Begeisterung. Man merkt ihm den Stolz an auf „seinen“ Schützenpanzer, seine Truppengattung. Als ich mich später verabschiede hat mich dieser Hauptfeldwebel schwer begeistert. Solche Männer brauchen wir. Und mit ihm und seinen Soldatinnen und Soldaten wäre ich gerne mal über den Übungsplatz gefahren und dann abgesessen.

Übergabe der „Herzdame“ in Niamey.

Auch schwierige Dinge wie die Einsätze der Bundeswehr bringen manchmal schöne Geschichten mit sich. So ist es auch auf meiner Einsatzreise nach Niger und Mali gewesen. Gestartet sind wir mit der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung nach Niger. Erstes Reiseziel war der Lufttransportstützpunkt Niamey: Ein Besatzungsmitglied fieberte der Reise besonders entgegen. Frau Hauptfeldwebel hatte sich zu diesem Flug gemeldet in der Hoffnung ihren Lebensgefährten, der seit vier Monaten dort als Kompaniefeldwebel Dienst tat, endlich wiederzusehen. In Niamey angekommen gab es die erste Überraschung: Unter anderem stand ein „Spieß“ in der Nähe des Flugzeugs für die Abholung bereit. Es stellte sich heraus, dass er natürlich nicht meinetwegen am Flieger war, sondern wegen der besagten Frau Hauptfeldwebel. Am Abend erzählte mir ein Kamerad, dass wir durch die Reise in den Niger ein junges Paar sehr glücklich gemacht hätten. Wenigstens für eine halbe Stunde konnten die beiden die viermonatige Trennung über 4500 Kilometer hinweg überwinden.

Am Tag darauf besuchte ich den Lufttransportstützpunkt in Niamey und unsere Soldaten. Im Gespräch mit besagtem Spieß wusste ich bereits von der Geschichte. Wir machten ein gemeinsames Selfie, mit dem ich seine Lebensgefährtin am Ende der Reise überraschen sollte. Darüber hinaus gab mir der „Spieß“ eine Spielkarte mit der Herzdame sowie einer persönlichen Botschaft mit auf den Weg, um sie seiner Angebeteten zu überreichen. Diesen Botendienst habe ich gerne übernommen. Am Freitag sollte es dann zurück nach Deutschland gehen. Frau Hauptfeldwebel M. wurde von uns vor das Flugzeug zitiert. Ich zeigte ihr das Bild von ihrem Lebensgefährten und mir. Gut gelaunt übergab ich ihr dann die „Herzdame“ mit dem Liebesgruß. Die Freude war riesengroß.

Gemeinsam mit Björn Schreiber.

Immer wieder treffe ich Menschen, die sich einem ganz besonderen Thema verschrieben haben. So sehr, dass man sich schon fragt, was derjenige eigentlich sonst in seinem Leben macht. Einer dieser Menschen ist Björn Schreiber. Wir kennen uns durch die Politik. In den letzten Jahren haben wir uns immer mal wieder ausgetauscht. Da wusste ich schon, dass Björn sich sehr für die Soldaten engagiert, die aus dem Auslandseinsatz zurückkommen, und sein Blick gilt vor allem denen, die dabei einen Schaden an Leib oder Seele erfahren haben. Bevor ich Staatssekretär wurde war das nur am Rande ein Thema zwischen uns. Häufiger ging es darum, dass er mich kritisierte für meine Arbeit als Generalsekretär der CDU. Ich habe gegengehalten. Aber wir waren nicht immer einer Meinung. Ich glaube sogar eher selten. Und ich hatte nicht die Zeit und manchmal auch nicht die Lust, ihn zu überzeugen.

Jetzt begegnen wir uns wieder, weil er sich – wie könnte es anders sein – immer noch im Bund Deutscher EinsatzVeteranen engagiert. Ich fand sein Engagement damals schon gut, heute begeistert er mich. Was ist heute anders? Ich habe nicht nur Gelegenheit, seine Arbeit für die Veteranen näher zu verfolgen. Mir ist auch klar geworden, dass er Erwartungshaltungen von verschiedenen Seiten aushalten muss und aushält. Und wahrscheinlich geht das allen so, die sich mit ihm dort engagieren. Es gibt seitens vieler Veteranen eine Erwartungshaltung gegenüber dem Dienstherrn, die dieser nicht immer erfüllt, vielleicht auch nicht erfüllen kann. Björn trägt die Belange und Vorschläge trotzdem immer wieder vor, sucht das Gespräch, bleibt freundlich und verbindlich. Er hat eben die politische Erfahrung und weiß, dass es das Bohren dicker Bretter bedeutet, wenn man etwas erreichen will. Und wahrscheinlich ärgert er sich oft genug, weil manche Dinge im Sinne der Veteranen nicht schnell genug vorangehen und manchmal ärgert er sich, weil er für seine Art, auch kleine Schritte positiv zu bewerten, intern Kritik erfährt. Anderen geht es eben nicht schnell genug. Und vielleicht sehen sie in dem Moment nicht, was er und andere leisten. Er bleibt trotzdem am Ball, ganz einfach, weil es ihm um die Sache geht. Das ist bewundernswert und verdient nicht nur Anerkennung, sondern Unterstützung.

Mein Dank geht dieses Jahr natürlich nicht nur an Björn und die anderen genannten Personen. Ich danke allen, die mir begegnet sind und die dabei für mich ein Licht angezündet haben im übertragenen Sinne. Als Vorbilder, als gute Menschen, als Personen, die etwas tun, damit diese Welt besser wird. Ich zähle auf Euch 2019. Ich hoffe, ihr werdet mehr, damit wir denen, die nur meckern, die alles schlecht reden, denen es am Mitgefühl mangelt, etwas entgegensetzen. Lasst uns das fröhlich tun. Immer an Gorch Fock denken. Der hat einmal gesagt: „Fröhlichkeit ist nicht die Flucht vor der Traurigkeit, sondern der Sieg über sie.“ Bleiben wir fröhlich. Und danken wir den echten Helden ob in Uniform oder ohne.

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