Adenauers Vermächtnis: Europa ist wie ein Baum

Angesichts des Brexits, der Staatsschuldenkrise in Europa, des Rückbaus demokratischer Rechte in manchen osteuropäischen Staaten, des aggressiven Auftreten Russlands und der neuen US-Administration steht das vereinte Europa vor neuen Herausforderungen. Es hat manchmal den Anschein, als habe sich in der Bevölkerung eine gewisse Europa-Müdigkeit breitgemacht. Viel ist von anti-europäischen Populisten zu lesen, und immer wieder wird die europäische Bürokratie kritisiert.

Europa ist viel mehr als die Institutionen der Europäischen Union. Was muss unsere Antwort auf die Kritik an Europa sein? Was ist die große Erzählung, die uns alle verbindet? An welchem Europa wollen wir festhalten? Was ist die Antwort der CDU? Einer der größten deutschen Europäer, Konrad Adenauer, hat uns die Richtung gewiesen, in die Christdemokraten dieses Europa weiterdenken sollten. Vor 50 Jahren ist der erste deutsche Bundeskanzler gestorben. Ein guter Zeitpunkt, sich an sein europäisches Vermächtnis zu erinnern.

Europa als Bündnis des Friedens war Konrad Adenauer wichtig. Seine deutsche und europäische Identität waren für den überzeugten Rheinländer stets eins. „Ich bin Deutscher und bleibe Deutscher, aber ich war auch immer Europäer und habe als solcher gefühlt.“ So hat er es einmal formuliert. Die Einheit Europas war für ihn auch immer untrennbar mit der Einheit Deutschlands verbunden.

Den Nationalstaat hielt Adenauer nicht für obsolet, aber er war bereit, wiedergewonnene Souveränität aufzugeben, um den Deutschen gerade dadurch ein bisher nicht gekanntes Maß an Frieden, Freiheit und Wohlstand zu ermöglichen. Er war überzeugt: „Kein europäisches Volk ist allein in der Lage, sich militärisch zu schützen oder wirtschaftlich zu entwickeln. Bestünde man darauf, in der heutigen Welt die traditionellen Begriffe des Nationalismus hochzuhalten, so bedeutete dies die Aufgabe Europas.“ Heute sind es Rechtspopulisten, die die Menschen glauben machen wollen, Europa gefährde ihren Wohlstand und ihre Sicherheit. Dabei ist es genau umgekehrt: Die Europäische Union und der Souveränitätsverzicht der Nationalstaaten hat eine bisher in der europäischen Geschichte ungekannte Epoche des Friedens möglich gemacht.

Zwei Weltkriege und der innere Zusammenbruch Deutschlands führten für Adenauer zu der Erkenntnis, dass es ohne ein vereintes Europa keine Garantie für dauerhaften Frieden auf dem Kontinent geben könne. Doch Adenauer war sich ebenso bewusst, dass sich Europa nicht wie ein Haus bauen lassen würde. „Man bestellt soundso viel Beton, Sand, eiserne Träger usw., hat einen Plan und fängt an zu arbeiten. Europa, das ist eher wie ein Baum, der wächst, der eine Schicht nach der anderen ansetzt, der aber nicht konstruiert werden kann“, so der Kanzler im Jahr 1960. Dieses Bild passt auch gut zu den heutigen Zeiten. Ein starker Baum trotzt dem Sturm eher als manch ein auf Sand gebautes Haus.

Die Wurzeln dieses Baumes sind das Vermächtnis Adenauers. 1951, nur sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, legte er mit anderen europäischen Staatsmännern aus Frankreich, Italien und den Beneluxstaaten den Grundstein für die Europäische Union. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ermöglichte den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder. 1957 unterzeichnete der deutsche Kanzler die Römischen Verträge, mit denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft geschaffen wurde. Deren Prinzipien – freier Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr – sind bis heute tragende Säulen des europäischen Projekts. Die vier europäischen Freiheiten sind unteilbar, und sie dürfen nicht relativiert werden.

Nach über 70 Jahren Frieden und Wohlstand, nach dem Kalten Krieg und der errungenen Wiedervereinigung wissen wir heute, dass Konrad Adenauer mit seinen Visionen für den Weg zu einem vereinten Europa Recht behalten hat. Die europäische Integration ist das größte zivilisatorische Projekt des 20. Jahrhunderts. Für Adenauer war dieses Europa nicht nur eine Herzensangelegenheit und ein Friedenswerk. Viel früher als andere erkannte er, dass der Einfluss der europäischen Nationen ohne das vereinte Europa marginalisiert werden würde: „Die Gefahr, in der die europäischen Völker schweben, wird klar, wenn man die Verteilung der Macht auf der Erde prüft und dabei feststellen muss, mit welcher Schnelligkeit der Verlust der europäischen Länder an Macht schon fortgeschritten ist.“

Adenauer hat dieses Europa immer in Verbindung mit der transatlantischen Partnerschaft gedacht. Und auch hier sind seine Worte mahnend und visionär zugleich, wenn man sieht, vor welchen Herausforderungen die NATO und die deutsch-amerikanische Freundschaft heute stehen. Dem Alten aus Rhöndorf war bewusst, dass gerade das Besinnen auf die eigene Stärke die Grundlage für ein dauerhaftes Bündnis des freien Europas mit den Vereinigten Staaten sein muss.

„Das eine ist, wir müssen alles tun, damit Amerika Europa nicht aufgibt. Und auf der anderen Seite: wir müssen alles tun, damit die Einigung Europas vorankommt. Das ist die große Aufgabe, die wir Europäer haben“, so Adenauer. Und unglaublich aktuell mutet auch seine Analyse mit Blick auf die Bereitschaft der Amerikaner, ihren Beitrag zum Funktionieren dieses Bündnisses zu leisten, an: „Wenn dieses Europa nicht den Willen zeigt, sich zu einer Einheit zusammenzufinden (…), dann liegt doch die Gefahr außerordentlich nahe, dass der verantwortliche Mann in den Vereinigten Staaten sagt: ‚Mehr als ich getan habe, kann Amerika nicht tun. Dann muss Europa sehen, wie es selbst fertig wird.’“ Angesichts der Aktualität dieses Satzes, mancher Uneinigkeit der Europäer und der Haltung des neuen US-Präsidenten erschrickt man fast.

Unsere Verpflichtung gegenüber Adenauer bleibt es, jeden Tag aufs Neue für diese Idee Europas zu kämpfen. Das bedeutet aber nicht, einfach mehr Geld nach Brüssel zu überweisen, wie es der SPD-Außenminister fordert. Die vorhandenen Mittel müssen vor allem effektiv eingesetzt werden. Dabei kann die EU in der Tat besser werden. Dass viele Menschen aller Unkenrufe zum Trotz begeistert von der Idee Europas sind, zeigt sich derzeit jeden Sonntag: bei den „Pulse of Europe“-Demonstrationen überall in unserem Land. Europa ist eine Herzensangelegenheit. Das war so für Konrad Adenauer – und das ist Europa für uns Christdemokraten heute.

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