Wenn das kleine Ammerland im großen Berlin auf Sendung ist

Der Morgen danach, ich fühle mich ausgelaugt. Wie nach einer guten Party; gestern Abend noch total geflasht von dem tollen Erlebnis – heute haben die Aufregung und Anspannung nachgelassen und ich muss erst einmal Luft holen.

Jedesmal ärgere ich mich kurz vor einer neuen Veranstaltungsform über mich selber – warum habe ich nur wieder gemeint, eine vermeintlich gute Idee auch gleich in die Tat umsetzen zu müssen? Ich könnte heute Abend so schön auf dem Sofa liegen und einfach mal nichts tun.

Statt dessen: ich habe vor 9 Tagen über meine Kontakte in den sozialen Netzwerken direkt Menschen angeschrieben, von denen ich mir vorstellen kann, dass sie an folgender Einladung interessiert sind: Hallo „Hugo“! Wichtig! Save the Date! Wir bieten nächste Woche Mittwoch eine bundesweite Skype-Konferenz mit der Bildungs- und Forschungsministerin Johanna Wanka an. Am 24.8.16 von 19 – 20 Uhr im Kaminzimmer der Kreisgeschäftsstelle. Wärest du dabei?

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Gut, ein bisschen geschummelt habe ich bei der Einladung. Es war kein Skype, sondern ein anderes Format. Ein „Digitales Fachgespräch mit Johanna Wanka“, an dem bundesweit 500 Teilnehmer zugeschaltet werden können und das später auf CDU TV Verbreitung findet. Ich dachte mir, unter „Skype“ kann sich jeder was vorstellen, es passt in die Zeit und könnte die Leute anprechen. So war es dann wohl auch: innerhalb von zwei Stunden hatte ich 30 Zusagen, mehr, als das Kaminzimmer fassen kann.

Entstanden ist die Idee im Gespräch mit meiner Kollegin Ute. Die Tatsache, dass die „Digitalen Fachgespräche“ auf unsere Nachfragen bei Mitgliedern im Ammerland noch gar nicht wahrgenommen werden und die Hürde, dass sich nur CDU-Mitglieder beteiligen können, nicht aber interessierte, die wir ja gern zu Neumitgliedern überzeugen möchten, brachte uns darauf, ein gemeinsames, gemütliches „Public Viewing“ anzubieten.

Gestern dann die Vorbereitungen: es sollte ein gemütlicher Abend werden – die Gäste sollen sich wohl fühlen, ein bisschen wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Was eignet sich da besser, als Käsewürfel, Weintrauben und Gummibonbons? Beim Einkaufen habe ich streng selektiert! Was knackt und knuspert zu laut, dass es die Übertragung oder deinen Sitznachbarn stören könnte? Gouda, Kernlose und Joghurt Gums haben den Test bestanden.

Dann 25 Stühle und 2 Stehtische in unser kleines Sitzungszimmer gequetscht, die Dachfenster bei 31 Grad weit aufgerissen und anschließend das bange Warten, wie vor jeder Veranstaltung: Steht die Technik? 20 Minuten vor der Sendung läuft mal wieder gar nix – vermutlich liegt es an meinem veralteten Laptop (kleine Kreisverbände können leider nicht regelmäßig in moderne Technik investieren, immerhin hat das Geld in diesem Jahr für eine Raumkamera und ein Raummikro gereicht). Meine Freundin schickt mich daraufhin aus dem Sitzungsraum raus, voller Vertrauen in unseren Technik-Experten Nils. Gut, Nils macht das beruflich… trotzdem schwindet mein Vertrauen – ungerechtfertigterweise – von Minute zu Minute in seine Fähigkeiten. Ich gehe in mein Büro in der Geschäftsstelle, schnappe mir im Vorbeigehen einen wackeligen Stuhl vom Flur und krame nach dem Imbus in meinem kleinen Werkzeugkasten. Dann baue ich in10 Minuten den Stuhl auseinander und wieder zusammen, permanent lauschend, ob ich von oben eine Erfolgsmeldung bekomme. Der Stuhl wackelt nicht mehr, meine Freundin ruft von der Treppe „Verbindung steht“, das Adrenalin steigt.

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Und schon kommen trotz der lang ersehnten Hitze 20 CDU Mitglieder und Noch-Nicht-Mitglieder, machen es sich im Kaminzimmer so gut es geht gemütlich und unter der Moderation unseres Bundestagsabgeordneten Albani werden Fragen an die Ministerin gesammelt. Noch schnell eine
„Auf den Tisch-Klopf-Abstimmung“ für die beliebtesten Fragen und schon sehen wir Frau Wanka auf der Leinwand unseres Sitzungszimmers lächeln. Ton und Bild laufen etwas ruckelig, ein wenig nostalgische Stimmung kommt auf – wie beim Super-8-Filmabend mit der Familie vor vierzig Jahren. Aber wir bekommen alles gut mit und sind als zweite auf Sendung.
Wieder kurzes Entsetzen, das Zuschalten der Raumkamera funktioniert nicht – das Video-Format akzeptiert nur unsere kleine Laptop-Kamera! Nils dreht schnell den Laptop Richtung Moderator und Stephan Albani darf sogar zwei Fragen an die Ministerin aus unserer Runde stellen (vermutlich weil er ihr mit dem Hinweis geschmeichelt hat, dass er sich nächste Woche auf ihren Besuch bei uns in Niedersachsen als Kohlkönigin freut?).

Was hält die Ministerin davon, dass die TU Ilmenau zum Wintersemester wieder einen Diplom-Studiengang einführen will? Ist das eine Abkehr von Bachelor und Master? Ein entschiedenes „Nein“ erklingt aus unserem kleinen runden Lautsprecher auf dem Tisch. Wenn auf das Zeugnis unter Bachelor oder Master ein Zusatz mit Diplom kommt, das im Ausland immer noch hoch angesehen ist, dann ist das in Ordnung. Viel wichtiger ist, dass die Qualität der Studiengänge überzeugt. Eine Rolle rückwärts wird es bei dem Thema nicht geben.

Albani legt mit der zweiten Frage nach: Wie kann unser viel beachtetes duales Ausbildungssystem gestärkt werden? Antwort von Frau Wanka: Eine neue Werbekampagne über Kino- und Netzspots für Ausbildungsberufe wird gerade gedreht. Wichtiger findet sie aber erfolgreiche Modellversuche, die sich um die realistische Berufsorientierung mit den Schülern kümmern. Diese Modellversuche zu einem dauerhaften Teil der Berufsvorbereitung umzuwandeln hält sie für den richtigen Schritt.

Ein beiderseitiges Danken folgt, der Berliner Moderator wünscht den Ammerländern viel Erfolg bei der anstehenden Kommualwahl (man spürt, dass er ein gebürtiger Niedersachse ist) und schon erscheint der nächste Teilnehmer aus Paderborn auf dem Bildschirm.

Die Video-Konferenz wird weiter gespannt verfolgt. Kleine Aufheiterungen bei ernsten Themen: Eine gemustertete Tapete aus Omas Zeiten im Hintergrund einer jungen Studentin, ein nervöses, niedliches Kichern einer anderen Teilnehmerin nach jedem Satz… man guckt den Leuten ins Wohnzimmer und manch einer traut sich offensichtlich hier Fragen zu stellen, der bei einer großen Veranstaltung mit einer Bundesministerin nicht vor einem großen Publikum aufstehen würde.

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Punkt 20 Uhr verabschieden sich Moderator und Ministerin aus Berlin und die Ammerländer Runde schweigt. Vorerst. Ein paar Sekunden… so viele Fragen in einer Stunde aus unterschiedlichsten Bereichen der Bildung und Forschung… das muss kurz sacken. Dann beginnt eine angeregte Diskussion, die restlichen gesammelten Fragen werden vom Bundestagsabgeordneten Albani beantwortet. Ich lasse mir ein kurzes Feedback geben:
− Wer von euch hat vorher schon einmal an einem „Digitalen Fachgespräch“ der CDU teilgenommen? Außer mir niemand!
− Möchtet ihr eine Wiederholung? Wen soll ich wieder einladen, wenn ein interessantes Thema ansteht? Jeder zeigt schulmäßig diszipliniert mit dem Finger auf!

Alles klar – der Abend war ein voller Erfolg!

Gut gelaunt helfen alle mit die leeren Teller und Gläser in die Küche zu tragen, wo noch etwas weiter diskutiert und geklönt wird, um 21 Uhr liege ich dann auf meinem Sofa und bin froh, dass ich die drei Stunden vorher nicht auch schon dort gelegen habe…

 

Vielen Dank an Ilka Studnik von der CDU Ammerland für den Gastbeitrag!

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1 Kommentare.

  1. Klaas Ockenga

    Ich war eingeladen, habe aber erlebt, dass solche „Vielseitigkeits-Diskussionen“ nicht viel bringen, zumal die „Rädelsführer“ vorrangig ihre bekannten Statements abgeben. Bestätigt wird dieses Vorurteil durch folgendes Wanda-Zitat: Geplant ist „Eine neue Werbekampagne über Kino- und Netzspots für Ausbildungsberufe wird gerade gedreht. Wichtiger findet sie aber erfolgreiche Modellversuche, die sich um die realistische Berufsorientierung mit den Schülern kümmern. Diese Modellversuche zu einem dauerhaften Teil der Berufsvorbereitung umzuwandeln hält sie für den richtigen Schritt“… Diskussionen von max. 3-6 neutralen und unvoreingenommenen Personen sind in Diskussionen häufig wesentlich ergiebiger. Modellversuche zur Berufsvorbereitung! Ist das nicht eigentlich auch ein Ziel der Eltern und Schulen? Wenn die schon notwendig sind, ist doch eigentlich schon alles zu spät. Der Glaube an die Wirksamkeit solcher gut gemeinter Spot- und Flyer-Ermahnungen ist wohl unausrottbar. Fatal wenn dann später ohne messbare Erfolge die Reaktion kommt: „Wir haben es ja so gut gemeint, leider sind wir hinterher schlauer“.

    Wo beginnt eigentlich das Problem? Bildung muss wieder als ein jugendliches Pflichtfach aufgefasst und so auch vom Staat verwirklicht werden. Um die Kinder und Jugendlichen von Eltern, die noch optimal erziehen und zur Bildung in Elternhaus und Schule anleiten, braucht man sich nicht zu kümmern. Aber allen anderen, die diese Vorprägung nicht haben, muss geholfen werden. Alle die besser sein könnten, es aber nicht wurden, bzw. werden können, sollten rechtzeitig die fehlende Anleitung erhalten. Dem steht allerdings die moderne Auslegung des nahezu unangreifbaren Elternrechtes (bis hin zur Vorenthaltung jeglicher Erziehung) entgegen. Hier beginnt das Problem, dem der Staat dann später händeringend mit seinen hilflosen Reparaturbemühungen (Werbespots in Kinos!) hinterher hechelt. Die nahezu bedingungslose Freiheit des Elternrechtes führt dann leider bei den „Opfern“ zu einer „Autoimmunerkrankung“ ihrer Bildung. Oder: Die Freiheit der Eltern führt zu Unfähigkeit ihrer Kinder, sich unter dem Einsatz ihrer natürlichen Fähigkeiten rechtzeitig zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft zu entwickeln. Zum Wissen drangsalierte jugendliche Asiaten können kein Vorbild sein. Aber ob unser Weg der bedingungslosen Erziehungs-Freiheit auf Dauer richtig ist, muss bezweifelt werden. Auf jeden Fall, das bestehende Elternrecht ist leider eine Anleitung (zum Glück nicht für Alle!) zum Missbrauch und zum Schaden der Gesellschaft. Das Problem sind auch die Parteien, die zu gerne die Bildungsinhalte mit ihren ideologischen Phantastereien aufladen wollen. Das ist ein Folgeproblem, unter dem bereits jetzt schon unsere Schüler mit dem Grundschul-Schreiben nach Gehör leiden.

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