SCHWARZER PETER

Gastkommentar: Kinder und Jugendliche – ab in die Sportvereine!

Zwei aufgeschnappte Informationen, gerade eben gehört, brachten mich auf die Idee für den Beitrag in Peter Taubers Blog.

Information eins: Bei der Pisa-Überprüfung  haben deutsche Schüler besonders in Mathe besser abgeschnitten. Sind die Schüler wirklich besser geworden? Man könnte auch vermuten, dass sie einfach nur besser auf die Aufgabenstellungen der PISA-Prüfung trainiert wurden.

„Mathe muss man verstehen.“ Ein alter Satz aus meiner Schullaufbahn. Mir hat er schon damals nicht gefallen. Sportler wissen, warum.  Bewegungen kann man nicht lehren, indem man sie erklärt. Bewegungen müssen über komplizierte Prozesse im „Automatikspeicher“ des Gehirns abgelegt  werden und dann wie von selbst ablaufen. Dafür braucht man ein wiederholtes Üben der Bewegungsabläufe und immer wieder Korrekturen von außen als Steuerungsmechanismus. So kommt es langsam zu einer immer perfekteren Bewegung. Mich hat es zum Beispiel eine unglaubliche Mühe gekostet, meinen Rhythmus und meine Technik des Hürdenlaufens auf ein Weltklasseniveau zu bringen. Dann habe ich es als sehr leicht empfunden und konnte selbst unter schwierigsten Bedingungen „Hürdenlauf perfekt“.  Hier erklärt sich auch, weshalb Sportler nicht denken sollen: der bewusste, willentliche Prozess der Bewegungssteuerung wäre viel zu langsam für das was man im Sport braucht. Deshalb heißt es: die Gedanken abschalten und es den Gehirnprozessor selbstständig machen lassen.

Funktioniert das auch in der Mathematik? Hirnforscher haben zumindest nachweisen können, dass Bewegungstraining und -lernen die Leistungsfähigkeit des Gehirns fördert . Offensichtlich wird das Netzwerk im Gehirn häufiger und enger geknüpft. Das könnte sogar helfen, Mathematikaufgaben besser zu lösen. Ansonsten muss man Rechnen wohl verstehen, aber auch trainieren. Addieren, multiplizieren, dividieren, etc. brauchen so viel Übung wie das Erlernen von sportlichen Bewegungen. Die Grundprozesse müssen fast automatisch im Kopf ablaufen können, dann sind wir auch bereit für komplexere Aufgaben. Ich erinnere mich noch heute an einen Kauf von zehn Ansichtskarten in Mexiko, 2,50 Peso das Stück. Ich legte 25 Peso auf die Ladentheke und wollte gehen. Die Verkäuferin hielt mich aufgeregt zurück und rechnete den Betrag mit einem Taschenrechner nach. Dann erst durfte ich den Laden verlassen. Training der Basics, oder hätte sie das verstehen müssen?

Information zwei: Innovation und Wissen sind die Ressourcen Deutschlands. Gehört in einer Schule. Sollen wir die Kinder also auf eine hohe Wissensaufnahme trimmen? Geht das gut zusammen mit der Förderung von Kreativität als evidente Basis von Innovation? Schaffen wir Kindern überhaupt genügend Freiraum für die Entwicklung ihrer gestalterischen Fähigkeiten und Fertigkeiten?  Und wo bleiben eigentlich die anderen Kompetenzen, die später im Berufsleben die Bausteine des Erfolgs bilden, Selbst- und Sozialkompetenz? Selbstkompetenz ist „eine eigene Identität haben“, also Selbstwertgefühl, Selbstbewusstseins und Selbstsicherheit haben,  Kommunikationsfähigkeit besitzen, die Fähigkeit, sich selbst und andere differenziert wahrnehmen zu können, sich selbst und Andere akzeptieren zu können, eigenes Handeln verantworten. Sozialkompetenz heißt „mit Anderen umgehen können, also Kontaktfähigkeit besitzen, eigene Meinungen und Interessen auch gegenüber Mehrheiten vertreten können, Probleme und Konflikte angehen und lösen können, in Gruppen und Mannschaften bestehen können.

Hat man Selbst- und Selbstkompetenz sozusagen als Talent oder kann man diese Kompetenzen trainieren und damit erwerben? Meine Antworten können nur aus dem Sport kommen. Selbstkompetenz erwirbt man dort, wenn man   die eigene Situation wahrzunehmen und zu beschreiben lernt, eigene Ziele definieren und daran arbeiten kann, Rückschläge verkraftet, ihre Ursachen erkennt und die richtigen Schlüsse daraus für die Zukunft zieht, den eigenen Anteil an Erfolgen und Misserfolgen realistisch einschätzt, sich Schwächen zugesteht und sich seiner Gefühle nicht schämt und sich nach außen öffnet.

Sozialkompetenz braucht man in jedem Team, denn Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit sind Grundvoraussetzungen für jede Zusammenarbeit. Kontakt und Kommunikation sollten grundsätzlich ehrlich, offen, respektvoll und vertrauensvoll sein und nicht von Ängste oder Unsicherheiten geleitet werden oder von Aggression und Ablehnung überspielt werden. Sportler wissen das.

Worauf ich eigentlich hinaus will? Kinder und Jugendliche gehören in Sportvereine, weil sie dort vieles für das Leben lernen können, eventuell kann darüber so gar die nächste PISA-Prüfung positiv beeinflusst werden.

Über den Autor:

Der in Gelnhausen geborene Leichtathlet Dr. Harald Schmid war in seiner Karriere dreimal Europameister über 400m-Hürden und gewann auch bei Olympia eine Medaille. Heute betreibt er eine Agentur und veranstaltet für Firmen Motivationstrainings.

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