Gastbeitrag: Von der Integration in Deutschland und der Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei

Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist Türkin. Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen. Zudem bin ich zweisprachig, zu Hause in beiden Kulturen und als Moslem erzogen worden. Und um gleich einem Klischee entgegenzutreten: Wir tragen in der Familie kein Kopftuch! Mein Deutsch war natürlich immer besser als mein Türkisch bis ca. meinem 16. Lebensalter, da ich hier zur Schule gegangen bin. Zuhause habe ich mit meinem Vater Deutsch und mit meiner Mutter sowohl Türkisch als auch Deutsch gemischt gesprochen. Beim Fernsehen haben wir abwechselnd deutsche und türkische TV- Kanäle geschaut. Meine Mutter hat mich über die türkische Geschichte sowie dem ersten Präsidenten der Türkei und dem Gründer der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk gelehrt. Die deutsche Geschichte habe ich  in der Schule gelernt. Schon früh habe ich mich für Politik interessiert:  mit 11 Jahren an Konferenzen von Atatürks Gedankengutverein teilgenommen, wo ich mit 15 als jüngstes Mitglied beigetreten bin.

Ich hatte deutsche und türkische Freunde. Auf dem Gymnasium gab es aber in meiner Klasse keine Türken, nur 2 türkische Freunde aus der Grundschule. Durch meinen Namen Jennifer Schäfer und durch mein Aussehen sah man mir überhaupt nicht an, dass ich Halbtürkin war, da ich nicht typisch „türkisch“ aussehe, wenngleich ich meine Abstammung nie verborgen habe. Ich war zudem auch etwas stolz, beide Kulturen in mir zu tragen. Leider gibt es bestimmte Klischees, nicht nur über die türkischen Immigranten. Wenn meine türkischen Wurzeln zur Sprache kamen,  sagte man mir, dass ich keine Halbtürkin sein könnte vom Aussehen und Auftreten her. Sie fragten sogar, ob meine Mutter ein Kopftuch trage. Viele waren immer erstaunt, wenn sie hörten, dass meine Mutter Türkin ist.

Ich habe mit 15 Jahren begonnen in der Türkei zu Modeln. Später habe ich auch angefangen als Fernsehmoderatorin und Schauspielerin zu arbeiten. Als ich damals Zeitungsausschnitte oder Videos von mir aus der Türkei meinem Schuldirektor zeigte (da ich öfters schulfrei brauchte), war er erstaunt, als er Bikinifotos in der Zeitung sah. Ich meinte, dass die westliche Seite in der Türkei wie z. B. Istanbul, Izmir, Ankara und noch andere Großstädte in mancher Hinsicht sogar moderner ist als Deutschland. Die meisten Touristen kennen die Türkei nur aus den Urlaubsorten. Man sollte auch die andere Seite der Türkei kennen lernen, nicht nur die rückständige. Vor allem wird davon geredet, dass es keine Medienfreiheit gibt. Dazu kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass es in mancher Hinsicht sogar zuviel Freiheit gibt. Wie gesagt: das Bild von den hier in Deutschland lebenden Türken stimmt nicht mit dem Bild von den in der Türkei lebenden Türken überein. Dies kommt auch dadurch, dass die meisten Familien (nicht alle!) zu Anfang Arbeiterfamilien waren und eigentlich wieder zurückkehren wollten und sozusagen im „Ghetto“ lebten. Jedoch hat sich meistens alles anders ergeben und sie sind hier geblieben.

Während sich die Türkei weiterentwickelt hat, haben sie hier in ihrer eigenen Welt auf ihrer traditionellen Lebensweise beharrt. Es ist nicht leicht, sich von einer Kultur  an eine andere zu gewöhnen. Die vierte Generation der Immigranten hat es heutzutage vielleicht etwas leichter, da sie hier geboren sind und sich besser einleben konnten als ihre Vorfahren.

Zudem muss man bedenken, dass die Religion leider eine große Rolle spielt. Die Spanier oder Italiener, meist Christen, können sich meiner Meinung nach besser integrieren als die Muslimen. Auch das „C“ der CDU schreckt die meisten Muslime ab. Zwar steht das „C“ für die Werte, die auch im Islam gelten, jedoch wird dies nicht richtig deutlich. Zumal das „C“ manchmal als religiöses Zeichen genutzt wird. Die Religion dürfte aber eigentlich kein Thema sein. Auch die Türkei ist kein islamischer Staat. Es herrscht der Laizismus, obwohl die Religion leider in letzter Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt.

Um noch mal auf die Integration zurückzukommen; die türkischen Immigranten wünschen sich  ein „Willkommen“ von den deutschen Bürgern und die Deutschen ohne Migrationshintergrund erwarten eine bessere Anpassungsfähigkeit. Jetzt muss also ein Aufeinanderzugehen ohne jegliche Vorurteile geschehen, um  sich besser zu verstehen.

Obwohl ich hier in Deutschland aufgewachsen bin und mein Vater Deutscher ist, hatte ich anfangs auch Identitätsprobleme, welche ich heute aber nicht mehr habe. Denn ich habe durch meinen permanenten Wechsel zwischen der Türkei und Deutschland ab meinem 16. Lebensjahr (mit  20 Jahren war der Wechsel stärker) versucht die positiven Seiten beider Kulturen anzunehmen und mich nicht mehr für einen Staat zu entscheiden. Wie erwähnt, ich fühle mich als Halbtürkin und Halbdeutsche.

Die Türkei ist in vielerlei Hinsicht westlich geprägt und hat viele Gemeinsamkeiten mit Deutschland. Es herrscht auch eine Sympathie zwischen diesen beiden Staaten. Und um an diese Sympathie zueinander zu erinnern und diese Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei zu unterstützen, hat die Deutsche Botschaft in Ankara ein Projekt entwickelt, das zur Zeit in der Türkei läuft. Es sind mehrere Werbespots mit verschieden Personen, die auf unterschiedliche Weise mit  Deutschland verbunden sind, gedreht worden. Diese Personen sind unter anderem natürlich der deutsche Botschafter, Schauspieler, Fußballspieler, Fußballtrainer, eine Musikgruppe (Revolverheld) und auch ich. Zuletzt ist auch mit Mesut Özil und Nuri Sahin gedreht worden. In diesem Spot sagen wir: „Türkiye ve Almanya – Biz Birlikteyiz“. Übersetzt: „Türkei und Deutschland – wir gehören zusammen.“ Auch wurden in den Großstädten Billboards gezeigt.

Dies ist doch ein guter weiterer Schritt hinsichtlich der Integration und der Zusammengehörigkeit, oder? Es wäre schön, wenn jeder überlegt, welchen Schritt er für ein besseres Miteinander gehen kann.

Über die Autorin:

Jennifer Sebnem Schäfer ist Schauspielerin und ein türkisches Modell, das in Dreikirchen im Westerwald geboren wurde. Sie wirbt gemeinsam mit der Deutschen Botschaft in Ankara für eine Intensivierung der deutsch-türkischen Freundschaft. Zu der Kampagne gelangen sie hier. Die Homepage von Jennifer Sebnem Schäfer finden Sie hier.

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1 Kommentare.

  1. Melanie Schimmelpfennig

    Weiter so! Ich bin ein Kind, wie Sie, aus einer der ersten Mischehen in Deutschland. Meine Mutter ist auch Türkin. Sie ist die türkische Tina Turner, war jahrelang ein absoluter Superstar in der Türkei und hatte somit wenig Zeit für mich. Somit spreche ich leider auch kaum Türkisch. Mir ist es aber sehr wichtig, dass mehr Menschen wie Sie, die Menschen in Deutschland aufklären. Die Türkei ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Leider machen viele Deutsche sich ein falsches Bild über unser wunderschönes „Mutter-Land“. Es gefällt mir, dass Sie Ihre Geschichte erzählen und ich wünsche, dass ganz viele Menschen Ihren Artikel lesen.
    Viele Grüße
    Melanie Schimmelpfennig

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