Was die CDU ausmacht: Unser Rüstzeug für die Zukunft

Der 9. November 1989 war eine Zeitenwende: Wer diesen Tag erlebt hat wusste, dass etwas passierte, von dem er später noch Kindern und Enkeln erzählen würde. Wer erinnert sich nicht mehr daran, was er gemacht hat, als er vom Fall der Mauer erfuhr oder im Fernsehen die ersten Bilder der Menschen gesehen hat, die sich vor Glück und Erstaunen an den Grenzübergängen in den Armen lagen. Es war einer dieser seltenen Tage, an denen jedem sofort klar ist, dass danach nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Der 9. November 1989 brachte nicht nur fundamentale politische und gesellschaftliche Veränderungen, sondern für mich ganz persönlich eine Wende meines Lebens. Es war für mich etwas Besonderes zu sehen, wie Menschen zugleich lachten und weinten, ganz einfach weil sie frei waren. Welche Kraft doch die Freiheit ist, wurde mir in diesem November als junger Mensch bewusst. Und es hat mich beeindruckt, mit wie viel Zuversicht die Menschen damals diese fundamentale Veränderung angepackt haben. Das hat bei mir den Wunsch bestärkt, nicht am Rande zu stehen. Ich wollte mitmachen und bin darum in die Junge Union eingetreten.

Menschen gehen mit Zeitenwenden sehr unterschiedlich um. Die einen verzagen, die anderen trauen sich etwas zu und nehmen die Veränderung an. Politik hat den Anspruch, solche Veränderungen nicht nur hinzunehmen, sondern zu gestalten. Politik will Identifikation stiften und Orientierung auf der Grundlage von festen Überzeugungen und von Werten anbieten. Diesen Anspruch hatte die Union als politische Kraft seit ihrer Gründung und aus meiner Sicht sollte sie ihn weiter haben.

Was hat die CDU zu bieten, um eine Zeitenwende wie die von 1989 oder ganz aktuell auch epochale Veränderungen wie die digitale Revolution – die ebenfalls unblutig ist – zu gestalten? Braucht die CDU dafür eine neue Erzählung? Meine feste Überzeugung ist: Nein. Denn die Erzählung der CDU ist so aktuell wie bei ihrer Gründung vor 70 Jahren und entfaltet auch heute noch ihre Kraft.

Die CDU hat drei Grundüberzeugungen, die bleiben und sich ungeachtet aller tagesaktuellen Anpassungen nicht ändern werden.

Eine Wurzel liegt im christlichen Menschenbild und in den christlichen Werten. Das wird für uns auch in Zukunft handlungsleitend sein, und zwar über Konfessionsgrenzen hinweg. Gerade in Zeitenwenden darf unsere wesentlich auf dem C aufbauende Werteorientierung aber nicht ausgrenzen. Alle, die unser Verständnis von Freiheit und Verantwortung teilen, ob Christ oder nicht, sind eingeladen mitzumachen.

Die zweite Grundüberzeugung der CDU ist das klare Ja zur Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft, zur Eigenverantwortung und zur Botschaft, dass jeder, der sich anstrengt, es zu etwas bringen kann, aber auch jeder, der hinfällt, auf Solidarität hoffen kann. Die Chancen zu betonen ist wichtig. Soziale Marktwirtschaft bedeutet im Heute, dass erfolgreiche Unternehmer in der digitalen Wirtschaft nach dem Verkauf ihres Unternehmens nicht mit einer Yacht durch die Karibik fahren, sondern ihr Geld in die nächste Idee investieren. Wir wollen eine Gesellschaft, in der sich Menschen etwas trauen und etwas zutrauen. Das schließt aktuell das Werben für einen neuen Gründergeist sowie eine Kultur ein, in der Scheitern „erlaubt“ ist.

Die Liebe zu unserer Heimat und unserem Vaterland ist die dritte Grundüberzeugung, die Menschen seit 70 Jahren in der CDU verbindet. Die Farben schwarz-rot-gold haben für uns eine ganz besondere Bedeutung. Sie sind Verpflichtung und Versprechen zugleich – auf Einigkeit und Recht und Freiheit. In unserer Partei kommen Männer und Frauen zusammen, denen die Zukunft Deutschlands am Herzen liegt und damit die Frage nach unserer Identität und nach dem, was uns in Deutschland verbindet und zusammenhält.

Für uns als Christdemokraten sind diese drei Überzeugungen identitätsstiftend und bieten Orientierung. Auf ihrer Basis neue Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu geben, das war und ist die Stärke der CDU. Mag unsere Haltung auch nach fast siebzig Jahren CDU noch die richtige sein, ist es wahrscheinlich, dass die Antworten von 1980 im Jahr 2014 nicht mehr funktionieren. Für die CDU heißt das: Sie muss die Probleme der Menschen in der jeweiligen Zeit lösen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Das haben wir als Union immer wieder geschafft. Daraus erwächst am Ende auch unsere Stärke als Partei. Deshalb kann man als Christdemokrat auch sehr gelassen dem Vorwurf der Beliebigkeit entgegentreten, den manche immer wieder in unsere Richtung formulieren.

Zeitenwenden: Auch der Mauerfall am 9. November 1989 war eine solche. Braucht auch die CDU eine Zeitenwende? (Foto: Tobias Koch)

Zeitenwenden: Auch der Mauerfall am 9. November 1989 war eine solche. Braucht auch die CDU eine Zeitenwende? (Foto: Tobias Koch)

Was tun wir nun angesichts einer Zeitenwende? In einer gemeinsamen Diskussion mit Klaus von Dohnanyi sagte dieser: „Wir dürfen uns nicht vor etwas fürchten, was ohnehin kommt. Wenn wir es doch tun, werden wir die Zukunft verlieren.“ In der Tat. Angst wird überbetont. Wir sollten nicht klagen, sondern Herausforderungen mutig annehmen und kämpfen. Das ist eine im positiven Sinne konservative Haltung. Wer wirklich konservativ ist, der jammert nicht, sondern packt an und bringt sich ein. Dabei vertrauen Konservative auf unveränderbare Werte, aus denen sie jeweils neue Antworten für das Heute und die Menschen im Heute ableiten. Ich fühle mich als Konservativer in diesem Sinne in dieser CDU nach wie vor zuhause.

Wenn also die CDU keine neue Erzählung braucht, wie ist es mit unserem Land? Die frühere Bundesrepublik war geprägt durch das Festhalten am Ziel der Deutschen Einheit und vom Glauben daran, dass die Zukunft unseres Landes im geeinten Europa liegt. Doch was kommt jetzt?

Ich denke, unser Land braucht eine Erzählung, die zum Mitmachen einlädt und nach vorne weist. Nach meinem Eindruck fragen jüngere Menschen weniger danach, was der Staat für sie tut, als vielmehr nach ihrem Platz in unserer Gesellschaft und nach ihren Chancen. Genau diesen Geist brauchen wir. Es geht um die Erzählung eines Landes, das sich seiner Vergangenheit und seiner Geschichte bewusst ist, aber das in die Zukunft schaut und das den Menschen etwas zutraut und ihnen Möglichkeiten bietet. Dafür ist gesellschaftlicher Zusammenhalt die Grundvoraussetzung. Ausgrenzung – sei es wegen einer Veranlagung oder wegen der Herkunft – ist für viele junge Leute tabu. Sie suchen nach einem Wir-Gefühl. Respekt ist ihnen wichtig. Sie wollen Verantwortung übernehmen, aber dafür muss man ihnen auch Verantwortung zutrauen.

Bei der Identifikation mit unserem Land sind die eigene Lebenswelt und die eigene Erfahrung prägend. Diese Erfahrungen verändern sich. Als ich in die Junge Union eingetreten bin, war für mich der Freiheitsgedanke entscheidend. Freiheit und die USA, das war für mich nahezu gleichgesetzt. Die USA in den 80er Jahren waren der Ort der Freiheit. Die junge Generation ist mit einem völlig anderen Amerikabild groß geworden und die Verbindung von Freiheit und USA ist für sie keineswegs mehr selbstverständlich.

Als Historiker halte ich historische Erzählungen für eine identitätsstiftende Kraft. Aber wir müssen feststellen – wie das beschriebene Beispiel zeigt -, dass vor allem Jüngere mit einigen historischen Erzählungen nicht mehr automatisch etwas anfangen können, zumal wenn für sie als Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund die deutsche Geschichte nicht unbedingt ein Teil ihrer eigenen Familiengeschichte ist. Deswegen dürfen unsere Erzählungen – auch die von unserem Land – nicht im Gestern verharren. Sie müssen Lust auf Neues machen und offen in die Zukunft schauen.

Als Christdemokraten sehe ich uns hier besonders in der Pflicht, gerade weil wir uns in diesem Punkt offenkundig von den politisch Linken unterscheiden. Die christliche Botschaft weiß um die Schwächen des Menschen und um seine Unvollkommenheit; sie weiß auch, dass der Mensch selbst die Welt nicht retten und zu einem Paradies machen kann. Genau dieses Wissen um die Fehlbarkeit des Menschen bewahrt uns vor Utopien und Ideologien, vor Überheblichkeit, Besserwisserei und Selbstüberschätzung.

Von diesem Geist geprägt können wir als Union zu der neuen Erzählung für unser Land beitragen, und zwar mit unserem festen Wertefundament und unserem offenen Blick für die Zukunft. Was heißt das konkret? Wenn wir als CDU über Bildung reden, dann geht es nicht nur um Qualifizierung und Fachkräftemangel, sondern dann reden wir über Herzensbildung und die Vermittlung von Mut und Zuversicht. Wenn wir über Familie reden, dann sprechen wir nicht nur über Arbeitszeitmodellen und Teilzeitfallen, sondern über die Liebe zwischen Eltern und Kindern, über Verantwortung, die in Familien gelebt wird – übrigens auch von gleichgeschlechtlichen Paaren. Wenn wir über Ehrenamt reden, dann ist das keine Debatte nur über Pauschbeträge für Übungsleiter und Versicherungsschutz, sondern über den Dienst am Gemeinwesen und am Vaterland. Und wenn wir über Religion reden, dann ist das keine Frage von Kreuzen im öffentlichen Raum und Kirchensteuer, sondern dann geht es um die Kraft und Hoffnung, die der Glaube vielen Menschen in diesem Land schenkt.

Wir als Christdemokraten haben große Chancen, aber auch eine große Verpflichtung, die Erzählung dieses Landes künftig mitzuprägen. Dabei stehen wir vor allem vor drei großen Herausforderungen.

Es muss gelingen, nachhaltigen Wohlstand zu ermöglichen und damit dem Streben und Gefühl vieler Menschen zu entsprechen, Verantwortung für die nächste Generation wahrzunehmen.

Es gilt, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erreichen, was eng verknüpft ist mit der Frage nach den Möglichkeiten des Aufstieges. Unser Land gibt Menschen dazu Chancen, unabhängig davon, woher sie kommen und wer ihre Eltern sind. Entscheidend ist, wie sich jemand in diese Gesellschaft einbringt und welchen persönlichen Beitrag er für die Zukunft Deutschlands leistet. Diese Form des Patriotismus ist ein Versprechen auf mehr Teilhabe und mehr Zusammenhalt.

Und es wird für die Erzählung unseres Landes in Zukunft wichtig sein, wie wir unserer größer gewordenen Verantwortung für die Welt gerecht werden. Es geht um ein starkes und durchaus stolzes Deutschland, das sich selbst aber nicht genug ist, sondern der Welt dient.

Als Christdemokraten haben wir den Anspruch, uns in diese Erzählung einzubringen und wir haben gute Voraussetzungen dafür: das christliche Menschenbild, die Soziale Marktwirtschaft und die Liebe zu unserem Vaterland.

 

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