SCHWARZER PETER

Zwischenruf: Sport und Politik kann man nicht trennen.

Ich habe Clemens Tönnies, den Chef des FC Schalke 04, öffentlich dafür kritisiert, dass er mit der Mannschaft zu Putin in den Kreml fahren wollte und dann noch behauptet hat, das habe mit Politik nichts zu tun und man solle den Sport doch bitte „politikfrei“ halten. Der Mann ist ein erfolgreicher Unternehmer. Davor ziehe ich den Hut. Seine wirtschaftliche Kompetenz ist daher wohl unzweifelhaft. Aber von Politik und dem Zusammenhang von Sport und Politik hat er offenbar nicht so viel Ahnung und sollte deshalb eher zurückhaltend sein. Nicht nur mit Blick auf die Reise des FC Schalke 04, sondern vor allem mit Blick auf sein Bild von Sport und Politik muss man ihm dringend widersprechen.

Gerne möchte ich meine Kritik hier auf meinem Blog kurz erklären:

1. Warum ist die Reise kein normaler Mannschaftsausflug, sondern ein Politikum? Putin lädt Tönnies und den FC Schalke 04 doch nicht ein, weil er ein Fan der Mannschaft ist, oder weil der russische Konzern Gazprom Hauptsponsor der Fußballmannschaft ist. Er lädt ein, weil er darauf baut, damit starke und hoffentlich sympathische Bilder für die russischen und die westlichen Medien zu liefern. In Zeiten außenpolitischer Krisen soll so Normalität suggeriert werden. Eine erfolgreiche deutsche Fußballmannschaft beim russischen Präsidenten. Dafür liefert der Schalke-Präsident samt seiner Mannschaft Putin die Kulisse. Der Termin hat mit Sport also gar nichts zu tun! Es geht nur um politische Propaganda. Entweder versteht Tönnies das nicht oder er will es nicht sehen: Beides ist schlimm.

2. Kann Sport unpolitisch sein? Es ist völlig ahistorisch zu behaupten, der Sport sei unpolitisch. Das war er noch nie. Der Sport steht für bestimmte Werte: den Wettkampfgedanken, die Messbarkeit von Leistungen, Völkerverständigung, Fairplay – um nur einige zu nennen. All diese Werte können im Sinne von Demokratie und Freiheit, aber auch im Sinne von Diktatur und Unterdrückung instrumentalisiert werden. Wir haben das in der Geschichte des Sports in Deutschland selbst erlebt. Und auch der bundesrepublikanische Sport ist natürlich politisch, etwa wenn der DFB erklärt, dass der Fußball und der Sport einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten. Wer also behauptet, der Sport sei unpolitisch, der hat die Idee des Sports nicht verstanden, denn der Sport ist auch eine politische Idee und nicht nur ein Konzept zur Freizeitgestaltung oder Körperertüchtigung. Der Sport will Gesellschaft verändern! Er ist das Konzept der Körperkultur, das historisch und philosophisch den Werten der westlichen Welt und einer industriellen liberalen Wirtschaftsordnung entspricht, das aber zugleich global attraktiv ist und Menschen in seinen Bann zieht. Darin liegt eine zusätzliche politische Dimension des Sports.

3. Was folgt daraus? Der Sport ist nicht losgelöst von den politischen Konflikten und Auseinandersetzungen. Er muss sich den politischen Konflikten der jeweiligen Zeit stellen und hat das auch immer getan – nicht immer erfolgreich als eigenständige Kraft, sondern oft auch anbiedernd und systemstabilisierend in Diktaturen. Der Sport war aber auch oft ein Ort des Widerstands oder des Protests gegen herrschende Zustände. Gerade aufgrund der systemübergreifenden Attraktivität des Sportes ist die Entscheidung des Boykotts von Sportveranstaltung oder die bewusste Teilnahme, um Dialog zu ermöglichen oder Raum für Begegnung zu schaffen, in der Geschichte immer diskutiert worden. Das war schon bei den olympischen Spielen der Neuzeit 1896 der Fall, bei denen ein Teil der deutschen Athleten aus den Reihen der Deutschen Turnerschaft die Spiele boykottierte, setzte sich über die Olympischen Spiele 1936 im Nationalsozialismus bis hin zu aktuellen Debatten über die Fußball-WM in Katar oder die Winterspiele in Sotschi fort. Das ist auch gut so. Man würde der Idee des Sports schaden, wenn man so tut, als ob das Umfeld belanglos ist, in dem sportliche Großveranstaltungen stattfinden. Dazu gehört dann auch: Die getroffene Entscheidung über einen Boykott oder eine Teilnahme bleibt oft umstritten und kann sich im Nachhinein auch als falsch herausstellen. Aber die Debatte darüber, welche Position der organisierte Sport vertritt und welchen Zielen der Sport dient, muss geführt werden.

3 Kommentare zu “Zwischenruf: Sport und Politik kann man nicht trennen.

  1. Vielleicht möchte Herr Tönnies ja auch ein Zeichen setzen, das es in Zeiten dieser Krise besser ist, auf Dialog zu setzen, anstatt den alten Ost-West-Konfikt, aus welchen Gründen auch immer, wieder zu beleben.
    Diese Schwarz-Weiß Malerei ist echt nicht auszuhalten !

  2. Mit dem Finger auf den Sport zeigen und dort Verhaltensmaßstäbe einfordern die selbst nicht eingehalten werden ist wieder beispielhaft. Und wenn man dem Sport schon so eine politische Note aufdringen will, warum guckt sich die Politik nicht etwas ab. Ich glaube bspw. im Fussball lässt sich eine Organisation finden, die über alle Kontinente und fast alle Länder im Frieden miteinander organisiert ist. (Blatter Dilemma mal außen vor.) 😯
    Und da kann ich Wolfgang nur Recht geben immer dieses Auffrischen des alten Feindbildes. Was haben die politischen Aktivitäten denn in den letzten Wochen gebracht. Schaden der eigenen Wirtschaft zugefügt, ja- aber den Konflikt entschärft? Wohl eher nicht…

    1. Ich finde, alle sollten stets danach streben, Regeln einzuhalten. Aber da wir alle Fehler machen, hat jeder ein Recht auf eine zweite Chance, auf Verzeihen, usw. Das hat nichts mit Fehlern in der Politik, im Sport oder im Job oder privat zu tun.

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