Gastbeitrag von Helge Braun: „Offenheit auch gegenüber der Gentechnik“

Im Gespräch mit Helge Braun
Im Gespräch mit Staatsminister Helge Braun

Ich verstehe, dass die Menschen Sorgen und Ängste vor der Gentechnik haben. Sorgen und Ängste basieren aber oft auch auf Unkenntnis, darum freue ich mich über den Gastbeitrag von Helge Braun, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin, der als Forschungspolitiker etwas zur Versachlichung beiträgt. Natürlich sollte man sich kritisch mit der Patentierung von Saatgut durch einige wenige Konzerne und auch mit einer komplexen Materie wie der Grünen Gentechnik auseinandersetzen. Ich will eine kritische Debatte, aber dazu gehört das Hören aller Argumente.

Die aktuelle Diskussion über die Zulassung der Genmais-Sorte 1507 ist auch deswegen schwierig, weil viele falsche Behauptungen kursieren. Und ich finde auch, dass wir im wohlhabenden Deutschland, wo niemand verhungert, zu schnell mit dem erhobenen Zeigefinger diskutieren. Wir machen es uns da teilweise sehr leicht. Statt über die Chancen der Grünen Gentechnik beispielsweise im Kampf gegen den Hunger zu sprechen, machen wir Halt, wenn im Fernsehen Bilder einer Hungersnot in Afrika gezeigt werden und die Spendenhotlines während einer Spendengala mit Prominenten glühen – dann ist unser schlechtes Gewissen beruhigt. Gleichzeitig wird die Grüne Gentechnik geradezu verteufelt. Dabei bietet sie doch gewaltige Chancen, den Hunger auf der Welt in den Griff zu bekommen. Laut UNO werden 2050 über neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie all diese Menschen ernährt werden sollen, ist noch völlig offen. Meine Prognose: Das wird kaum ohne gentechnisch veränderte Lebensmittel gelingen! Seit Mitte der 1990er-Jahre werden solche Pflanzen bereits angebaut. Bis heute ist es zu keinem einzigen Schadensfall bei Menschen, Tieren oder in der Umwelt gekommen.

Vor allem ärgert mich, dass in den aktuellen Debatten mit sehr vielen Halb- und Unwahrheiten argumentiert wird: Die kritisierte Maissorte wird in anderen Ländern längst angebaut, auch darf dieser Mais in Deutschland bereits verkauft werden.

Wir hab den Anspruch, kritische und selbstbewusste Verbraucher zu sein. Es bleibt ja letztlich jedem selbst überlassen, ob er entsprechende Produkte dann kauft. Genauso wie es immer noch in den Händen der Landwirte selbst liegt, welchen Mais sie anbauen. Ich finde: Etwas mehr Redlichkeit und Gelassenheit würden der Diskussion gut tun! Aber jetzt hat Helge Braun das Wort:

Ich gebe Folgendes zu bedenken: Gentechnisch veränderte Pflanzen werden heute weltweit in 20 Ländern von rund 20 Millionen Landwirten auf über 150 Mio. ha Ackerfläche angebaut. Zum Vergleich: Die Gesamtfläche Deutschlands beträgt 35 Mio. ha. Der kommerzielle Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) begann Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Angebaut werden hauptsächlich Baumwolle, Mais, Raps, und Soja. Dabei ist es bis heute zu keinem einzigen Schadensfall bei Menschen, Tieren oder in der Umwelt gekommen.

Das geltende EU-Recht (Art 22 der Richtlinie 2001/18/EG und Art 28 EG-Vertrag) legt fest, dass der Anbau und der Handel von genehmigten GVOs in der EU nicht behindert werden dürfen. Bei dem von der EU vorgeschrieben Zulassungsverfahren handelt es sich um das weltweit strengste Genehmigungs- und Sicherheitsbewertungsverfahren für GVO; unabhängig davon, ob sie zum Anbau oder zur Verwendung als Lebens- oder Futtermittel vorgesehen sind. Sie werden nur genehmigt, wenn sie als unbedenklich für Mensch, Tier und Umwelt und als genauso sicher wie ihre konventionellen Vergleichsprodukte eingestuft werden. Diese Bewertung nehmen die hochrangigen und unabhängigen Experten und Wissenschaftler der European Food Safety Authority (EFSA) vor.
Die öffentliche Forschung ist ein entscheidender Faktor für die Sicherheitsbewertung von GVO. In den letzten 25 Jahren haben sich mehr als 500 unabhängige Forscherteams mit Untersuchungen zur biologischen Sicherheit transgener Pflanzen beschäftigt. Seit 1982 hat die EU-Kommission diese Forschung mit mehr als 300 Mio. Euro unterstützt. 50 Verbundprojekte haben sich allein in den letzten zehn Jahren mit den Fragen rund um Umweltauswirkungen, Lebensmittelsicherheit und Risikomanagement von verschiedenen GVOs befasst. Als Ergebnis kommt die EU-Kommission zu dem Schluss, dass „es bisher keine wissenschaftlichen Hinweise darauf gibt, dass GVO eine größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen“. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat bereits seit 1987 über 300 Vorhaben mit mehr als 100 Mio. € gefördert. In keiner der Untersuchungen konnten negative Auswirkungen von GVOs festgestellt werden.

Die Vereinten Nationen erwarten für 2050 eine Weltbevölkerung von 9,2 Milliarden Menschen. Das sind mehr als 50% mehr als heute auf unserer Erde leben. Bald darauf werden die Phosphatvorräte auf der Erde zu Neige gehen, ohne die wir unsere Felder nicht mehr effektiv düngen können.
Diese Menschen zu ernähren, stellt die Menschheit vor große Herausforderungen. Eine Offenheit auch gegenüber der Gentechnik ist deshalb eine Verpflichtung gegenüber unseren Enkeln und der Weltgemeinschaft.
Schon heute sind ganze Länder bei anhaltender Dürre dem Hunger ausgeliefert. Zuletzt 2011 wurde die Weltgemeinschaft entsetzter Zeuge wie am Horn von Afrika Tausende den Hungertod starben, bevor internationale Hilfe sie erreichen konnte.

Dennoch nehme ich Ängste und Sorgen der deutschen Verbraucher ernst. Die Wahlfreiheit für Landwirte und Verbraucher sollte durch die Koexistenz der verschiedenen Anbauformen und durch eine transparente Kennzeichnung sowie Abstandsregeln gewährleistet werden. Der persönliche Wunsch und die freie Entscheidung des einzelnen, keine Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, die mithilfe der Gentechnik gewonnen wurden, muss respektiert werden.
Auch wenn ein großer Teil der Weltbevölkerung diese Möglichkeit mangels alternativer Ernährungsmöglichkeiten nicht hat.

Zur weiteren Lektüre: Positionspapier der CDU Deutschlands: „Chancen nutzen –Werte achten: Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Biotechnologie und Gentechnik“

3 Kommentare zu “Gastbeitrag von Helge Braun: „Offenheit auch gegenüber der Gentechnik“Einen Kommentar schreiben →

  1. Die von Helge Braun genannten 150 Mio. Hektar sind schon nicht mehr aktuell.
    http://www.transgen.de/aktuell/1767.doku.html
    Deutschland hat sich aus der Zukunft ausgeklinkt, und von Wahlfreiheit der Landwirte und Verbraucher kann hierzulande ja wohl auch keine Rede sein, wenn der reguläre Anbau gar nicht zugelassen ist und Versuchsflächen systematisch vergiftet und zertrampelt werden.

  2. Wie wollen Sie eine Diskussion versachlichen, wenn in der medialen Öffentlichkeit die Grundkenntnisse der „Sachlichkeit“ nicht bekannt sind?

    Zuerst war vor ca. 50 Jahren die zunehmende Unkenntnis der Naturwissenschaften. In den Schulen war deren Abwahl zugunsten der „Leicht-Fächer“ üblich. Mit dem Soziologendeutsch wurde Wissen und Weltläufigkeit vorgekaukelt. Was folgte war logisch, die GRÜN+ROTE Industriefeindlichkeit.

    Und jetzt haben wir als Ergebnis, dass in des „Volkes-Mitte“ über die naturwissenschaftliche „SACHE“ (z. B. was sind Gene?) zuwenig Wissen besteht. Dieses Unwissen öffnet allen unsachlichen Bedenken Tür und Tor, so dass immer häufiger die naturwissenschaftliche Sachlichkeit selbst in Familiären- und Freundeskreisen-Diskussionen keine Chance mehr hat. Selbst der zum Teil sündhaftteure BIO-Boom hat in diesem Zusammenhang eine Ursache. Auch die Klimadiskussion ist von der Sachlichkeit weit entfernt. Das Ergebnis sind Panik und Hysterie.

  3. Die globale Ernährung kann auch anders sichergestellt werden. Viele Ernährungs- und Landwirtschaftsexperten zeigen andere Wege für die globale Gemeinschaft auf, frei von Genmanipulation.

    Das Präsentieren von Fakten, die für ihr Modell der Zukunft sprechen und die gleichzeitige Unterlassung von Fakten und Argumenten, die für einen anderen Weg in Landwirtschaft und Ernährung sprechen, ist der Kern der Manipulation, die von den Genfood-Freunden angewandt wird.

    Auch 9,2 Milliarden Menschen können ernährt werden ohne dass man auf industriell kontrollierten Genfrass umsteigt. – oder anders gesagt – Die Offenheit gegenüber vernünftigen Wegen jenseits von Genmanipulation „ist deshalb eine Verpflichtung gegenüber unseren Enkeln und der Weltgemeinschaft.“

    Politik wird nicht nur mit Fakten, sondern auch mit Werten gemacht. Es gibt immer mehrere Wege, wie man ein humanistisches Ziel erreichen kann.

    Wer als Pro-Genfood-Lobbyist mit der „Verantwortung gegenüber den Enkeln, den Entwicklungsländern und – ganz staatstragend – die Weltgemeinschaft“ argumentiert, unterschlägt, dass dieser Weg bereits eine werte-geleitete Entscheidung ist und dessen Alternative eben nicht das Gegenteil, sondern nur einen anderen Weg bedeutet.

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